7. Komplikationen
Ich war jetzt seit zwei Wochen bei Erik in Schottland. Seit jenem Kuss hatte er sich wieder etwas distanziert, aber im Lauf der Zeit waren wir uns wieder etwas näher gekommen.
Er hatte mir in Fort William einige Kleider und andere Dinge gekauft, da ich ja kein Gepäck dabei gehabt hatte.
Tagsüber schloss er sich oft in seinem Zimmer ein und komponierte, was mir genügend Zeit gab das Haus und die nähere Umgebung zu erkunden. Es war einfach wunderschön hier. Aber am liebsten waren mir die gemeinsamen langen Abende. Wie saßen gemeinsam vor dem Kamin und manchmal erzählte Erik mir eine Geschichte, so wie er dass vor so langer Zeit in der Oper getan hatte.
Am ersten Abend hatte ich ihm erzählt, was in den vergangenen fünf Jahren passiert war, die gekürzte Version natürlich. Als ich Erik jedoch erzählte, dass Raoul mich geschlagen hatte, würde er furchtbar wütend.
„Wie kann er es wagen!" rief er empört. „Dafür sollte ich ihn..."
„Nein." Sagte ich leise und legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Es ist nicht mehr wichtig. Ich habe ihn verlassen, er ist weit weg und wird uns nie mehr etwas antun können."
Nach einiger Zeit nickte er, wenn auch ein wenig wiederwillig, und setzte sich wieder hin.
Eines Abends erhielt Erik eine Nachricht von Mr. MacKenzie, dem Besitzer von Devil's Inn. Ich konnte an seiner Haltung sehen, dass es sich anscheinend um keine gute Nachricht handelte. Er sah auf und fragte:
„Hast du unterwegs einen gewissen Gaston Leroux getroffen?"
„Ja, auf dem Schiff," antwortete ich überrascht. „Warum?"
„Weil er sich in Fort William nach dir erkundigt hat. Wie konntest du ihm nur deinen richtigen Namen geben?"
„Was... aber... das habe ich doch gar nicht! Ich habe ihm gesagt, dass ich Meg Giry heiße!" verteidigte ich mich.
Erik überlegte eine Zeitlang.
„Hier ist irgendetwas faul. Er hat nach einer Christine Dáae gefragt. Woher kennt er deinen Namen?"
Ich schüttelte nur ungläubig den Kopf.
„Ich habe keine Ahnung. Ich habe nur ein paar Worte mit ihm gewechselt. Er war mit etwas zu aufdringlich und ich habe versucht ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden."
„Ich werde ihm einen kleinen Besuch abstatten," entschied Erik. „Er ist in der Devil's Inn abgestiegen."
Mit diesen Worten drehte er sich um und wollte gehen, doch ich hielt ihn zurück.
„Erik! Ich werde mit dir kommen."
„Nein."
Doch so leicht gab ich nicht auf.
„Bitte Erik. Ich werde dich nicht behindern, ich verspreche es. Aber bitte nimm mich mit."
Er sah mich einen Moment lang unentschlossen an, dann gab er nach.
„In Ordnung. Aber du wirst tun was ich dir sage, auch wenn es dir vielleicht nicht gefallen wird."
Ich nickte.
„Ja."
„Gut. Dann zieh dir einen dunklen Mantel über, wir werden sofort losreiten."
Erik nahm mich wieder vor sich aufs Pferd und wir ritten nach Fort William. Dort angekommen betraten wir das Gasthaus durch die Hintertür. Erik bedeutete mir, hinter ihm zu bleiben und schlich vorsichtig die Treppe hinauf.
Im ersten Stock schritt er so zielsicher auf eines der Zimmer zu, dass ich vermutete, dass er die Nummer bereits aus dem Brief erfahren hatte. Bevor er die Tür vorsichtig öffnete horche er kurz daran, um sicher zustellen, dass sich Mr. Leroux auch alleine in seinem Zimmer befand.
Geräuschlos verschwand er im Zimmer. Ich blieb unschlüssig davor stehen, nicht sicher, ob ich ihm folgen sollte, oder doch lieber warten. Bevor ich mich entscheiden konnte, war Erik auch schon wieder aus dem Zimmer raus und zog ich schnell hinein.
Gaston Leroux war an einen Stuhl gefesselt in der Mitte des Zimmers. Ich sah Erik überrascht an. Wie hatte er das so schnell geschafft?
Die Tür fiel leise ins Schloss und Erik entfernte den Knebel, der den anderen bisher am Sprechen gehindert hatte.
„Was soll das? Ihr brecht in mein Zimmer ein..." Gaston brach abrupt ab, als ich aus dem Schatten heraus trat. „Ihr!"
„Ja, ‚sie'", sagte Erik mit gefährlich leiser Stimme und zog ein Messer hervor.
Er warf mir einen warnenden Blick zu, und wandte sich an den gefesselten.
„Ihr werdet mir jetzt genau sagen, warum Ihr Christine hinterherspioniert."
„Ganz ruhig, Monsieur! Ich sage Euch ja alles! So gut bezahlt er mich nun auch wieder nicht!" rief dieser eingeschüchtert.
„Bezahlt? Wer bezahlt Euch?" fragte Erik und trat näher an den Gefesselten heran.
„Der Vicomte de Changy."
Ich schlug erschrocken eine Hand vor den Mund. Raoul! Panisch blickte ich Erik an, der sich sichtlich zusammenriss.
„Was genau habt Ihr dem Vicomte erzählt?" wollte er wissen.
„Nur, dass ich sie bis hierher verfolgt habe. Er hat mich angeheuert nachdem sie verschwunden ist." Erklärte Monsieur Leroux nervös. „Er sagte mir, ich solle am Grab ihres Vaters auf sie warten, da sie sicher dorthin gehen würde, dann solle ich sie beschatten und ihm Bericht erstatten. Er wollte das nächste Schiff nehmen und müsste eigentlich morgen ankommen!"
Entsetzt starrte ich Erik an. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Ich hatte doch extra aufgepasst, wie konnte mir jemand gefolgt sein?
Panik stieg in mir auf. Was würde nun passieren? Wieso konnte mich Raoul denn nicht in Ruhe lassen? Warum konnte er mich nicht gehen lassen.
Auf einmal schien Erik zu einem Entschluss gekommen zu sein. Er band Gaston los und drängte ihn gegen die Wand. Eirks Hände schlossen sich um Gastons Hals
„Wenn der Vicomte Morgen ankommt, soll er zu Mr. MacKenzie gehen. Er wird ihm sagen können, wo sich Christine aufhält. Er soll alleine kommen. Wenn Ihr ihm etwas von heute Nacht verratet, oder ihm sonst noch irgendetwas sagt, werdet Ihr das bereuen. Habt Ihr das verstanden?"
Zum Unterstreichen seiner Warnung drückte Erik noch ein wenig fester zu, bevor er Gaston losließ.
Gaston Leroux fiel auf die Knie und rang nach Luft. Er nickte ängstlich und versicherte uns immer wieder, dass er genau das machen würde und auf keinem Fall irgendetwas verraten würde.
Erik nickte wortlos und verlies mit mir das Zimmer. Schweigend kehrten wir zu seinem Haus zurück, nachdem er Mr. MacKenzie eine Nachricht hinterlassen hatte.
