8. Konfrontation

Erik und ich ritten schweigend zurück. Meine Gedanken spielten verrückt. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte Raoul mich finden? Und, noch viel wichtiger: Was sollten wir jetzt tun?

Eines wusste ich genau: Ich würde nie wieder zu Raoul zurück kehren. Jetzt wo ich Erik endlich wieder gefunden hatte, wollte ich ihn um nichts auf der Welt wieder verlieren.

Erik half mir vom Pferd herunter und bat mich schon einmal ins Wohnzimmer vor zu gehen.

Nervös schritt ich vor dem Kamin auf und ab.

Als Erik den Raum betrat lief ich zu ihm.

„Erik! Was sollen wir nun tun? Wieso hast du dafür gesorgt, dass Raoul uns findet?"

„Weil ich es ein für alle mal zu Ende bringen will," sagte Erik leise und führte mich zum Sofa, wo wir uns hinsetzten.

„Zu Ende bringen?" Ich seufzte. „Erik, ich will nicht, dass Raoul stirbt."

Ich spürte wie er sich neben mir versteifte.

„Nein Erik. So habe ich das nicht gemeint. Ich will noch viel weniger dass du stirbst. Ich will dass überhaupt niemand stirbt. Nicht wegen mir."

„Oh Christine..." Erik legte seinen Arm um mich. „Es ist nicht deine Schuld. Und ich verspreche dir, dass ich Raoul nicht töten werde, wenn ich es irgendwie vermeiden kann."

Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.

„Danke."

Am nächsten Morgen brachte ich kaum etwas herunter. Wenn Erik mir nicht gut zu geredete hätte, hätte ich gar nichts gegessen.

Nach dem Frühstück ging ich nervös und ungeduldig im Wohnzimmer auf und ab.

„Christine. Beruhige dich. Es wird alles gut werden," versuchte Erik mich zu beruhigen, doch es half nichts.

Schließlich setzte er sich auf das Sofa, zog mich in seine Arme und begann leise zu singen:

"Night–time sharpens, heightens each sensation Darkness stirs and wakes imagination Silently the senses abandon their defences... Slowly, gently, night unfurls its splendour Grasp it, sense it – tremulous and tender Turn your face away from the garish light of day Turn your thoughts away from cold, unfeeling light - And listen to the Music of the Night..." Als Erik für mich sang, begann ich mich langsam zu entspannen. Ich lehnte mich an ihn und schloss die Augen. "Close your eyes and surrender to your darkest dreams! Purge your thoughts of the life you knew before Close your eyes, let your spirit start to soar! And you'll live, as you've never lived before..." Irgendwann schlief ich ein.

Ich wachte erst wieder auf, als Erik mich leicht schüttelte.

„Christine. Er ist hier."

Sofort war ich hellwach.

„Was? Wo ist er?"

"Er geht gerade auf die Tür zu. Sie ist nicht zugesperrt, er wird also leicht hereinkommen."

Und tatsächlich: Die Tür wurde aufgeschlagen und ich hörte Raoul rufen.

„Christine! Ich weiß, dass du hier bist! Komm sofort her!"

Ich atmete tief durch und antwortete ihm dann.

„Ich bin hier, Raoul."

Wütend kam er ins Zimmer gestürzt, ohne Erik zu sehen, der neben der Tür im Schatten stand.

„Christine! Was fällt dir ein, einfach wegzulaufen!"

Ich machte unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Raoul, ich habe dich verlassen. Ich werde nicht mir dir zurück gehen."

Raoul packte mich grob am Arm und zischte mich an.

„Das kommt gar nicht in Frage! Du bist meine Frau und du wirst jetzt mitkommen! Ich werde doch nicht zulassen, dass du mir so einfach davonläufst!"

„Lasst sie los, Monsieur", ertönte Erik eisige Stimme hinter seinem Rücken.

Raoul war so überrascht, dass er mich losließ und herumfuhr.

„Ihr? Ich dachte, Ihr seid tot..." Raouls Blick eilte von Erik zu mir.

„Ihr denkt?" fragte Erik ironisch. „Ein Wunder dass die Hölle noch nicht zugefroren ist..."

„Du willst mich für dieses Monster verlassen?!?" rief Raoul.

„Er ist kein Monster! Wenn jemand hier ein Monster ist, bist du es Raoul!" rief ich und machte einen Schritt zurück. Erik begab sich sofort an meine Seite und stellte sich schützend vor mich.

Raoul starrte mich nur ungläubig und zornig an.

„Ich würde vorschlagen, dass Ihr jetzt wieder nach Paris zurückkehrt und Christine nie wieder belästigt," schlug Erik mit schneidender Stimme vor.

Raouls Gesichts verzog sich zu einer wutverzerrten Fratze und er zog seinen Degen.

„Ich werde nicht zulassen, dass ein verkrüppelter Mörder mir meine Frau wegnimmt!" schrie er und stürzte sich auf Erik.

„Erik!" rief ich erschrocken, doch er war Raouls Schlag bereits ausgewichen.

„Wie überaus edelmütig von Euch, Vicomte, einen unbewaffneten Mann anzugreifen," sagte Erik mit vor Sarkasmus triefender Stimme und riss einen der beiden Degen von der Wand die eigentlich nur zur Deko waren, aber glücklicherweise echt waren.

Ich beobachtete aufgewühlte den Kampf und verkrampfte meine Hände im Stoff meines Kleides. Ich öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ich bekam keinen Ton heraus. Das konnte doch nicht passieren! Ich war zu sehr geschockt um etwas anderes tun zu können außer den beiden zu zusehen. Erik hatte eindeutig die Oberhand, er hätte Raoul schon mehrere Male töten können, doch er hielt sich an sein Versprechen. Dies schien Raoul jedoch nur noch wütender zu machen.

Raoul schlug wütend auf Erik ein, der seine Schläge mit Leichtigkeit parierte. Die Degen klirrten und hin und wieder stieß Raoul gegen die Couch oder den Tisch. Jetzt fiel er über einen der Stühle und rappelte sich unter Flüchen wieder auf. Erik stand nur daneben und sah ihm mit spöttischer Miene dabei zu.

Mit einem Schrei stürzte sich Raoul wieder auf Erik, der mit einer schnellen Bewegung seine Waffe herum riss und die Jacke seines Gegners zerschnitt.

„Gebt auf!" forderte er den Vicomte auf.

„Niemals!" rief dieser und holte erneut zum Schlag aus. „Ich werde nicht zulassen, dass Ihr sie bekommt! Sie gehört mir!"

Nun hatte Erik genug von dieser Farce; mit einer schnellen Bewegung schlug er Raoul den Degen aus der Hand und richtete die Spitze seiner Waffe auf dessen Hals. Ich blickte nervös von einem zum anderen. Was würde Erik nun tun?

„Ihr habt verloren, Monsieur."

Raoul erstarrte und sah nun leicht panisch auf Eriks Degen dessen Spitze gefährlich nahe war.

„Lasst Eure Waffe fallen."

Nach kurzem Zögern lies der Vicomte seine Waffe zu Boden fallen und machte einen unsicheren Schritt zurück.

„Ich schlage vor, Ihr verlasst dieses Haus und kommt nie wieder," sagte Erik kalt. „Das nächste Mal werde ich Euer jämmerliches Leben nicht verschonen."

So schnell, dass ich nicht reagieren konnte, zog Raoul ein Messer hinter seinem Rücken hervor, hechtete schräg an Erik vorbei zu der Stelle an der ich stand und zerrte mich vor sich. Er hielt mich mit einer Hand fest und hielt mir mit der anderen die Klinge an die Kehle.

„Bevor ein Monster wie Ihr sie bekommt, bringe ich sie lieber um!" zischte er. „Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie keiner haben!"

„Christine!" rief Erik erstarrte. Seine Augen blitzten wütend auf und es war deutlich zu erkennen, dass er Raoul am liebsten mit blosen Händen in Stücke gerissen hätte, doch er wagte es nicht, nicht solange der Vicomte mich bedrohte.

„Lasst sie los!" zischte er.

„Legt Eure Waffe nieder, Monsieur le Fantôme," forderte Raoul und verstärkte seinen Griff um mich etwas.

„Erik, tu es nicht!" bat ich ihn.

„Halt deinen Mund, Miststück!"

Raoul drückte mir die Klinge fester an die Kehle, sodass mir ein kleines Blutrinnsal den Hals hinunter lief.

„Wagt es ja nicht, ihr etwas anzutun!" knurrte Erik zornig und warf seine Waffe zur Seite, wo sie weit außerhalb seiner Reichweite hinter dem Sofa auf dem Boden aufschlug.

„Sehr gut. Dein Liebhaber scheint mehr Verstand zu besitzen als du," flüsterte mir Raoul höhnisch ins Ohr und stieß mich zu Boden. Er hob seinen Degen wieder auf und ging mit einem mörderischen Grinsen auf Erik los.

„Nein!" schrie ich panisch.

Erik versuchte noch dem Schlag auszuweichen, doch schaffte er es nicht mehr.

Raouls Degen traf seine Maske, die unter der Wucht des Hiebes in zwei Teile zersprang. Ich hörte nur noch das Klirren, als die Keramikstücke auf dem Boden aufkamen. Entsetzt starrte ich auf die dunkelroten Blutstropfen auf dem schneeweißen Hintergrund, rot auf weiß, wie Rosenblätter im Schnee... ich konnte meinen Blick nicht von der zerbrochene Maske abwenden die von frischem Blut befleckt war. Eriks Blut.