Anmerkungen der Autorin: Vielen Dank an alle, die diese Story lesen, und ganz besonders an meine Reviewer Muinthel, zissy und Vanillia. Viel Spaß!

Slash für alle!
von Tante Hildegard

IV

Sir Cardogans Warnung

Während Seidenblume den langen Weg vom Schloss hinunter zum Bahnhof von Hogsmeade entlang rauschte, durchstreifte die Künstlerische Freiheit noch immer unschlüssig Hogwarts' Korridore. Sie hatte aus schierer Langeweile einige Schüler ein zweites Mal überrumpelt, ehe diese sich in Richtung Bahnhof absetzten konnten, so dass die ohnehin große Verwirrung in den Köpfen der Jungen und Mädchen noch etwas größer geworden war.

Vermutlich war auf diese Weise die Bisexualität nach Hogwarts gelangt, aber genaueres konnte auch die Künstlerische Freiheit höchstselbst zu diesem Zeitpunkt der Geschichte noch nicht sagen. Nicht, dass es sie interessiert hätte, schließlich tat sie nur, was man von ihr verlangte. Wenn nun die Wünsche der Autoren unvereinbar weit auseinanderklafften, so war sie gezwungen selektiv zu arbeiten und sich für eine Variante zu entscheiden. Allerdings sprach nach ihrem Verständnis nichts dagegen, etwas später dann den anderen, konträren Autorenwunsch in die Tat umzusetzten. So wurde etwa aus einem heterosexuellen Blaise Zabini aus Slytherin, zuerst ein Mädchen, unter Fanfiktionautoren bekannt als Girl!Blaise, dann wieder ein Junge, diesmal aber ein schwuler. Dass unter solchen Umständen ernsthafte Unsicherheiten, Verwirrungen und Identitätskrisen keimten, wunderte im Grunde niemanden. Für das Leben aller Hexen und Zauberer in und um Hogwarts bedeutete die Anwesenheit der Künstlerischen Freiheit und nicht zuletzt ihrer Befehlsgeber ein ständiges Wechseln und Wandeln, mit dem nicht alle problemlos zurande kamen.

Lucius Malfoy zum Beispiel litt auffallend unter der von ihm verlangten Flexibilität. Gerade noch hatte er mit Narzissa auf dem Sofa gesessen und eine Tasse Tee geschlürft, nun fand er sich plötzlich inmitten Hogwarts', in Direktor Dumbledores Büro stehend, und schüttelte dem Alten die gichtige Hand. Schweißperlen rollten über seine Stirn und verfingen sich im langen, blonden Haar. Was genau tat er hier gerade? Selbstverständlich erinnerte Lucius sich, dass er zugestimmt hatte, beim Halloweenfest anwesend zu sein, um für die besorgten Mitglieder des Elternbeirats sicherzustellen, dass des im Zeltlager züchtig zugehen würde. Schließlich konnten die Lehrer nur schwer eine so große Schülermenge im Auge behalten.
Aber er fühlte sich seltsam schizophren, wenn er an das Gezeter in der Elternversammlung dachte und an seinen darauf folgenden Vorschlag, so als sei die Erinnerung daran gar nicht seine eigene. Ihm war als sei ein kleiner Schalter in seinem Kopf umgelegt worden, wodurch sein Innerstes sich um hundertachtzig Grad verbog und krümmte, sich verrenkte.

Sicher war die Reise durchs Flohnetzwerk schuld an seiner Verwirrung, er wusste nicht einmal mehr, wie er das Flohpulver in den Kamin geworfen hatte, so sehr war es ihm zuwider. Jedesmal wurde ihm schwindelig von dieser unbequemsten und schmutzigsten Art zu Reisen. Als reinblütiger Zauberer hatte Lucius keine Vorstellung von Langstreckenflügen in der Economy Class oder dem engen Gerüttel in einer U-Bahn und meinte tatsächlich, dass es nicht möglich war, unkomfortabler zu Reisen.

Lucius Malfoy kratzte seinen blonden Kopf und lächelte dem alten Schuldirektor gewinnend zu. Wenn er geahnt hätte, dass in jenem Augenblick neben ihm und Dumbledore noch etwa zehn unterschiedlich maskierte, lauthals zankende Frauen im Raum waren, wäre ihm das Lächeln vom Gesicht gerutscht.
Eine der Frauen, hinter einer weißen Todessermaske versteckt, deklamierte rechthaberisch: „Er gehört mir, ich bin zuerst auf die Idee gekommen Lucius auf das Halloweenfest zu holen." Den Protest einer Anderen erstickte sie gleich im Keim: „Oh nein, das kannst du vergessen! Lucius wird sich an unseren allerliebsten Tränkemeister heranmachen und unter gar keinen Umständen an Hermine. Lucius ist schwul! Ein Mann der so aussieht, mit seinem Gehstock und allem, muss schwul sein! Ich meine ... der Gehstock. Es ist so offensichtlich."
„Ja? Und warum hat er dann Narzissa geheiratet?" keifte die Andere zurück, die offenkundig eine Anhängerin der Oppositionellen Heterosexualität war und ihr Gesicht unter einem durchlöcherten Jutebeutel verbarg. Drei andere Jutebeutel, die zum Grüppchen gehörten, nickten eifrig. Es schien, dass der Jutebeutel ein Erkennungszeichen der Hermine/ Lucius Shipper war.
„Pfft. Das hat er natürlich gemacht, um nicht von der Gesellschaft diskriminiert zu werden", erklärte daraufhin die Erste und strafte die anwesenden Jutebeutel mit einem geringschätzigen Blick. Bevor die Damen sich ernsthaft in die Haare gerieten, begrüßte aber der Direktor seinen Gast.

„Seien Sie mir willkommen, Mr. Malfoy", trällerte Dumbledore und schob sich genießerisch ein Zitronendrops auf die Zunge. „Wir müssen uns beeilen, unsere Kutsche wartet schon vor dem Tor. Die Schüler sind bereits alle zum Bahnhof gebracht worden und warten dort darauf, dass die Hauselfen mit der Dekoration fertig werden und die Zugtüren freigeben. Ich freue mich sehr, dass Sie uns unterstützen."

Lucius nickte knapp und tapperte noch immer leicht verstört zur Bürotür hin.
„Sie werden den Hogwarts Express kaum wiedererkennen. Wir haben uns alle Mühe gegeben, ihn zu verschönern", erklärte der Direktor stolz. „Ein guter Freund aus Island, der sich mit der Herstellung von Zauberspiegeln beschäftigt, hat mir extra für den Anlass eine ganze Sendung von Spiegeln zukommen lassen, die wir im Hogwarts Express verbaut haben. Sie sind jetzt in den Toilettenräumen verteilt."
„So."
„Ja, es ist großartig, nicht wahr? Leider hatte ich keine Zeit die Spiegel persönlich in Augenschein zu nehmen und habe deshalb Aberforth darum gebeten. Manche Zauberspiegel wie der Spiegel Nerhegeb können schließlich, indem sie uns unsere tiefsten Wünsche zeigen, gefährlich für uns sein. Meine Termine fressen mich förmlich auf seit drei Monaten, aber das wird Ihnen nur zu vertraut sein, Mr. Malfoy, und trotzdem finden Sie Zeit sich im Elternkollektiv zu engagieren. Fein, fein. Nun, ich werde später noch ausreichend Gelegenheit haben, die Kunstfertigkeit meines Freundes Eric ... zu bewundern."

Die beiden Männer verließen das Büro und eilten die langen Korridore entlang, um schnell ihre Kutsche zu erreichen, als Sir Cardogan auf seinem dicken Pony kreischend neben ihnen her ritt, von Bilderrahmen zu Bilderrahmen.
„Tapfre Recken gebet Acht!"
„Mein lieber Sir Cardogan, wir sind in Eile", wollte Dumbledore ihn abwimmeln, aber der Ritter schrie unbeirrt sein Mordio.
„Das schrecklichste Ungetüm ist hier uns zu knechten! Uns in Ketten zu legen."
Lucius blinzelte den exzentrischen Ponyreiter an. „Ein Ungetüm will uns in Ketten legen?"
„In der Liebe Ketten, jawohl!"
„Bitte?" entfuhr des Dumbledore.
„Das fürchterliche Monstrum ist gekommen uns alle zu Sklaven der Leidenschaft und vulgären Lust zu erniedrigen! Kämpft! Kämpft für die rechte Ordnung!" grölte der Ritter vom Rücken seines schnaufenden Ponys und schwang sein Schwert. „Erschlagt die Subversion, das obszöne Gewürm!"
„Silentio!", murmelte Dumbledore und wedelte dabei kurz seinen Zauberstab, dann wurde es still auf dem Korridor. Zwar bewegte Sir Cardogan weiterhin seinen Mund und ließ es an vehementen Gesten nicht mangeln, aber seine Stimme war verstummt. Dumbledore hüstelte verlegen: „So habe ich den guten Sir Cardogan noch nie erlebt. Wenn das Fest vorbei ist, werde ich Mr. Filch beauftragen nach ihm zu sehen. Vielleicht ist seine Leinwand etwas rissig oder spröde, dann werden sie alle merkwürdig."

Lucius Malfoy nickte zustimmend. Das Gerede von vulgärer Lust hatte ihn erinnert, warum er in erster Linie zugesagt hatte, am Halloweenfest teilzunehmen. Er wollte die Gelegenheit beim Schopfe packen, endlich dem widerborstigen Snape unter die Robe zu kommen, da er sich nicht in sein Büro verkriechen konnte. Außerdem konnte er nebenher Draco beaufsichtigen, der sich für das Fest unbedingt in ein lächerlich enges Fledermauskostüm pressen musste, von dem der besorgte Vater ahnte, dass es gewisse Begehrlichkeiten in seinen Mitschülern wecken könnte. Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass sein Goldjunge einem lüsternen Gryffindor- oder Hufflepuffbalg auf den Leim ging und seine Unschuld verlor. Die Malfoys waren eine der ältesten und angesehensten Zaubererfamilien im Lande und unter solchen war es notwenig bis zur Ehe keusch zu bleiben. Was man nach der Hochzeit trieb und mit wem, danach krähte kein Hahn, aber bis es so weit war, musste Lucius seinen Sohn unter der Fuchtel behalten.

Unterdessen jagte Sir Cardogan noch immer von Bild zu Bild und plärrte verzweifelt seine Warnungen in die Welt, obwohl keiner hörte. Offensichtlich hatte der Ritter das Umgehen der Künstlerischen Freiheit bemerkt. Das war ungewöhnlich, aber nicht gänzlich unbekannt. Hin und wieder bäumte sich der Canon in Form uninteressanter Nebencharaktere auf, meist jedoch eher schwächlich und ohne Erfolg. Die Künstlerische Freiheit scherte sich einen Dreck um Sir Cardogan, sie schnüffelte lieber in Professor Snapes Klassenraum herum, auf der Suche nach brauchbaren Utensilien und Zaubertränken.
Dort zwischen getrockneten Froschaugen und zerriebenem Eisenhut dümpelte eine handvoll Flubberwürmer in einem Einmachglas. Sie besaßen seit knapp vier Stunden eine sexuelle Identität. Ein Wurm, nennen wir ihn Nummer Zwölf, befand sich in einer besonders bitteren Lage. Hier hatte die Künstlerische Freiheit beschlossen, einem weithin vernachlässigten Thema einen Platz zu geben, indem sie Nummer Zwölf mit einem delikaten Problem ausstattete.

In der Tat ignorierten Fanfiktionautoren die Transidentiät. Es wäre falsch anzunehmen, dass ein Fanfiktion Phänomen wie Girl!Blaise auf eine Beschäftigung mit der Transidentität zurückzuführen sei. Autoren hatten vielmehr eine geringe Hemmschwelle, neben der Sexualität auch die Geschlechtszugehörigkeit ihrer Protagonisten zu manipulieren, wenn sie es aus narrativen Gründen für nötig hielten. Mochte ein Autor Draco Malfoy mit Harry Potter verkuppeln, hielt Homosexualität aber für unangebracht, dann veranlasste er, dass Draco, an seinem siebzehnten Geburtstag von Direktor Dumbledore erfuhr, er sei in Wahrheit ein Mädchen und eine Veela noch dazu.
Von solchen Problemen konnte die transidente Nummer Zwölf nur träumen. Ihr fehlte es am Allernötigsten, das ging beim Namen los und endete bei geschlechtsspezifischer Kleidung und erkennbaren Geschlechtsmerkmalen überhaupt. Es sagte einiges über das Wesen der Künstlerischen Freiheit aus, dass sie ausgerechnet Nummer Zwölf mit einem so schwerwiegenden Problem belastete, ohne die Chance einer Lösung, während Blaise unbekümmert zwischen den biologischen Geschlechtern wechselte, vom Crossdressing ganz zu schweigen.

Die Künstlerische Freiheit studierte interessiert die Flubberwürmer in ihrem Glas und überlegte, ob sie das Glas mit in den Hogwarts Express nehmen sollte. Schließlich entschied sie dagegen, denn eine schwerwiegende Aufgabe wartete noch auf sie, jetzt da das Schloss verlassen war. Nachdem sich wirklich keine Schüler, Lehrer oder Hauselfen mehr in Hogwarts aufhielten, schwebte auch die Künstlerische Freiheit in Richtung Bahnhof davon, allerdings legte sie einen Zwischenstopp am See ein.

Fortsetzung folgt.