2. Die Schatten Werden Länger

Daria schlenderte weiter über den Friedhof und sah sich die alten Gräber an. Die Anlage stellte sich als größer als erwartet heraus und als sie wieder bei der Kirche angekommen war, war es bereits Nachmittag und die Sonne stand schon relativ tief.

„Ich sollte mich lieber etwas beeilen, nicht dass ich noch in der Dunkelheit durch den Wald laufen muss."

Sie verzog ihr Gesicht bei dem Gedanken. Sie hatte zwar keine Angst in der Dunkelheit, aber der Wald war ja schon bei Tageslicht unheimlich genug... und sie hatte eine wirklich lebhafte Phantasie.

Also verlies sie den Friedhof und machte sich wieder auf den Weg zum Dorf zurück. Sie ging so schnell sie konnte, doch der kalte Wind der schon den ganzen Tag über geblasen hatte, machte es nicht gerade leichter und auch der Schnee war tiefer als auf dem Hinweg. Als sie den Waldrand endlich erreicht hatte, war sie total k.o. und musste erst mal eine kleine Verschnaufpause einlegen. Die Sonne war bereits hinter den Bäumen verschwunden und Dämmerlicht zog auf.

„Shit."

Doch sie hatte keine Wahl: Wenn sie ins Dorf zurück wollte – und sie hatte kaum vor, die Nacht hier draußen zu verbringen! – musste sie wohl oder übel durch diesen Wald.

Zwischen den Bäumen hing leichter Nebel der erfüllt war von seltsamen, leicht unheimlichen Schatten. Daria atmete tief durch und ging in den Wald hinein. Kaum war sie ein paar Schritte weit gekommen, da hüllte sie das Halbdunkel der Dämmerung auch schon ein. Sie konnte nicht weiter als vielleicht zehn Meter sehen und war überall von bedrohlichen Schattenformen umgeben.

‚Ganz ruhig, nur nicht an Horrorfilme denken.', dachte das Mädchen nervös.

Langsam ging sie den Weg weiter entlang. Auf einmal knackte es direkt hinter ihr, als ob jemand einen Ast zertreten hatte.

„AH!"

Daria schrie und sprang in die Luft. Hektisch drehte sie sich um und blickte wild um sich. Doch da war nichts, nur Schatten.

„Puh, Glück gehabt!", sie seufzte erleichtert auf. „Das hast du ja super gemacht, wenn da wirklich jemand gewesen wäre, würde er sich jetzt zu Tode lachen!"

Obwohl, das wäre ja auch eine Möglichkeit der Selbstverteidigung – den Gegner dazu bringen dass er sich zu Tode lacht.

Nachdem sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte, machte sie sich wieder auf den Weg. Es wurde immer dunkler und durch die kahlen Äste hindurch konnte man mittlerweile den Sternenhimmel sehen.

„Verdammt! Irgendwo muss doch diese verfluchte Kreuzung sein!"

Daria sah sich verzweifelt um. Sie war nun schon viel zu lange durch diesen Wald geirrt und die Kreuzung die zum Dorf führte, hatte sie immer noch nicht gefunden.

„So kompliziert kann das doch nicht sein! Hier auf dieser blöden Karte sind doch nur zwei Wege eingezeichnet! Die müssen sich doch irgendwann kreuzen!"

Anscheinend nicht. Nach einer weiteren Stunde hatte sie den anderen Weg noch immer nicht gefunden. Mittlerweile hatte sie komplett die Orientierung verloren.

Scheiße! Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Sich in der Dunkelheit im Wald zu verirren! Na toll!

‚Wenn das eine Geschichte wäre, würde jetzt ein Ritter in glänzender Rüstung auftauchen und mich auf seinem Pferd ins Dorf zurück bringen.', dachte sie leicht verzweifelt.

Es wurde immer kälter und sie zog ihren Ledermantel enger um sich und rieb ihre Hände aneinander. Warum nur hatte sie nur die Handschuhe ohne Finger mitgenommen und nicht die anderen?

‚Ganz einfach, weil du nicht damit gerechnet hast, die Nacht hier draußen zu verbringen!', meldete sich eine boshafte Stimme in ihrem Unterbewusstsein.

Während sie weiter durch den Wald irrte, schienen Daria die Schatten und Nebelfetzen immer bedrohlicher und sie hatte Mühe ruhig zu bleiben. In solchen Situationen stellte es sich eben doch als ziemlich großer Nachteil heraus, wenn man eine lebhafte Phantasie hatte und jede Menge Horrorfilme und –geschichten kannte!

Einmal war sie sich sogar ganz sicher, in der Dunkelheit zwei glühende Augen gesehen zu haben, doch als das Mädchen noch einmal hinsah, waren sie weg. Sie schüttelte sich.

‚Jetzt nur nicht an den Hund von Baskerville oder an Werwölfe denken!'

Auf einmal stolperte sie über einen Ast und hatte Mühe ihr Gleichgewicht zu bewahren.

„Verdammt!"

Daria blieb stehen und atmete tief durch. Ganz ruhig, ganz ruhig. Nur keine Panik, alles ist in Ordnung. Das war nur ein blöder Ast, kein Grund zur Panik.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, es war gerade hell genug, die Zeit abzulesen: Mitternacht. Geisterstunde.

Na toll. Das war ja so klar. Einfach perfekt. Ihre Phantasie spielte ja auch so schon verrückt, ohne dass es Mitternacht wäre!

Plötzlich hörte sie in der Ferne ein Geräusch, dass sich auf sie zu bewegen schien. Panik drohte sie zu überwältigen, doch die junge Frau konnte sich gerade noch zusammenreißen.

‚Das ist nur eine Art Wagen oder so.', dachte sie nervös. ‚Keine Panik.'

Aber was machte jemand um diese Zeit hier?

‚Vielleicht ist es ja Graf Dracula auf seiner nächtlichen Spazierfahrt.', dachte sie ironisch. Doch dann beschloss Daria doch lieber, sich im Unterholz zu verbergen. Mann konnte ja nie wissen.

Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durchs Gestrüpp und verbarg sich hinter einem relativ großen Baum. Das Gefährt näherte sich und nun konnte sie erkennen, dass er sich um eine Kutsche handelte. Eine schwarze Kutsche mit silbernen Beschlägen.

Es schien, als ob sie von unsichtbaren Pferden gezogen wurde, doch als sie genauer hinsah, konnte Daria erkennen, dass die Pferde auf Grund ihrer schwarzen Farbe mit der Nacht verschmolzen. Während da nicht die zwei Laternen gewesen, hätte sie die Kutsche wahrscheinlich auch nicht gesehen.

Als das Gefährt näher kam, konnte sie eine Gestallt auf dem Kutschbock erkennen, doch diese hatte eine seltsame Form. Fast so als ob er keinen Kopf hatte… so wie der kopflose Reiter in Sleepy Hollow…

Vorsichtshalber versteckte sich Daria hinter einem Baum und beobachtete wie die Kutsche näher herankam und dann direkt vor ihr zum Stehen kam. Sie hatte sich doch nicht irgendwie verraten?

Langsam sah sie aus ihrem Versteck heraus auf den Weg. Aus der Nähe wirkte die Kutsche ziemlich alt, und doch war sie in sehr gutem Zustand. Nun hatte sie auch einen besseren Blick auf den Kutscher und erkannte warum er ihr vorhin so seltsam erschienen war: er war verkrüppelt und hatte einen Buckel.

Das Mädchen atmete erleichtert auf. Soviel zu Sleepy Hollow!

Neuen Mut schöpfend ging sie um den Baum herum und macht einen Schritt auf die Kutsche zu. Vielleicht konnte sie ihn ja nach dem Weg fragen.

Noch bevor sie irgendetwas sagen konnte, öffnete sich die Tür der Kutsche und ein majestätisch wirkender Mann stieg heraus. Er war elegant gekleidet, wenn auch altmodisch: ein feiner schwarzer Anzug, komplett mit Weste, und einen langen schwarz-violetten Mantel. Seine langen dunklen Haare die mit silbernen Streifen durchzogen waren, trug er offen, so dass sie über den Kragen des Mantels hingen. Sein Gesicht schien im Mondlicht ziemlich blass, doch dass konnte auch täuschen. Er hatte eine Aura von Selbstsicherheit, Macht und Autorität um sich und noch irgendetwas undefinierbares.

Noch bevor sich Daria bemerkbar machen konnte, hob er den Kopf, sah ihr direkt in die Augen und lächelte leicht.

Die junge Frau hielt unwillkürlich den Atem an. Dieser Blick! Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wer auch immer er war, in dem Moment als er lächelte, war er absolut unwiderstehlich!

Zögernd machte sie einen Schritt auf ihn zu.

„Entschuldigung.", sagte sie mit einem nervösen Lächeln. „Hallo. Ähm… ich habe mich verlaufen…"

„Guten Abend, meine Dame." Der Mann deutete eine stilvolle Verbeugung an. Seine Stimme war so samtig weich! „Ihr müsste Euch nicht dafür entschuldigen, dass Ihr in diesem Wald die Orientierung verloren habt. Sogar den Einheimischen passiert das hin und wieder, vor allem in der Dunkelheit."

Oh wow! Sogar seine Sprache klang, als ob sie aus dem letzten Jahrhundert stammte! Sie lächelte.

„Ich habe zwar eine Karte dabei aber es hat trotzdem nicht geholfen. Könntet Ihr mir vielleicht den Weg zum Dorf zurück erklären?"

‚Ha!', dachte sie. ‚Ich kann auch altmodisch reden!'

„Aber natürlich. Ich werde Euch sogar persönlich dort hinfahren. Es ist ein ziemlich weiter Weg und Ihr solltet ihn nicht zu Fuß bewältigen müssen. Vor allem nicht alleine. Habt Ihr den die Geschichten nicht gehört, die man sich im Dorf erzählt? Es ist in dieser Gegend nachts nicht sicher."

Daria lachte leise.

„Ich bin zwar erst gestern abend angekommen, aber ich hab' im Gasthaus bereits mehr als genug davon gehört! Die hängen sogar überall Knoblauch auf, wie in einem schlechten Dracula-Film! Es hätte wirklich nur noch gefehlt, dass sie silberne Kreuze, Weihwasser oder Silberkugeln verteilen!"

Er hob eine Augenbraue leicht.

„Vielleicht solltet Ihr dies nicht so leicht nehmen. An solchen alten Geschichten mag oft mehr Wahres daran sein, als man glauben will." (A/N: Wie wahr... g)

Sie nickte.

„Das mag ja sein, dass es hier nachts vielleicht nicht allzu sicher ist, doch ich glaube kaum, dass das an Vampiren, Werwölfen oder sonstigen Monstern liegt. Von solchen Geschichten lasse ich mir keine Angst einjagen. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen."

„Daran zweifle ich nicht, meine Dame. Doch ich vergaß meine Manieren: Darf ich mich vorstellen, ich bin Graf Breda von Krolock."

„Oh," antwortete die Schwarzhaarige überrascht. „Ein echter Graf? Cool! Äh… ich heiße Daria Black."

Sie lächelte und schlug sich gedanklich an die Stirn.

'Cool? Pass doch verdammt noch mal auf was du sagst, du willst doch nicht, dass er dich für einen blöden Teenager hält!'

Doch bevor sie sich weiter mit diesem Gedanken beschäftigen konnte, unterbrach sie Breda.

„Ihr zittert ja richtig! Wie unbedachtsam von mir! Euch muss kalt sein. Hier."

Mit einer fließenden Bewegung nahm er den Mantel ab und legte ihn Daria über die Schultern. Er war unglaublich weich und wärmte ungemein.

„Danke.", sagte sie leise. Damit hatte er sie total aus der Fassung gebracht. Wow. Ein absoluter Gentleman! Die Schwarzhaarige seufzte innerlich. Ihr graute jetzt schon vor dem Moment an dem er sie im Dorf absetzte und davon fuhr...

Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, wandte sich Breda plötzlich an sie:

„Verzeiht, ich möchte nicht aufdringlich sein, doch dürfte ich es mir vielleicht erlauben Euch auf mein Schloss einzuladen? Es ist nicht weit von hier, sogar noch näher als das Dorf. Es ist bereits nach Mitternacht, ich glaube kaum dass in Eurem Gasthaus noch jemand wach ist und ich wäre geehrt, wenn Ihr meine Gastfreundschaft annehmen würdet. Es sei denn, Ihr werdet erwartet?"

„Nein!", sagte Daria schnell, ohne darüber nachzudenken. „Ich bin mir einer großen Reisegruppe unterwegs, die bis mindestens Sonntag in dem Dorf bleibt und der Reiseleiter weiß dass ich kein Interesse an den Gruppenveranstaltungen habe."

„Das trifft sich hervorragend! In diesem Fall müsst Ihr mich mindestens bis Sonntag mit Eurer Anwesenheit beehren."

Bis Sonntag? Das hieße ja drei Tage! Drei Tage auf einem Schloss!

„Nun, ich will Euch nicht zur Last fallen..."

„Unsinn! Ich sehe Gäste gern! Mein Schloss ist groß und leider allzu oft viel zu lehr. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mein Angebot annehmen würdet. Ich könnte Euch die Gegend zeigen.", bot der Graf an und hielt Daria einladend seine Hand an.