9. Tod

Erik versuchte noch dem Schlag auszuweichen, doch Raouls Degen streifte seine Maske noch mit so viel Wucht dass diese zerbrach. Die Keramikscherben fielen zu Boden, doch Erik war zum Glück unverletzt bis auf einen tiefen Kratzer, der sich quer über die Wange zog und aus dem Blut heruntertropfte.

Raoul versuchte sein Gleichgewicht wieder zu finden, während Erik sich nach einer anderen Waffe umsah, da sein Degen ja auf der anderen Seite des Zimmers lag.

Doch noch bevor er eine finden konnte, stürzte sich Raoul bereits wieder auf ihn und Erik wurde wieder gezwungen, der Klinge auszuweichen.

Mit einer schnellen Bewegung drehte sich Erik nach rechts und der Degen verfehlte ihn nur knapp.

Ich hatte mich inzwischen wieder aufgerappelt und sah mich panisch um.

Erik war zwar gut, aber er war unbewaffnet. Ich wusste nicht, wie lange er Raoul noch ausweichen konnte.

Es war wie eine innere Eingebung, als mein Blick plötzlich auf Eriks Schreibtisch fiel. Ich wusste von Erik, dass sich eine Pistole in einer der Schubladen befand.

Ich rannte sofort zu dem Möbelstück hinüber. Mit zitternden Händen zog ich die oberste Schublade auf erblickte erleichtert die Pistole. Ich brauchte drei Anläufe bis ich die Waffe herausgenommen hatte. Langsam hob ich die Schusswaffe und zielte auf Raoul, der gerade zu einem weiteren Angriff ansetzte.

Der Schuss hallte durch den Raum und der Rückstoß der Waffe lies mich einige Schritte zurückstolpern.

Raoul stieß einen schmerzerfüllten Ruf aus und ließ erschrocken seine Waffe fallen. An seiner rechten Schulter breitete sich schnell ein hellroter Fleck auf dem Stoff seines Hemdes aus. Entsetzt starrte ich auch die rauchende Pistole in meiner Hand. Hatte ich gerade wirklich geschossen?

Wie in Zeitlupe hob ich meinen Blick wieder und starrte mit weit aufgerissenen Augen au die Szene die sich mir darbot.

Erik nutze die Gelegenheit und war mit einem Satz bei Raoul, hob seine Waffe vom Boden auf und schnitt dem Vicomte mit einer schnellen Bewegung die Kehle durch. Wie betäubt sah ich Raoul langsam zu Boden sinken.

Der Teppich verfärbte sich durch das viele Blut und auch das cremefarbene Kissen hatte einige Spritzer abbekommen.

Eriks zerbrochene Maske lag inmitten der großen Blutlache, in der sich das weiße Porzellan klar hervor hob.

Der Raum schien vor meinen Augen zu verschwimmen... ich konnte nur noch auf das viele Blut starren... eine eisige Hand schien sich um mein Herz zu legen und ich hatte Müh zu atmen.

Auf einmal stand Erik neben mir... er sagte etwas, doch ich konnte ihn nicht hören. Ich konnte überhaupt nichts hören... ich fühlte wie mir immer mehr schwindelig wurde. Meine Knie gaben einfach unter mir nach und ich sank in Eriks Arme. Vorsichtig fing er mich auf und hob mich hoch.

Er trug mich die Treppe hinauf und legte mich ins Bett. Dort deckte er mich sorgsam zu und hielt mir eine Tasse an die Lippen. Ohne nachzudenken trank ich und fühlte mich sogleich schläfrig. Bevor alles dunkel wurde, spürte ich noch, wie mir Erik zärtlich über die Wange strich.

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Erstaunt sah Erik wie sich auf Raouls Schulter ein roter Fleck ausbreitete und er seine Waffe fallen lies, doch das Phantom lies diese Chance nicht ungenützt verstreichen. Blitzschnell hob er seine eigene Waffe auf und schnitt Raoul die Kehle durch. Anfangs wollte er ja noch das Leben des Vicomtes schonen, Christine zu Liebe, doch er hatte es gewagt ihr zu drohen. Und Niemand drohte seinem Engel! Erik hatte ihr geschworen, dass Raoul ihr nie wieder etwas antun würde. Er hatte einmal versagt, ein zweites Mal würde er es nicht zulassen. Dieser Bastard hatte ihr ein Messer an den Hals gehalten!

Voller Genugtuung beobachtete Erik wie der andere mit einem leisen Röcheln zu Boden ging, doch nicht lange weidete er sich an diesem Anblick, denn sein Blick fiel auf Christine. Totenbleich stand sie da, mit der noch rauchenden Waffe in der Hand, und starrte auf das sich am Boden ausbreitende Blut.

„Christine!", rief Erik bestürzt und eilte an ihre Seite.

‚Sie hat geschossen... sie hat auf Raoul geschossen... sie war es', hallte es durch seinen Kopf. ‚Sie hat tatsächlich auf ihn geschossen...'

Widerstandslos lies sich Christine von Erik die Waffe aus der Hand nehmen.

„Engel, es ist alles in Ordnung. Er ist tot. Er wird dir nie wieder wehtun können."

Aber Christine schien ihn nicht zu hören. Sie starrte noch immer auf das viele Blut und stand offensichtlich unter Schock.

„Christine? Kannst du mich hören?", fragte er besorgt.

Anstatt eine Antwort zu bekommen, knickten plötzlich Christines Beine ein und sie wurde gerade noch von Erik aufgefangen. Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie nach oben, um sie ins Bett zu legen. Sie war so leicht und klein in seinen Armen, ihr Gesicht war so bleich.

Erik legte sie behutsam auf die Matratze und sorgte dafür, dass Christine sorgsam zugedeckt war.

„Ich bin gleich wieder bei dir, mein Engel."

Eilig suchte er eine Flasche mit einem starken, aber leicht verträglichem Schlafmittel hervor und mischte etwas davon in ein Glas Wasser. Sofort ging er wieder zu Christine und flößte ihr das Gemisch ein.

„Schlafe, Christine. Es wird alles gut."

Erik strich ihr sachte über die Wange und hauchte ihr noch einen Kuss auf die Stirn, ehe er das Zimmer verließt. Seine Schritte führten ihn wieder nach unten. Er musste sich noch um Raouls Leiche kümmern.

Nach einigen Überlegungen, beschloss Erik, dass es am besten wäre, die sterblichen Überreste des Vicomtes zu verbrennen. So würde nicht übrigbleiben außer einem Haufen Asche... und für den war ihm auch bereits eine Verwendung eingefallen. Ein kaltes Lächeln huschte über das Gesicht des Phantoms als er die Tür zum Wohnzimmer öffnete und seinen Blick über die Verwüstung schweifen lies.

Raoul lag in einer kleinen Blutlache am Boden, die zerbrochene Maske lag wenige Schritte davon entfernt. Langsam ging er hinüber und hob die Porzellanstücke auf. Einige rote Blutstropfen befanden sich auf der weißen Oberfläche und waren bereits leicht angetrocknet. Sorgsam legte Erik die Reste seiner Maske auf den Schreibtisch und hob auch die Pistole auf, die Christine fallen gelassen hatte.

Dann stieg er über Raouls Leiche hinweg und holte eine Decke in die er die Leiche wickelte um sie leichter transportieren zu können. Er deponierte sie erst einmal im Schuppen und machte sich dann daran ein Stück vom Haus entfernt einen Scheiterhaufen zu errichten. Schweigend und konzentriert arbeitete er an seinen Vorhaben und eine gute Stunde später war der Holzhaufen groß genug.

Erik wischte sich den Schweiß von der Stirn und machte sich wieder auf den Weg ins Haus. Dort holte er sich ein kleines Fass Strohrum und schleppte dieses zusammen mit der Leiche zu dem Scheiterhaufen. Nachdem er Raouls Leiche auf dem Holzhaufen abgelegt hatte und alles mit dem Alkohol übergossen hatte, entzündete er das Ganze.

Schweigend ging Erik einige Schritte zurück und beobachtete regungslos wie der Körper seines ehemaligen Rivalen von den Flamme verschlungen wurde.

"Von nun an, Monsieur, gibt es wirklich kein Zurück mehr."

Mit diesen Worten kehrte er dem Scheiterhaufen den Rücken zu.

Während Erik sich daran machte im Wohnzimmer sämtliche Kampfspuren zu beseitigen, wurde es langsam dunkel.

Der Teppich war nicht mehr zu retten, die Blutflecken würden nicht mehr herausgehen, also schmiss ihn Erik kurzerhand weg und ersetzte ihn erst mal durch den Teppich aus seinem Schlafzimmer. Einer der Stühle war zerbrochen und Erik brachte ihn kurzerhand nach draußen, wo er ihn auf den Scheiterhaufen warf. Er wollte jedes Zeichen dieses Vorfalls verschwinden lassen. Nichts sollte Christine mehr an das erinnern, was vorgefallen war.

Es war bereits tiefe Nacht, als Erik mit allem fertig war. Das Wohnzimmer war wieder sauber und aufgeräumt und nichts deutete mehr darauf hin, dass hier vor kurzem noch ein Kampf auf Leben und Tod stattgefunden hatte. Der Scheiterhaufen brannte noch immer und würde auch noch einige Zeit brauchen, bis er ganz heruntergebrannt war.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass im Haus alles in Ordnung war, ging Erik wieder zu Christine hinauf und setzte sich neben ihr ans Bett. Sie sah so friedlich aus und so verletzlich wie sie so dalag. Erik blieb den Rest der Nacht neben seinem Engel sitzen und bewachte ihren Schlaf.

Am nächsten Morgen schlief Christine noch immer tief und fest und Erik wusste, dass sie vor dem Abend auch nicht mehr aufwachen würde. Er hatte das Schlafmittel ja so dosiert, da er nicht wollte, dass sie mitbekam wie er die Leiche ihres ‚Ehemannes' entsorgte. Nachdem er ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn gab, ging er nach unten und verlies das Haus.

Der Scheiterhaufen war mittlerweile komplett heruntergebrannt. Sorgfältig füllte Erik den Leichenbrand in eine kleine Holzkiste die er zu ebendiesem Zweck mitgenommen hatte. Dann grub er ein flaches Loch in dem er den Rest des Haufens entsorgte. Die Brandstelle bedeckte er mit Erde, sowie Heidekraut und Ästen, so dass nichts mehr zu erkennen war.

Nun begab sich Erik wieder ins Haus. Die Kiste mit Raouls Asche stellte er auf seinem Schreibtisch ab und machte sich daran einen Brief zu verfassen. Mit blutroter Tinte schrieb er eine kurze Nachricht auf das Papier und unterzeichnete dann. Zufrieden betrachtete er sein Werk:

You will curse the day you made her cry. – O.G."

Mit einem zufriedenen und schadenfrohen Lächeln tat er Raouls Siegelring mit in den Umschlag und versiegelte den Brief mit ebenfalls rotem Wachs und seinem alten Totenkopfsiegel. Dann legte er diesen in die Kiste auf die Asche und adressierte das ganze an Raouls Mutter. Diese alte Schachtel würde dafür bezahlen, was sie Christine angetan hatte.

Nachdem er kurz nach Christine geschaut hatte – sie schlief noch immer tief und fest – macht sich Erik auf den Weg nach Fort William um dort das Packet an die Vicomtess de Changy abzugeben.

Als er wieder zurückkam dämmerte es bereits. Nun würde das Schlafmittel bald nachlassen. Schnell eilte er die Treppe hinauf und setzte sich dann an Christines Bett um darauf zu warten, dass sie aufwachen würde.

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Als ich wieder zu mir kam lag ich in meinem Bett. Schläfrig blinzelte ich und wollte mich aufsetzen, da hielt mich Eriks Hand zurück.

„Nichts so hastig, mein Engel."

„Erik?", flüsterte ich immer noch leicht benommen. „Was... wie lange..."

„Alles ist in Ordnung", beruhigte er mich und nahm meine Hand in die seine. „Ich habe dir ein Schlafmittel gegeben, du warst unter Schock. Du hast einen ganzen Tag lang geschlafen."

„Einen ganzen Tag?", rief ich erschrocken aus und wollte aufspringen.

„Immer langsam, Christine. Es ist alles in Ordnung. Raoul ist tot und wird dir nie wieder etwas tun können!"

„Raoul..." Nun fiel mir alles wieder ein: Der Kampf, der Schuss... Raouls Leiche...

„Oh, mein Gott... ich hab' ihn umgebracht... ich bin eine Mörderin...", flüsterte ich verzweifelt und schlug die Hände vors Gesicht.

„Nein.", sagte Erik bestimmt und nahm mich in seine starken Arme. „Du hast ihn nicht umgebracht. Du hast ihn nur verletzt, umgebracht habe ich ihn. Du bist keine Mörderin, Christine."

„Aber, ich habe auf einen Menschen geschossen... und ich wollte ihn töten..."

Verzweifelt klammerte ich mich an Erik.

„Es war Notwehr. Er hätte uns beide umgebracht. Du hast dir nichts vorzuwerfen."

Erik hielt mich weiterhin fest und wiegte mich wie ein kleines Kind, während er beruhigend auf mich einredete.

Langsam überwand ich meinen Schock und fand mich damit ab, was ich getan hatte. Schließlich hatte Erik recht: Raoul hätte uns beide umgebracht. Besser er als wir.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, führte mich Erik nach unten und macht mir etwas zu essen. Zuerst hatte ich keinen Hunger, doch dann aß ich trotzdem alles auf.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit Erik im Musikzimmer beim Klavierspielen zuzuhören. Er erwähnte Raoul nicht wieder und ich fragte auch nicht nach. Ehrlich gesagt war es mir ganz egal, was mit seiner Leiche passiert war. Hauptsache er lies mich nun in Ruhe. Ich fühlte mich irgendwie innerlich leer, anscheinend hatte ich noch immer nicht alles verarbeitet.

Erik umsorgte mich die nächsten Tage rührend und wich kaum von meiner Seite.

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So, das war das vorletzte Kap. Ein kleines kommt noch, das hab ich auch schon fast fertig! g