4. Schottland
Ich
stand an der Reling und blickte auf die Stadt die vor mir lag:
Glasgow.
Ich hatte es geschafft, ich war endlich in Schottland!
Nun musste ich nur noch nach Fort William kommen.
Ich ging von
Bord, ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen. Gepäck
hatte ich ja keins. Der Wind blies das Tuch das meine Haare bedeckte
davon und ich versuchte es zu fangen, doch jemand anderes war mir
bereits zuvor gekommen. Mr Leroux.
„Guten Tag, Mademoiselle
Giry. Ich glaube, Ihr habt Euer Tuch verloren."
Ich nahm das
Tuch entgegen und nickte ihm leicht zu.
„Danke."
Ich wollte
gerade weiter gehen, als er mich aufhielt.
„Wohin soll es denn
weiter gehen? Wenn Ihr wollte, könnte ich Euch ein ganz
zauberhaftes Hotel hier in der Nähe empfehlen."
„Nein
danke. Ich werde erwartet," antwortete ich ziemlich kalt. „Und
jetzt entschuldigt mich bitte."
Mit diesen Worten lies ich ihn
stehen und verlies so schnell es ging den Hafen. Ich sah mich nicht
um, deshalb bemerkte ich auch nicht, wie mir Monsieur Leroux mit
einem seltsamen, gedankenverlorenen Gesichtsausdruck hinterher
sah.
Nach einigem Suchen hatte ich eine Kutsche gefunden, die in Richtung Fort William fuhr. Nun zahlte es sich endlich aus, dass ich auch Englische Bücher gelesen hatte! So konnte ich mich wenigstens einigermaßen verständigen.
Kurze Zeit
später saß ich in der Kutsche und verlies Glasgow in
Richtung Norden.
Die Landschaft in den Highlands war wunderschön,
doch ich konnte sie nicht genießen. Ich musste die ganze Zeit
an Erik denken und daran was wohl geschehen würde, sobald ich
ihn wiedersehen würde.
Meine Gedanken drehten sich immer
wieder im Kreis.
‚Wie würde er reagieren? Was würde
nur geschehen? Wie würde es weitergehen? Liebte er mich noch?
Würde er mir jemals verzeihen können? Würde er mich
wieder wegschicken?'
Doch so sehr ich mir auch den Kopf
zerbrach, ich kam auf keine Antwort. Ich würde einfach abwarten
müssen.
Am fünften Tag meiner Reise durch die
Highlands erreichte ich endlich Fort William. Es war bereits später
Nachmittag. Ich verlies die Kutsche und sah mich um.
Es war ein
relativ warmer Tag und die Sonne war bereits hinter den Bergen
verschwunden. Ich wandte mich an den Fahrer der Kutsche.
„Please,
Monsieur. Could
you show me the way to the Devil's Inn?" 1
Er lächelte freundlich und wies die Straße
hinunter.
"Aye, lass. That
I can. Ye just follo' that road there an' turn left after tha' red
house. An' then it's just a wee way doon the road, on yer right
side." 2
Ich lächelte dankbar.
„Thank you very much,
Monsieur." 3
"Always glad t' help a bonnie lassie, Miss."
4
Er
hob seine Hand kurz zum Gruß und kümmerte sich wieder um
seine Kutsche. Nun wusste ich also wohin.
Ich atmete tief
durch und ging langsam die Straße hinunter. Mit jedem Schritt,
den ich tat, wurde ich nervöser. Es war soweit: In wenigen
Minuten würde ich das Gasthaus betreten und dem Besitzer die
Nachricht für Erik übergeben. Dann würde ich ihn
endlich wiedersehen. Nach fünf langen Jahren.
Wie würde
er reagieren?
Nun war ich an dem roten Haus angekommen. Ich atmete
tief durch und bog nach links ab. Da! Ich konnte das Schild des
Gasthauses bereits erkennen. Ein schwarzer tanzender Teufel auf rotem
Hintergrund, darunter die Worte „Devil's Inn".
Nun stand ich
davor. Ich zögerte einen Moment, doch dann nahm ich meinen
ganzen Mut zusammen und trat ein.
Es war dunkel im Inneren und
meine Augen brauchten erst mal eine Zeitlang sich an die Dunkelheit
zu gewöhnen.
Langsam ging ich auf die Tresen zu. Ein älterer
Mann stand dahinter. Er war mindestens 50 und hatte graue Haare, die
einst wohl rot waren. Sein Gesicht wurde zur Hälfte durch einen
leicht orangen Vollbart bedeckt und seine Augen funkelten freundlich,
als er mich anlächelte. Er wirkte sehr nett, was es mir leichter
machte, ihn nun anzusprechen.
„Good
evening, Monsieur. Are you Mr Alasdair Iain MacKenzie?" 5
Er
nickte.
"I
have a message for Erik." 6
"For Erik?" fragte er erstaunt.
7
Der Name schien ihm etwas zu sagen, also zog ich den Ring von
meinem Finger und gab ihn ihm.
„This
is for Erik. I was told to give it to you and wait here for him."
8
"Of
course, Miss… Christine." 9
Der Klang meines Namens schockte
mich ein wenig, doch dadurch wusste ich nun mit hundertprozentiger
Sicherheit, dass ich hier richtig war.
„Jenny! Come ‚ere!"
rief er plötzlich. 10
Ein junges Dienstmädchen erschien
und wartete auf nähere Anweisungen.
„Jenny
here will show ye to yer room, Miss Christine." 11
Ich
bedankte mich bei Monsieur MacKenzie und folgte dem jungen
Mädchen.
„Have ye no luggage, Miss?" fragte sie mich, als
ich ihr die Treppe hinauf folgte. 12
„No, nothing."
13
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1 Bitte, Monsieur. Können Sie mir den
Weg zur Devil's Inn zeigen?
2 Ja, Mädchen. Das kann ich. Sie
folgen nur dieser Straße hier und biegen nach dem roten Haus da
links ab. Und dann ist es nur noch ein kleines Stück die Straße
hinunter, auf der rechten Seite.
3 Vielen Dank, Monsieur.
4
Einem hübschen Mädchen helfe ich immer gern, Miss.
5
Guten Abend, Monsieur. Sind Sie Mr Alasdair Iain MacKenzie?
6 Ich
habe eine Nachricht für Erik.
7 Für Erik?
8 Der ist
für Erik. Man sagte mir, ich solle ihn Euch geben und hier auf
ihn warten.
9 Natürlich, Miss... Christine.
10 Jenny! Komm
her!
11 Jenny wird Sie auf Ihr Zimmer bringen, Miss Christine.
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Haben Sie denn kein Gepäck, Miss?
13 Nein, nichts.
