2. Entscheidung

Mit zitternden Händen öffnete ich den Brief. Auf einmal fiel etwas heraus. Ich konnte es gerade noch auffangen. Es war ein Ring.

Genauer gesagt, es war der Ring, den ich Erik vor fünf Jahren zurückgegeben hatte. Ich musste ein Schluchzen ersticken als ich ihn nun wieder sah. Durfte ich es wagen?

Doch warum hatte Erik ihn sonst hier gelassen? Entschlossen steckte ich ihn mir an den Finger.

Mir liefen die Tränen die Wange hinunter als ich so auf den Ring an meinem Finger sah. Erik...

Der Brief! Ich wischte die Tränen weg und öffnete ihn vorsichtig. Voller Hoffnung begann ich zu lesen:

Christine.

Wenn Du mich finden willst, dann gehe nach Schottland,

nach Fort William. Begib Dich dort in das Gasthaus „Devil's

Inn". Sage dem Besitzer (Mr. Alasdair Iain MacKenzie),

dass Du eine Botschaft für Erik hast. Gib ihm den Ring

und warte in dem Gasthaus. Doch bedenke – wenn Du

erst den ersten Schritt gemacht hast, gibt es kein Zurück mehr.

Erik.

Schottland? Ich schluckte. Das war weit weg. Doch ich hatte meine Entscheidung bereits in dem Moment getroffen, als ich an Raoul vorbei lief um das Changy Anwesen fluchtartig zu verlassen. Es gab für mich schon lange kein Zurück mehr.

Doch heute Nacht würde ich nichts mehr tun können. Also beschloss ich, die Nacht in dem Mausoleum meines Vaters zu verbringen. Ich hüllte mich eng in meinen Mantel ein und lehnte mich in einer Ecke an die Wand, Eriks Brief fest umklammert. Trotz meiner unbequemen Lage schlief ich schnell ein.

In meinen Träumen war ich von leiser Musik umgeben. Jemand den ich nicht sehen konnte, spielte auf einer Geige.

Als ich wieder aufwachte graute bereits der Morgen. Ich war total steif und durchgefroren. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, wie ich hier hergekommen war, doch dann viel mir alles wieder ein. Erik!

Ich presste den Brief an meine Brust. Schottland! Wie sollte ich nur dahin kommen? Ich hatte bei meiner überstürzten Flucht vor Raoul nichts mitgenommen, außer den Kleidern die ich auf dem Leib trug und den Mantel den ich mir noch schnell umgeworfen hatte.

Doch nein! Das stimmte nicht ganz. Meine Hand fuhr an meinen Hals an dem sich eine Perlenkette befand. Die Kette hatte mir Raoul in den Flitterwochen geschenkt, als wir noch glücklich miteinander waren...

Doch diese Zeiten waren längst vorbei. Mein Gesichtsausdruck verhärtete sich. Ich würde die Kette verkaufen, um die Reise zu bezahlen.

Langsam rappelte ich mich auf und kroch aus dem Mausoleum heraus. Nachdem ich das Eisengitter wieder hinter mir geschlossen hatte, hüllte ich mich in meinen Mantel und schritt in Richtung Friedhofstor.

Wahllos wanderte ich durch Paris, auf der Suche nach einem Schmuckgeschäft. Ich musste die Kette verkaufen, und doch traute ich mich kaum ein Geschäft zu betreten, aus Angst, dass mich jemand erkennen könnte.

Schließlich fand ich einen kleinen Laden, der nicht so aussah, als ob Raoul ihn je betreten würde. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und trat ein.

„Komme gleich!" rief eine männliche Stimme aus dem hinteren Teil des Ladens.

Kurz darauf kam der Besitzer der Stimme hervor. Er war um die 50, hatte lockige graue Haare und eine rundliche Frisur. Er sah eigentlich ganz vertrauenswürdig aus.

„Wie kann ich Ihnen dienen, Mademoiselle?"

Also hielt er mich für unverheiratet, oder wollte nur höflich sein. Mir war beides recht.

„Ich möchte diese Kette verkaufen," sagte ich und holte sie hervor.

Der Juwelier besah sich das Schmuckstück.

„Das ist ein wertvolles Stück, Mademoiselle!" rief er erstaunt aus. „Wo habt Ihr das her?"

Jetzt galt es zu improvisieren.

„Es ist ein Erbstück."

„Mm."

Er betrachtete die Kette weiterhin eingehend.

„Eigentlich eine Schande ein solches Erbstück zu verkaufen. Braucht Ihr das Geld wirklich so dringend?"

Ich nickte. Hoffentlich machte er keine Schwierigkeiten!

Doch er schien nicht weiter darüber zu grübeln und nannte mir einen Preis, der weit unter dem eigentlichen Wert der Kette lag, jedoch mehr war, als ich mir erhofft hatte. Es war genug Geld, um damit bis nach Schottland zu kommen. Also stimmte ich schnell zu, unter der Bedingung, dass ich die Summe sogleich und in bar erhalten würde.

Wenn ihn meine Forderung wunderte, so sagte er nichts weiter, er war wahrscheinlich zu glücklich darüber, das Schmuckstück so weit unter seinem Wert zu bekommen.

Kurze Zeit später verlies ich den Laden und schlug einen Weg in Richtung Norden ein. Ich musste so schnell wie möglich nach Calais!