Weihnachten war so kurz nach der Geburt des Kindes weit weniger aufwändig als im Jahr zuvor. Trotzdem war wiederum ein Tannenbaum in der Skulpturengalerie aufgestellt worden und ein großartiges Festessen wurde serviert. Elizabeth war zwar bei guter Gesundheit und hatte die Geburt leicht weggesteckt, aber das Stillen war wesentlich Kräfte raubender als gedacht und sie war immer sehr müde und schlief fast immer auch dann, wenn der Junge in seiner Wiege schlummerte. Derzeit gingen ihr noch Mrs. Fielding und auch Clarice teilweise zur Hand, nach Weihnachten würde sich dann eine Kinderfrau finden müssen. Die Amme hatte man endgültig abbestellt, nachdem Elizabeth diesen Wunsch auch bei ihrer Mutter durchgesetzt hatte, die darüber ganz und gar nicht erbaut gewesen war.
Zum Weihnachtsdinner war Elizabeth zum ersten Mal wieder am Esstisch anwesend, sie hatte den Kleinen gestillt, Clarice hatte ihr dann beim Anziehen geholfen und für gut zwei Stunden würde sie der gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen können. Mrs. Bennet schüttelte den Kopf über den Eigensinn ihrer Tochter, die ihrer Meinung nach für mindestens zwei weitere Wochen komplett ins Bett gehörte. Es war völlig unschicklich, sich bereits am fünften Tag im Kindbett vor allen zu präsentieren, auch wenn es nur die engste Familie war.
Mr. Bennet hielt sich komplett aus allen Diskussionen heraus, er wechselte nur ab und zu einen raschen, einvernehmlichen Blick mit seinem Schwiegersohn. Dieser war auch rechtschaffen müde, denn er hatte Elizabeth nicht erlaubt, ihr Bett im Kinderzimmer aufzuschlagen, damit sie das Baby auch nachts stillen konnte und ihn dann nicht stören musste. Er wurde nun eben auch meist wach, wenn das Kind sich regte und Elizabeth aufstand, um ihm die Brust zu reichen. Bereits nach zwei Nächten hatte ihn die Neugier derart gepackt, dass er ebenfalls aufstand, ihr hinterher schlich und durch die halb geöffnete Tür mit ansah, wie das Kind gestillt wurde. Er war total versunken in den Anblick und so fasziniert von dem Vorgang, so dass er nicht merkte, dass Elizabeth ihn bereits entdeckt hatte: „Darling, du musst nicht hinter der Tür herumlungern, wenn es denn sein muss, komm' halt ganz herein."
Er fühlte sich ertappt und kam zögernd in das Kinderzimmer. Leise zog er sich einen Stuhl heran und betrachtete, wie sein Sohn an der Brust gierig trank. Er wagte es, ihm kurz über das Köpfchen zu streichen, dann fragte er: „Verzeih, wenn meine Frage dumm klingt, aber tut dir das nicht weh, wenn er so stark saugt?"
Sie blickte ihn an, mit müden, aber klaren Augen und antwortete: „Es scheint, die Natur hat das schon alles richtig eingerichtet."
Er empfand eine große Genugtuung, beim Stillen zusehen zu können, auch wenn es ihn derzeit vom Schlafen abhielt. Als der Junge fertig getrunken hatte, wiegte ihn Elizabeth noch einen Moment auf ihrem Arm und packte ihn dann in seine Wiege zurück. Der Winzling gähnte herzhaft und weinte dann ein klein wenig, bis ihn die leichten Schaukelbewegungen der Wiege in Schlummer versetzt hatten. Fitzwilliam nahm ihre Hand, küsste diese, zog sie dann fest zu sich heran und küsste sie richtig. Sie sank seufzend an seine Brust und flüsterte: „Es wird langsam kalt, lass uns ins Bett zurückgehen, so lange unser Sohn schläft. Wir sollten die Zeit nutzen, um auch zu schlafen, sonst sind wir morgen völlig gerädert."
Er nickte und sie gingen Hand in Hand ins Schlafzimmer zurück.
Von da an schaute er immer mal wieder, manchmal nachts, manchmal tagsüber, wenn es seine Zeit erlaubte, vorbei wenn das Kind gestillt wurde. Oftmals saßen sie zu dritt ganz ruhig am Kaminfeuer und sprachen minutenlang kein Wort. Elizabeth war es auch, die ihn vor oder nach dem Stillen immer wieder ermutigte, das Kind zu halten, mit dem Jungen zu reden, ihn zu liebkosen.
Hatte Fitzwilliam sich anfangs gar nicht getraut, das kleine Wesen überhaupt anzufassen, denn das Baby kam ihm sehr zerbrechlich und instabil vor, so wuchs er nun immer mehr in eine ausgedehnte Vaterrolle hinein. Es war ihm nicht mehr fremd, seinen Sohn lange im Arm zu halten, ihm eine Spieluhr vorzuspielen, oder ihm, immer wenn er sich unbeobachtet fühlte, etwas leise vorzusummen. Was sich seiner Meinung nach grauenhaft anhörte, was Master George jedoch meist zu gefallen schien. Oftmals schlief der Kleine direkt in seinem Arm ein. Voller Faszination schaute er dann auf das schlafende Kind herab, das auf Grund der Körpergröße seines Vaters in dessen Armen ausnehmend winzig aussah. Dabei war er ein kräftiger Junge, eigentlich ganz der Papa.
Viele Glückwünsche und Geschenke waren eingetroffen. Nur aus Kent, von Lady Catherine hörte man noch immer nichts. Langsam begann Fitzwilliam, sich Sorgen zu machen. Wenn er bis in einem Monat keine Nachricht von seiner Tante hatte, würde er höchstpersönlich nach Rosings fahren. Sie konnte nicht auf immer und ewig in ihrer Schmollecke bleiben!
Als besondere Gunst wurde es angesehen, dass das Königshaus ein silbernes Essbesteck für das Kind geschickt hatte. Der Brief war zwar vom Kronprinzen unterschrieben, enthielt allerdings nur die üblichen, kurzen Floskeln für einen derartigen Anlass.
Nach Silvester trafen die Bingleys ein, mit der kleinen Margaret und einer Entourage, die einem Herzogspaar alle Ehre gemacht hätte. Charles würde, zusammen mit dem Colonel, der sich aber auf keinen Brief bislang gemeldet hatte, der Taufpate von Master George sein. Der Earl of Matlock erschien mit seiner Frau nur zur Taufe am Dreikönigstag, seine Nachkommenschaft hingegen war komplett in London geblieben. Die Countess wusste immerhin zu berichten, dass Montgomery sich wohl in Deutschland aufhalten musste.
Niemand in Derbyshire ahnte, dass der Colonel sich kurz nach Silvester auf Grund einer eiligen Depesche auf die beschwerliche Reise von Deutschland nach Kent gemacht hatte. Und am Tag der Taufe wurden in Kent einige Dinge grundsätzlich und endgültig geklärt.
Wenige Tage nach der Taufe, es war gerade Ruhe eingekehrt und alle Gäste hatten Pemberley wieder verlassen, traf ein Brief von Lady Catherine ein. Mit sehr überraschendem Inhalt. Nachdem sowohl Fitzwilliam als auch Elizabeth die Zeilen der Tante mehrere Male ungläubig durchgelesen hatten, waren sie sich sofort einig: Ostern würde man endlich wieder auf Rosings verbringen!
Und so war es dann auch! Man fand eine Lady Catherine vor, die gealtert, aber auch geläutert schien. Man feierte in der Woche nach Ostern eine wundervolle Hochzeit in der Schlosskapelle von Rosings, wo der einmalige Mr. Collins sehr dienstbeflissen die Trauung durchführte. Anne de Bourgh war als Braut nicht wieder zu erkennen, sie war fast zu einer Schönheit erblüht, ihre Wangen waren rosig, ihre Figur nicht mehr spindeldürr, sie hatte sehr weiche, weibliche Proportionen.
Die Countess weinte doch tatsächlich ihr Taschentüchlein nass, ihr Gatte hingegen zeigte keine einzige Gefühlsregung, als er seinen zweiten Sohn als glücklichen Bräutigam am Altar stehen sah.
Der Viscount schaute sich gelangweilt um, während seine Schwester selig am Arm ihres Verlobten, des an den Schläfen bereits etwas grau werdenden Marquess of Anglesey hing. Eine überaus gute Partie für Lady Harriet. Und Wales war nicht so weit weg von Derbyshire.
Lediglich Georgiana war etwas betrübt, denn Jonathan hatte ihr versprochen, über Ostern Urlaub einzureichen und ihr dann eventuell in Kent einen Besuch abzustatten. Doch er war nicht gekommen. Nicht einmal ein Brief von ihm. Angesichts des Glücks ihres Cousins und ihrer Cousine stellte sie allmählich ihre eigene Hochzeit in Frage, was ihr die Tränen in die Augen trieb, als man das frisch vermählte Paar vor der Kirche hoch leben ließ.
Sie zuckte daher auch erschrocken zusammen, als sich eine feste Hand unter ihren Ellbogen schob und eine schmerzlich vermisste Stimme in ihr linkes Ohr raunte: „Wie überaus entzückt bin ich, es fast noch rechtzeitig zu dieser Hochzeit gemacht zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass ich bei meiner eigenen Hochzeit pünktlicher sein werde."
Sie fuhr herum, ein Schrei entschlüpfte ihr, der leider auch alle Aufmerksamkeit vom Brautpaar weg auf diesen beiden jungen Leute lenkte: „John! Mein Gott, John, wo kommst du denn her?"
Und Lady Catherine musste nun doch die Nase etwas missbilligend rümpfen, als ihre Nichte sich so einfach diesem für ihre Begriffe fremden jungen Mann an den Hals warf: „Georgiana! Contenance! Ich bitte dich, mein Kind, mir zunächst den Besuch vorzustellen."
Georgiana trat mit Jonathan aus den Reihen nach vorne, knickste vor der Tante und wollte gerade zu sprechen anfangen, als ihr Bruder ihr zuvorkam: „Ma chère Tante, werte Hochzeitsgäste, ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen allen Mr. Jonathan Gainsworth, den Sohn und Erben des Sir Thomas Baronet of Gainsworth aus Rutland vorzustellen. Der junge Mann ist mit meiner Schwester Georgiana verlobt, leistet derzeit aber noch etwa ein Jahr Militärdienst ab. Danach wird es auf Pemberley eine Hochzeit geben, zu der wir Sie bereits heute alle herzlich einladen!"
Es war eine offizielle Verlautbarung, nichts Heimliches, unter der Hand Ausgemachtes mehr. Jonathan strahlte seinen zukünftigen Schwager an und deutete dessen Blick vollkommen richtig. Doch bevor er der unausgesprochenen Aufforderung Folge leistete, verbeugte er sich galant vor Lady Catherine und sagte: „Ma'am, bitte entschuldigen Sie mein uneingeladenes Erscheinen hier, aber ich hatte es wirklich sehr eilig, meine Verlobte in meine Arme schließen zu dürfen. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, dass ich nun das tue, was ich bereits seit meinem Eintreffe habe tun wollen."
Er packte Georgiana um die Taille und küsste sie vor aller Augen. Sie lief knallrot an, aber Anne und Montgomery spendeten sofort spontan Applaus, Fitzwilliam und Elizabeth taten es ihnen nach, so dass alles in großem Wohlwollen endet. Lady Catherine schüttelte zwar noch immer den Kopf, aber sie tat dies nicht völlig ungehalten, eher leicht amüsiert.
Während des Hochzeitsbanketts von Anne und Montgomery kam ein Bote an und reichte Mr. Darcy einen versiegelten Brief. Dieser öffnete ihn in einer ruhigen Ecke, las ihn mehrmals durch und reichte ihn wortlos an Elizabeth weiter. Dieser brach der Schweiß aus, obwohl es an diesem Apriltag nicht gerade angenehm warm war.
Es war eine Depesche vom Königshof. Man sollte sich unverzüglich von Kent aus nach London begeben, wo in wenigen Tagen ein gewisser Fitzwilliam Gregory Richard Darcy vom Kronprinzen in Vertretung des Monarchen in den Adelsstand erhoben werden sollte!
Ein gutes Jahr später an einem schönen Tag im Mai führte Lord Darcy seine Schwester zum Traualtar. Er war gleich zum Lord erhoben worden, eine unglaubliche Ehre und hohe Auszeichnung. Elizabeth konnte es bis heute nicht glauben, dass die Leute in Lambton vor ihr knicksten und sie ständig, und ohne sich von ihrem peinlich berührten Blick oder ihren die Dinge herunter spielenden Kommentaren irritieren zu lassen, mit „Mylady" anredeten. Ihr war das total unangenehm. Auch nach einem Jahr noch.
Die Hochzeit von Georgiana und Jonathan war ein Ereignis, das halb Derbyshire auf den Plan rief. Die Feierlichkeiten zogen sich über mehrere Tage hin, allein das Fest für die Dorfbevölkerung währte fast drei Tage, bis auch der letzte Bauer volltrunken unter einem Bierfass hervorgeholt wurde!
Elizabeth lachte sehr über diesen Vorfall und schenkte ihrem Mann einen glücklichen Blick, der seinerseits leicht mit der Hand über ihren gerundeten Bauch strich. Wenn alles gut ging, würde man das zweite Kind Ende Juli, vielleicht am Geburtstag von Elizabeth, in den Armen halten. Und er hoffte diesmal inständig auf ein Mädchen!
Lord Darcy und Lady Elizabeth prosteten gut gelaunt dem holden Brautpaar zu, das ebenso glücklich den Toast erwiderte. Sicher würde es auch da bald Nachwuchs geben. Eine neue Generation würde nun heran wachsen. Glückliche Zeiten für Pemberley und Gainsworth Hall! Trautes Heim, wie wahr…
THE END
