10. Die Ewigkeit Beginnt Heut' Nacht

Daria gähnte und streckte sich gemütlich.

„Au!" Sie hatte sich die Arme am Sargrand angestoßen und fuhr hoch – „Au!" – wobei sie sich natürlich den Kopf mit voller Wucht anstieß und den Sargdeckel mit Karacho aufklappte.

Stöhnend rieb sie sich den schmerzenden Kopf als Breda neben ihr langsam wach wurde. Da die Sonne draußen noch am Himmel stand, hatte er etwas Mühe damit.

„Daria? Was ist passiert?"

„Oh... dieser verdammte Deckel... wie machst du das nur?"

Der Vampir lächelte verschlafen.

„Jahrhunderte lange Übung ist da von Vorteil..." Er lies seine Hand sanft über ihren Arm gleiten. „Willst du schon aufstehen?"

„Mm..." Daria lehnte sich seiner Berührung entgegen. „Ich habe Hunger..."

„Dann will ich dich nicht aufhalten... ich kann dich leider nicht begleiten..."

„Das macht doch nichts."

Daria beugte sich noch kurz zu ihm herunter und küsste ihn sanft, bevor sie – diesmal ohne Zwischenfälle – aus dem Sarg stieg. Wenigstens hatte sie gestern daran gedacht, einen Morgenmantel mitzunehmen, sonst wäre es ihr jetzt ganz schön kalt geworden. Nachdem sie den Sargdeckel sorgfältig wieder zugezogen hatte, stieg sie die Treppe hinauf und machte sich auf den Weg in die Küche.

Dort angekommen durchwühlte sie die Schränke auf der Suche nach etwas essbarem. Kurze Zeit später hatte sie sich eine große Schüssel Müsli, ein Nutellabrot und eine Tasse Tee gemacht. Mit ihrer Beute zog sie sich ins Kaminzimmer zurück und machte es sich auf der Couch bequem.

Dann fiel ihr Blick auf einmal auf den alten Plattenspieler der in einer Ecke stand. Der war ihr bis jetzt ja gar nicht aufgefallen... ein Grinsen stahl sich über ihr Gesicht. Mal sehen, was ein Vampirgraf so an Musik hört...

Daria stellte ihren Tee zu den anderen Sachen auf den Tisch und ging zu dem Plattenspieler hinüber. Irgendwo mussten doch dann auch Platten sein... ah, ja, hier war eine Tür.

Vorsichtig öffnete sie den kleinen Wandschrank und fand dort auch tatsächlich eine ganz beträchtliche Sammlung.

„Mm... mal schau'n..."

Daria ging die LPs durch: Klassik, Opern, Mozart - Daria grinste als sie die Kleine Nachtmusik und Mozarts Requiem entdeckte – Beethoven, Chopin und vieles mehr, aber auch neuere Sachen wie die Beatles oder Queen. Sie entdeckte auch einiges von dem sie schwören würde, dass es Herbert gehörte, wie zum Beispiel Monty Python.

Schließlich entschied sie sich für den Soundtrack zu Life of Brian und legte die Platte auf.

Während der Soundtrack durch das Zimmer hallte, machte Daria es sich wieder auf der Couch bequem und fing nun mit ihrem Frühstück an.

Als sie gerade mit dem Essen fertig war und die Platte bei ‚Always Look On The Bright Side Of Life' angekommen war, öffnete sich die Tür und Breda kam herein.

Der Graf blieb kurz in der Tür stehen und blickte die junge Frau die fröhlich mitsang, mit unleserlichem Gesichtsausdruck an.

„Ich sehe, du hast den Plattenspieler gefunden", stellte er trocken fest.

„Hi!", grüßte ihn diese gutgelaunt. „Ich war doch nicht zu laut, oder?"

„Laut?", fragte Herbert, der nun ebenfalls hereinkam. „Ach nein... nicht wirklich, man hat es nur bis in die Gruft gehört."

Der Graf hatte mittlerweile die Lautstärke um einiges heruntergedreht.

„Ups. Sorry!" Daria blickte die beiden Vampire betreten an. „Ich wollte euch wirklich nicht aus dem Sarg schmeißen, aber bei so guter Musik konnte ich einfach nicht wiedersteh'n... Monty Python is' einfach nur genial... aber das nächste Mal dreh' ich nicht so laut auf, versprochen."

„Da wäre ich dir sehr verbunden", erwiderte Breda.

Daria rutschte auf die Seite, so dass neben ihr Platz für Breda war. Herbert lies sich auf dem Sessel nieder.

„Und, habt Ihr gut geschlafen?", fragte der Silberhaarige nun grinsend.

„Ja." Daria nickte und grinste zurück. „Hätte gar nicht gedacht, dass es in einem Sarg so bequem ist."

Breda schüttelte nur amüsiert den Kopf.

„Das Aufstehen musst du aber noch üben."

„Ha ha, sehr witzig", sagte sie trocken und wandte sich dann an Herbert. „Lass mich raten, die Platte ist von dir, oder?"

Der Silberhaarige grinste. „Ja."

„Dann kann ich ja wohl davon ausgehen, dass du den Film auch kennst?"

Ein leichtes Nicken war ihre Antwort.

„Nur Brian oder auch andere Sachen von Monty Python?"

„Oh, Ich kenn auch die anderen Sachen... Der Sinn des Lebens zum Beispiel oder die Ritter der Kokosnuss..."

Daria grinste breit.

„Ja, der Film ist auch genial... a swallow carrying a coconut?"

„Ich will euch ja nur ungern unterbrechen...", unterbrach der Graf die Beiden.

„Aber du tust es trotzdem?", fragte ihn eine breitgrinsende Daria, was ihr eine hochgezogene Augenbraue einbrachte.

Herbert versuchte vergeblich ein Grinsen hinter seiner Hand zu verstecken, während Breda ihr einen unleserlichen Blick zu warf.

„Ich wollte dich fragen, ob du einen Spaziergang mit mir unternehmen möchtest."

„Einen Spaziergang? Jetzt? Aber klar doch!"

Daria sprang auf und wäre beinahe über die Couch gefallen, wenn sie sich nicht gerade noch hätte festhalten können.

Der Graf schüttelt nur lächelnd den Kopf als Daria aus dem Zimmer rannte um ihren Mantel zu holen.

Kurze Zeit später kam sie wieder zurück und hörte bereits ein ganzes Stück vom Kaminzimmer entfernt, laute Stimmen aus diesem. Es schien, als ob sich Breda und Herbert stritten.

„Wie lange soll das eigentlich noch so weiter gehen?", fragte der jüngere.

„Das geht dich nichts an."

„Und ob mich das etwas angeht! Ich mag Daria, ich will nicht dass du sie verletzt!"

„Glaubst du etwa ich kann mich nicht beherrschen und würde sie umbringen?", fragte der Graf mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.

„Du kannst sie noch auf ganz andere Art verletzen, als ihr Blut zu trinken und dass weißt du auch!"

Nun war Daria neugierig geworden... Ok, noch neugieriger als sie es eh schon war... und ging auf Zehenspitzen näher zur Tür. Nicht, dass sie lauschen wollte... nun gut, sie wollte lauschen. Aber es ging ja schließlich um sie, oder?

„Ich könnte ihr nie weh tun", sagte Breda nun leise.

„Absichtlich vielleicht nicht... aber ich habe gesehen, wie sie dich anschaut. Sie ist auf dem besten Weg dazu, sich Hals über Kopf in dich zu verlieben!"

‚Nicht nur auf dem besten Weg...', dachte Daria mit einem leichten Lächeln. Nein, sie hatte das schon längst getan...

Stille herrschte im Zimmer.

Dann ertönte Herberts Stimme wieder.

„Scheiße", sagte er mit Gefühl. „Du liebst sie, nicht wahr?"

„Ja...", flüstere der Graf so leise, dass Daria er fast nicht gehört hätte.

Bei diesem Wort machte ihr Herz einen erfreuten Sprung. Er liebte sie! Er liebte sie wirklich! Er hatte es nicht nur einfach so gesagt, nein, er meinte es aus vollem Herzen... Ein breites Grinsen stahl sich über ihr Gesicht und sie öffnete ohne nachzudenken die Tür zum Kaminzimmer.

Als Breda sie in der Tür stehen sah, leuchteten seine Augen auf. Daria hatte nur Augen für ihn, ebenso wie er nur Augen für sie hatte.

„Ich geh' dann mal.", verabschiedete sich Herbert, nachdem er die Beiden einen Augenblick lang gemustert hatte und anscheinend etwas gesehen hatte, das ihn zufrieden zu stellen schien.

Breda und Daria hatten ihn gar nicht gehört. Die junge Frau hatte die Anwesenheit des silberhaarigen Vampirs in dem Moment vergessen, als sie in den mitternachtsblaue Augen des Grafen versank.

„Daria..."

Auf einmal stand sie direkt vor ihm, ohne dass sie sich erinnern konnte, auf ihn zugegangen zu sein. Breda strich ihr sachte über die Wange und küsste sie liebevoll.

Seine Lippen waren kalt, aber das störte Daria überhaupt nicht... sie waren so seidig weich...

Als sie ihren Kuss unterbrechen mussten, da die Schwarzhaarige schließlich noch atmen musste.

Mit einem zufriedenen Seufzer lehnte sie sich gegen Bredas breite Brust und schmiegte sich an ihn.

„Ich will nie wieder hier weg...", flüsterte sie in seine Schulter.

„Das ist auch gut so... denn ich könnte dich nicht mehr gehen lassen", antwortete ihr der Vampir mit einem leichten Lächeln.

Daria hob ihren Kopf und sah mit einem verschmitzten Lächeln zu ihm auf.

„Ich will dass du bei mir bleibst... für immer."

Darias Augen weiteten sich überrascht. Meinte er wirklich...?

Ein Blick in seine Augen sagte ihr, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag.

In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken nur so durcheinander. Sollte sie wirklich? Einen Moment lang war sie ein wenig unsicher, doch dann fasste sie einen Entschluss.

Sie ging ein wenig auf die Zehenspitzen und legte alle ihre Gefühle in diesen einen Kuss. Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, blickte Breda sie fassungslos an.

„Ja", flüsterte Daria und bot ihm ihren Hals dar.

Doch Breda zögerte.

„Bist du dir sicher? Wenn du dich einmal entschieden hast, gibt es kein Zurück mehr."

Sie nickte. „Ich bin mir sicher."

Langsam senkte der Graf seinen Kopf zu Daria hinunter und küsste sie sanft auf die Lippen, bevor er weiter ihren Hals entlang wanderte.

Er platzierte einen federleichten Kuss auf ihrer Halsschlagader, was sie leise aufstöhnen lies.

Dann durchbrachen seine spitzen Zähne ihre Haut und ihr süßes Blut füllte seinen Mund.

Mit einem gierigen Stöhnen zog er sie näher an sich, was sich Daria nur zu gerne gefallen lies. Es hatte etwas wahnsinnig erotisches an sich, wie er so ihr Blut trank... sie gab sich ihm völlig hin.

Mehr und mehr trank Breda von ihrem Blut und Daria versank langsam in einem Strudel der Leidenschaft.

Daria kam langsam wieder zu sich, als sie spürte wie etwas kühles an ihre Lippen gepresst wurde.

„Trink, mein Sternkind. Trink", flüsterte Breda, der sie fest in den Armen hielt.

Ohne darüber nachzudenken, tat sie wie geheißen und trank.

Die Flüssigkeit die nun in ihren Mund lief war anders als alles was sie je zuvor getrunken hatte... so süß, so heiß, so berauschend,... so gut.

Daria klammerte sich an ihrem Grafen fest und trank gierig sein Blut dass aus der Wunde lief, die er sich selbst am Hals zugefügt hatte.

Sie konnte gar nicht genug davon bekommen...

Irgendwann löste Breda sie sanft aber bestimmt wieder von seinem Hals und küsste ihren Blut-verschmierten Mund.

„Ich liebe dich...", war das letzte was sie hörte, ehe sie samtene Dunkelheit umfing.

Sich verlier'n heißt sich befrei'n.

Ich werd' mich in dir erkennen.

Was ich erträum' wird Wahrheit sein,

Nichts und niemand kann uns trennen.

Tauch' mit mir in die Dunkelheit ein!

Zwischen Abgrund und Schein

Verbrennen wir die Zweifel und vergessen die Zeit!
Du hüllst mich ein in deinen Schatten und trägst mich weit!

Du bist das Wunder das mit der Wirklichkeit versöhnt!

Mein Herz ist Dynamit das einen Funken ersehnt!

Ich bin zum Leben erwacht!

Die Ewigkeit beginnt heut' Nacht!

Die Ewigkeit beginnt... heut' Nacht.