5.Kapitel Schlangenlinien und Silbersterne

Das kann nicht sein!" sagte Marianne.

Ihre Stimme klang schrill vor unterdrücktem Entsetzen. Harry Potter konnte nicht tot sein.

Um sie herum sprangen die Menschen auf und stürzten aus der Halle, durch die Eingangshalle auf die Treppen und den Rasen hinaus.

Die Nacht war noch immer tintenschwarz, aber der Wind schmeckte schon nach Morgen. Es war jene du kelste Stunde vor der Dämmerung, in der, wie man sagt, die Menschen sterben, die sich am Abend noch ans Leben klammerten, weil die Hoffnung am tiefsten sinkt in dieser Stunde.

Marianne klammerte sich an Georges Arm. „Das...das ist er, das ist Vo...Voldemort", hauchte sie.

Er stand unter seinen Todesser, die nur gesichtslose Schatten waren, hochaufgerichtet, bleich und furchterrregend. Seine Augen funkelten wie Blutstropfen, von seinen merkwürdig verzerrten Zügen war keine Gefühlsregung abzulesen.

Von dort, wo sie standen, konnte Marianne nicht alles verstehen, was er sagte. Er sprach davon, die tapferen Verteidiger des Schlosses zu schonen, nun, da ihr Kampf sinnlos geworden sei, wenn sie...sie konnte seine Bedingungen nicht verstehen, weil um sie herum die Menschen aufschrien vor Entsetzen. Neben Voldemort stand Hagrid und in seinen Armen hielt er den leblosen Körper Harry Potters.

Das glaub ich nicht", flüsterte George neben ihr, „das ist nicht wahr."

Sieht so aus, als sei es nur zu wahr", sagte Lee Jordan hinter ihnen bitter.

Seht mal, da , an seiner Schulter", flüsterte Marianne.

Ein silbrig schimmernder schmaler Kopf schob sich über Voldemorts Schulter, eine schmale, gespaltene Zunge fuhr über seine blasse Wange und dann durch die Luft als schmeckte die Schlange ebenfalls den nahenden Morgen darin.

Das ist seine Schlange, Nagini oder wie sie heißt", sagte Lee.

Marianne schaute George an, versuchte, in der Dunkelheit und im Schatten der Eingangsportale sein Gesicht zu erkennen. „Ist das die Schlange, die damals seinen Vater..."

George nickte.

Marianne erinnerte sich.

Direkt vor den Weihnachtsferien waren damals auf einen Schlag alle Weasley-Geschwister verschwunden. Sie waren nicht beim Frühstück, sie rannten nicht durch die Flure, um letzte, vergessene Dinge einzupacken für die Weihnachtsferien. Sie waren weg.

Unterricht fand an diesem Morgen nicht mehr statt. Alle packten ihre Sachen für die Weihnachtsferien.

Marianne machte sich auf die Suche nach Hermine Granger. Wenn jemand wusste, wo Ron abgeblieben war, dann sie.

Sie fand Hermine im Mädchenschlafsaal, wie sie Bücher in ihre Tasche packte und wieder herausnahm und anders einpackte.

„Hrm", machte Marianne verlegen. Hermine sah auf.

„Ich...äh, ich wollte dich etwas fragen", sagte Marianne.

Hermine zog die Augenbrauen zusammen. „Ja?" sagte sie.

Marianne trat einen Schritt näher, um flüstern zu können. „Weißt du, wo die Weasleys sind? Ron ujnd Ginny und...Fred und George? Sie sind alle verschwunden und Umbridge tobt deswegen durch die Flure. Weißt du etwas?"

Hermine sah sich um, dann schüttelte sie energisch den Kopf und sagte: „Ich weiß nicht, wovon du sprichst!", hob ihre Tasche hoch und kippte alle hineingerammte Bücher mit Schwung auf den Fußboden.

Polternd und krachend rutschten ungefähr zwanzig Bücher über die Holzdielen. „Ach, du meine Güte!" rief hermine, kauerte sich auf den Boden und fing an, nach Büchern zu fischen. „Hilfst du mir, Marianne. Ich möchte den Fahrenden Ritter noch erwischen."

Verdutzt ging Marianne in die Knie. Als sie nach einem Buch griff, fasste Hermine im selben Moment nach eben diesem Buch, so dass ihre Gesichter sich fast berührten.

„Sie sind in London", flüsterte sie. „Es ist etwas passiert. Mit ihrem Vater. Ich kann dir nichts sagen, aber sie melden sich bestimmt bei dir. Sonst setze ich ihnen den Zauberstab auf die Brust. Ich bin Weihnachten dort."

„Oh. Gut. Danke", sagte Marianne.

Sie richtete sich auf und ließ das Buch auf Hermines Bett gleiten. Etwas verkrampft lächelte sie ihr zu und verließ den Raum.

Einige Schüler reisten schon vor dem Mittagessen ab, deshalb war die Große Halle beim Essen leerer als sonst.

Marianne fühlte sich, als fröre sie, als sie ohne den geringsten Appetit Zwiebelsuppe in sich hinein löffelte. Normalerweise saßen Fred und George rechts und links neben ihr.

Vom Slytherintisch her ertönte ein hämisches Lachen. Marianne hätte sich nicht umzudrehen brauchen, um zu wissen, wer das war. Als sie es trotzdem tat, sprang ihr Dracos Grinsen geradezu ins Gesicht.

„Na, Kusinchen, hast du deine beiden Tanzbären verloren?"

Seine Kumpel Crabbe und Goyle, die wie zwei halbtrunkene Bodyguards wie gewöhnlich um ihn herum eierten, glucksten.

„Oooh, wie traurig", höhnte Draco weiter, „scheint als hätte Freddie eine bessere Partie gefunden als dich. Wär ja nichts Neues. Ich habe gehört, die Weasley-Zwillinge wechseln die Freundinnen wie ihre Unterhemden."

„Wahrscheinlich öfter", mischte sich ein Siebtklässler aus Slytherin ein, „und auf jedenfalls öfter als ihre UnterHOSEN."

Wieherndes Gelächter am Slytherintisch. Marianne spürte, dass sie rot im Gesicht wurde und beugte sich tiefer über ihren Teller. Irgendwann würde Draco bezahlen. Für alles.

„He, Expresspost!" rief ein Hufflepuff-Viertklässler und deutete nach oben. Einige Last-Minute-Eulen schwebten herein. Zwei davon nahmen Kurs auf Marianne.

Erstaunt nahm sie der ersten, einer eleganten Waldohreule, einen parfümierten blasslila Brief ab. Die zweite Eule, ein gelangweilt wirkender Steinkauz, streckte ihr schon sein Bein entgegen. Von ihm erhielt sie eine geprägte Karte in einem offenen Umschlag.

Sie las den Brief zuerst, er war von Tante Narcissa.

„Liebe Marianne", stand darin, „ich fühle mich zur zeit nicht wohl und möchte über Weihnachten soviel wie möglich ruhen. Es wäre zu anstrengend für mich, dich und Draco im Haus zu haben, deshalb möchte ich dich bitten, über die Ferien im Tropfenden Kessel zu logieren. Leider war es nicht mehr möglich zu erreichen, dass du in Hogwarts bleiben kannst. Ich habe für dich ein Zimmer reservieren lassen und im Voraus bezahlt. Genieß deine Ferien. Tante Narcissa."!

Marianne ließ den Brief sinken. Sie hatte sich in Malfoy Manor nie richtig zuhause gefühlt, aber derartigh ausgeladen zu werden, tat weh. Sie hatte schon lange vermutet, dass es nur die uneingestandene Sympathie, die Lucius Malfoy für seinen verstorbenen Bruder empfunden hatte, war, die ihr ein Zuhause bei den Malfoys sicherte, und jetzt war Onkel Lucius in Azkaban.

Na, gut. Ferien in der Winkelgasse. Konnte vielleicht ganz nett werden, jedenfalls blieb ihr Draco erspart. Für einen Moment musste sie lächeln, als sie sich vorstellte, was Fred und George dazu sagen würden. „Weihnachten im Tropfenden Kessel, was für ein Abenteuer! Du kannst mit Tom Knallbonbons ziehen. Ja, und angeblich hat er seiner Katze das Geigespielen beigebracht und sie kann ‚Once in Royal Davids City' spielen."

Sie seufzte und griff nach der Karte, die der Steinkauz gebracht hatte.

Sie war aus steifem, grünem Pergament mit aufgeprägter Gioldschrift. Der Text lautete:

„Sehr geehrte Miss Malfoy,

wir erlauben uns , Sie einzuladen zur Eröffnung unseres Fachgeschäftes in der Winkelgasse 03. Termin ist die siebte Rauhnacht, Mitternacht."

Kein Absender, kein weiterer Hinweis.

Marianne drehte die Karte hin und her. Was sollte das bedeuten? Nachdenklich fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Buchstaben und zuckte zusammen. Das f in Malfoy sprühte silberne Funken, als sie es berührte.

Vorsichtig tippte sie es nocheinmal an und wieder stoben Funken aus dem Buchstaben. Als sie weiter dem Text mit dem Finger folgte, geschah nichts. Erst, als ihre Fingerspitze das r in erlauben berührte, rieselten wieder kleine,silberne Sterne auf ihren Teller.

Marianne runzelte die Stirn. Vorsichtig fuhr sie weiter über die Buchstaben und hielt diesmal schon Ausschau nach einem e. Bei einzuladen sprühten das e und das d silberne Funken.

Sie spürte, wie sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete und ihr wieder warm wurde. Das sah Fred ähnlich! Winkelgasse 93. Gut, dass Tante Narcissa sie ausgeladen hatte, sonst hätte sie sich eine Ausrede einfallen lassen müssen, um nach London zu fahren.

Draco hatte offenbar auch einen Brief von der Last-Minute-Eule bekommen, denn er drehte sich schon wieder zu Marianne um. „He, Kusinchen", rief er, „zu schade, dass wir diesmal nicht zusammen Weihnachten feiern können. Und dabei hatte ich so ein schönes Geschenk für dich...nicht gekauft."

Brüllendes Gelächter von seinen Nebenrollen. Marianne steckte lächelnd die Einladungskarte ein.

„Ja, zu schade, Dracci", rief sie hinüber, „und dabei hatte ich für dich...gar nichts gekauft. Vielleicht besorg ich dir noch was. In der Winkelgasse."

Sie aß ihren Teller Zwiebelsuppe mit Appetit leer und griff nch einem Hühnchenflügel. Sie freute sich jetzt richtig auf die Weihnachtsferien.

Die siebte Rauhnacht war die Nacht, die die Muggel Silvester nannten. Über London brutzelte das sparsame Muggel-Feuerwerk und Tom, der Wirt im Tropfenden Kessel, war früh zu Bett gegangen, weil ihn das Geflimmer immer so nervte.

Marianne schloss ihr Zimmer um halb zwölf ab und schlich sich aus dem Haus. Im Hof tippte sie sich durch die Mauer, wie gewohnt, und stand auf der Winkelgasse.

Die siebte Rauhnacht hatte für Zauberer keine besondere Bedeutung, sie feierten die zwölfte, wenn die Muggel Dreikönig begingen, daher war die Winkelgasse mitternächtlich still, als Marianne sie betrat.

Sie hielt sich im Schatten der Häuser. Sie wusste,wo Nummer 93 war. In den letzten Tagen war sie öfter dort vorbeigekommen. Es war ein leeres Geschäft, an dem noch Aufkleber mit der bunt rotierenden Aufschrift Zu Vermieten hingen. Irgendann im Laufe dieses tages hatte allerdings jemand Vermietet darüber geschrieben. Die Buchstaben waren schwarz und haarig und krabbelten über das Schild. Marianne schüttelte sich. „Wer kann nur auf so eine eklige Idee gekommen sein?" murmelte sie vor sich hin.

„Ja, wer?" sagte eine Stimme hinter ihr und jemand hielt ihr von hinten die Augen zu.

„Mit noch einer Sekunde Nachdenken wäre ich auch drauf gekommen, Fred Weasley", sagte Marianne und scheiterte erbärmlich daran, blasiert und distanziert zu klingen.

Dann drehte sie sich um, fiel Fred um den Hals und ließ sich beinahe erdrücken von ihm.

„Los, komm rein", sagte er, als sie wieder Luft kriegten, „ich zeig dir unser neues Domizil."

„Euer Domizil? Ihr habt diesen Schuppen gemietet?"

„Es ist kein Schuppen, es ist ein prima Ladengeschäft. Wie geschaffen für den Laden, denm wir eröffnen wollen. Wweißt du noch, wir haben im Zug darüber gesprochen."

„Ja, aber, woher habt ihr das Geld?" fragte Marianne verdutzt.

„Nichts ist verborgen, dass nicht irgendwann enthüllt werden wird", sagte George neben ihr und hielt ihr die Tür auf. „Los, komm rein, Lady Marianne, du wirst staunen."

Das tat sie. Der Laden bestand aus mehrere Räumen, die jeweils eine Treppenstufe tiefer lagen als der vorhergehende Raum. Das bedeutete, dass man gut mehrere Abteilungen einrichten und voneinander trennen konnte. „Hier hinten verkaufen wir nur Sachen für Volljährige", erklärte George, „und noch eine Stufe tiefer gibt es Sachen, die wir eigentlich niemandem verkaufen würden..."

„...wenn sie nicht garantiert die absoluten Renner im Sortiment wären", ergänzte Fred.

Marianne sah sich um. Vorläufig war außer nackten Wänden, verstaubten Regalen und Spinnweben nicht viel zu sehen. „Aber das werden wir noch bis zum Ferienende geändert haben", sagte George, „du hilfst uns doch, oder?"

„Na,klar", sagte Marianne glücklich. Sie konnte es noch kaum fassen, dass sie wieder zusammen waren. „Wie gut, dass ich die Ferien über sowieso in London bin..."

Wie kommt das?" fragte Fred.

„Tante Narcisssa hat mich ausgeladen. Sie will Weihnachten alleine mit Dracolein verbringen."

„Giftspinne", sagte George, Fred runzelte heftig die Stirn. „Sollen wir ihr ein paar Proben schicken? Getarnt als Kosmetika? Wir haben einiges, was Narcissa Malfoys Aussehen entscheidend verbessern könnte."

„Lass sie doch", sagte Marianne lachen, „ihr habe ich es zu verdanken, dass ich hier sein kann." Dann wurde sie ernst. „Wie geht es eurem Vater?"

Fred und George sahen sich an. Marianne ahnte, dass sie sich fragten, wieviel sie ihr erzählen durften.

„Sagt bloß, gut oder schlecht", sagte sie.

„Gut", sagte Georg entschieden. Fred nickte, dann schien er sich einen Ruck zu geben. „Er wurde von Voldemorts Schlange angegriffen", sagte er.

„Fred!" sagte George.

Fred warf ihm einen eisigen Blick zu. „Wirst du mich bei Sirius verpetzen, George?"

„Selbstverständlich", sagte George, „das ist meine heiligste Pflicht." Dann wandte er sich an Marianne. „Er hat eine riesige Schlange. Sein Haustierchen und einziger Schatz, möchte ich wetten. Unser Dad ist ihr an einer Stelle in die Quere gekommen, wo er ihrer Meinung nach nichts zu suchen hatte, und sie hat ihn angegriffen und übel zugerichtet."

„George!" sagte Fred.

George meisterte eine hervorragende Kopie von Freds eisigem Blick. „Und du rennst jetzt zu Lupin und beschwerst dich, dass ich nie den Mund halten kann, was?"

„Natürlich", sagte Fred, „wenn ich Glück habe, kriege ich dafür einen Schokoladen-Weihnachtsmann von ihm."

„Bestimmt, Lupin ist sehr geübt im Schokoladeausteilen."

„Ist er in St.Mungos?" fragte Marianne. George starrte sie dümmlich an. „Lupin?"

„Dein Vater, du Esel", George wurde knallrot, als sie Esel sagte und deutete einen Tritt an ihr Schienbein an. Marianne duckte sich. „Tschuldigung, ist mir so rausgerutscht,also, wo ist er?"

„Er ist wieder zuhause", sagte Fred, „und es geht ihm wirklich gut. Aber wir haben einen Riesenschrecken bekommen, als Harry..."

„Fred", sagte George und diesmal klang seine Stimme ganz anders. Fred zuckte zusammen.

„Ist schon gut", sagte er leise, „mehr kann ich dir wirklich nicht sagen, Marianne. Obwohl ich es hasse, geheimnisse vor dir zu haben, das musst du mir glauben."

„Macht nichts, ich habe auch welche vor euch", sagte Marianne.

„Waaaas? Das wagst du nicht!" George stürzte sich auf sie. „Raus damit oder ich jage dir einen Kitzelfluch auf den Hals!"

Marianne lachte und wehrte sich und Fred schlug sich auf ihre Seite und half ihr, George durch zu kitzeln und zu letzt lagen sie japsend vor Lachen auf dem abgetretenen Teppich im obersten Raum des Ladens und Fred sagte: „Wetten, dass die alte Umbridge sich gerade vergeblich fragt, wo wir abgeblieben sind?"

„Ja, sie war so sauer, dass man es riechen konnte", sagte Marianne und wishcte sich eine Lachträne aus den Augenwinkeln.

Fred deutete mit seinem Zaubwerstab auf den kleinen Eckkamin und entfachte ein Feuer. „Kommt, wir machen es uns gemütlich", sagte er, „im Tropfenden Kessel war Weihnachten bestimmt eine eher schlichte Feier."

„Du sagst es." Marianne angelte nach ihrer Tasche. „Hier, das sind eure Weihnachtsgeschenke. Esst nicht alles auf einmal!"

„Oh, Essiggurken!" rief George und öffnete die Schachtel, die aus dem buntfunkelnden Seidenpapier fiel. „Das hab ich mir schon immer gewünscht." Marianne knüllte das Papier zusammen, murmelte einen Zauber und warf es nach ihm. Es verwandelte sich im Flug in eine Handvoll bunt-schlierige Seife.

„Ihh", sagte George, fuhr sich durchs Haar und betrachtete angeekelt seine hand, „man sollte nicht meinen, dass so ein nettes junges Mädchen solche Flüche kennt."

„Tergeo!" sagte Fred gelangweilt und richtete seinen Zauberstab auf George. „Du hast dir die Essiggurken reichlich verdient."

„Es sind feinste Honigtopf-Pralinen", sagte George kauend. „Probier mal! Da sie von Marianne sind, ist garantiert keine Kanariencreme drin."

Fred knotete vorsichtig das Band von seiner Schachtel auf. Es verwandelte sich alle zehn Sekunden in ein neues Material und jetzt war es gerade Silberdraht und entsprechend schwierig zu entknoten. „Gleich ist es wieder Seide", sagte Marianne, „und sei vorsichtig, es ist zerbrechlich."

„Keine Pralinen?" fragte Fred entäuscht.

„Doch. Auch."

Fred öffnete den Schachteldeckel. Darin lag eine kleinere Schachtel, die ebenfalls Honigtopfpralinen enthielt und ein Kristallmodell eines Gryffindorlöwen. Als er ihn vorsichtig heraushob, brüllte der Löwe und richtete sich auf die Hinterbeine auf.

„Cool", sagte Fred und drehte ihn vorsichtig hin und her. „Ist der vom selben Hersteller wie Harrys Drache damals?"

Marianne nickte. „Ja, aber er kann noch etwas. Ich habe doch einen UTZ-Kurs in Zaubersprüche belegt. Schau mal!"

Sie tippte den Löwen leicht mit dem Zauberstab am Schwanz an. „Frohe Weihnachten!" röhrte der Löwe.

„He, nicht schlecht", sagte George.

„Er kann noch mehr." Marianne tippte ihn noch einmal an und der Löwe knurrte „Euer Laden gefällt mir."

„Ausgezeichnet dressiert, das Tier", sagte George mit vollem Mund.

„Hmm, ich glaube, ich weiß, was das für ein Spruch ist", sagte Fred. Er tippte den Löwen seinerseits an und murmelte etwas unverständliches. Der Löwe drehte sich auf seiner Handfläche zu Marianne um. „Schön, dass du hier bist!" brüllte er vernehmlich.

„Es ist ein Relatus-Zauber, nicht weahr?" sagte George interessiert. „Damit kannst du Nachrichten übermitteln wie mit einem Muggel-Soundrekorder..."

„...mit einem was?"

„Egal, Dads Einfluss. Man kann ihm eine Botschaft mitgeben, ihn einstecken und sie irgendwann abhören, stimmt's?"

Marianne nickte,etwas enttäuscht. „Kannst du das auch?"

„Nee", grinste George, „ich mach ja keinen UTZ in Zaubersprüche. Aber ich habe die Theorie mitgekriegt."

Fred steckte den Löwen in die Tasche und gab Marianne einen Kuss. „So, jetzt zum Programmpunkt Weihnachtsessen. Wo ist der Truthahn?"

Es war zwar nur ein Brathähnchen, das George aus der kleinen Teeküche des Ladens herbeischaffte und eine große Portion Pommes Frites aus einem Muggel-Shop jenseits des Tropfenden Kessels, aber Marianne genoss das Essen wie kein anderes Weihnachtsessen zuvor. Als george dann noch eine große Packung Nusspasteten von Mrs. Weasley und eine Flasche Glühwein hervor holte, war die Weihnachtsstimmung perfekt.

„Fehlt nur das Radio", sagte Fred gähnend, „Mum hat da so einen Lieblingssender..."

„Erspar ihn uns", sagte George.

Sie saßen auf dem Boden vor dem Kamin, knabberten Plätzchen und sprachen über die Schule, über ihre Familien und schließlich – unvermeidlich – überHarry Potter und Voldemort.

„Harry meint, es ist nur eine Frage der Zeit, wann er auftaucht und versucht, alles an sich zu reißen", sagte Fred.

George kratzte mit seiner Gabel an einer Mauerfuge herum. „Ja, und die Todesser werden jetzt schon immer frecher. Ich sag dir, für Muggelgeborene wird es langsam eng."

„Wie meinst du das?" fragte Marianne, ihr Mund war auf einmal ganz trocken.

Fred sah sie an. „Du bist doch ein Reinblut, oder?"

Marianne zuckte die Achseln. „Mein vater war ganz sicher eins und wenn man Tante Narcissa hört, ist es undenkbar, dass der Bruder ihres gottähnlichen Lucius eine...nicht-reinblütige geheiratet hättet. Ich weiß doch fast nichts über meine Eltern, nur dass mein Vater sich damals geweigert hat, die Muggelstämmigen, die für ihn arbeiteten, anzuzeigen. Alle hielten ihn für einen Narren, aber er hat – auch an einem Weihnachtsabend übrigens – vor der ganzen Malfoysippe eine Rede gehalten und gesagt, dass er für diese Menschen veranwortlich ist, egal, was für Blut sie haben und er gedenke, dieser Verantwortung gerecht zu werden."

„Wow!" sagte George. „Und was passierte dann?"

„Drei Tage später war er tot. Und Winadora, das war meine Mutter, sie machte die ganze Buchhaltung für ihn, brachte mich zu Onkel Lucius und verschwand. Man fand sie später...ihren Körper, meine ich, unter einer Brücke."

Fred fasste sie um die Schultern und drückte sie fest an sich.

Marianne schluckte. „Ich war damals noch so klein, ich begriff das alles gar nicht. Ich habe nächtelang geweint und nach meiner Mutter geschrien und Tante Narcissa hat mit mir geschimpft, bis ich solche Angst hatte, dass ich aufhörte zu weinen..."

„Ich schick ihr doch ein paar Proben", sagte Fred grimmig.

„Wer hat dir das alles erzählt?" fragte George.

Marianne rieb sich die Augen. „Onkel Lucius. Bevor ich zum ersten Mal nach Hogwarts fuhr. Er sagte auch, sein Bruder sei ein Narr gewesen, so zu handeln, aber er machte so ein Gesicht...ich weiß nicht, ich dachte damals, das er wütend auf seinen Bruder sei, auf meinen Vater, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher."

„Wieso nicht?" fragte Fred.

„Weil er...irgendwie...immer anständig zu mir war. Und weil ich einmal, als er mich zum Bahnhof gefahren hat, im Auto was gefunden habe."

„Was denn?"

„Wir mussten anhalten,weil er noch etwas aus dem Ministerium holen wollte und während ich wartete, habe ich das Handschuhfach aufgemacht und da lag zwischen einigen Papieren ein Foto von meinem Vater."

„Lucius Malfoy hat ein Foto von seinem von Voldemort ermordeten Bruder in der Handtasche?" staunte George.

„Im Handschufach", korrigierte Fred.

„Mmm, und es sah aus, als sei es oft in die Hand genommen worden", sagte Marianne. „Also, ich habe den Verdacht, dass er meinen Vater bewundert für das, was er getan hat. Irgendwie findet er etwas Gutes an ihm. Sonst hätte er mich nicht so annähernd anständig behandelt all die Jahre."

„Vielleicht hofft er, aus dir noch eine anständige Todesserin machen zu können?" schlug George vor.

„Niemals", sagte Marianne, „eher lasse ich mich töten. Wie meine Eltern."

Fred rückte sie stumm noch fester an sich.

Als es höchste Zeit wurde, dass Marianne zurück in den Tropfenden Kessel ging, drückte Fred ihr noch schnell zwei Päckchen in die Hand.

„Das eine ist dein Weihnachtsgeschenk", sagte er, „und das andere ist nur geliehen, das gibst du mir die tage wieder, ja? Wenn wir hier den Laden renovieren."

„Klar", sagte Marianne, „wann fangen wir an?"

„Morgen...äh, ich meine heute. Nach dem Mittagessen. Du kommst doch, oder? Und bringst das Essen mit?"

„Klar", sagte Marianne.

Zurück in ihrem Zimmer im Tropfenden Kessel packte sie die beiden Päckchen aus. Das erste enthielt eine Kette mit Anhänger. Er war aus Silber und stellte mehrere aneinanderhängende Sterne dar. Sie waren mit winzigen Glassplittern besetzt, die sie wie Funken aufsprühen ließen, wenn das Licht darauf fiel. Marianne drehte den Anhäger im Licht ihres Zauberstabes hin und her und lächelte.

Das zweite Päckchen enthielt den kristallenen Gryffindorlöwen, den sie Fred geschenkt hatte. Überrascht hob sie die Figur hoch und stellte sie sich auf die Handfläche. Hatte er Fred nicht gefallen?

Der Löwe richtete sich hoch auf und öffnete sein Maul.

„Ich liebe dich!" brüllte er.