5. Good Morning Starshine
Am nächsten Tag schlief Daria wieder bis in den frühen Nachmittag hinein. Sie lies sich Zeit mit dem Aufwachen und streckte sich ausführlich. Dann lag sie noch eine Zeitlang in dem weichen Bett und dachte an den gestrigen Abend. Sie hatte mit dem Grafen ein Glas Wein getrunken, und sich ein wenig mit ihm unterhalten... und dann hatte er sie zu ihrem Zimmer zurück geführt...
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Breda verbeugte sich leicht vor der jungen Frau und bot ihr galant seinen Arm an. Mit einem Lächeln legte Daria ihre Hand auf seinen Unterarm und lies sich von ihm den Gang entlang zu ihrem Zimmer zurück führen.
Der Wein war ziemlich stark gewesen und sie konnte seine Wirkung bereits etwas spüren, doch sie war nicht betrunken.
Bredas Arm fühlte sich so angenehm unter ihrer Hand an... sie seufzte innerlich. Was war nur an diesem Mann, dass er eine solche Wirkung auf sie hatte?
Jetzt waren sie an ihrer Zimmertür angekommen. Daria nahm ihre Hand wiederstrebend von seinem Arm und blieb ein wenig unschlüssig stehen.
Gerade als sie etwas sagen wollte, sah sie auf und blickte direkt in die unglaublich blauen Augen des Grafen, der sie mit einem undeutbaren Blick ansah. Es war, als ob sie in diesen Augen ertrinken würde, sie konnte nicht mehr denken und schaute nur wie gebannt in die Tiefen seiner Augen. Sie bewegte sich nicht und sie hätte schwören können, dass er sich auch nicht bewegte, und doch schienen sie sich immer näher zu kommen, bis er plötzlich mit einer abrupten Kopfbewegung den Zauber brach.
„Gute Nacht, Daria.", sagte er mit leicht belegter Stimme. „Angenehme Träume."
Und damit war er auch schon verschwunden.
„Gute Nacht... Breda", rief Daria ihm noch hinterher, doch es war bereits nichts mehr von ihm zu sehen.
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Wie hatte er das gemacht? Er konnte doch nicht einfach so verschwinden...
„Ach, das ist bestimmt der Wein... niemand löst sich einfach so in Luft auf", sagte sie zu sich selbst und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.
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Seufzend stand Daria auf und zog sich langsam an. Ihre Gedanken kreisten immer noch um die Geschehnisse des letzten Abends.
Beinahe hätte sie ihn geküsst... Daria seufzte leise und holte ein T-Shirt aus ihrem Koffer: diesmal eines mit der Aufschrift ‚The Music of the Night will never end'.
Nachdem sie sich fertig angezogen hatte, machte sie sich auf den Weg in die Küche.
„Also,... den Gang hier runter, dann links..."
Nach einigen Fehlversuchen hatte sie das Speisezimmer gefunden, in dem auch bereits der Tisch gedeckt war.
„Mm... das riecht ja lecker..."
Daria setzte sich an den Tisch und langte zu. Das Essen war einfach hervorragend.
Als sie satt war, räumte sie schnell den Tisch ab und stellte alles in der Küche ab (die sie vom Speisezimmer aus auch schnell fand).
Gesättigt wanderte sie nun ins Kaminzimmer. Dort angekommen fand sie jedoch niemanden und da sie keine große Lust hatte, herumzusitzen bis der Graf oder Herbert auftauchen würden, machte sie sich auf den Weg in die Bibliothek.
Diesmal fand sie den Weg auf Anhieb, aber sie war ja schon immer gut darin gewesen, Bücher zu finden. Andere Leute fanden in jeder Stadt sofort einen Starbucks (auch wenn sie noch nie dort gewesen waren), sie fand eben die Buchläden.
Begeistert stöberte sie durch die vielen Regale und zog schließlich eine leicht verstaubte Ausgabe von Herodot heraus.
Als Breda einige Stunden später auf der Suche nach Daria die Bibliothek betrat, fand er sie zusammengerollt in dem großen Sessel vor dem Kamin vor, in ihr Buch vertieft.
„Guten Abend.", begrüßte er sie lächelnd.
„Was? Oh, Ihr seid es. Guten Abend."
Daria lächelte und streckte sich. „Oh, ich bin ganz steif... ich hätte mich vielleicht doch bequemer hinsetzten sollen... aber bei einem guten Buch vergess' ich schon mal alles um mich herum."
„Verständlich", antwortete ihr der Graf und warf einen Blick auf das Buch das sie gelesen hatte. „Herodot? Ich wusste gar nicht, dass Ihr Euch so für die Antike interessiert."
„Oh, ich bin vielseitig", sagte Daria grinsend. „Aber die Geschichte von Leonidas und seinen 300 Spartanern ist neben der Sage von Troja meine liebste unter den ganzen antiken Sagen und Erzählungen."
„Ihr seid Euch schon bewusst, dass die Schlacht bei den Thermophylen im Vergleich zum Trojanischen Krieg wirklich stattgefunden hat?", fragte der Graf amüsiert.
„Ja, schließlich war ich schon dort und hab' auch eine Rose an dem Gedenkstein niedergelegt", antwortete Daria lachend, legte das Buch auf den kleinen Tisch neben dem Sessel und stand auf.
„Bevor wir uns in eine Diskussion über griechische Geschichtsschreibung verlieren; ich wollte Euch eigentlich fragen, ob Ihr mit mir ausreiten wollt."
„Ausreiten? Oh ja, gern!" Daria war sofort begeistert und folgte dem Grafen aus der Bibliothek hinaus.
„Ihr solltet Euch warm anziehen, meine Liebe. Es ist ziemlich kalt draußen", riet Breda ihr.
Nachdem sich Daria einen extradicken zusätzlichen Pullover übergezogen hatte – sowie einen warmen Schal, ein Stirnband und gefütterte Lederhandschuhe (alles schwarz natürlich) – warf sie sich ihren Mantel über und trat auf den Innenhof hinaus.
Draußen wartete der Graf mit zwei schwarzen Pferden auf sie. Als er sah, wie Daria total eingemummt auf ihn zukam, lächelte er leicht.
„So kalt ist es nun auch wieder nicht."
„Ha! Euch mag vielleicht nicht so leicht frieren, aber mich schon.", murmelte diese und strich dem Pferd das ihr am nächsten stand, über den Hals.
„Das ist Persephone. Sie ist ein ruhiges Tier und wird Euch keine Schwierigkeiten machen."
Daria grinste.
„Persephone?
Netter Name. Wie heißt denn Euer Pferd?"
"Hades.",
erwiderte der Graf mit einem leichten Lächeln.
Darias Grinsen wurde noch breiter.
„Persephone und Hades. Und wo ist Cerberus?"
Breda lachte.
„Nein, einen Cerberus gibt es nicht. Herberts Pferd heißt Binky."
Die junge Frau starrte ihn an. „Binky?"
Der Graf zuckte nur mit den Schultern.
„Er kann sein Pferd nennen wie er will."
„Natürlich." Daria schüttelte amüsiert den Kopf. „Binky..."
„Wollen wir?", fragte Breda und saß mit einer geschmeidigen Bewegung auf.
„Gern."
Daria saß nicht ganz so geschmeidig auf – das Pferd war um einiges größer als die Haflinger auf denen sie zuletzt geritten war – und setzte sich dann im Sattel zurecht.
„Wo reiten wir denn hin?", fragte sie nun neugierig.
„Ich dachte mir, ich zeige Euch ein wenig die Umgebung.", meinte der Graf. „Natürlich nur, wenn Ihr damit einverstanden seid."
„Aber sicher doch. Wenn's darum geht in der Dunkelheit durch die Gegend zu laufen oder zu reiten bin ich sofort dabei!" Daria lachte und fügte hinzu. „Na ja, jedenfalls wenn jemand dabei ist der sich auskennt... so was wie vorgestern muss echt nicht sein..."
„Ich hatte heute leider nicht eher Zeit...", setzte Breda an, doch er wurde von der Schwarzhaarige unterbrochen.
„Macht doch nichts! Nachts ist es doch sowieso schöner, vor allem jetzt im Winter, da ist es noch richtig hell draußen."
Daria trieb ihr Pferd an und folgte dem Grafen durch das große Burgtor, dessen Gitter hochgezogen war.
Außerhalb der hohen Mauern bot sich ihr ein atmenberaubender Anblick. Rollende Hügel erstreckten sich vor ihr, bedeckt mit glitzerndem Schnee. Zu ihrer Linken befand sich in einigem Abstand der Wald der in düstere Schatten gehüllt war und hinter dem Schloss waren die dunklen Gipfel der Berge zu sehen. Alles wurde von einem fast vollen Mond in silbernes Licht getaucht und am mitternachtsschwarzen Firmament standen unzählige Sterne die wie Diamanten funkelten. Es gab hier kein künstliches Licht, sie waren weit von jeder Niederlassung entfernt und sogar das Dorf war komplett von dem gewaltigen Forst verborgen. Kur gesagt, es war der Traum einer hellen Winternacht.
„Wow." Daria sah sich ehrfürchtig um.
„Gefällt
es Euch?"
"Ja...", hauchte sie und wandte sich dem Grafen
zu. „Es ist wunderschön!"
Breda
lächelte leicht und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Gemeinsam
ritten sie den breiten Weg hinunter ins Tal. Dort verließen sie
den Weg und ritten einen schmalen Pfad entlang. Nach einiger Zeit
kamen sie zu einer großen, flachen Wiese, auf der der Schnee
nicht allzu tief war.
"Was haltet Ihr von einem kleinen
Galopp?", fragte der Graf und drehte sich zu seiner Begleiterin um.
Daria gab keine Antwort, sondern preschte stattdessen los und rief ihm noch über die Schulter zurück.
„Der Letzte hat verloren!"
Mit einem Schrei trieb nun auch Breda sein Pferd an und bald rasten sie Seite an Seite über die Wiese.
Daria bückte sich näher an Persephones Hals hinunter, um schneller zu werden, doch es half nichts: Langsam aber sicher überholte der Graf sie und so sehr sie sich auch anstrengte, sie schaffte es einfach nicht, schneller zu werden.
Schließlich erreichten sie die andere Seite der Wiese, wobei Breda eindeutig mehrere Meter Vorsprung hatte.
Atemlos hielt Daria ihr Pferd an und erblickt einen zufrieden grinsenden Grafen.
„Ich habe gewonnen. Heißt das, dass ich mir jetzt etwas wünschen darf?"
„Wünschen schon...", neckte ihn Daria. „Fragt sich nur, ob es auch in Erfüllung geht."
Der Graf warf ihr einen Blick zu den sie nicht deuten konnte und wendete sein Pferd.
Die junge Frau folgte ihm und gemeinsam ritten sie wieder über die Wiese zurück. Sie nahmen jedoch nicht den gleichen Weg zum Schloss zurück, sondern folgten einem anderen Pfad, der sie schließlich wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück brachte.
Daria ritt durch das Schlosstor und auf den Innenhof, wo sie absaß. Der Graf tat es ihr gleich und auf seinen Ruf erschien Koukol der die Pferde in den Stall brachte.
Breda bat Daria kurz zu warten, während er sich kurz um die Pferde kümmern würde. Sie nickte und schlenderte langsam über den Burghof.
„Habt Ihr den Ausritt genossen?", ertönte auf einmal eine Stimme direkt hinter ihr.
„Ah!" Daria fuhr herum und wäre beinahe hingefallen, wenn nicht starke Arme sie in letzter Minute festgehalten hätten. „Herbert! Hat Euch keiner gesagt, dass Ihr Euch nicht so an einen ranschleichen sollt!"
„Nein.", erwiderte der Silberblonde grinsend und lies sie wieder los.
Daria stemmte die Hände auf ihre Hüften.
„Ich hätte fast einen Herzinfarkt gekriegt!"
„Aber es ist ja nichts passiert, Euer Herz schlägt ja noch..."
„Oh, das gibt Rache..." Daria sah sich um und grinste plötzlich fies.
Der Grafensohn hob fragend eine Augenbraue und sah zu wie die Frau eine Handvoll Schnee aufhob und daraus einen Schneeball formte. Dann duckte er sich, ehe sie ihn mit dem kalten Geschoss treffen konnte.
„Eine Schneeballschlacht!", rief er lachend. „Das ist eine gute Idee!"
Und schon traf ein Schneeball Daria an der Schulter.
„Na warte, ich krieg' Euch schon noch!"
Mit diesem Versprechen machte sie sich daran, Herbert hinterher zu jagen und ihn mit Schneebällen zu bombardieren. In kürzester Zeit war eine wüste Schlacht im Gange und der Schnee flog nur so durch den Innenhof.
Breda trat aus dem Stall heraus um seinen Sohn und Daria dabei zu beobachten, wie sie miteinander im Schnee herumrollten und versuchten sich gegenseitig Schnee in den Ausschnitt zu stopfen. Er schüttelte lächelnd den Kopf.
Währendessen hatte Herbert sein Ziel erreicht und Darias Kreischen hallte durch den Innenhof als sie aufsprang und versuchte den Schnee wieder loszuwerden. Der Grafensohn blieb im Schnee liegen und hielt sich vor Lachen die Seiten.
„Das war gemein!", rief die junge Frau und lies eine große Handvoll Schnee auf den am Boden liegenden fallen.
„Hey!" Herbert sprang auf und wollte sich schon auf sie stürzen, da sah er, dass sie beobachtet wurden und er hielt in seiner Bewegung inne.
Daria hatte noch nichts bemerkt und schmiss einen Schneeball nach Herbert, der sich jedoch nicht dort befand, wo sie angenommen hatte. Stattdessen flog der Schneeball an ihm vorbei und auf den Grafen zu, der gerade auf die Beiden zukam. Er traf Breda mitten auf die Brust.
Herbert hielt erschrocken die Luft an. Noch nie hatte es jemand gewagt seinen Vater mit einem Schneeball zu bewerfen – wenn auch unabsichtlich.
Daria hatte nun auch bemerkt, dass etwas nicht stimmte und erstarrte. Breda stand ihr direkt gegenüber und sie konnte noch Schnee dort sehen, wo ihr Geschoss ihn getroffen hatte.
‚Ups.' Die Schwarzhaarige machte unwillkürlich einen Schritt zurück als der Graf mit einem furchterregenden Gesichtsausdruck langsam auf sie zukam. Vielleicht war sie nun ein wenig zu weit gegangen...
Als er so auf sie zukam, mit diesem Ausdruck in seinen Augen, als wollte er sie zerreißen, bekam sie es doch ein wenig mit der Angst zu tun...
Mit einem Satz war er bei ihr und hob sie mühelos hoch. Daria stieß einen kleinen Schrei aus, doch er wirbelte sie nur herum und warf sie in eine der tiefen Schneewehen an der Mauer.
„Ugh!"
Daria kämpfte sich aus dem Schnee und blickte in ein Paar eisblaue Augen die amüsiert funkelten.
„Eine Schneeballschlacht, meine Liebe? Seid Ihr dafür nicht ein wenig zu alt?"
Erleichtert, dass der furchteinflößende Gesichtsausdruck von vorhin wieder verschwunden war, grinste sie und rappelte sich auf.
„Für so etwas ist man nie zu alt." Vielleicht hatte sie sich dieses Glitzern in seinen Augen auch nur eingebildet...
Herbert hatte sich mittlerweile wieder entspannt und half ihr nun sich den Schnee abzuklopfen.
„Wie wäre es, wenn wir uns bei einem Glas Wein im Kaminzimmer wieder aufwärmen?", schlug er vor, worauf Daria dankbar nickte.
Nachdem sie das Kaminzimmer erreicht hatten, entledigte sich Daria dankbar ihres mittlerweile patschnassen Mantels.
„Danke." Der Graf reichte ihr ein Glas blutroten Weines und toastete ihr zu.
Sie erwiderte die Geste und trank langsam einen Schluck. In ihrem Kopf spielten die Gedanken nur so verrückt, aber sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie innerlich aufgewühlt war.
Der Graf beobachtete sie mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck und sagte schließlich:
„Ihr seht müde aus. Vielleicht solltet Ihr Euch heute etwas eher schlafen legen. Nicht, dass Ihr morgen Abend auf dem Ball einschlaft."
Der Ball! Den hatte sie ja ganz vergessen! Sie nickte und stand auf.
„Ja, ich bin tatsächlich ziemlich müde. Gute Nacht."
Dann verlies sie so schnell es ging das Kaminzimmer und eilte in ihr Schlafzimmer; dabei entging ihr der kalkulierende Blick den ihr der Graf hinterher warf.
