4.Kapitel Expecto Patronum

Mariannes fünftes Schuljahr war geprägt von Nervosität.

Da waren einmal die am Horizont drohenden ZAG-Prüfungen. Wie eine Gewitterfront türmten sie sich über dem Schuljahr und versetzten die Fünftklässler in unterschiedlich intensive Ausnahmezustände.

Eine Hufflepuff-Schülerin erlitt einen Nervenzusammenbruch, zwei Slytherins wurden bei derart massiven Betrugsversuchen ertappt, dass sie das fünfte Jahr wiederholen mussten. Fred und George Weasley äußerten ihre Nervosität dadurch, dass sie noch wildere Streiche planten als übrig, noch öfter über die Stränge schlugen und schließlich sogar ihren treuesten Freunden, Lee Jordan und Marianne, auf die Nerven gingen.

„Zum letzten Mal, ich kann nicht lesen, wenn ihr hier so rumschreit!" schrie sie an einem düsteren Oktoberabend und klappte ein tausendseitiges Buch über Mittelalterliche Zaubertränke mit solcher Wucht zu, dass der Staub aus den Seiten flog.

„Wir üben auch", protestierte George. „Das sind mittelalterliche Muggel-Beschwörungsgesänge. Sie heißen Georganik oder so ähnlich und ich fühle mich schon aus persönlichen Gründen verpflichtet, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Vielleicht erfahre ich etwas über einen bisher verborgen gebliebenen Vorfahren von mir."

„Georganik", schnaubte Marianne, „du hast sie nicht alle, George Weasley. Das Zeug heißt Gregorianik und hat mit Beschwörung soviel zu tun wie Kusin Draco mit der Heilsarmee..."

„... was ist die Heilsarmee?"

„Da sieht man es mal wieder. Wofür meinst du, müsstest du mittelalterliche Muggelgesänge können?"

„Na, für die Prüfung in Muggelkunde."

„Seit wann hast du Muggelkunde auf dem Stundenplan?" fragte Marianne völlig perplex.

„Seit sich rumgesprochen hat, dass man da relativ einfach einen ZAG erwerben kann. Mal ehrlich, Marianne, wir haben zuhause soviel über Muggel aufgeschnappt, dass wir in diesem Fach locker ein E machen werden, wenn nicht sogar ein O und wir wären blöd und unzurechnungsfähig, wenn wir diese Chance sausen ließen."

„Oh, aber was die Heilsarmee ist, wisst ihr trotzdem noch nicht? Dann lest doch einfach die Texte, die Professor Burbage angegeben hat, anstatt hier Gregorianik zu üben. Ich hatte letztes Jahr Muggelkunde und weiß noch, wie es richtig heißt. Vielleicht sollte ich für euch die ZAG-Prüfung machen und ihr geht stattdessen auf den Straßen von Hogsmeade singen?"

Fred hatte dem verbalen Schlagabtausch zwischen George und Marianne gelassen nicht zugehört. Er blätterte in dem Buch, das er und George aufgeschlagen vor sich liegen hatten. Auf einer Seite war ein Bild von einem schwarz-weiß gekleideten Mönch, der eine Kapuze trug, die sein ganzes Gesicht beschattete. „Sieht aus wie ein Todesser", sagte er.

Marianne entließ George aus ihrem zornigen Blick und schwang sich über die Sofalehne zu Fred hinüber. „Zeig mal her! Ach, ja, das Buch kenn' ich, das hat uns Professor Burbage letztes Jahr auch lesen lassen. Warte mal, hier ist ein tolles Bild."

Sie leckte kurz an ihren Fingerspitzen und blätterte weiter. „Da, schau dir das an!"

Auf zwei gegenüberliegenden Seiten waren Szenen aus dem Kampf eines Ritters mit einem Drachen dargestellt. Auf der linken Seite eine typische mittelalterliche Darstellung des heiligen Georg, der auf einem weißen Pferd sitzen einen Drachen aufspießte wie ein englischer Herrenjäger einen Fuchs. Auf der rechten Seite war eine Darstellung aus einem Zauberbuch. Sie zeigte einen wild mit dem Schwanz peitschenden Drachen, der mit einer Vorderklaue einen reichlich mitgenommen wirkenden St.Georg wieder und wieder zu Boden schmetterte, während ein weißes Pferd im Hintergrund davon lief.

„Gut, was? Saint George und der Drache." Marianne kniete neben Fred auf dem Zweiersofa und langte über seine Schulter nach dem Buch. „Man kann genau erkennen, dass es derselbe Mann ist. Die Muggel haben ihn immer als den Drachentöter dargestellt, aber ich glaube, das rechte Bild trifft es irgendwie besser, oder?"

Fred wandte den Kopf etwas nach links, Mariannes Haar streifte über seine Wange. „Der Drache sieht toll aus. Was ist das für einer? Charlie wüsste es sofort."

Marianne beugte sich etwas vor und betrachtete kritisch das Bild. „Ich würde sagen, es ist ein walisischer Grünling. Die Flügel sind etwas dunkler als gewöhnlich, aber das kann auch daran liegen, wie sich der Drache ernährt und wo er sich meistens aufhält. Wenn sie in Höhlen leben, bleiben sie blasser in der Färbung."

„Habt ihr sonst heute abend noch was vor?" fragte George.

Der zweite Grund zur Nervosität waren die Dementoren. Sie waren einfach überall, außer im Inneren der Schule. Professor Dumbledore machte aus seiner Abneigung ihnen gegenüber keinerlei Hehl, aber da fast alle Schüler schon auf der Fahrt im Hogwarts-Express die Wirkung der Dementoren erlebt hatten, ließen sie sich rasch davon überzeugen, dass man mit diesen Kreaturen keine Experimente riskieren konnte. Sogar Fred, George und Lee sahen vorerst davon ab, sie zu provozieren. Obwohl sie natürlich davon redeten.

„Mich erinnern sie an Mums alte Putzlumpen", sagte George.

„Das sind unsere Kinderpyjamas", sagte Fred gekränkt.

„Ja, aber ehrlich, du würdest nicht mehr hineinpassen und sie sind jetzt so lange als Putzlappen verwendet worden, dass sie sich daran gewöhnt haben dürften", entgegnete George. „Was meinst du, ob man mit einem Dementor die Küche wischen kann? Vielleicht nach einem richtig heftigen Streit?"

„Hört auf mit dem Quatsch", sagte Marianne und schauderte.

In Verteidigung gegen die dunklen Künste beantwortete Professor Lupin alle Fragen zum Thema Dementoren mit gleichbleibender Gelassenheit. Fred und George stellten enttäuscht fest, dass es ihnen nicht gelang, Lupin zu provozieren. Er blieb ruhig und gelassen, ganz egal, wie albern sie sich aufführten, so dass sie es schließlich aufgaben und anfingen, für die ZAGs zu lernen.

„Professor", fragte Fred in einer Stunde Ende Februar, „wir haben gehört, dass es eine Möglichkeit gibt, Dementoren abzuwehren."

„Genauer gesagt, wir haben es gesehen", ergänzte George.

„Und wir finden, dass wir das auch lernen sollten und nicht nur besonders gefährdete Drittklässler", sagte Lee Jordan.

Professor Lupin lächelte. „Ihr bezieht euch natürlich auf das Quidditch-Spiel gegen Ravenclaw. Wir wissen ja alle, dass das kein echter Dementor war."

„Aber es war ein echter Patronus", sagte Marianne, ohne aufzuzeigen.

Schweigen fiel über die Klasse. Professor Lupin räusperte sich.

„Patronusse sind eigentlich erst etwas für das sechste Schuljahr", sagte er. „Ich habe für Harry Potter eine Ausnahme gemacht und alle hier wissen, denke ich, warum. Aber ich glaube nicht, dass wir zu weit von unserem Lehrplan abweichen, wenn ich euch in die grundlegende Theorie des Patronus-Zaubers einführe. Wir werden zwei Doppelstunden dafür verwenden und am Ende der zweiten auch einige praktische Übungen einbauen. Sind Sie damit zufrieden, Mr. Weasley? Ich fürchte allerdings, dass die Kenntnisse, die sie auf diese Weise erwerben, nicht ausreichen werden, um sich in Hogsmeade mit einem Patronus zu duellieren, der vor Zonko's Wache steht, verstehen Sie mich?"

Die Klasse röhrte vor Lachen. Fred wurde rot.

„Der Patronus-Zauber", erläuterte Professor Lupin zwei Tage später, „ist nicht ausschließlich eine Methode, Dementoren abzuwehren. Grundsätzlich gilt, dass sich unser Patronus aus unseren tiefsten positiven Gefühlen aufbaut. Um einen guten, starken Patronus zu entwickeln, müssen Sie mehr auf Ihre Gefühle zugreifen, als auf Ihren Verstand. Das führt dazu, dass überdurchschnittlich begabte Schüler häufig Probleme mit dem Patronus-Zauber haben. Sie verlassen sich zu sehr auf ihren Verstand und misstrauen Gefühlen, halten sie für schwach und unzuverlässig.

Nun, wenn es darum geht, welches Mädchen welchen Jungen anschaut, liegen sie damit gar nicht so falsch" – wieder Gelächter in der Klasse und erstaunlicherweise war das röteste Gesicht das von Lee Jordan, der in jüngster Zeit vermehrt versucht hatte, die Aufmerksamkeit von Angelina Johnson zu erwecken – „aber sie sollten Gefühle auch nicht unterschätzen. In Situationen, in denen Ihnen Ihr kühler Kopf und ihr gesunder Menschenverstand abhanden gekommen sind, können sich Ihr Gefühle als die einzig verbleibende Basis Ihres Handelns erweisen. Wenn Sie vor Wut nicht mehr denken können, handeln Sie nur noch aus dieser Wut heraus und tun mitunter Dinge, die Sie sich niemals zugetraut hätten. Genauso haben Menschen aus Liebe Erstaunliches vollbracht.

Wut wird Ihnen gegen einen Dementor aber nichts nützen. Dementoren gedeihen von negativen Gefühlen und verstärken sie. Angst, Trauer, Verzweiflung, Bitterkeit, Hass sind die Lieblingsdesserts des durchschnittlichen Dementors. Ihre eigenen Waffe dagegen sind Freude, Glück, Liebe und Vertrauen. Sie müssen sich auf ein positives Gefühl konzentrieren. Das geht am einfachsten, wenn sie sich eine glückliche Erinnerung ins Gedächtnis rufen. Versuchen Sie nicht, diese zu analysieren, etwa, warum sie glücklich ist. Rufen Sie einfach Bilder vor Ihr inneres Auge und erlauben Sie den damit verbundenen Gefühlen, sich in Ihnen auszubreiten und Ihr Handeln zu kontrollieren.

Ein Patronus dient übrigens nicht nur zur Dementoren-Abwehr. Sie können ihn, wenn Sie den Zauber gut beherrschen, zum Übermitteln von Nachrichtern über relativ kurze Distanzen verwenden. Anders als eine Eule, kann ihm seine Botschaft nicht abgenommen werden. Und sie sind ein Trost und eine Stärke für denjenigen, der gelernt hat, seinen Gefühlen zu vertrauen. Und nicht zuletzt ist ein Patronus immer auch ein Ausdruck der Persönlichkeit seines Zauberers. Ihr Patronus zeigt Ihnen und den anderen ein wenig, wer und wie Sie sind, und zwar in einer sehr schönen Form. Gut." Lupin klopfte sich mit seinem Zauberstab in die Hand. „Fangen wir mit der praktischen Übung an, die ich Ihnen versprochen hatte. Der Spruch heißt ‚Expecto Patronum'. Sie konzentrieren sich auf Ihre Erinnerung, versuchen, Ihren Verstand beiseite zu lassen und sagen den Spruch. Auf geht's!"

Die ersten Versuche waren ziemlich peinlich. Silberner Rauch tröpfelte aus einigen Zauberstäben. Lee Jordan bekam immerhin so etwas wie den Geist eines Panthers hin. Er starrte wie gebannt auf Angelina dabei und der Panther wäre sicher noch deutlicher geworden, wenn sie nicht angefangen hätte zu kichern. Da löste sich Lees Raubkatze augenblicklich in Rauch auf und Professor Lupin rief: „Ja, das war schon sehr gut, Mr. Jordan. Lassen Sie sich nicht entmutigen."

Aber Lee gelang in dieser Stunde nichts mehr.

Nach einer halben Stunde waren einige Patronusse schon deutlich erkennbar. Marianne stellte fest, dass sie erstaunlich gut damit zu Recht kam. Sie dachte daran, wie sie sich am ersten September in ihren Sitz im Hogwarts-Express fallen ließ, wie der Bahnhof, Onkel Lucius und Tante Narcissa immer kleiner wurden und Draco irgendwo in einem anderen Abteil saß. Wenn dann noch Fred und George herein kamen und sich neben ihr auf die Polster fallen ließen, wurde ihr innerlich ganz warm und etwas Kleines, Hüpfendes und heftig Bellendes sprang aus der Spitze ihres Zauberstabs.

„Ist der goldig!!" riefen Alicia und Angelina.

Ein langhaariger Chihuahua sprang durch den Klassensaal, hüpfte an den Schülern hoch, hechelte und wedelte mit dem Schwanz. Marianne lachte glücklich.

„Sehr groß ist der aber nicht", gab Lee zu bedenken.

Professor Lupin lächelte und folgte wie alle anderen mit den Augen dem kleinen Hund. „Darauf kommt es nicht an, Mr. Jordan. Es sind oft die kleinen Momente im Leben, die uns am glücklichsten machen und ein kleiner, aber starker Patronus, ist besser als ein großer, aber schwächlicher."

„Sogar, wenn es ein Panther sein soll", flüsterte George. Lee deutete einen Ellbogen-Check in seine Richtung an.

„Mr. Weasley", sagte Professor Lupin, dem das nicht entgangen war, „wie wäre es mit Ihnen?"

„Expecto Patronum!" rief George und schwenkte seinen Zauberstand. Ein großes, silbergraues Tier mit langen Beinen und Hufen materialisierte sich. Es wurde deutlicher, warf den Kopf hoch, stellte den Schwanz auf galoppierte steifbeinig auf das Lehrerpult zu. „I-Ahhh!" machte es unüberhörbar.

Einen Augenblick herrschte verdutzte Stille, dann brach ein Gelächter los, dass die Fensterscheiben klirrten. George wurde noch röter als Lee vorher.

„Denk dran, der Patronus stellt deine Persönlichkeit dar!" Fred quietschte vor Lachen.

„Na, dann bin ich mal gespannt auf deinen!" fauchte George.

Fred schaute sich nach links und rechts um. Marianne zwinkerte ihm aufmunternd zu. Er lächelte und schwenkte seinen Zauberstab. „Expecto Patronum!"

Wusch!! Aus Freds Zauberstab brach ein Drache. Einen Augenblick schien er erstaunt zu sein über seinen Aufenthaltsort – oder vielleicht war Fred erstaunt über die Gestalt seines Patronus – dann breitete er seine Flügel aus und flog einmal durch den Saal. Marianne spürte den Luftzug, als die großen, silbernen Schwingen an ihr vorbei wehten. Man mochte kaum glauben, dass das hier nur eine Gestalt aus silbernem Dunst sein sollte, so lebensecht wirkte der Drache.

George stand mit offenem Mund da. „Aber..."stotterte er, „a...aber, ich dachte, wir müssten den gleichen..."

Professor Lupin schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Weasley, ein Patronus ist einzigartig. Sie und Ihr Zwillingsbruder mögen sich äußerlich gleichen wie ein Doxyei dem anderen, innerlich sind Sie zwei verschiedene Persönlichkeiten und das drückt sich auch in der Gestalt Ihrer Patroni aus. Aber Sie sollten sich nicht von allgemeinen Maßstäben leiten lassen. Ein äußerlich starker Patronus kann sich in der Konfrotation mit einem Dementor immer noch als schwach erweisen. Ich habe das eben zu Miss Malfoys Patronus schon angemerkt."

Der Drache schlug einen Salto in der Luft und schwebte über das Lehrerpult, wo er verblasste und verschwand.

„Tut mir leid, George", sagte Fred, als sie ihre Taschen einpackten, „ich hätte nicht lachen sollen über deinen Patronus."

„Lass mich in Ruhe!" schnappte George, warf sich seine Tasche über sie Schulter und stürmte aus dem Raum.

Beim Mittagessen herrschte eisiges Schweigen. George weigerte sich, mit Fred zu reden, und Marianne gab es bald auf, zwischen ihnen vermitteln zu wollen. Sie beendeten das Essen in ungemütlicher Wortlosigkeit.

George war ernsthaft gekränkt. Auch in den nächsten Tagen ging er seinem Bruder und Marianne auf eine Art und Weise aus dem Weg, die schon beinahe lächerlich wirkte. Wenn er ihnen auf dem Flur entgegen kam, drehte er sich um und ging in die andere Richtung, auch wenn er dadurch zu spät in den Unterricht kam. Beim Essen saß er grundsätzlich am anderen Ende des Tisches und im Gemeinschaftsraum ließ er sich gar nicht mehr blicken.

Marianne wusste, dass dieses Zerwürfnis beiden Zwillingen weh tat, aber keiner war bereit, den ersten Schritt zu tun. Unglücklich versuchte sie, für die Prüfungen zu lernen und die üblichen Witze mit Fred und Lee zu machen, aber es gelang ihnen nicht sehr gut.

„George ist ein Idiot", sagte Lee. „Ein Esel ist doch ein total nützliches Tier. Und super intelligent."

„Ja, aber er hat eben einen ganz anderen Ruf als ein Drache", murmelte Fred.

Er kletterte über die Sessellehne, um sich neben Lee zu setzen. Marianne runzelte die Stirn und fragte sich, ob sie irgendetwas falsch gemacht hatte. Fred schien darauf zu achten, nicht zu dicht neben ihr zu sitzen.

„Hoffentlich sind bald diese Prüfungen vorbei, wir werden noch alle komplett gaga davon", seufzte sie.

Lee beugte sich vor. „Wie wäre es, wir unternehmen morgen Nachmittag einen Ausflug in den Honigtopf? Schokolade hebt die Stimmung und stärkt die Gehirnzellen."

„Aber morgen ist Mittwoch", protestierte Marianne, „wir dürfen nicht mitten in der Woche nach Hogsmeade."

„Wir könnten gehen, ohne zu dürfen", sagte Lee. Fred hob die Augenbrauen. „Denk daran, was Professor Lupin gesagt hat: was wir bei ihm gelernt haben, genügt nicht, um einen Dementor ernsthaft zu beeindrucken."

„Vor dem Honigtopf steht kein Dementor", sagte Lee, „sie patrouillieren nur nachts oder wenn wir Ausgang haben die Straßen von Hogsmeade. Sonst sind sie an festen Punkten stationiert. Lupin ist kein Idiot, vor Zonkos steht so ein wandelnder Putzlappen, aber nicht vor dem Honigtopf. Ich sag euch was, wir gehen morgen am späten Nachmittag kurz vor Ladenschluss und bringen George eine Riesentafel Karamellschokolade mit. Das sollte ihn wieder zur Vernunft bringen."

Das gab den Ausschlag. Fred und Marianne waren inzwischen bereit, fast alles zu tun, um George wieder zu versöhnen – außer, einfach auf ihn zuzugehen, natürlich – und sie stimmten Lees Plan zu.

Am nächsten Tag schlichen sie sich um viertel nach Fünf, als es draußen schon dämmerte, durch den Geheimgang in den Honigtopf.

„Wo habt ihr eigentlich unsere alte Karte?" fragte Lee.

„Wir haben sie jemandem gegeben, der sie nötiger brauchte als wir", sagte Fred, „wir kennen sie doch auswendig, Lee."

„Aber wir wissen nicht auswendig, wo zum Beispiel Professor McGonagall gerade ist."

„Doch", sagte Marianne, „es ist kurz nach Fünf. Da ist sie im Lehrer-Gemeinschaftsraum und trinkt Tee mit Flitwick und Sinistra und isst Shortbread. Jede Wette."

Sie krochen unter den Kisten hervor und stahlen sich die Kellertreppe hinauf in den Honigtopf.

Nachdem sie ihre Taschen mit Süßigkeiten gefüllt hatten, hätten sie gleich wieder zurück in die Schule gehen können und sollen, aber wenn an schon mal draußen war, musste das auch ausgenutzt werden und sie beschlossen, noch ein paar Schritte durch Hogsmeade zu schlendern.

Es war ein nass-kalter, ungemütlicher Abend und die paar Schritte machten keinen rechten Spaß, zumal George fehlte. „Gehen wir zurück", sagte Marianne nach hundert Metern und die beiden anderen widersprachen nicht.

Sie wandten sich zurück zum Honigtopf. Auf der Straße war jetzt kein Mensch mehr, nur die Fenster leuchteten hell und anheimelnd durch die rasch fallende Dunkelheit. Sie zogen ihre Umhänge über die Köpfe und wollten gerade die Tür zum Honigtopf aufstoßen, als eine dichtere Schwärze über die Straße fiel.

Marianne kreischte. Es war ihr später peinlich, aber sie konnte es nicht verhindern. Lee machte zwei Schritte rückwärts und griff nach seinem Zauberstand. „Ex...expecto Pa...pa...patronum!" stammelte er.

Weißer Rauch wie von einer Zigarette stob aus seinem Zauberstab und löste sich auf.

Drei riesige Dementoren glitten auf die drei Schüler zu. Fred drängte Marianne gegen die Wand des Hauses und zog ebenfalls seinen Zauberstab. „Expecto Patronum!" rief er und wieder sprang der Drache aus seinem Zauberstab, warf sich auf einen Dementor und klatschte ihm die Flügel um die Ohren. Aber ein anderer hatte bereits mit einer fließenden Bewegung Lee zu Boden geworfen und beugte sich über ihn. Fred machte eine Bewegung zu ihm hin und sah dann wieder Marianne an. Er war hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, sie zu schützen und seinem Freund zu helfen. Sein Patronus-Drache zerfiel in dieser Unsicherheit und zerstob wie Schaum.

Marianne gelang noch der beste Versuch. Ihr Chihuahua stürzte auf die Dementoren zu und schnappte nach ihren Mantelsäumen. Sie wichen einige Schritte zurück. Fred stürzte dorthin, wo Lee am Boden lag, und versuchte, ihn hochzuziehen, aber schon kamen die unheimlichen Gestalten zurück...

Marianne spürte, wie ihr innerlich immer kälter wurde. Es war hoffnungslos. Sie sank in die Knie und stützte sich am Boden ab. Sie hörte Fred ihren Namen schreien und spürte, wie sich etwas Großes und Dunkles über sie senkte. „Das war's", dachte sie.

Dann wurde die Tür zum Honigtopf aufgerissen, warmes, gelbes Licht fiel auf die Straße und eine silberne Gestalt stürmte aus dem Viereck aus Licht und überfiel die Dunkelheit.

Die Dementoren wurden empor gewirbelt. Der Patronus machte kehrt, schlug mit den Hinterhufen aus und beförderte einen Dementor, der sich gerade über Fred gebeugt hatte, wie einen Fetzen altes Zeitungspapier über die Straße. Dann drehte er wieder um und galoppierte auf den dritten zu. Marianne sah einen elegant gebeugten Nacken, zwei lange, silberne wütend angelegte Ohren, vier scharfkantige Hufe, die die Luft zerschnitten und dann sah sie die Dementoren explodieren. Sie verschwanden vor einer Wucht aus Licht und Emotion, der die Dunkelheit nichts entgegen zu setzen hatte.

Mühsam rappelte Marianne sich auf und sah sich um. Sie sah Lee Jordan in einiger Entfernung an der Hauswand lehnen. Er atmete in kurzen Stößen und sein Hemd war fleckig von Schweiß. Fred kniete noch mitten auf der Straße und bemühte sich, auf die Beine zu kommen. George zog ihn am Arm. „Los, nun mach schon! Wir werden alle erwischt werden, wenn du dich nicht beeilst."

Fred tastete nach Georges Schulter und zog sich dran hoch. „Wo ... wo kommst du denn her?" ächzte er.

„Geradewegs aus dem Zaubereiministerium", sagte George grimmig, „wir haben beschlossen, dass unfähige Schüler in Zukunft Nachhilfeunterricht bei Dementoren erhalten. Auf jetzt, ab in den Keller!"

Sie schoben sich so unauffällig wie das schwer atmend und mit zitternden Knien ging in den Keller des Honigtopfes und sanken dort erst einmal auf einige Kisten.

„Nett von dir, uns da rauszuholen", sagte Lee, als er wieder sprechen konnte. „Wenn man bedenkt..."

„Wenn man bedenkt, dass wir ziemlich fies zu dir waren", sagte Fred.

„Ihr ward nicht fieser als ich blöd war", sagte George, „Lupin hatte Recht, mein Patronus stellt meine Persönlichkeit dar. Ich war ein solcher Esel, tut mir leid."

„Und Lupin hatte auch Recht damit, dass sich die Stärke eines Patronus nicht an seiner Gestalt festmachen lässt", sagte Fred. „Ohne dein Silbergrautier lägen wir jetzt als seelenlose Zombies da draußen rum. Übrigens, vielen Dank!"

„Ihr seid herzlich willkommen", sagte George und verbeugte sich.

Dann brachen sie alle vier in Gelächter aus.

Ja, an den Patronus erinnere ich mich auch", sagte George mit einer Art verzogenem Lächeln im Gesicht. „Ich frage mich immer noch, wieso Freds Patronus ein Drache wurde."

Marianne wurde rot. „Ich glaube ... ich glaube, es war ein walisischer Grünling", sagte sie leise.

Ach, so", sagte George.

Wo habt ihr einen walisischen Grünling gesehen?" fragte Charlie Weasley, blieb vor ihnen stehen und stellte einen Fuß auf die unterste Stufe. „Wir könnten gut einen gebrauchen, vorausgesetzt, er ist gut trainiert und alles. Mir scheint, da draußen tut sich was."

Was meinst du damit?" Percy war mit einem Satz auf den Beinen. Charlie streckte die Hand aus und zog George auf die Beine, nutzte die Gelegenheit, ihn kurz um die Schultern zu nehmen und leise „Alles klar, alter Junge?" zu sagen – woraufhin George nur den Kopf schüttelte – und deutete dann auf den Eingang zur Halle. „Es kommt jemand aus dem Wald", sagte er. „Ich glaube...ich glaube es ist die unerwünschte Nummer Eins aus unserer Sicht. Und ... und er bringt jemanden mit."

Wen?" fragt Marianne. Angst lag ihr plötzlich wie ein kalter Stein im Magen. „Was ist passiert, Charlie?"

Charlie schaute an ihr vorbei. Überall in der Großen Halle waren Menschen aufgestanden und strebten nach draußen. Unruhe und Angst wirbelten wie Windstöße durch den Saal. Irgendwo im Hintergrund schlug eine Uhr, die der Zerstörung entgangen war, die volle Stunde.

Ich glaube...es ist Harry Potter", sagte Charlie. „Hagrid trägt ihn. Ich glaube, er ist tot."