7. Midnight, Hearts Collide
Bald würde die Sonne untergehen. Daria ging nervös in ihrem Zimmer auf und ab und warf immer wieder einen Blick nach draußen. Bald würde es dunkel werden...
Als sie sich vor einigen Stunden entschieden hatte, zu bleiben, war alles noch so viel einfacher gewesen... aber jetzt, wo sie dem Grafen bald gegenüber stehen würde, bekam sie es doch wieder ein wenig mit der Angst zu tun.
Wie sollte sie sich nun ihm gegenüber verhalten? Wie würde er reagieren?
„Mist!"
Daria lies sich auf ihr Bett fallen.
„Ganz ruhig... nur keine Panik", sprach sie sich Mut zu. „Schließlich wolltest du doch immer mal einen Vampir treffen... so viel zum Thema: Sei vorsichtig mit dem was du dir wünscht..."
Nun war die Sonne komplett verschwunden... und dann hörte sie auch schon ein leises Klopfen an ihrer Zimmertür.
„Daria?", fragte der Graf mit weicher Stimme. „Seid Ihr noch da?"
Auf einmal fühlte sie wie eine seltsame Ruhe von ihr Besitz ergriff.
„Ja, ich bin noch da."
Langsam öffnete sich die Tür und Breda stand vor der jungen Frau die ihn mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck anschaute.
„Daria..."
Sie war überrascht, Erleichterung im Gesicht des sonst so beherrschten Grafen zu sehen. Als ob erwartet hatte, ein leeres Zimmer vorzufinden...
„Seid Ihr ein Vampir?", fragte sie dann, bevor sie die Chance hatte, es sich noch einmal anders zu überlegen.
Breda erstarrte und stand absolut still, so still, dass er nicht einmal atmete.
„Seid Ihr ein Vampir?", wiederholte Daria ihre Frage.
Der Graf seufzte leise und suchte dann ihre Augen. Wieder hatte sie das Gefühl in den Tiefen seiner eisblauen Augen zu ertrinken.
„Ja.", sagte er einfach. Nichts weiter – nur ‚Ja'.
Eine Zeitlang sagte keiner der beiden etwas, sie sahen sich nur unentwegt in die Augen. Dann schien auf einmal eine Veränderung durch den Grafen zu gehen.
Er unterbrach den Augenkontakt und machte einen Schritt zurück. Sein Kopf sank langsam nach unten und als er sprach war seine Stimme flach und emotionslos.
„Ich werde Koukol anweisen, Euch zurück zum Gasthof zu bringen."
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging mit schleppenden Schritten den Gang hinunter.
„Wartet!", rief Daria bevor er allzu weit kommen konnte.
Sie hatte ebenfalls ihr Zimmer verlassen und stand nun auf dem Gang, nur wenige Meter von ihm entfernt. Erstaunt drehte sich Breda zu ihr um und sah sie fragend an. Hoffnung blitzte in seinen Augen auf.
„Ich will nicht ins Gasthaus zurück.", sagte sie mit fester Stimme.
Ungläubig starrte er sie an.
„Ihr wollt nicht...?"
„Nein." Daria ging langsam auf ihn zu. „Nein, ich will nicht zurück."
Sie blieb vor ihm stehen und lächelte leicht.
„Schließlich hatte ich den ganzen Tag Zeit, es mir zu überlegen."
„Das heißt... Ihr wollt bleiben? Obwohl Ihr wisst, was ich bin?" Der Graf konnte es gar nicht fassen.
Die junge Frau nickte nur leicht.
„Warum?"
„Ich... ich weiß nicht... ich weiß nur, dass ich nicht fliehen will... dass ich nicht weg will von hier... von Euch."
Erstaunt sah Breda die junge Frau vor ihm an. Sie wusste was er war – und hatte doch keine Angst vor ihm! Ein Lächeln stahl sich über sein Gesicht.
„Wenn das so ist... dann erlaubt mir, Euch ins Speisezimmer zu begleiten."
Daria nickte und legte ihre Hand leicht auf seinen dargebotenen Unterarm.
Als sie so an seiner Seite herging, fiel ihr auf, wie geschmeidig sein Gang war. Es schien unmöglich zu sein, sich so zu bewegen... doch er war ja kein Mensch... er war ein Vampir.
Ein richtiger Vampir! Daria musste grinsen. Wer brauchte schon Dracula, wenn er Breda haben konnte?
Mit einer leichten Verbeugung öffnete der Graf die Tür zum Speisezimmer und bedeutete ihr, einzutreten.
„Ich wünsche Euch einen guten Appetit, Daria. Wenn Ihr fertig seid, lasst einfach alles stehen und kommt ins Kaminzimmer."
„In Ordnung."
Daria nickte und trat ein. Auf dem großen Tisch war ein wahres Festmahl aufgedeckt.
Sie wusste gar nicht, was sie zuerst probieren sollte! Also entschied sie sich, ein Gericht nach dem anderen durchzuprobieren.
„Nur nicht zu viel auf einmal... du willst ja hernach das Korsett noch zukriegen..."
Während sie eine Köstlichkeit nach der anderen kostete, kam sie nicht umhin, sich zu wundern, ob dies nicht vielleicht ihre letzte richtige Mahlzeit wäre... Morgen um diese Zeit könnte sie bereits tot, oder besser gesagt, ein Vampir sein...
Seltsamerweise hatte sie bei diesem Gedanken keinerlei Angst.
‚Wie Blut wohl schmeckt?', wunderte sie sich mit einem schiefen Grinsen.
Nachdem sie genug gegessen hatte, stand sie auf und machte sich auf den Weg ins Kaminzimmer. Je näher sie dem Raum kam, desto unsicherer wurde sie. Hatte sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Als sie die Hand ausstreckte, um die Tür zu öffnen, bemerkte sie zu ihrem Überraschen, dass sie leicht zitterte. Daria atmete tief durch und öffnete entschlossen die Tür.
Breda drehte sich mit einem leichten Lächeln um und als sie ihn sah, verschwanden sämtliche Zweifel die Daria gehabt hatte, sofort. Sie erwiderte sein Lächeln und betrat das Zimmer. Ja, sie hatte die richtige Entscheidung getroffen.
„Ich hoffe, es hat Euch geschmeckt?", fragte der Graf höflich.
„Ja." Daria lächelte und lies sich auf ein Zeichen von ihm auf dem großen Sofa vor dem Kamin nieder.
„Wein?", fragte Breda und bot Daria ein Glas an, das sie entgegen nahm.
Sie nickte und sah stumm zu, wie er die blutrote Flüssigkeit einschenkte.
Der Graf lies sich schräg gegenüber von ihr in einem Sessel nieder und starrte eine Weile sein Weinglas an. Sein Gesichtsaudruck war unleserlich und er wirkte tief in Gedanken versunken. Schließlich schien er zu einem Entschluss gekommen zu sein und blickte Daria direkt an.
„Ich nehme an, Ihr habt die eine oder andere Frage an mich."
Bei diesen Worten musste die junge Frau grinsen.
„Ja, sicher doch. Wann hat man denn schon so eine Gelegenheit? Könnt ihr Euch wirklich in eine Fledermaus verwandeln?"
Erstaunt sah Breda sie an, dann huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht.
„Ja."
Daria starrte ihn mit offenem Mund an.
„Oh, wow."
Die Mundwinkel des Grafen zuckten, doch er schaffte es, ein Lächeln zu unterdrücken.
„Tut mir leid, ich konnte mich einfach nicht zurückhalten", Daria grinste. „Aber ich weiß, was Ihr gemeint habt... wie geht es jetzt weiter?"
„Das
hängt von Euch ab. Der Ball findet in etwa zwei Stunden statt.
Es würde mich freuen, wenn Ihr mit mir dort erscheinen werdet.
Ich verspreche Euch, es wird Euch nichts geschehen."
Breda
konnte nicht verhindern, dass in seiner Stimme die Hoffnung
mitschwang, sie möge ja sagen.
„Natürlich werde ich Euch auf den Ball begleiten! Aber zwei Stunden? Ich muss mich fertig machen!"
Daria sprang auf und rannte auf den Gang hinaus.
„Ich werde Euch abholen, wenn es soweit ist.", rief ihr der Vampir noch hinterher und schüttelte dann leicht den Kopf. Sie überraschte ihn wirklich immer wieder!
In ihrem Zimmer wühlte Daria durch ihren Koffer. Sie musste erst noch baden, ihre Haare waschen – die mussten ja auch noch trocken werden! Ob es hier wohl einen Föhn gab?
Schnell suchte sie Handtücher, Shampoo, Duschgel, und was sie sonst noch zum Baden brauchte zusammen und trug alles ins Bad hinüber. Dann folgten ihre gesamten Schminksachen, sowie Unterwäsche und eine schwarze Strumpfhose.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie keine passenden Schuhe zu dem Kleid hatte!
‚Oh, verdammt! Na, die schwarzen Sandalen werden wohl gehen müssen...'
Doch als sie auch das Kleid hochhob um es ins Bad hinüber zu tragen, sah sie ein paar wunderschöne rote Stiefel unter den Stuhl stehen. Sie hatten genau den gleichen Farbton wie das Kleid!
Begeistert holte Daria die Schuhe hervor und probierte sie an: sie passten hervorragend!
‚Problem gelöst!", dachte sie erleichtert und nahm auch die Stiefel mit hinüber.
Im Bad lies sie ihren Blick über das angesammelte Chaos schweifen.
„So, ich glaub', ich hab' alles. Dann kann's ja losgeh'n!"
Daria lies sich ein Bad ein und während sie darauf wartete dass die Wanne voll wurde, suchte sie sich die Schminke zusammen, die sie später brauchen würde. Zum Glück hatte sie einen Lippenstift, der zu der Farbe des Kleides passte!
Nach dem Baden wusch sie sich noch die Haare und wickelte sich dann ein Handtuch um den Kopf. So... erst mal anziehen. Das Korsett bereitete ihr zwar ein paar Schwierigkeiten, aber auf den zweiten Anlauf klappte es. Dann kam das Kleid. Ganz vorsichtig zog sie es an und strich den Rock glatt.
Dieses Kleid war einfach ein Traum! Die Schuhe würde sie erst später anziehen, jetzt kam erst einmal die Schminke. Zuerst ein helles Puder, dann ein schwarz-grauer Lidschatten und ein schwarzer Kajal. Das Ganze wurde durch einen blutroten Lippenstift vervollständigt. Perfekt!
Nun waren die Haare dran. Vorsichtig entfernte Daria das Handtuch wieder und bürstete ihre Haare erst einmal durch. Sie waren noch etwas feucht. Wie viel Zeit hatte sie noch?
Ein Föhn! So einen brauchte sie jetzt. Moment... sie hatte doch einen in ihrem Koffer!
Schnell riss sie die Türe auf und stürmte in ihr Zimmer, wo sie den Koffer durchwühlte. Da! Ganz unten, wo denn sonst.
„Ha!"
Triumphierend zog sie den Föhn aus dem Koffer und eilte wieder ins Bad hinüber. So... jetzt noch schnell Lockenwickler in die Haare... und dann föhnen! Sobald ihre Haare trocken waren, entfernte sie die Lockenwickler wieder und kämmte sie ganz vorsichtig einmal durch. Dann suchte sie sich einige schwarze Haarnadeln aus ihrer Schminktasche und steckte sich die Haare nach hinten, so dass sie ihr aus dem Gesicht waren und in schönen Locken auf den Rücken hinunter fielen. Nun nur noch etwas Haarspray... perfekt! Fertig!
„Daria?"
Der Graf klopfte leicht an die Badezimmertür.
„Seid Ihr fertig?"
„Ja, ich komme gleich!"
Schnell schlüpfte Daria in die Schuhe und warf noch einen letzten prüfenden Blick auf den Spiegel bevor sie auf den Gang hinaus trat.
Sie war so schnell aus der Türe getreten, dass sie Breda beinahe umrannte. Daria blieb abrupt stehen und sah auf. Er stand direkt vor ihr und für einen Augenblick hatte sie wieder das Gefühl, dass er sie am liebsten verschlingen würde, doch dann schien er sich wieder unter Kontrolle zu haben. Seine Augen, die gerade noch gefährlich dunkel geleuchtet hatten, wurden wieder heller und er verbeugte sich höflich vor ihr.
Ihr seid wunderschön, Sternkind", sagte der Graf leise und bot ihr mit einer eleganten Verbeugung den Arm dar.
„Danke." Daria lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm.
Der Graf führte sie durch einige Gänge, bis sie vor einer großen zweiflügligen Tür stehen blieben.
„Hinter dieser Tür befindet sich der Ballsaal. Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr mitkommen wollt?", fragte er die junge Frau neben sich noch einmal.
Daria nickte entschlossen.
„Ja."
Breda gab Koukol, der sich bis jetzt im Schatten aufgehalten hatte, ein Zeichen die Tür zu öffnen. Mit einem leichten Knarren schwangen die beiden Flügel nach innen auf.
Daria stockte der Atmen als sie den Ballsaal sah. Sie hatte ihn davor ja schon einmal gesehen, aber jetzt... wow.
Überall waren Kerzen angezündet und an den Wänden hingen schwarze Seidenvorhänge. Um die Kerzenständer waren blutrote Rosen gewickelt. Rosen befanden sich auch an den großen Kerzenleuchtern die von der Decke hingen. Es sah einfach nur... unglaublich aus.
Als Breda mit ihr am Arm den Raum betrat, wurden die Gäste, die sich im Saal befanden auf einmal totenstill.
Daria war ihr seltsames Starren etwas unangenehm. Sie kam sich vor wie eine Maus, die in einen Raum voller Katzen kam...
‚Das sind wahrscheinlich auch alles Vampire...', dachte sie. ‚Aber Breda hat mir versprochen, dass mir nichts passieren würde...'
Daria verstärkte ihren Griff um Bredas Arm und lächelte leicht gezwungen.
Unter den anwesenden Vampiren entdeckte sie nun ein bekanntes Gesicht: Herbert! Der Silberhaarige zwinkerte ihr grinsend zu, was ihm ein leichtes Lächeln einbrachte.
Arm in Arm schritten Daria und der Graf durch die Menge der versammelten Vampire, die sich vor ihnen teilte, bis sie die Mitte des Saals erreichten.
Dann setzte plötzlich Musik ein und Breda forderte Daria mit einer Verbeugung zum Tanz auf. Lächelnd ergriff sie seine Hand und lies sich von ihm führen. Seine Hand auf ihrer Taille fühlte sich so wunderbar an! Sanft zog Breda sie an sich. Sie hob ihren Kopf etwas und blickte ihm direkt in die Augen.
Seine Augen hielten die ihren gefangen, und Daria war erstaunt, dass sie darin soviel Zärtlichkeit sah.
‚Wenn dieser Moment doch nie enden würde!', dachte sie glücklich als sie mit ihm über die Tanzfläche schwebte.
Schneller und schneller ging die Musik und schneller und schneller tanzten sie. Daria war so glücklich wie noch nie.
Die Musik endete in einem Crescendo und Daria blieb atemlos stehen. Breda hob sachte ihren Kopf an und blickte ihr tief in die Augen. Sie konnte die Frage in den eisblauen Tiefen lesen. Eine Frage von der sie wusste, dass sie kommen würde.
„Ja...", flüsterte sie und lächelte dann.
„Ja.", wiederholte sie ihre Antwort etwas lauter.
Der Graf lächelte nun ebenfalls und entblößte dabei ein paar spitze Fangzähne. Dann senkte er langsam seinen Kopf und berührte ihre Lippen mit den Seinen.
Seine Lippen waren weich, seidig weich und angenehm kühl. Daria schloss die Augen und gab sich ihm ganz hin. Es war, als ob sie von innen von einem Feuer verzehrt würde und nur er konnte ihr Linderung verschaffen. Alles andere war unwichtig, das einzige was nun noch zählte war der Mann der sie in seinen Armen hielt und sie leidenschaftlich küsste.
Nun wanderten seine Lippen langsam zu ihrem Hals hinunter. Mit einem leisen Seufzen lies Daria den Kopf in den Nacken fallen und hielt sich an seinen Schultern fest.
Sachte fuhr Breda mit seinen Zähnen über die empfindliche Haut an ihrer Kehle. Dann durchfuhr sie ein kurzer Schmerz als er plötzlich zubiss.
Doch so schnell er gekommen war, verschwand der Schmerz auch schon wieder und wurde von einer Welle der Ekstase abgelöst. Mit einem atemlosen Stöhnen klammerte sich Daria an dem Grafen fest und versank immer tiefer im Strudel der Leidenschaft.
Dann wurde alles schwarz.
