2. Kapitel
Katzenmusik
An ihrem ersten Tag als Hogwarts-Schülerin stand Marianne Malfoy auf dem Bahnsteig und wusste nicht, ob sie sich freuen sollte, weil sie endlich aus Malfoy Manor wegkam oder Angst haben sollte, weil alles so neu war. Onkel Lucius hatte sie und Tante Narzissa, die den quengelnden Draco an der Hand hielt, am Bahnhof abgesetzt und war ins Ministerium gefahren, wo er irgendein wichtiges Treffen hatte. Marianne war darüber nicht erfreut gewesen. Sie hatte nicht gerade ein herzliches Verhältnis zu Onkel Lucius, aber ihre Beziehung zu Tante Narzissa war ausgesprochen eisig. Marianne wusste, dass sie nicht so war, wie Tante Narzissa sie gerne gehabt hätte: unterwürfig, damenhaft und der perfekte Babysitter für Draco.
„Ich will was Süßes", quengelte Draco. „Und wieso darf sie schon nach Hogwarts und ich nicht?"
„Weil ihr Brief schon gekommen ist", sagte Tante Narzissa so als sei es ausschließlich die Schuld des Ministeriums, dass Marianne schon nach Hogwarts fuhr und Draco nicht. „In zwei Jahren bist du auch so weit, Draco, und dann kaufen wir dir eine Menge schöner Sachen."
Marianne sah an sich herunter. Ihre Sachen waren sauber und neu, aber nicht schön. Tante Narzissa hatte auf preiswerte Sonderangebote geachtet, nicht auf Mariannes Geschmack. Sie befürchtete ein bisschen, dass die anderen sie auslachen würden. Vor allem die Mädchen.
„Steig ein, Kind!", sagte Tante Narzissa. „Der Zug fährt pünktlich. Ich kann nicht bleiben. Lucius und ich gehen mit Draco essen."
‚Feiert ihr meine Abfahrt', dachte Marianne. Rings um sich herum sah sie Eltern, die sich mit Umarmungen und Tränen von ihren Kindern verabschiedeten. Sie biss sich auf die Unterlippe und kletterte in den Zug. „Tschüss, Tante Narzissa, bis Weihnachten. Tschüss, Draco!" ‚Du kleines Ekel', fügte sie unhörbar hinzu.
Narzissa Malfoy winkte ihr, drehte ihr aber bereits halb den Rücken zu und zog Draco mit sich. Marianne schob ihren Koffer mit den Füßen vor sich her.
Das erste freie Abteil, das sie fand, war zum Glück schon ziemlich weit vorne im Zug. Sie stemmte ihren Koffer in das Gepäcknetz und schaute aus dem Fenster.
Gerade stürmte eine Familie auf den Bahnsteig, die offensichtlich in großer Eile war. Alle waren sehr aufgeregt und alle waren rothaarig.
Zwei große Jungen, der eine kräftig und untersetzt, der andere schlank und mit einem charmanten Zwinkern im Auge, gaben ihrer Mutter einen raschen Kuss und hüpften in den Zug, als könnten sie es kaum erwarten, wegzukommen. ‚Wie ich', dachte Marianne, aber anders als bei ihr, schien das Verhältnis zwischen Mutter und Kindern hier ganz gut zu sein. Vielleicht freuten sie sich einfach auf die Schule.
Ein dritter Junge stieg mit langsamen, gemessenen Bewegungen in den Zug. „Leb wohl, Mutter", sagte er, als ginge er auf eine Reise, möglicherweise ohne Wiederkehr. Zwei kleinere Jungen, Marianne schätzte, dass sie in ihrem Alter waren, prusteten vor Lachen und hielten sich eilig die Hände vor die Münder. „Nächstes Mal bestellen wir eine Kapelle, Percy!", rief einer von ihnen und der andere ergänzte: „Und ein paar Salutschüsse wären auch nicht schlecht."
Marianne starrte aus dem Fenster. Die beiden Jungen sahen absolut identisch aus. Gerade fielen sie ihrer Mutter um den Hals, die noch zwei kleinere Kinder an den Händen hielt. Einen Jungen, der in der Nase bohrte, und ein kleines Mädchen, das offenbar geweint hatte und aussah, als schmollte es. Ihre Mutter hielt beide Kinder sehr fest an den Händen. „Ist gut jetzt, Fred und George", sagte sie. „Lasst Percy in Ruhe und seid brav in der Schule, ja? Braver als zu Hause. Percy wird ein Auge auf euch haben und Charlie und Bill natürlich auch, obwohl sie viel werden lernen müssen."
„Das möchte ich sehen, bevor ich's glaube", hörte Marianne einen der Zwillinge murmeln.
„Was?", zischte der andere zurück. „Dass Percy ein Auge auf uns hat oder dass Charlie und Bill lernen?"
„Beides!"
Sie schwangen sich in den Zug wie erfahrene Quidditchspieler auf ihre Besen. Marianne kicherte und versteckte sich schnell hinter dem Fensterrahmen. Der kleinste Junge schaute seinen Brüdern wehmütig nach und zog dabei wie geistesabwesend einen Schokoriegel aus der Tasche. Ehe er hineinbeißen konnte, hatte seine kleine Schwester ihm den Riegel weggeschnappt.
„Du gemeines Biest, Ginny!", schrie er und warf sich auf sie. Das Mädchen sprang nach hinten, den Schokoriegel noch halb im Mund, und ihre Mutter stolperte, als beide Kinder gleichzeitig an ihr zerrten, und setzte sich auf den Gepäckwagen.
„Oh, macht, dass ihr loskommt, ihr vier!", rief sie, warf den Zwillingen noch eine Kusshand zu, packte das Mädchen, entriss ihr den angebissenen Schokoriegel, setzte sie auf den Gepäckwagen, drückte den Riegel dem heulenden kleinen Jungen in die Hand, der ihn angeekelt fortwarf, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Marianne ließ sich in ihren Sitz fallen. Es ging los! Sie fuhr nach Hogwarts!
Zwanzig Sekunden später wurde die Tür aufgerissen und drei rothaarige Jungen standen vor ihr. Der älteste bemühte sich, seine beiden jüngeren Brüder gleichzeitig am Kragen festzuhalten. Ein Unternehmen, das kläglich misslang. „Sind hier noch Sitzplätze frei?", fragte er. Marianne nickte und der Junge wuchtete drei Koffer ins Abteil und begann, sie ins Gepäcknetz zu stemmen. Allzu geschickt stellte er sich dabei nicht an. Seine Brüder beobachteten ihn, ohne eine Miene zu verziehen und ohne einen Finger zu rühren.
„Kannst du sie nicht einfach verzaubern, Percy?", fragte einer der Zwillinge. Marianne fand, wenn sie ganz lange ganz genau hinsah, dass er etwas schmalere Augen hatte als sein Bruder und etwas pfiffiger aussah. „Damit sie so leicht werden wie eine Feder. Dad hat das heute Morgen mit unseren Koffern gemacht."
„Ich … uff ... darf … puh … in der Öffentlichkeit … ah ... nicht zaubern", sagte Percy. „Das werdet ihr auch noch lernen." Die Zwillinge tauschten einen Blick.
Marianne war aufgestanden. „Kann ich dir helfen?", fragte sie mit Blick auf die anderen beiden Koffer, die noch am Boden standen. Das Leben mit Tante Narzissa hatte ihr einige Male Aufgaben abverlangt, die zur Kräftigung der Oberarmmuskeln beitrugen, wie zum Beispiel Wäschekörbe die Treppe hochtragen.
Percy wurde knallrot.
Was er sah war ein auf den ersten Blick unauffälliges dunkelhaariges Mädchen in ausgesprochen unvorteilhaften Hosen und einem Sweatshirt, das garantiert auf dem Wühltisch bei Z&A (Zauberer und Alle Anderen) übrig geblieben war. Auf den zweiten Blick sah er, dass sie ihn freundlich anlächelte und ihm helfen wollte. Sie wirkte nicht, als lache sie ihn aus. Percy Weasley hatte es sich in Gegenwart seiner Geschwister angewöhnt, mit Spott zu rechnen, aber dieses Mädchen schien einfach nur freundlich zu sein.
„Ja, danke", sagte er. Marianne griff nach dem zweiten Koffer und stemmte ihn hochkannt. Percy packte ihn von unten und zusammen hoben sie ihn hoch.
„He, wir können auch helfen", sagte der Zwilling mit den etwas weiter gestellten Augen und fasste nach dem letzten Koffer. Er warf Marianne einen bösen Blick zu. Offenbar hatte sie ihnen eine Gelegenheit vermasselt, sich über ihren großen Bruder lustig zu machen.
Marianne tauschte einen Blick mit Percy und zusammen hoben sie den letzten Koffer einfach über die Zwillinge hinweg. Diese schnaubten verächtlich, wandten sich zum Fenster und würdigten niemanden mehr eines Blickes.
„Wie hält man sie auseinander?", fragte Marianne mit einer Kopfbewegung zu den Zwillingen.
„Man lernt es mit der Zeit", sagte Percy, „aber sie sind beide gleich schlimm. Ich weiß nicht, was Mum sich dabei denkt, nach Hogwarts zu lassen. Sie sind eine Gefahr für ihre Umwelt."
„Bloß, wenn du da bist, Perce", schnappte einer der Zwillinge - der mit den schmaleren Augen.
„Das ist George", sagte Percy.
„Gar nicht wahr, ich bin Fred", widersprach sein Bruder. Percy kniff die Augen zusammen. „Lüg mich nicht an. Du hast heute Morgen das Nutella-Sandwich auf dein T-Shirt geworfen. Ich kann die Flecken noch sehen."
„Das war George", behauptete George.
Marianne verbarg ein Grinsen. Die drei gefielen ihr immer besser.
Auf Gegenseitigkeit schien das allerdings nicht zu beruhen. Die Zwillinge nahmen es ihr offensichtlich übel, dass sie Percy mit den Koffern geholfen hatte, und ignorierten sie von nun an. Percy war sehr höflich und fragte sie nach ihrem Namen. Als sie „Malfoy" sagte, runzelte er die Stirn.
„Bist du verwandt mit Lucius und Narzissa Malfoy?"
„Ein wenig", gab Marianne zu.
Percy schien sich einen Ruck zu geben. „Nun, mein Dad sagt immer, man soll keine Vorurteile haben und niemand kann etwas für seine Familie." Er warf einen Seitenblick auf Fred und George. „Unsere Familien sind nicht gerade gute Freunde, Marianne, aber du scheinst … äh, nicht typisch für die Malfoys zu sein. Vielleicht schlägst du ja nach deiner [Na, ja, die Zauberergesellschaft scheint ja eher konservativ zu sein und das bedeutet, dass die Frauen bei der Hochzeit den Namen des Mannes annehmen, also war Mariannes Mutter wohl keine Malfoy. Ich freue mich jedenfalls, dich kennenzulernen." Und er beugte sich vor und schüttelte Mariannes Hand, als sei sie mindestens die Sekretärin des Zaubereiministers.
„Waren wir wirklich solch kleine Ekel?", fragte George. [Hab ich deshalb nicht gemacht, weil in der Erinnerung meistens sehr viel mehr passiert als in der Hier-und-Jetzt-Ebene, und kursiv immer etwas ... wie soll ich sagen ... hypothetisch, theoretisch? ... wirkt. Marianne drehte sich zu ihm um. „Nein", sagte sie, „nicht wirklich. Doch, eigentlich schon, aber … jetzt macht das nichts mehr. Ich habe mich so sehr an euch gewöhnt."
George zuckte zusammen, als sie „euch" sagte, und schloss die Augen. Marianne hielt erschrocken die Hand vor den Mund.
„Tut mir leid", wisperte sie.
„Schon gut", flüsterte George. „Erzähl weiter. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir dir eine Kröte unter den Sitz getan, noch bevor wir in Hogwarts waren."
Marianne schüttelte den Kopf. „Es war eine Katze", sagte sie.
„Woher hatten wir die?"
„Geklaut."
„Erzählen Sie bitte weiter", sagte Arthur Weasley. Er wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln und lächelte sie ermutigend an . „Ich kann meine Familie geradezu vor mir sehen, wenn Sie erzählen."
Marianne erzählte weiter.
Der Servierwagen kam und ging und Percy weigerte sich, den Zwillingen Schokoladenfrösche zu kaufen. Marianne hatte die Gurkensandwiches von Tante Narzissa dabei, die sie – was sie nie öffentlich zugegeben hätte – sehr gerne aß. Sie wollte den drei Jungen davon abgeben, aber Percy machte eine große Show daraus, ihre eigenen Sandwiches auszupacken. „Und das hier ist noch von Mum für uns", sagte er und stellte eine große Dose Bertie Botts Bohnen zwischen sie. „Sie sind viel billiger wenn wir sie nicht im Zug kaufen. Nehmt euch."
Er schob die Dose in Mariannes Richtung. Die Zwillinge fingen sofort an, eifrig darinherumzusuchen. Einer von ihnen, sie vermutete Fred, reichte ihr eine Bohne. „Probier die mal, die sind gut", sagte er.
Marianne drehte die Bohne in der Hand. Sie lebte seit sechs Jahren mit Draco zusammen, der keine Gelegenheit ausließ, sie zu ärgern, und Bertie Botts Bohnen boten viele solcher Gelegenheiten.
„Nein, danke, ich glaube, das ist Schuhcreme", sagte sie.
„Aber woher denn", sagte Fred und steckte die Bohne selber in den Mund. Er kaute zwei Sekunden lang mit gleichmütigem Gesicht darauf herum, dann stand er eilig auf, murmelte etwas von „gleich wieder da" und lief aus dem Abteil.
Marianne lächelte.
George sah sie wütend an.
Percy hatte sich in einem Buch vergraben und achtete nicht auf sie.
Marianne schaute aus dem Fenster. Sie begann, sich unwohl zu fühlen. Die beiden Zwillingsbrüder konnten sie offensichtlich nicht leiden und Percy hatte zurückgefunden in die distinguierte Welt eines Drittklässlers in Hogwarts, in der Erstklässlerinnen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Sie seufzte. Sie wünschte, sie könnte sich in ein anderes Abteil setzen, wo vielleicht ein paar Mädchen waren. Vielleicht konnte sie ein wenig auf dem Gang umhergehen und sich umsehen?
Sie murmelte eine Entschuldigung, stieg über Percys Beine und ging auf den Gang hinaus.
Aber alle Abteile schienen voller Schüler zu sein, die sich schon kannten und eifrig miteinander redeten, Süßigkeiten aßen, Schokofroschkarten tauschten und jedes fremde Kind, das draußen vorbei kam, mit eindeutigen „Wo-gehörst-du-denn-hin" Blicken betrachteten. Marianne ging entmutigt zurück zu dem Abteil, das sie mit den drei rothaarigen Brüdern teilte.
Fred war wieder da und saß am Fenster. Als sie hereinkam, warfen er und George sich einen Blick zu, den sie später nur zu gut kennenlernen sollte. Aber an diesem ersten Tag ihrer Bekanntschaft war sie vollkommen ahnungslos und setzte sich vertrauensvoll auf ihren Platz.
Ein Schrei ertönte, ein schrilles Kreischen, etwas kratzte schmerzhaft über ihre Beine. Sie schrie auf und hob beide Arme vors Gesicht, als ein fauchendes, grau gestreiftes Tier an ihr hochsprang, seine Krallen in ihre Haare schlug und von ihrem Kopf aus ins Gepäcknetz sprang. Dort saß es, schleckte sich zornig die Schulter und sein Schwanz peitschte hin und her.
Fred und George lachten schallend.
Marianne verbiss sich die Tränen. Die Genugtuung würde sie den beiden kleinen Biestern nicht bieten. Sie tupfte etwas Spucke auf ihre Kratzwunden und zog ihre Haarspangen heraus, um sich die Haare neu zu ordnen.
Percy hatte erschrocken sein Buch fallen lassen und hob es jetzt wieder auf. „George, Fred", sagte er streng, „bringt sofort die Katze zurück. Wo habt ihr sie [möchte ich so lassen, passt zu Percy. überhaupt her?"
Fred tippte sich an die Stirn.
„Geh doch selber", sagte George.
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgeschoben und ein großes, schwarzes Mädchen stand darin. „Ihr habt meine Katze!", schrie sie anklagend. „Ich hab's genau gehört. Gebt sie sofort zurück oder ihr kriegt Ärger."
„Sagt wer?", wollte George wissen.
„Sag ich!", ertönte eine sehr viel kräftigere Stimme und ein weiteres Mädchen schob sich ins Abteil. Auch sie war schwarz und trug ihr Haar in vielen kleinen Zöpfen, aber sie war drei Köpfe größer als die Zwillinge und trug ein schimmerndes Abzeichen an der Brust, das sie als Vertrauensschülerin auswies. „Keine Sorge, Angelina", sagte sie, „deine Katze ist gleich wieder bei dir. Hol sie runter!", befahl sie und deutete auf George.
Einen Augenblick sah er rebellisch aus, dann zuckte George die Achseln, kletterte auf den Sitz und griff nach der Katze.
Sofort ertönte ein wütendes Miauen und die grau gestreifte Katze hieb mit einer Pfote nach Georges Hand. Er zog sie mit einem Aufschrei zurück. Marianne kicherte. Das Mädchen namens Angelina kicherte ebenfalls.
Das andere Mädchen, offenbar ihre Schwester, fasste über die Köpfe von George und Marianne nach der Katze und zog sie ohne eine Miene zu verziehen aus dem Gepäcknetz. Die Katze wollte nicht gehen. Sie krallte sich fest, hieb nach ihren Händen und fauchte und kreischte die ganze Zeit.
„Hier", sagte das große Mädchen, drückte Angelina die Katze in den Arm, warf den Zwillingen einen warnenden Blick zu und verließ das Abteil. „Danke, Corinna", sagte Angelina, streckte Fred und George die Zunge heraus und folgte mit der Katze im Arm ihrer Schwester.
„Geschieht euch Recht", sagte Percy.
Fred und George drückten sich schmollend in die Ecken ihrer Sitze. George nuckelte an seinem Handrücken, den drei rote Striemen zierten.
„Wie um Merlins Zwieback willen haben wir es angestellt, uns anzufreunden?", fragte George. Marianne lächelte in sich hinein.
„Das ging eigentlich ziemlich schnell. Als wir erstmal in Hogwarts waren, ward ihr ganz sicher, dass ich nach Slytherin kommen würde. Onkel Lucius war sich auch ganz sicher gewesen."
„Aber der Sprechende Hut hat dich nach Gryffindor gepackt!" [Es kommt von George und ist entweder eine Feststellung oder eine rhethorische Frage.
„Ja", Marianne nickte, „und ihr ward stocksauer. Ihr habt mir Stinkbomben unter den Stuhl getan, die schlimmsten Bertie Botts Bohnen ins Essen geschmuggelt und Stecknadeln auf den Sessel gelegt."
„Klingt so, als wären wir damals noch nicht sehr einfallsreich gewesen", sagte George wehmütig. Marianne runzelte die Stirn. „Nun, ihr hattet sicherlich noch nicht euer höchstes Niveau erreicht, aber es war doch sehr wirkungsvoll. In meinen ersten Wochen auf Hogwarts war ich so unglücklich, dass ich am liebsten wieder zurück nach Malfoy Manor gefahren wäre."
George schluckte. „Tut mir leid", sagte er.
„Das nützt jetzt auch nichts mehr", sagte Arthur Weasley mit unvermindertem Interesse. „Und wie ging es weiter?"
Die Weasley-Zwillinge brauchten nur wenige Wochen, um sich bei den Lehrern unbeliebt zu machen. Das erste Mal Nachsitzen hatten sie am dritten Tag ihres Aufenthaltes in Hogwarts und nach einem Monat schon zuckte der Hausmeister, Argus Filch, zusammen, wenn er ihre Namen hörte. Oder ihr Lachen auf den Fluren.
Marianne hielt sich so gut es ging von den beiden fern. Sie gehörte nicht zu den Schülerinnen und Schülern, die heimlich darauf lauerten, was die Weasleys als nächstes anstellen würden, und die dann schadenfroh grinsten, wenn wieder einmal ein Nachsitzen ausgesprochen wurde. Sie amüsierte sich über die Streiche der beiden, aber sie hoffte immer, dass sie nicht erwischt würden. Irgendwie hatte die gemeinsame Zugfahrt in ihr ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Weasleys entstehen lassen. Sie fühlte sich geschmeichelt, wenn Percy sie auf dem Flur grüßte und hielt voller Ehrfurcht Ausschau nach, die als Schüler der oberen Klassen ohne einen Blick für sie an ihr vorbeirauschten.
An einem verregneten Samstag hatten Fred und George beschlossen, der allgemeinen Langeweile ein Ende zu setzen. Niemand wusste, wo sie die Knallerbsen herhatten, wahrscheinlich von zuhause mitgebracht. Jedenfalls ergaben sie ins Feuer des Gemeinschaftsraums geworfen einen hübschen Knalleffekt und ein blasses, dunkelhaariges Mädchen namens Alicia erschrak so sehr, dass sie rückwärts über einen Sessel fiel und mit dem Kopf an die Kante einer Truhe schlug.
Es gab eine riesige Aufregung. Alicia lag ganz still und Blut floss unter ihrem Kopf hervor und breitete sich in einer Lache auf dem Teppich aus. Bill und Charlie sprangen über zwei Sessel auf sie zu. Bill drehte vorsichtig ihren Kopf, um nach der Wunde zu sehen. Dann sagte er scharf: „Schnell! McGonagall!" Charlie stürzte aus dem Raum.
Professor McGonagall, die Hauslehrerin von Gryffindor, kam innerhalb weniger Minuten, sagte einen Zauberspruch, der die Wunde schloss und ließ Alicia sofort in den Krankenflügel bringen. Als sie fort war, standen Fred und George immer noch regungslos neben der Blutlache auf dem Teppich.
„Ratzeputz!", sagte Bill und deutete mit seinem Zauberstab auf den Teppich. Das Blut verschwand. Er sah seine beiden kleinen Brüder anohne eine Spur von Freundlichkeit im Gesicht. „Geht rauf!", sagte er. „McGonagall wird euch später rufen lassen."
McGonagalldrohte den beiden zum ersten Mal mit einem Schulverweis und verpasste ihnen dann drei Tage Zimmerarrest. Das bedeutete, dass sie Mahlzeiten versäumten und von den Hauselfen nur eher geschmacksarme Kost serviert bekamen, aber es kam kein Wort der Klage von Fred und George. Marianne fiel das auf, aber sie wusste nicht, ob es sonst noch jemand bemerkte.
Am zweiten Tag des Arrestes saß sie in der Großen Halle beim Mittagessen und betrachtete nachdenklich ihr Dessert. Es war die köstlichste, schmackhafteste, verführerischste Mousse au Chocolat die irgendeines der Kinder jemals irgendwo gesehen oder geschmeckt hatte. Die Hauselfen übertrafen sich an diesem Tag selbst. „Ist heute Dumbledores Geburtstag oder so was?", fragte Marianne ihre Sitznachbarin, Katie Bell. Diese schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, aber es schmeckt himmlisch. Die Weasleys haben aber auch ein Pech, dass sie heute Arrest haben. Ich habe gehört, sie bekommen getrocknete Pflaumen zum Nachtisch.."
Getrocknete Pflaumen. Marianne sah nachdenklich auf ihren Teller.
Fred und George hatten ihre Strafe wahrhaftig verdient. Aber andererseits, womit hatten sie und die anderen diesen köstlichen Nachtisch verdient? Mit nichts. Er war einfach ein Geschenk, eine Freude für sie alle. Außer für Fred und George.
Entschlossen griff sie nach ihrem Löffel und schaufelte sich noch zwei große Portionen auf ihren Teller. „Mann, du machst dir aber auch gar keine Sorgen um deine Figur", sagte Katie. Marianne zuckte die Achseln. „Wir wissen ja nicht, wann wir wieder so was kriegen", sagte sie.
Zum Glück wandte sich Katie wieder ihrem eigenen Teller zu. Marianne aß ein paar Löffel Schokoladencreme, dann schob sie unauffällig den Teller auf ihren Schoß unter den Tisch.
„Waschachsusa?", fragte Katie mit vollem Mund.
„Serviette runtergefallen", sagte Marianne.
Unter dem Tisch leerte sie ihre Tasche aus, stapelte die Bücher sorgfältig unter der Bank und stellte den Teller, ohne etwas zu verkleckern, in die Tasche. Dann stand sie vorsichtig auf.
„Ich muss noch was in der Bibliothek nachsehen", sagte sie zu Katie. Die schaute sie verblüfft an. „Hast du deine ganze Creme schon gegessen?"
Marianne zuckte nur die Achseln, warf Katie einen hochmütigen Blick zu und ging sehr langsam und aufrecht aus der Halle.
Der Gemeinschaftsraum war leer, als sie hineinkletterte Sie hob ihre Tasche durch das Eingangsloch und stellte sie sehr vorsichtig auf einem niedrigen Tisch ab. Dann nahm sie den Teller mit Schokoladenmousse heraus und ging zögernd auf die Treppe zum Schlafsaal der Jungen zu.
Es war zwar nicht verboten, dass Mädchen den Jungenschlafsaal betraten, aber doch ungewöhnlich. Sie holte tief Luft und ging die Treppe hinauf. Oben klopfte sie.
„Herein", sagte einer der Zwillinge.
Marianne hatte vorgehabt, den Teller einfach abzustellen und wegzulaufen, aber die Zwillinge warfen hinter ihr die Tür zu und stellten sich davor.
„Na, was haben wir denn da?", sagte George.
„Hat McGonagall dich geschickt?", fragte Fred.
Marianne schüttelte den Kopf und stellte schweigend den Teller mit Schokocreme vor die beiden auf den Boden. Sie starrten darauf.
„Was ist das?", fragte Fred. „Eine neue Foltermethode von Filch? Dürfen wir es anschauen, aber nicht essen?"
Marianne fand ihre Sprache wieder. „Ihr dürft es essen. Ich habe es in der Großen Halle für euch mitgehen lassen. Und es besteht auch keine Notwendigkeit, Danke zu sagen."
Die Zwillinge starrten sie an. „Du hast das für uns geklaut?", fragte George.
Marianne nickte.
„Wieso?", fragte Fred.
„Nun, ich habe gehört, Schokolade macht klug", sagte Marianne.
Die Zwillinge schauten sie an, dann einander, dann wieder sie und dann fingen sie an zu lachen. Sie lachten und lachten, fielen auf ihre Himmelbetten, hielten sich die Seiten und lachten. Marianne konnte gar nicht anders als mitzulachen. „Hier", sagte sie und holte aus ihrer Rocktasche einen in eine Serviette eingewickelten Löffel. „Ich habe leider nur einen, der muss für zwei reichen."
„Für drei", sagte Fred und bot ihr den ersten Löffel Schokoladencreme an. „Marianne Malfoy, wir haben dich echt unterschätzt."
„Das war das erste Mal, dass wir dich unterschätzt haben, aber bestimmt nicht das letzte Mal", sagte George. Marianne schüttelte den Kopf. „Du musst zugeben, dass es eigentlich sehr einfach war, eure Freundschaft zu gewinnen. Schokoladencreme, ich bitte dich! Ihr seid auf den einfachsten Köder reingefallen."
„Ich glaube, es war weniger die Schokoladencreme als die Solidarität dahinter", sagte George. „Wir hatten fast zwei Tage Zeit uns selbst zu bemitleiden, in denen keiner auch nur mit uns gesprochen geschweige denn uns etwas Gutes zu Essen gebracht hat."
„Aber ihr habt von da an darauf geachtet, dass bei euren Streichen niemand zu Schaden kam", sagte Marianne. „Es hat also etwas genutzt."
„Ja", sagte George und schaute vor sich hin auf die Tischplatte, „ja, irgendwie schon."
Arthur Weasley räusperte sich und schnippte mit seinem Zauberstab. Auf dem Tisch erschien eine Schüssel mit Schokoladencreme. „Nicht so gut wie von den Hauselfen, wahrscheinlich", sagte er, „aber immerhin nach einem Rezept von deiner Mutter, George."
„Dad!", sagte George.
Marianne schaute auf die Schüssel. Sie hatte das Gefühl, nie wieder etwas essen zu können, schon gar keine Schokoladencreme, aber Arthur Weasley meinte es so gut.
Sie nahm einen der dabei liegenden Löffel, tat etwas Creme darauf und schob ihn sich in den Mund.
„Sie schmeckt nicht, wenn man hineinweint", sagte George neben ihr warnend.
„Dann hör doch selber auf damit!", schnappte Marianne und warf den Löffel hin. George nahm ihre Hand und drückte sie so fest, dass es weh tat.
„'tschuldigung, Kinder, keine gute Idee, hmm?" sagte Arthur Weasley und ließ die Schüssel wieder verschwinden.
„Ist schon gut, Dad", sagte George und wandte sich ab.
„Arthur", sagte eine Stimme neben ihnen. Marianne wischte sich die Tränen aus den Augen und sah Molly Weasley auf ihren Tisch zukommen. Arthur nahm ihre andere Hand. „Molly, darf ich dir jemanden vorstellen? Das ist Marianne. Sie war ... sie ist die Freundin von Fred."
Marianne war ihm unendlich dankbar für das „ist".
Molly starrte sie an. „Fred hat…Fred hatte eine Freundin? Aber er hat nie…du armes Mädchen! Du armes Mädchen!!"
Sie schloss Marianne in die Arme. Marianne, die ihre Mutter mit fünf Jahren verloren hatte, war seit mehr als zehn Jahren nicht mehr so umarmt worden. Tante Narzissa hatte nie körperliche Zärtlichkeiten für ihre Nichte übriggehabt. Einen Augenblick lang fühlte sich Marianne beinahe überfordert von dieser plötzlichen Nähe. Sie spürte die Wärme, aber auch den tiefen Schmerz von Freds Mutter und mit einem Mal konnte sie selber loslassen und den Schmerz über sich zusammenschlagen lassen. In Molly Weasleys Armen konnte sie endlich um Fred weinen, wie er es verdient hatte.
Erst zehn Minuten später und nachdem Arthur Weasley eine zweite Flasche Feuerwhisky herbeigezaubert hatte, die sehr viel besser ankam als die Schokoladencreme, sagte Molly Weasley: „Marianne, du hast von unserem Fred erzählt, als ich gekommen bin. Sprich bitte weiter, Liebes."
Marianne war so dankbar für ihre Freundlichkeit, dass sie beinahe wieder in Tränen ausgebrochen wäre. Sie atmete tief durch und erzählte weiter.
