6. Always Look On The Bright Side Of Death

In ihrem Zimmer angekommen, lies sich Daria aufs Bett fallen und starrte die Decke an.
‚Was zum Teufel war da vorhin passiert?'
Als der Graf im Hof auf sie zu gekommen war, hatte sie das Gefühl gehabt, sie sollte lieber fliehen, solange sie noch konnte. Er hatte wie ein Raubtier gewirkt, dass sich seiner Beute näherte – und sie war sich ziemlich sicher, dass sie die Beute gewesen wäre.
Außerdem hätte sie schwören können, dass sie für einen Moment Fangzähne aufblitzen gesehen hatte.
„Blödsinn! Niemand hat Fangzähne!", versuchte sie sich zu beruhigen.
Doch so sehr sie es sich auch einredete, sie konnte nicht leugnen was sie gesehen hatte.
‚Und was ist mit der Tatsache, dass du ihn nie tagsüber gesehen hast?', fragte eine kleine Stimme in Darias Kopf.
Es stimmte... sie hatte ihn tatsächlich immer nur nach Sonnenuntergang gesehen... aber es war schließlich Winter, da wurde es früh dunkel.
Aber sogar der Ausritt hatte im Dunkeln stattgefunden... und sie hatte ihn nie etwas essen sehen... seine Hand was immer so kalt... und er war so bleich...
Blödsinn!
Daria schüttelte den Kopf. Das war unmöglich, es konnte nicht sein! Vampire existierten nicht!
‚Wirklich?', flüsterte diese nervige kleine Stimme in ihrem Kopf. ‚Bist du dir da sicher?'
Natürlich gab es keine Vampire! Das hatte sie nun davon, dass sie so viele Horrorfilme angesehen und so viele Bücher über Vampire und ähnliches gelesen hatte!
‚Alles nur Fiktion!', versuchte sie sich einzureden.
Doch so einfach ließen sich ihre Gedanken nicht beruhigen. Daria sprang von ihrem Bett wieder herunter und schritt ungeduldig durch das Zimmer. In Gedanken spielte sie immer wieder verschiedene Szenen der letzten Tage – oder besser gesagt: Nächte – ab:

„Die hängen sogar überall Knoblauch auf, wie in einem schlechten Dracula-Film! Es hätte wirklich nur noch gefehlt, dass sie silberne Kreuze, Weihwasser oder Silberkugeln verteilen!" Er hob eine Augenbraue leicht. „Vielleicht solltet Ihr dies nicht so leicht nehmen. An solchen alten Geschichten mag oft mehr Wahres daran sein, als man glauben will."

Im Speisezimmer stand ein großer eleganter Tisch auf dem ein reichliches Frühstück gedeckt war – jedoch nur für eine Person.
„Wollte Ihr nichts essen?", fragte Daria erstaunt.
„Ich habe bereits gegessen..."

Ich fürchte ich bin heute auch erst sehr spät aufgestanden... ich bin es gewohnt lange aufzubleiben, man könnte sagen, ich bin ein Nachtvogel, tagsüber nicht zu gebrauchen..."
Der Graf lächelte leicht sarkastisch.
„Ja, des kenn' ich, ich komm' vor Mittags auch nie aus dem Bett", stimmte Daria ihm grinsend zu. „Meine Eltern haben mir schon gesagt, wenn ich weiterhin immer den halben Tag verschlafe, wird' ich irgendwann noch zum Vampir."
Breda hob überrascht eine Augenbraue, und ein seltsames Grinsen stahl sich über sein Gesicht.

„Das müssen unglaublich viele Bücher sein", flüsterte sie ehrfürchtig.
„Im Laufe der Jahrhunderte sammelt sich so einiges an..."

„Aber es ist vielleicht besser, Ihr seht Euch den Friedhof tagsüber an", meinte Breda.

Und dann war da noch der beinahe-Kuss gestern Nacht gewesen... es war beinahe so gewesen, als ob er sie hypnotisiert hatte... und dann war er so schnell verschwunden...
Und natürlich der Vorfall heute Nacht... dieser Ausdruck in seinen Augen...
Daria lies sich wieder auf das Bett fallen.
Aber es konnte doch einfach nicht sein! Vampire gab es nicht!
Nur, wie sollte sie sich sonst all dies erklären? Zufall? Dafür waren es eindeutig zu viele ‚Zufälle' – nein, dass konnte nicht alles nur Zufall sein.
Aber was dann? Und sie war sich sicher, dass sie Fangzähne gesehen hatte!
„Verdammt!"
Frustriert schlug sie auf ihr Kopfkissen ein. Konnte es wirklich sein dass der Graf ein Vampir war? Konnten die alten Legenden tatsächlich wahr sein?

Was, wenn es stimmte? Was, wenn er ein Vampir war? Ja, was dann?
Wenn sie vor einer Woche jemand gefragt hätte, was sie tun würde, wenn sie einen echten Vampir treffen würde, wäre sie sofort hellauf begeistert gewesen von der Aussicht.
Erst vor zwei Wochen hatte sie sich mit einer Freundin ‚Dracula 2000' angesehen – mit Gerard Butler als Dracula. Damals wunderte sie sich wie Mary vor Dracula davonlaufen konnte – schließlich war er doch so ein verdammt gutaussehender Typ... diese Augen! Sie hatte ihrer Freundin noch lachend erzählt, dass sie sich von diesem Vampir jederzeit beißen lassen würde.
Aber jetzt... jetzt war sie sich da nicht mehr so sicher. Jetzt konnte sie eher verstehen, warum Mary vor Dracula davonlaufen wollte... vorhin auf dem Hof wäre sie auch am liebsten davongelaufen. Sie wusste nicht, was sie davon abgehalten hatte, aber sie hatte sich kaum bewegen können.
Falls ihre Vermutung wirklich richtig war – und Daria wusste nicht, welche Erklärung es sonst geben könnte – dann befand sie sich im Schloss eines richtigen Vampirs...
„Schon ironisch... vor noch gar nicht so langer Zeit hätte ich alles darum gegeben einen Vampir zu treffen... wie zum Beispiel Lestat oder Jean-Claude oder Dracula... und jetzt?", fragte sie leise in den Raum hinein.
Ja, was jetzt? Sollte sie fliehen? Sollte sie bleiben?
Daria warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster: Es war noch dunkel. Ein Blick auf ihre Uhr zeigte ihr, dass es kurz nach halb vier war. Sie seufzte. Es wäre wahrscheinlich das Beste, wenn sie sich ein wenig hinlegen würde. Es wäre sowieso nicht besonders intelligent zu fliehen zu versuchen, solange es noch dunkel war... wenn, dann musste sie auf den Anbruch des Tages warten.
Außerdem war sie doch ziemlich fertig. Also stellte sie ihr Handy auf zehn Uhr vormittags, zog sich ihr Nachthemd an und kletterte wieder in das Bett.

Nachdem Daria sich noch mindestens eine Stunde unruhig herumgewälzt hatte, war sie endlich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen riss sie das Klingeln ihres Handyweckers aus dem Schlaf.
„Was!?"
Verschlafen kroch sie halb aus dem Bett und blickte ungläubig auf den Display.
„Zehn Uhr? Wieso ist dieser verdammte Wecker auf zehn Uhr gestellt?"
Mit einem Schlag fiel ihr alles wieder ein, was sich gestern Nacht ereignet hatte – und der Schluss zu dem sie gekommen war.
„Ach du Scheiße..."
Plötzlich hellwach sprang sie auf und wollte ins Bad hinübereilen als sie erstaunt stehen blieb.
Auf dem Sessel neben der Tür lag ein rotes Kleid. Und nicht nur irgendein Kleid, nein, ein wunderschönes, langes, tiefrotes Ballkleid aus den erlesensten Stoffen.
„Was zum...?"
Langsam näherte sich Daria dem Kleid. Das war doch gestern noch nicht dagewesen?
Auf dem Kleid lag ein Briefumschlag der an sie adressiert war. Mit leicht zitternden Händen nahm sie diesen, öffnete ihn und zog den Brief darin heraus:

Meine liebe Daria,

Es tut mir leid, falls mein Benehmen Euch gestern Abend in irgendeiner Art und Weise verschreckt hat. Ich kann Euch versichern, dies war nicht meine Absicht. Ich kann nur hoffen, dass Ihr meine Entschuldigung annehmt.
Das Kleid ist für Euch. Falls Ihr noch immer an dem Ball heute Nacht teilnehmen wollt, würde es mich freuen, wenn Ihr es tragen würdet.

Hochachtungsvoll,
Breda von Krolock

Fassungslos starrte Daria auf den Brief. Er musste ihn und das Kleid gestern Nacht in ihr Zimmer gelegt haben nachdem sie eingeschlafen war.
Er musste in ihrem Zimmer gewesen sein, als sie geschlafen hatte! Als ihr die volle Tragweite dessen aufging, sank sie vor dem Sessel auf die Knie. Er war hier gewesen, er hätte sie beißen können!
‚Aber er hat es nicht.', flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.
„Er hat es nicht...", sagte Daria leise und starrte vor sich hin. „Er hat es nicht..."
Was hieß das nun für sie? Er hatte jede Chance gehabt, sie zu beißen... nicht nur heute Nacht, auch zuvor schon... vorgestern Abend als er sie beinahe geküsste hatte und auch sonst immer wieder...
Er hätte sie jederzeit beißen können, er war viel stärker als sie, auch ohne irgendwelche übermenschliche Kraft, sie hätte sich nicht wehren können, wenn er es wirklich darauf angelegt hätte.
Warum hatte er es dann nicht getan? Wenn alles was er von ihr wollte, ihr Blut war, warum hatte er sie dann nicht schon an jenem ersten Abend gebissen?
Ja, warum?

Daria umschlang ihre Knie mit den Armen und starrte blind vor sich hin.
Was sollte sie nun tun? Sollte sie fliehen? Sollte sie bleiben?
„Ach verdammt! Warum ist immer alles so kompliziert?", rief sie und schleuderte den nächstbesten Gegenstand – einen Kerzenständer – quer durchs Zimmer.
Sie seufzte und stand langsam auf. Ihr Blick fiel auf das Kleid, das der Graf für sie hinterlegt hatte und sie hob es vorsichtig hoch.
Es war wunderschön – einfach nur ein Traum.
‚Es muss verdammt teuer gewesen sein', dachte sie als sie es genauer ansah.
Dann konnte sie der Versuchung nicht wiederstehen und probierte es an. Zuerst hatte sie einige Schwierigkeiten, das dazugehörenden Korsett zu schnüren, doch da es nicht das erste mal war, dass sie ein solches Kleidungsstück trug, gelang es ihr nach einiger Zeit. Vorsichtig zog sie nun das Kleid darüber und schnürte es so gut es ging zu. Es saß hervorragend – wenn man davon absah, dass das Korsett ein wenig eng war, aber wer braucht schon Luft? Besonders dann, wenn das beengende Kleidungsstück ein solches Ergebnis aufbrachte. Daria besah sich von allen Seiten in dem großen Spiegel.
„Wow."
Sachte strich sie mit ihrer Hand über das Kleid. Es fühlte sich so schön weich an... sie seufzte.
Sie wusste noch immer nicht, ob sie fliehen sollte oder nicht.

Nachdem sie sich wieder ihre eigenen Klamotten angezogen hatte, setzte sich Daria aufs Bett und versuchte zu einer Entscheidung zu kommen.
‚Wenn ich mich nicht bald entscheide, ist es dunkel und dann werde ich keine Gelegenheit mehr haben zu fliehen', schoss es ihr durch den Kopf.
Doch wollte sie das überhaupt? Wollte sie überhaupt fliehen?
„Nein...", flüsterte sie leise als ihr langsam die Erkenntnis kam, dass sie tatsächlich nicht fliehen wollte... sie wollte nicht weg von hier.
Sie wollte nicht weg von ihm.