6. Kapitel Hochzeit und Warnung
Auf Bills und Fleurs Einladungsliste für ihre Hochzeit stand niemand mit Namen Malfoy. Die Zwillinge hatten das auch nicht erwartet. Sie hatten den Zettel mit einem Aufrufezauber gestohlen und inspizierten ihn in Molly Weasleys Waschküche.
„Gut", sagte George, „ich sehe einige verheißungsvolle französische Namen auf der Liste. Das dürfte dich darüber hinwegtrösten, dass es, wie ich finde, keine Möglichkeit gibt, den Namen Marianne Malfoy hier irgendwo dazwischen zu schmuggeln."
„Ich interessiere mich nicht für französische Namen", knurrte Fred.
„Solltest du aber", sagte sein Bruder selbstzufrieden, „ich wette, da sind welche darunter, die Veela-Blut in den Adern haben. Ich werde jedenfalls sehr freundlich zu ihnen sein."
„Mach was du willst", sagte Fred ungewöhnlich humorlos, „ich setze mich dann mit Hagrid in eine Ecke und spiele mit ihm Karten."
„Du bist verrückt!" George ließ den gestohlenen Zettel sinken und starrte seinen Zwilling fassungslos an. „Ich sagte Veelas, Fred."
„Ich weiß, was du sagtest. Ich brauch' keine Veela."
Kopfschüttelnd schaute George wieder auf den Zettel. „Okay, okay, wir denken uns etwas aus. Wie wird Harry versteckt? Es ist ja nicht gerade ratsam, ihn öffentlich herum zu zeigen wie einen Quidditchpokale."
„Vielsafttrank."
„Gut, was hindert uns daran, dasselbe mit Marianne zu machen? Wir suchen uns eine nette Kusine von Fleur…und verdoppeln sie."
Fred starrte ihn an. „Der Zusammenstoß mit Snape hat doch deinen Verstand beeinträchtigt."
„Mitnichten, Bruderherz, eher im Gegenteil. Pass auf! Wir brauchen nur ein Haar von einer Veela-Kusine von Fleur. Vielsafttrank ist noch im Küchenschrank. Ganz hinten, ich hab' nachgesehen. Wir verwandeln Marianne ruckzuck in eine kleine Veela und müssen dann nur noch aufpassen, dass sich die doppelte Kusine nicht selbst in die Quere kommt. Aber da ich irgendwie das Gefühl habe, dass ihr beide euch am liebsten etwas von dem ganzen Trubel zurückziehen möchtet – in irgendein Gebüsch etwa – dürfte das kein allzu großes Problem sein."
Fred starrte ihn an. „George, du bist ein Genie, weißt du das?"
„Ja," sagte George.
Marianne selbst nahm den Plan etwas skeptischer auf.
„Wenn das rauskommt, werden alle denken, ich sei eine Spionin der Todesser", sagte sie, verschränkte die Arme und lehnte sich in das bequeme Sofa in der Wohnung der Zwillinge über ihrem Laden zurück.
„Es kommt nicht raus", versicherte George, „wann ist jemals etwas rausgekommen, was wir unternommen haben."
„Ununterbrochen", sagte Marianne.
„Ich geh nicht hin, wenn du nicht mitkommst", sagte Fred stur, „und dann bringt Bill mich um und du bist schuld."
„Du bist so ein kompletter Idiot", sagte Marianne zärtlich.
Sie schauten hin und her, von einem zum anderen.
Die Spannung war überall greifbar, hing unter den Dächern, stahl sich in die Augen der Menschen auf der Winkelgasse. Spannung und Angst und eine ständig wachsende Bedrohung. Menschen trennten sich nicht mehr gerne voneinander, gingen nur ungern aus dem Haus, an ihre Arbeitsstelle. Eltern fürchteten den Tag, an dem ihre Kinder wieder in den Hogwarts-Express steigen würden. Wer konnte wissen, ob und wie man sich wieder sehen würde. Eine schreckliche Ungewissheit hatte alles durchdrungen wie ein langsam aufsteigender Geruch nach Tod und Verwesung aus einem lange nicht geöffneten Kanal.
In dieser Zeit eine Hochzeit zu feiern war sowieso schon ein irgendwie irritierender Gedanke, aber Bill und Fleur bestanden darauf, dass alles so normal wie möglich sein sollte. Es war ihre Art, Widerstand gegen Voldemort zu leisten. „Er hat nicht die Macht, unsere Liebe zu verbieten", hatte Bill etwas pathetisch gesagt und Fleur hatte zustimmend genickt.
Unglücklicherweise hatte sich Fred diesen Satz zu eigen gemacht. George hatte ihm mit viel Mühe ausreden können, Marianne einfach mitzubringen.
„Sie würden sie von vorne bis hinten ausfragen, unter Veritaserum setzen, alles mögliche", hatte er gerufen. „Du kennst doch Kingsley und Lupin. WIR wissen, dass wir ihr vertrauen können, aber die doch nicht. WIR kennen Marianne seit sieben Jahren, aber die werden in sieben Minuten nicht darauf kommen, was für ein prima Kerl sie ist. Und was noch schlimmer ist, sie werden es vielleicht gar nicht wollen."
Fred hatte ihm Recht geben müssen. Die Ordensmitglieder waren so nervös, dass sie wahrscheinlich genauso verfahren würden, wie George gesagt hatte, und es war sehr unwahrscheinlich, dass sie sich ausgerechnet von den Zwillingen würden umstimmen lassen.
„Also gut", gab Marianne nach, „versuchen wir es. Ich will auf keinen Fall schuld daran sein, wenn Bill an seinem Hochzeitstag auch noch die Beerdigung eines seiner Brüder organisieren muss."
Fred strahlte sie an und legte den Arm um sie.
Sie saßen neben einander auf dem Sofa. George saß verkehrt herum auf einem Küchenstuhl und betrachtete sie missbilligend.
„Wenn ich mir euch beide so anschaue, kriege ich das untrügliche Gefühl, entbehrlich zu sein. Vielleicht finde ich ja unter den französischen Kusinen auch endlich die Frau fürs Leben. Vorerst aber werde ich mein Leid und meine Einsamkeit in Butterbier ertränken, und zwar im Tropfenden Kessel, und zwar alleine. Ich bin in zwei Stunden wieder da."
Damit stand er auf, warf sich einen Umhang über – draußen fiel ein hartnäckiger Nieselregen – und knallte die Tür hinter sich zu.
Fred und Marianne sahen sich verdutzt an.
„Was war das denn?"
„Ich glaube", sagte Fred nachdenklich, „er wollte einfach nur nett sein. Damit tut er sich nun mal erheblich schwerer als ich."
Er schaute sie an und Marianne spürte ein merkwürdiges Kribbeln in der Magengegend, dass sie öfter bekam, wenn er sie so ansah.
„Okay", sagte sie, „George hat uns zwei Stunden Zeit geschenkt. Wir sollten sie ausnutzen. Wir wissen nicht wie viel wir noch…"
„Sei still!" sagte Fred und küsste sie.
George kam exakt zwei Stunden später wieder nach Hause und fand seinen Bruder in der Küche vor, wo er mit dem Zauberstab Wasser aufkochte.
„Tee?" fragte er und hob die Kanne hoch.
„Mmm", George sah sich im Raum um. „Ist Marianne schon gegangen?"
„Ja. Ich hab sie bis zu ihrem Zimmer in der Seitenstraße bei Gringotts begleitet, sonst hätte ich keine Ruhe gehabt. Hast du jemanden um die Knockturnallee herum schleichen sehen? Mir war so, als hätte ich da eine Bewegung gesehen."
George schüttelte den Kopf und nahm den Becher entgegen, den Fred ihm reichte. „Das heißt aber nicht, dass da nichts war. Es ist so verdammt…ach, was! Immer sich umdrehen müssen und aufpassen, wo ein Todesser hocken könnte. Kann Du-weißt-schon-wer nicht einfach rauskommen und uns den Krieg erklären? Ich habe das alles so satt!!" Er nippte an dem Tee, verbrannte sich die Zunge und fluchte lange und ausgiebig.
Dann schaute er über den Rand des Bechers hinweg auf seinen Bruder.
„Du siehst verdammt glücklich aus!" stellte er fest.
„Bin ich auch", Fred drehte seinen eigenen Teebecher hin und her. „Komisch, nicht wahr?"
„Mmmm", George nahm noch einen Schluck des inzwischen trinkbaren Tees, „sag mal…was ich dich fragen wollte…wie ist das so, wenn man das Mädchen wirklich liebt?"
Fred verschluckte sich, hustete und gewann auf diese Weise kostbare Zeit.
„Wie meinst du das denn?" krächzte er schließlich.
George zuckte die Schultern und schaute in seinen Tee wie Professor Trelawney in ihre Glaskugel. „Na, ja, ich meine, es ist ja nicht zu übermerken, dass das mit dir und Marianne was anderes ist als das gewöhnliche Miteinander-Gehen, mit dem wir alle mal angefangen haben. So à la Ron und Miss Lavender…"
„Verschone uns beide damit."
„Ja, genau. Und ich…also, ich hab' schon ‚ne Menge Spaß gehabt auf die eine oder andere Weise, aber so was…ich glaube, so was wie mit dir und Marianne ist mir noch nicht passiert und da frage ich mich einfach, ob es dann …anders ist."
Fred sagte eine Weile gar nichts.
Dann nickte er. „Ja, doch, es ist anders. Ganz anders. Es ist…irgendwie…weniger."
„Häh?" machte George. „Du siehst mich verständlicherweise verständnislos."
Sein Bruder grinste in den Tee. „All das Getue darum, wer was zu bestimmen hat und wer wie viel Erfahrung hat und am tollsten ist und all das…verstehst du?"
„Annähernd."
„Ja, also, damit hast du nichts mehr zu tun, irgendwie. Das ist so was von egal auf einmal. Erinnerst du dich, wir fanden es mal ganz wichtig, dass wir nie zu einem Mädchen zuerst ‚ich liebe dich' gesagt haben. Wenn sie das sagte, konnte man ein ‚Ich dich auch' nuscheln, aber bloß nicht als erster Gefühle eingestehen, für die man hinterher verantwortlich gemacht werden konnte. Weißt du noch?"
„Nein," sagte George, „hab' ich verdrängt."
„Jaaa, klar. Weil du mehr zu verdrängen hast als ich. Leichen pflastern deinen Weg."
„Ach, und wer hat immer darauf bestanden, besser auszusehen und mehr Punkte bei den Mädchen zu haben?"
„Keine Ahnung. Draco Malfoy?"
„Wir sprachen über MARIANNE Malfoy", sagte George und stellte mit Befriedigung fest, dass sein Bruder knallrot wurde. „Kann es sein, dass du mir nicht antworten willst?"
„Es kann sein, dass ich dir nicht antworten kann. Es ist komplett und völlig anders, wenn du das Mädchen wirklich liebst. Zufrieden?"
„Mmm, muss ich wohl."
Sie tranken eine Weile schweigend ein paar Schlucke Tee, dann sagte Fred.
„Tust du mir einen Gefallen?"
„Fast jeden, solange er annähernd legal und nicht allzu unmoralisch ist."
„Wenn ich…also falls mir etwas passieren sollte, würdest du dich dann um Marianne kümmern?"
George stellte seinen Teebecher in die Spüle und drehte sich dann sehr langsam um. „Fred", sagte er, „was ist los?"
Sein Zwillingsbruder starrte aus dem Fenster, in dem sich nur die Küche und ihre Gesichter spiegelten. „Ich weiß nicht", sagte er, „ich habe Angst. Früher war das alles mehr wie ein Spiel. Wir gegen den Rest der Welt, also warum nicht wir gegen Du-weißt-schon-wen? Irgendwann sprengt er uns in die Luft – na, wenn schon. Wenn wir gehen, dann gehen wir mit einem ordentlichen Feuerwerk, nicht wahr?"
„Mmmm", sagte George.
„Aber jetzt…wenn ich gehe, bleibt Marianne hier zurück. Und das Ganze ist auf einmal kein Spiel mehr. Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll." Er drehte den Teebecher in den Händen hin und her. „Als ob ich auf einmal zwei Leute gleichzeitig wäre, sie und ich. Oder als ob wir zusammen etwas weniger wären als zwei und was dem einen passiert, trifft auch den anderen."
George streckte die Hand aus und nahm ihm den Teebecher aus der Hand.
„Hör zu", sagte er, „keiner von uns weiß, was da draußen auf ihn lauert. Es ist eine verdammt schlechte Zeit, um sich zu verlieben und all das. Das wissen Bill und Fleur zum Beispiel auch und heiraten trotzdem. Was wird aus Fleur, wenn Bill etwas passiert? Sie weiß, welches Risiko sie eingeht und Marianne weiß es auch."
„Ja," sagte Fred langsam, „aber das ist trotzdem etwas anderes. Fleur ist Bills Frau, Marianne ist nur eine Malfoy. Wenn ich…ich meine, sie wäre dann ganz alleine. Mum würde Fleur jederzeit mit offenen Armen im Fuchsbau aufnehmen, sie ist ja jetzt sozusagen ihre Tochter – auch wenn es eine Zeit gab, wo außer Professor Trelawney niemand eine derartige Vorhersage gewagt hätte – aber wer von unserer Familie würde sich um Marianne kümmern außer dir? Du kennst sie genauso lange wie ich, du magst sie doch, oder?"
„Fast so sehr wie du", sagte George grinsend.
„Fast! Das möchte ich mir doch erbeten haben. Also, versprichst du mir, sie nicht allein zu lassen, falls…"
„Wenn du mir versprichst, jetzt die Klappe zu halten. Fred, du Vollidiot, was ist mit DEINEM Verstand los, wo du doch noch beide Ohren hast? Ich bin dein Bruder. Und, auf eine sehr andere Art und Weise als Marianne natürlich, liebe ich dich auch, kapiert? Natürlich würde ich mich um Marianne kümmern. Versprichst du mir im Gegenzug, mein Adressbuch zu vernichten, bevor du meine Beerdigung organisierst? Ich will keine posthumen Ansprüche riskieren."
„Natürlich, du Voll-Troll. Willst du Rosen oder Lilien aufs Grab?"
„Gänseblümchen. Trinken wir noch einen Feuerwhisky zusammen?"
„Ich denke, du kommst gerade aus der Kneipe?"
„Das ist doch schon ewig und ein sehr ernstes Gespräch lang her. Aber vorher…komm mal her, du Spinner!"
Er fasste Fred um die Schultern und nahm ihn fest und lange in die Arme.
„Er kriegt uns nicht, der Du-weißt-schon-dingsda", murmelte er, „nicht da, wo wir wirklich sind. Es ist, wie Bill gesagt hat, er kann uns nicht wirklich zerstören."
„Nein, nicht wirklich", murmelte Fred, aber als sie später im Wohnzimmer saßen, Feuerwhisky tranken und Figuren aus den Flammen des Kaminfeuers formten, hatte er den Schatten immer noch nicht abgeschüttelt, der unerklärlich in seine Gedanken gekrochen war. Er war wie eine kalte Hand, die ihn leicht an der Schulter berührt und sich wieder zurückgezogen hatte, aber er spürte ihren Abdruck noch lange und in dieser Nacht fiel es ihm schwer, einzuschlafen.
