3. Unterwegs

Ich hatte Paris bereits hinter mir gelassen. Die Kutsche in der ich mich befand, war übervoll, aber es war die erste gewesen, die nach Calais fuhr und ich wollte keine Zeit mehr verlieren. Ich hatte schließlich bereits fünf Jahre verloren.
Ich hüllte mich in meinen Mantel und sah aus dem Fenster. Die anderen Passagiere hatten anfangs versucht, eine Unterhaltung mit mir anzufangen, doch mir war nicht nach Reden zumute. Ich starrte nur aus dem Fenster und wünschte, die Kutsche möge schneller fahren.
Je schneller ich in Calais war, desto schneller würde ich ein Schiff nach Schottland erreichen und desto eher wäre ich in Fort William. Desto eher würde ich Erik wiedersehen.
Wenn er tatsächlich da war. Bei dem Gedanken daran, dass er vielleicht gar nicht mehr dort war, überkam mich die Panik. Was sollte ich dann tun? Ich hatte alle Brücken hinter mir niedergebrannt, ich konnte nicht mehr zurück. Er musste einfach da sein, er musste!
Ich zwang mich daran, an etwas anderes zu denken.
Doch was war, wenn ich ihn wiedersehen würde? Wie würde er reagieren, wenn ich nach fünf Jahren plötzlich auftauchte? Würde er mich überhaupt noch haben wollen? Liebte er mich noch? Ich konnte es nur hoffen. Denn wenn nicht, dann wusste ich nicht, wohin. Ich konnte es ihn nicht einmal übel nehmen, wenn er ich wegschicken würde. Nicht nach allem was ich ihm angetan hatte.
Ich hatte ihn sein Herz gebrochen und auf seinen Gefühlen herumgetrampelt. Ich war damals einfach gegangen, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden. Ich seufzte. Wie hatte ich nur so gefühllos sein können? Und ich hatte ihn als Monster bezeichnet. Dabei war ich das viel größere Monster gewesen!
Ich konnte mich ihm nur zu Füßen werfen und hoffen, dass er mir verzieh. Vielleicht konnte ich mein Verhalten von damals ja wieder gutmachen? Ich würde alles tun, damit er mich nicht wieder wegschickte.

Einige Tage später war ich endlich in Calais angekommen. Es war mir wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen. Doch nun war ich hier und stand am Hafen und hatte keine Ahnung, wohin ich als nächstes gehen sollte.
Ich lief eine Weile ziellos umher und hielt dann einen Matrosen an, der mir den Weg zu dem Gebäude wies, in dem ich die Überfahrt buchen konnte.
Ich betrat das Gebäude und ging auf den Schalter zu. Ich hatte meine Haare unter einem grauen Tuch verborgen, dass ich mir vor meiner Abreise in Paris noch gekauft hatte. Ich hatte bei der Gelegenheit auch mein Kleid ausgetauscht. Ich wollte keinerlei Risiko eingehen, nicht dass mich Raoul doch noch irgendwie fand.
„Guten Tag. Ich hätte gerne einen Platz auf dem nächsten Schiff, dass nach Schottland fährt."
„Nach Schottland? Da haben sie aber Glück, die Ocean Blue legt heute Abend ab, sie fährt nach Glasgow. Danach hätten sie eine Woche warten müssen. Wollen sie eine Einzelkabine?" fragte mich die ältere Frau am Schalter.
Ich entschied mich dann doch für einen Platz in einer billigeren Gemeinschaftskabine. So blieb mir noch ein wenig Geld übrig, um von Glasgow nach Fort William zu kommen.

Ich begab mich zur Ocean Blue und suchte meine Kabine, die ich mir mit drei anderen Frauen teilen würde. Nachdem ich sie gefunden hatte, versuchte ich mir den Weg zu merken und ging wieder an Deck, ich wollte den schönen Herbsttag noch ein wenig genießen, solange ich noch die Gelegenheit dazu hatte.
Ich stand an der Reling und blickte über das Meer in Richtung Norden. In Richtung Schottland. In Richtung Erik.
Wie würde er wohl reagieren, wenn er mich wiedersah? Ich konnte nur hoffen, dass er mir irgendwann einmal verzeihen konnte.
„Was macht eine so schöne Frau wie Ihr hier ganz allein?" fragte mich plötzlich jemand neben mir.
Erschrocken drehte ich mich um.
„Tut mir Leid, ich wollte Euch nicht erschrecken," sagte der Mann neben mir lächelnd.
„Ist schon gut, ich war mit den Gedanken woanders."
Er war einen Kopf größer als ich und hatte kurze blonden Locken und lächelte, als er sich mir vorstellte.
„Aber ich vergesse ganz meine Manieren. Ich bin Gaston Leroux."
Ich gab ihm den Namen, den ich auch schon verwendet hatte, um die Passage zu buchen.
„Meg Giry."
‚Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich deinen Namen verwende, liebe Meg,' dachte ich bei mir.
„Ihr habt mir meine Frage noch nicht beantwortet: Was macht eine so schöne Frau wie Ihr hier ganz allein?"
„Ich schaue mir das Meer an und warte darauf, dass wir ablegen," sagte ich.
Er lachte.
„Touche!"
Er hatte irgendetwas an sich, dass mich irritierte. Ich fühlte mich unwohl, wie er so neben mir stand, mit seiner gekünstelten Art. Einst wäre ich auf das alles hereingefallen und hätte ihn nett gefunden, doch durch die Ehe mit Raoul hatte ich gelernt so etwas zu durchschauen. Ich wand meinen Blick wieder dem Meer zu.
„Was macht Euch so traurig?"
Er lies wirklich nicht los.
„Das geht Euch wohl kaum etwas an, Monsieur Leroux."
Mit diesen Worten lies ich ihn stehen und begab mich auf die anderen Seite des Schiffes.

Endlich legten wir ab. Ich stand an Bord und sah zu, wie das Ufer langsam am Horizont verschwand. Jetzt gab es also wirklich kein Zurück mehr, ich war auf einem Schiff in Richtung Schottland unterwegs und hatte alles hinter mir gelassen.
Heute begab ich mich früh in meine Kabine und legte mich hin, doch ich konnte lange nicht einschlafen. Ich wälzte mich immer wieder hin und her, doch meine Gedanken kamen einfach nicht zur Ruhe. Es war weit nach Mitternacht, als ich endlich einschlief.

Am nächsten Morgen schlief ich lange und wachte ausgeruht auf. Zum ersten Mal seit langen. Es ging mir gleich wieder etwas besser. Egal, wie schlimm die Lage war, alles sah besser aus, wenn man ausgeschlafen war.
Ich verbrachte den ganzen Tag an Deck und sah auf das Meer hinaus. Die anderen Passagiere schienen zu spüren, dass ich lieber alleine sein wollte und ließen mich in Ruhe mit meinen Gedanken. Diese kreisten immer wieder um nur eine Frage: Wie würde Erik reagieren, wenn ich ihn wiedersah? Was würdegeschehen?
Doch so sehr ich auch darüber nachdachte, ich bekam keine Antwort. Es nutzte nichts. Ich würde abwarten müssen.

Die Überfahrt verlief recht ereignislos, wenn man davon absah, dass ich Monsieur Leroux noch einige Male wiedersah. Beim letzten Mal hatte ich ihn unmissverständlich klargemacht, dass ich seine Gesellschaft nicht schätzte.
Und nun war es endlich soweit: wir waren in Glasgow angekommen.