3. Kapitel Dachreiter
"Von da an habt ihr darauf geachtet, dass außer euch selbst keiner zu Schaden kam bei euren Streichen", sagte Marianne.
George schaute sich in der Großen Halle um. Nahebei waren Madam Pomfrey und Professor Sprout damit beschäftigt, Firenzes Wunden zu versorgen. Der große Zentaur lag ganz still und Blut sickerte durch seine Verbände. Madam Pomfreys Haare hingen ihr in die Augen und sie wischte sie wieder und wieder mit blutverklebten Händen beiseite. Sie sah aus, als trüge sie eine bizarre Kriegsbemalung.
"Niemand außer uns selbst", sagte George bitter. "damit hat es ja wohl ein Ende."
"Das hier geht uns alle an", sagte Marianne leise. "Damals in Hogwarts, das war euer Kampf gegen die Regeln. Euer Kampf gegen die Idee in so vielen Köpfen, dass man nur genug Regeln machen muss – und die richtigen Regeln – und dann ist alles in Ordnung. Irgendwie habt ihr immer dafür gekämpft, dass es wenigstens ein paar Leute gemerkt haben: das Leben verläuft nicht nach Regeln, die wir gemacht haben. Fred hat mal zu mir gesagt: man muss mit dem Leben tanzen. Das Leben führt und du hast keine Chance, die Schrittfolge zu ändern. Aber wenn du sie übernimmst und mittanzt – dann wird vielleicht ein Fest daraus."
George wandte sich ab.
Molly Weasley fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. "Ja, das klingt genau nach Fred", sagte sie. "Ach, Marianne, ich hoffe, ihr wart glücklich zusammen in dieser kurzen Zeit, die ihr hattet."
"Mir kam sie gar nicht so kurz vor", sagte Marianne leise. "Wir hatten neun Jahre zusammen. Auf die eine oder andere Weise. Neun Jahre, die ich nie vergessen werde."
"Weißt du noch, wie wir im zweiten Jahr auf das Dach unterhalb des Astronomieturmes gestiegen sind?", fragte George. "Um Timmy Doyle hinunter zu holen?"
"Ihr habt getan, als käme es euch ausschließlich auf das Abenteuer des Fassadenkletterns an", sagte Marianne strafend.
George rieb sich die Stelle am Kopf, wo sein Ohr gewesen war. "Nun, ja, wir hatten beschlossen, keine Helden zu werden. Alles, Taugenichtse, Ärgernisse, Albträume für Filch, aber keine Helden."
"Da habt ihr spektakulär versagt, mein Sohn", sagte Arthur Weasley, hob sein Glas und trank George zu. George grinste ein wenig und drehte sein Glas zwischen den Fingern.
"Erzähl, Marianne", sagte Molly Weasley und tätschelte ihr die Hand. "Wie war das mit dem Dach am Astronomieturm?"
Marianne erzählte.
Marianne kam voller Vorfreude in ihr zweites Jahr auf Hogwarts. Ihr Kusin Draco war in den Ferien unerträglicher denn je gewesen. Er hatte einen Besen zum Geburtstag bekommen und flog seitdem unentwegt durch den Garten, riss die Wäsche von der Leine und behauptete, Marianne sei es gewesen. Dobby, der Hauself, war im Zustand fortgeschrittener Auflösung wegen Dracos Aus-Flügen und Marianne war heilfroh gewesen, als der erste September kam und Onkel Lucius sie ans Gleis 9 ¾ brachte. Tante Narzissa hatte diesmal keine Zeit gehabt, sie zu begleiten. Draco hatte sich beim Fliegen ein Handgelenk gebrochen und sie war mit ihm ins Zaubererhospital St.Mungos gefahren, um es richten zu lassen.
Lucius verabschiedete seine Nichte in seiner üblichen herablassenden Art, aber Marianne hatte immer das Gefühl gehabt, dass sich dahinter eine Art widerwilliger Aufmerksamkeit verbarg. Jedenfalls achtete Onkel Lucius auf ihre Zeugnisse und belohnte sie für gute Leistungen. Und dieses Jahr hatte er ihr einen Besen gekauft.
"Ich nehme nicht an, dass du es in die Quidditch-Mannschaft deines Hauses schaffst", hatte er gesagt. "Diese Weasleys haben dort zu viel Einfluss, aber eine passable Fliegerin solltest du werden können."
Marianne fuhr nach Hogwarts zurück mit dem halb verwirrenden, halb befriedigenden Gefühl, dass sie ihrem Onkel, ihrer Tante und Draco eins auswischte, indem sie mit den Weasley Zwillingen befreundet war.
Fred und George hatten den ganzen Sommer über nichts von sich hören lassen. Deshalb war Marianne auch ein klein wenig beunruhigt, als sie eine Viertelstunde nach der Abfahrt die vertrauten Stimmen auf dem Korridor hörte. Vielleicht hatten sie beschlossen, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben?
Aber ihre Befürchtungen lösten sich in Nichts auf, als sich Fred neben ihr auf den Sitz fallen ließ und sagte: "Endlich, Lady Marianne. Wir haben den ganzen Zug nach dir abgesucht. Wie war dein Sommer?"
George ließ sich auf den gegenüberliegenden Sitz fallen und zog ein zerfleddertes Heft aus der Tasche.
"Lausig", sagte Marianne. "Kusin Draco übt für einen Wettbewerb: wer ist der größte Idiot in der Zaubererwelt? Ich glaube, er hat gute Chancen. Und jetzt hat er auch noch einen Besen. Ich allerdings auch", sagte sie stolz und zog ein längliches Paket aus dem Gepäcknetz. "Wow", sagte George und beugte sich vor, "zeig mal her! Ein Komet 260. Nicht schlecht. Ein echter Mädchenbesen."
Marianne hieb ihm den echten Mädchenbesen um die Ohren. "Was fliegt ihr beiden denn? Sauberwisch, möchte ich wetten."
Fred und George nickten stolz. "Dieses Jahr schaffen wir es bestimmt in die Mannschaft", sagten sie.
"Ich dachte, euer Bruder ist der Kapitän?" sagte Marianne. "Da solltet ihr doch kein Problem haben, in die Mannschaft zu kommen."
"Ah, da kennst du Charlie schlecht", Fred nagte trauernd an einem Fingernagel. "Charlie schaut nur darauf, wie einer fliegt, nicht auf die Abstammung. Glücklicherweise …"
"… fliegen wir auch ganz gut", ergänzte George.
Nach dieser Unterhaltung war Marianne nicht sehr überrascht, dass die Zwillinge als Treiber in die Mannschaft aufgenommen wurden. Sie selbst erschien zwar beim ersten Auswahltermin, aber sie wusste schon nach ihrem ersten Flug, dass ein anderes Mädchen besser gewesen war als sie. Charlie Weasley schaute sie kaum an, als er ihr mitteilte, dass sie leider nicht gut genug für das Team sei.
"Mach dir nichts draus, Marianne", sagte George und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern. "Wenn du mitfliegen würdest, wer würde denn dann unseren Fanclub leiten?".
Marianne machte Gebrauch von ihrem Mädchen-Besen auf Georges kostbarstem Körperteil. "Fan-club! An dem Tag, an dem ich einen Fan-club für euch beide leite, wird Professor Snape anfangen, Häkeldeckchen auf sein Pult zu legen. Apropos, habt ihr den Aufsatz für ihn fertig? Die sieben Möglichkeiten, wie aus dem Kräftigungselixier ungesunde bis tödliche Tränke werden?"
"Ich hab nur sechs herausgefunden", sagte Fred.
"Du suchst besser noch nach der siebten", sagte George, "oder er lässt dich ausprobieren, welche es ist.."
"Ja, er legt soviel Wert darauf, dass wir Schüler aus unseren eigenen Erfahrungen lernen."
"Er ist so um unser Wohl bemüht ."
"Ein begnadeter Pädagoge ..."
"Wer hat ihn begnadigt?", fragte Marianne. "Ich nicht. Ich habe diese sieben Möglichkeiten gefunden, aber ich habe zwei volle Stunden dazu gebraucht. Schon deshalb, weil so ein Lärm war."
"Lärm?", fragte George. "Wir waren doch gar nicht im Gemeinschaftsraum, gestern Abend."
"Ach, es ging um diesen kleinen Hufflepuff, Timmy Doyle. Zwei dieser Idioten aus dem ersten Jahr haben sein Knuddel-mich geklaut und an allen im Gemeinschaftsraum ausprobiert …"
"Sein was?", fragte Fred. "Was, bitte schön, ist ein Knuddel-mich? Hört sich nach so einem Luxus-Spielzeug an, für das bodenständige Hexen wie unsere Mutter kein Gold ausgeben würden."
"Ach, ihr kennt doch diese mütterlichen Artefakte, die manche Kinder mitbringen. Erinnermichs, Aufräum-Motivators, Heimweh-Minimators und eben Knuddel-michs. Die Mütter geben sie ihren Kindern mit, damit die sich mehr zuhause fühlen im ersten Jahr. Ich habe letztes Jahr eine Menge davon gesehen. Auch wenn ich selber so was von Tante Narzissa nie kriegen würde. Würde ich auch drauf verzichten," schloss sie grimmig.
"Wie funktioniert ein Knuddel-mich?" fragte Fred erneut.
"Er sieht aus wie eine kleine Pelzkugel", sagte Marianne, "niedlich und knuddelig und man nimmt ihn in die Hand und hält ihn an die Wange oder drückt ihn einfach an sich und fühlt sich, als ob man von jemandem ganz fest umarmt wird. Das sagen jedenfalls die anderen", sagte sie und wurde etwas rot. Sie wollte nicht, dass Fred und George dachten, sie hätte die Knuddel-michs anderer Schüler ausprobiert.
"Und Timmy Doyle hat so einen Knuddel-mich …"
"… hatte", korrigierte Marianne. "Diese beiden kompletten Idioten Jonathan Darkwood und Ophelia Bone haben ihn erst damit aufgezogen und ihm nach Verwandlung das Ding geklaut. Er hat geheult und geschrieen, aber sie sind damit in unseren Gemeinschaftsraum gerannt und den kennt er ja nicht. Sie haben den ganzen Abend damit angegeben und sich lächerlich gemacht. Wo wart ihr denn eigentlich?"
"Heute war unser regelmäßiges Date mit Filch", sagte George. "Der Mann ist so fasziniert von uns, wenn er uns nicht einmal die Woche sieht, kommt er ganz durcheinander."
"Ja, er braucht uns einfach. Da müssen wir schon mal auf einen freien Abend verzichten", sagte Fred. Marianne schnaubte verächtlich. "Und was durftet ihr diesmal für ihn tun?"
"Alte Pergamente sortieren", sagte George. "War hochinteressant, wir haben mehr gelernt als in mancher Unterrichtsstunde."
"Zum Beispiel haben wir schon eine ungefähre Ahnung, wie man in die Küche kommt."
"Und wir wollen versuchen, den separaten Eingang zum Astronomieturm zu finden.", sagte Fred.
"Was für einen separaten Eingang zum Astronomieturm?", fragte Marianne.
"Nun", George lehnte sich genüsslich auf seinem Stuhl zurück. "Auf einem alten Plan, den Filch in einem Anfall mittlerer geistiger Umnachtung von uns hat einsortieren lassen, ist eine Treppe eingezeichnet, die auf das Dach unterhalb des Astronomieturms führt. Und von dort aus müsste man eigentlich ziemlich leicht dort hinauf kommen."
"Um was zu tun?", fragte Marianne und tat so, als sei sie nur milde interessiert.
"Dort stehen viele präzise geeichte Instrumente", informierte George sie, "die man etwas … äh … anders eichen kann. Es handelt sich um ein streng wissenschaftliches Experiment."
"Ja", ergänzte Fred, "wir wollen herausfinden, wie lange zum Beispiel Professor Sinistra braucht, um zu merken, dass auf allen Astrolabien die Meridiane falsch eingestellt sind und die Schüler deswegen gar keine richtigen Ergebnisse erzielen können."
"Streng wissenschaftlich", sagte George.
"Ihr habt nicht alle Tassen im Schrank", stellte Marianne zufrieden fest. "Nehmt ihr mich mit, wenn ihr rauf geht?"
Beide Weasleys grinsten. "Selbstverständlich, du bist doch die hochverehrte Leiterin unseres Fan-Clubs!"
"Spinner!", sagte Marianne.
Aber am nächsten Tag überschlugen sich bereits die Ereignisse, die Fred und George schließlich auf das Dach unterhalb des Astronomieturms führten.
Jonathan Darkwood, ein muggelstämmiger Junge, der alle Vorurteile bestätigte, die über seinesgleichen im Umlauf waren, und Ophelia Bone, eine Reinblütige, die alle hochmütigen Urteile widerlegte, die über Reinblüter im Umlauf waren, verkündeten während der gemeinsamen Verwandlungsstunde der Gryffindors und Hufflepuffs, dass sie Timmy Doyles Knuddel-mich ganz oben an der Wetterfahne des Astronomieturms aufgehängt hätten. Er sollte ihn dort abholen, wenn er ihn wiederhaben wollte.
Timmy Doyle war verzweifelt. Er war ein dicklicher, schüchterner Junge, der eigentlich gar nicht von Zuhause weg gewollt hatte. Sich an Professor Sprout, seine Hauslehrerin zu wenden, wagte er nicht, sondern versuchte, selbst auf den Astronomieturm zu gelangen. Dabei rutschte er aus und fiel von der Brüstung.
Zum Glück fiel er nicht tief. Es gelang ihm, sich auf einem schrägen Dach unterhalb des Turmes anzuklammern. Dort saß er und schrie und weinte und die halbe Schule lief unter ihm zusammen.
Madam Hooch flog mit einem Besen hinauf und wollte ihn herunter holen, aber Timmy hatte solche Angst, dass er sich nur am Dachfirst festhielt und sonst keinen Muskel regen konnte. Die Lehrer diskutierten besorgt, was es für Möglichkeiten gab, ihn herunter zu holen. Einige sprachen schon davon, Professor Dumbledore zu Rate zu ziehen, aber er war offenbar bei einer Sitzung des Zaubererrates und niemand wagte, in seiner Abwesenheit irgendwelche ungewöhnlichen Maßnahmen zu ergreifen.
Marianne, Fred und George standen im Hof und starrten wie alle anderen Schüler nach oben.
"Lange kann er sich da nicht mehr halten", sagte George und nagte an seiner Unterlippe.
"Hängt sein Knuddel-Dingsda eigentlich wirklich da oben?"
Marianne hob die Schultern. "Ich glaub eigentlich nicht daran. Jonny Darkwood und Ophy Bone sind so was von unterbelichtet, die kommen doch nie im Leben an die Wetterfahne auf dem Astronomieturm ran. Timmy ist allerdings kaum weniger unterbelichtet, weil er ihnen geglaubt hat. Aber wenn ihr mich fragt, haben sie das Ding in irgendeinen Abfalleimer gestopft."
"Man müsste wissen, in welchen?", überlegte Fred.
"Warum?", fragte Marianne.
"Weil er, wenn man ihm sein Kuschel-würg vor die Nase hält, vielleicht loslässt und sich retten lässt", sagte Fred langsam.
"Wie kriegen wir es heraus?", fragte George. Marianne ballte die Fäuste. "Nichts leichter als das. Wir foltern sie."
"Brillante Idee!", fand George.
Jonathan Darkwood und Ophelia Bone standen unter den Schülern und grinsten unverhohlen. Fred und George steckten jeder eine Hand in die Tasche und näherten sich ihnen unauffällig von hinten. Marianne ging von vorne auf sie zu.
"Also, ihr zwei Zentaurenköttel", sagte sie, "wo habt ihr Timmys Dingsda hingetan?"
"Sagen wir nicht", flötete Jonathan.
"Aber er ist wirklich in Gefahr da oben."
"Zu dumm für ihn", sagte Ophelia.
"Jetzt!", sagte Marianne. Fred und George zogen ihre Zauberstäbe aus den Taschen und stießen sie Jonathan und Ophelia in die Seiten. Marianne nahm ihren ebenfalls heraus und hielt ihn Jonathan unter die Nase.
"Uh, jetzt fürchten wir uns aber", höhnte Jonathan.
"Psorisiato!", flüsterten Fred und George, und als Jonathan und Ophelia nach vorne ausweichen wollten, rief Marianne eine einfache Beinklammer auf, die sie erst am Vortag richtig gelernt hatte und beide mussten stehen bleiben, wo sie waren.
Psorisiato war streng genommen erst Stoff für das dritte Jahr, aber Fred und George hatten ein bemerkenswert gutes Gedächtnis, wenn es darum ging, sich Sachen zu merken, die sie eigentlich noch nichts angingen. Sie hatten den Fluch von Bill und Charlie aufgeschnappt, er bewirkte einen unerträglichen Juckreiz. Jonathan und Ophelia wanden sich in Qualen.
"Wo ist Timmys Knuddel-mich?", fragte Fred und unterstützte den Juckreiz noch durch leichtes Antippen mit dem Zauberstab.
Jonathan gab zuerst auf. "Im Gryffindorgemeinschaftsraum", ächzte er. "Unter der Kohlenschaufel."
"Die Firma dankt", sagte George. "Marianne, kannst du nachsehen gehen? Wir halten diese beiden noch etwas in Schach."
Marianne rannte in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und fand tatsächlich unter der Kohlenschaufel neben dem Kamin den reichlich angestaubten Knuddel-mich. Sie nahm ihn in die Hand und spürte sofort eine Wärme in sich aufsteigen, die sie ihrer Erinnerung nach noch nie erlebt hatte. Einen Augenblick wollte sie nur stehen bleiben und das Gefühl genießen. Aber dann fiel ihr Timmy auf dem Dach wieder ein. Sie stopfte sich den Knuddel-mich unter den Umhang und lief zurück auf den Hof.
Die Lehrer waren inzwischen überein gekommen, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als Timmy einen Schockzauber zu versetzen und ihn, wenn er das Dach hinunter glitt, aufzufangen.
"Wahnsinn", sagte George. "Der Kleine ist fürs Leben traumatisiert. Auf, Fred, Zeit, dass wir unsere jüngst erworbenen Kenntnisse einsetzen.Gib mir mal das Knuddel-dich!"
Marianne reichte ihm den Pelzball und er schob ihn unter seinen Umhang.
"Komm, Marianne, du musst uns Glück bringen", sagte Fred und lief los.
"Und uns die Leiter halten", fügte George hinzu.
Marianne hastete neben ihnen her. "Welche Leiter?"
Sie fand nur zu schnell heraus, welche Leiter sie meinten. Um den separaten Eingang zum Astronomieturm zu erreichen, musste man durch eine Luke in der Decke klettern. Dort hinauf führte nur eine wacklige mit Spinnweben bedeckte Leiter, das heißt eigentlich war es bloß ein Balken mit brüchigen Sprossen. Marianne umklammerte den Balken, während Fred und George hinauf kletterten. "Und ich?", schrie sie dann empört, als die beiden oben ohne einen Blick zurück weiter liefen.
"Du sagst McGonagall, was wir vorhaben!" schrie Fred ihr zu. "Sie soll vorsichtshalber Madam Hooch schicken."
"Wie überaus gut ausgedacht von euch!", brüllte Marianne verärgert. Sie wäre auch gerne auf das Dach der Schule gestiegen und nahm sich vor, Fred und George für diesen Trick zahlen zu lassen. Vorerst aber lief sie zu Professor McGonagall und berichtete ihr atemlos, dass Fred und George Weasley versuchen wollten, Timmy vom Dach zu holen. McGongall wurde blass und sagte Worte, die jedem Schüler Nachsitzen eingetragen hätten. Dann rannte sie, um Madam Hooch zu holen.
Vor den Augen der anderen Schüler kletterten Fred und George inzwischen aus einem Dachfenster, das so dick mit Eulenkot bedeckt war, das man es von außen gar nicht erkennen konnte, und tasteten sich auf Timmy zu. Sie standen mit den Füßen in den Regenrinnen und hielten sich mit den Fingern am First fest und Marianne stand unten auf einem Bein und presste alle zehn Finger vor den Mund und schwor sich, die beiden nie wieder zu ärgern und nie wieder Dinge nach ihnen zu werfen, wenn sie nur heil herunter kamen.
Timmy Doyle war beinahe gelähmt vor Furcht, als Fred und George Weasley plötzlich zu seinen Füßen auftauchten.
"He, Timmy", sagte Fred, "suchst du das hier?"
Er nahm eine Hand vom First – Marianne starb beinahe – und zog den Knuddel-mich hervor. Timmy stieß ein Schluchzen aus und hätte beinahe danach gegriffen, erschrak zu Tode und griff sofort wieder nach dem Dachfirst.
"Also, du siehst, es ist nicht mehr nötig, dass du noch länger hier verweilst", sagte George. "Wie wäre es, du kommst mit uns runter und wir verhauen Jonathan Darkwood und Ophelia Bone gemeinsam?"
Timmy nickte stumm und starrte verzweifelt in die Tiefe.
In diesem Moment hörten sie das typische Geräusch eines sich nähernden Besens. Madam Hooch tauchte neben ihnen auf. "Komm, Timmy", sagte sie entschieden, "jetzt geht es dir ja wohl besser. Gib mir deinen Arm und ich ziehe dich rüber auf meinen Besen. Ihr zwei", sagte sie zu Fred und George, "kommt ja wohl alleine wieder runter."
"Wir?", sagte George. "Wir wollen doch nur die Aussicht bewundern."
"Ja, Fassadenklettern ist unser neuer Ausgleichssport", behauptete Fred.
"Ich sage Professor McGongall kein Wort von dem, was ihr eben gesagt habt", sagte Madam Hooch mit hochgezogenen Augenbrauen. "Macht sofort, dass ihr hier runter kommt!"
Sie wendete ihren Besen und flog mit Timmy und seinem Knuddel-mich hinunter auf den Hof.
Fred und George hatten etwas Probleme, wieder zurück zu dem mit Eulenkot verschmierten Dachfenster zu kommen. Sie tasteten sich Schritt für Schritt und Griff für Griff zurück und unten im Hof schlossen die Slytherins Wetten darauf ab, ob sie es schaffen würden und die Gryffindors hielten den Atem an. Als zu sehen war, dass sie es schaffen würden, erhob sich donnernder Applaus unter den Gryffindors.
Marianne stürzte ins Gebäude und lief zu der Deckenluke mit der wackligen Leiter. Kurze Zeit darauf erschienen Fred und George – eine Spur bleicher als gewöhnlich – auf den obersten Sprossen und klettern hinunter. Aus der Nähe war deutlich zu sehen, dass ihre Knie zitterten.
"Ihr seid die absolut wahnsinnigsten Spinner, die Hogwarts je gesehen hat", schimpfte Marianne. Dann fiel sie erst Fred und dann George um den Hals. "Ich bin so froh, dass ihr wieder unten seid."
"Oh", sagte George und rieb sich die Nase. Bei ihrer Umarmung hatte Marianne ihm einen derben Kopfstoß versetzt. "Hast du das öfter?"
"Nur, wenn ihr solche Sachen macht", sagte Marianne verlegen.
"McGongall hat damals gesagt, sie wollte mal von einer Strafe absehen, weil wir aus edlen Motiven gehandelt hätten", erinnerte sich George. "Edle Motive. Wir hatten das Gefühl, beschimpft zu werden."
"Lüg nicht so schamlos", sagte Marianne.
Sie blickte auf, als sie Schritte hörte, die näher kamen, und sah Percy Weasley, der erschöpft und verheult aussah und ein Bein nachzog. "Sie wollen die … die Lei … also, die Toten jetzt weg bringen", sagte er leise. "Mum, Dad, George, wir sollten vielleicht noch einmal …"
George drehte sich abrupt um. "Nein", sagte er.
Seine Eltern und Percy starrten ihn an. Ihre Blicke drückten Unverständnis und Anklage zu gleichen Teilen aus. Auch Marianne verstand ihn nicht. "Willst du ihn nicht noch einmal sehen?", fragte sie leise.
George schüttelte den Kopf ohne sie anzusehen. "Das ist nicht mehr Fre"", sagte er mit leiser, verbissener Stimme. "Er ist weg. Du wirst sehen, dass er weg ist. Ich schau mir das nicht noch einmal an. Ich will mich so an ihn erinnern, wie er war, lebendig und … ich tu das mir und ihm nicht an. Wenn ich jetzt noch mal hingehen", jetzt drehte er sich doch zu Marianne um in verzweifeltem Bemühen, sich verständlich zu machen, "dann ist das das letzte Bild, das ich von ihm habe. Du solltest auch nicht hingehen, Marianne."
"Natürlich gehe ich noch mal hin", sagte Marianne verständnislos. "Deine Eltern und Percy gehen auch. Und Ginny und Ron und sogar Hermine Granger. Du bist der einzige, der hier sitzen bleibt, George."
"Ich bin auch sein einziger Zwillingsbruder", sagte George und es klang, als zerbräche bei jedem Wort etwas in ihm. "Mum und Dad fehlt ein Sohn und Percy, Ron und Ginny fehlt ein Bruder. Aber mir fehlt ein Stück von mir selber. Verstehs' oder nicht, Marianne, aber ich geh nicht hin!"
Er versuchte, sie fest zu halten, aber Marianne machte sich los und ging den anderen Weasleys nach zu den Tischen hinüber, auf denen Fred, Tonks und Lupin lagen.
Der Schatten seines letzten Lachens war aus Freds Gesicht gewichen. Er sah ernster aus, strenger und als sei er schon weit entfernt von der Welt, die er zurück gelassen hatte. Marianne schaute auf sein Gesicht. Jemand hatte seine Augen geschlossen und wenn sie nicht gewusst hätte, dass es Fred war, hätte sie ihn nicht erkannt. Etwas fehlte. Das, was ihn zu Fred gemacht hatte, unverwechselbar –jedenfalls für die, die ihn gut kannten - unersetzbar, war verschwunden.
Sie streckte die Hand aus und berührte sein Haar, seine Wange. Undeutlich nahm sie wahr, dass Arthur und Molly Weasley neben ihr fassungslos und unter Tränen auf ihren Sohn schauten. Sie konnte Ron und Percy schluchzen hören. Ginny stand stumm und tränenlos neben ihnen. Mariannes Augen brannten, ihre Kehle schnürte sich zusammen. Das hier war nur noch eine Hülle, es war nicht mehr der Mensch, den sie geliebt hatte. George hatte Recht gehabt, sie hätte nicht hingehen sollen.
Blind vor Tränen drehte sie sich um und ging durch die Große Halle. Irgendwohin. Es war egal, wohin sie ging. Von hier aus führte kein Weg irgendwohin.
Sie lief gegen etwas Festes, das ihr nicht aus dem Weg ging und musste die Augen aufmachen, um zu erkennen, was es war.
"Ich hab's dir doch gesagt", sagte George.
Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. "Du hattest Recht. Wie immer."
George nahm sie in die Arme. "Vielleicht…vielleicht bleibt er irgendwie bei uns", flüsterte er. "Nicht als ein Geist, als er selber. Vielleicht. Ich weiß es nicht, das ist Mysteriumszeug, das habe ich nie richtig verstanden. Harry und Ron und Hermine wissen darüber besser Bescheid, vielleicht können wir sie ja fragen, wenn all das hier … vorbei ist. Ich weiß nur, dass ich nicht dieses Bild von ihm haben will. So wie er jetzt da liegt. Das ist er nicht."
"Nein", flüsterte Marianne, "du hattest Recht, das ist er nicht mehr. Meinst du, er ist noch irgendwo? Unsichtbar, aber wirklich?"
"Ich weiß es nicht", flüsterte George, "aber ich muss es glauben. Ich muss es glauben, Marianne, sonst … sonst kann ich nicht weiterleben, verstehst du?"
Marianne umarmte ihn so fest sie konnte. Die Vorstellung, auch noch George zu verlieren, war unerträglich für sie.
Sie erinnerte sich.
