2. Kapitel
Neville und Hermine setzten sich an das prasselnde Kaminfeuer und unterhielten sich ungezwungen miteinander.
Neville stotterte nicht mehr wie früher und hatte seine Minderwertigkeitskomplexe fast komplett überwunden.
„Ich finde es ganz toll, dass Prof. Lupin wieder Verteidigung gegen die dunklen Künsten lehrt", sagte Neville und setzte Trevor, seine Kröte auf die Armlehne des Sessels.
„Ja, er ist ein guter Lehrer, und hat immer ein offenes Wort für seine Schüler", antwortete ihm Hermine und streichelte liebevoll ihren Kater Krummbein.
Professor Snape hatte es, zur Überraschung der ganzen Lehrer- und Schülerschaft abgelehnt weiter Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterrichten, und wollte wieder auf seinen alten Lehrstuhl, Zaubertränke zurück.
„Aber Professor McGonaghall hätte ruhig Direktorin werden können. Ich hatte mich schon auf eine weniger schottisch-strenge Haus- und Verwandlungslehrerin gefreut!", setzte Neville fort und sah Hermine beifallheischend an.
„Ach weißt du Neville, Prof. McGonaghall ist der personifizierte Gryffindorlöwe und kann ihre Schützlinge einfach nicht aufgeben. Als Direktorin hätte sie keine Zeit mehr gehabt zu unterrichten und hätte einen anderen Hauslehrer finden müssen.", sagte Hermine und Neville nickte verständisvoll, wenn auch widerwillig.
Plötzlich überzog ein Grinsen Nevilles pausbäckiges Gesicht und er zog aus seinem Umhang eine rote Rose hervor und legte sie auf den Tisch.
„Hermine, diese Pflanzen die ihr in der Muggelwelt habt, sind sehr faszinierend. Bisher habe ich mich nur mit den Pflanzen in unserer Welt beschäftigt. Aber diese Rosen und Orchideen haben es mir wirklich angetan. Findest du sie nicht auch schön?", fragte Neville.
„Hmmm….Ja….Wirklich toll", sagte Hermine geistesabwesend und stöberte ihn ihrer Schultasche.
Neville räusperte sich, holte tief Luft, griff nach der roten Rose, hielt sie Hermine unter die Nase und sagte: "Magst du sie haben? Ich schenk sie dir."
Hermine blickte auf die rote Rose und fragte sich, ob Neville überhaupt wusste, was rote Rosen in der Muggelwelt bedeuteten. „Nein, wahrscheinlich nicht", dachte sich Hermine.
„Neville, die ist wirklich schön, aber rote Rosen stehen für die Liebe und wir sind doch Freunde. Das kann ich nicht annehmen", sagte sie sanft und Nevilles Gesicht lief scharlachrot an.
„Ohh…das tut mir leid…ich wollte nicht….nicht das du jetzt denkst ich…..", haspelte Neville und seine Augen irrten hilfesuchend durch den leeren Gemeinschaftsraum. Er war peinlich berührt.
„Schon gut Neville", beruhigte ihn Hermine. „Schenk sie jemanden für den du soviel empfindest. Wollen wir Hausaufgaben machen?", fügte sie hinzu, um ihn abzulenken.
„Nein, ich hab gleich noch Kräuterkunde" sagte Neville, stopfte sich die Rose und Trevor in den Umhang, schnappte sich seine Bücher und verließ den Gemeinschaftsraum, den Hermine nun ganz für sich alleine hatte.
Sie holte Pergament, Feder, Tinte und ihr Verwandlungsbuch aus der Tasche und begann ihren Aufsatz über Raubtiere, die man in Meerschweinchen verwandeln konnte.
Das Feuer strahlte eine wohlige Wärme aus und Hermine kam gut mit ihren Hausaufgaben voran. Niemand störte sie. Die meisten der jüngeren Gryffindors hatten noch Unterricht und die wenigen, die doch auftauchten bemühten sich leise zu sein. Niemand wollte sich Ärger mit der Schulsprecherin einhandeln.
Als alle Hausaufgaben erledigt waren, lehnte sich Hermine in den Sessel zurück und ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bald Zeit war zum Abendessen. Sie stopfte ihre Unterlagen zurück in die Tasche.
Plötzlich hielt sie inne, runzelte nachdenklich die Stirn und räumte alles wieder hinaus. Da fehlte ein Buch! Sie wühlte in der Tasche, ohne das zu finden wonach sie suchte. Ihre Bewegungen wurden immer hektischer, sie sah unter dem Sessel nach aber auch da war es nicht. Hermine wurde nervös. „Ausgerechnet dieses Buch", schimpfte sie.
Sie hatte sich die Haare gerauft und sie standen ihr nun wild vom Kopf ab. Ihr Umhang war leicht schmutzig geworden, als sie auf Knien unter dem Sessel nachgesehen hatte. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn und auf den Wangen zeichneten sich rote Flecken ab. Ihre Brust hebte und senkte sich schnell und unrythmisch. Panik durchfloss ihren Körper. „Mensch Hermine, bleib cool", dachte sie und zwang sich ruhiger zu atmen. Irgendwo musste es doch sein. Ein Accio-Spruch kam nicht in Frage. Falls sie das Buch in irgendeinem Klassenzimmer liegen gelassen hatte, würden sich die Lehrer bedanken, wenn sie es sich mit dem Aufrufezauber zurückzauberte und das obwohl in den Räumen noch Unterricht stattfand. „Wo könnte ich es verloren haben?", fragte sich Hermine und dachte angestrengt nach. Doch es fiel ihr nichts ein. „Wenn das jemand liest, bin ich geliefert", ging es Hermine immer verzweifelter durch den Kopf. „Vor allem wenn es den Slytherins in die Hände fällt, dann erfährt die ganze Schule davon", war Hermines nächster Gedanke. Sie malte sich schon die schlimmsten Szenarien aus. „Nein, mal den Teufel nicht an die Wand", entschied Hermine resolut und ging noch einmal ihren heutigen Stundenplan durch. Das Buch war ihr ständiger Begleiter und sie ließ es nie irgendwo liegen. Nicht mal in ihrem Zimmer. Nur wenn sie es bei sich trug konnte sie sicher sein, dass niemand einen Blick riskierte.
„Was mach ich denn jetzt bloß?", fragte sich Hermine. Ihre Freunde wollte sie nicht behelligen, die hatten genug mit sich selbst zu tun.
„Ich warte einfach bis der ganze Unterricht beendet ist und gehe danach die Klassenräume ab", überlegte sich Hermine und schon wurde sie ruhiger.
Sie ging hoch in ihr Zimmer, was ihr als Schulsprecherin zustand, verstaute ihre Schulsachen, kämmte sich die Haare, entfernte den Staub auf ihrem Umhang und ging hinunter in die große Halle zum Abendessen.
Zur selben Zeit saß Professor Severus Snape in seinem Büro und korrigierte Klassenarbeiten. „Mein Gott was für Idioten", dachte er sich und malte ein dickes S in die rechte Ecke irgendeiner Arbeit. Auch wenn er nie zugeben würde, es wurmte ihn, dass nur wenige Schüler in der Lage waren gute Leistungen in seinem Fach zu erzielen. Er kam allerdings nie auf die Idee, sich zu überlegen, ob es vielleicht an seinem Unterrichtsstil lag, oder dass die Schüler einfach soviel Angst vor ihm hatten, dass sie den Unterricht damit verbrachten zu beten, die Stunde überhaupt zu überleben, anstatt seinen Ausführungen zu lauschen.
Er seufzte genervt, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte angewidert auf den hohen Berg Aufsätze die er noch zu korrigieren hatte. Er überlegte schon, ob er auf allen einfach ein M geben sollte, verwarf aber diesen Gedanken sofort wieder. Vielleicht war doch die ein oder andere brauchbare Arbeit zu finden. So verging auch für ihn die Zeit, in der er mühselig Fehler korrigierte, Noten vergab und seine gefürchteten Kommentare unter die Arbeiten schrieb.
Als er bei der letzten Arbeit der Drittklässer angelangt war, legte er seine Feder zur Seite und klopfe sich insgeheim selbst auf die Schulter, dass er so viele grottenschlechte Arbeiten durchgehalten hatte. Er räumte den Stapel beiseite und dabei fiel sein Blick wieder auf das schwarze kleine Buch, was die Granger bei ihrem Abgang verloren hatte. Er hatte es schon fast vergessen.
Nachdenklich nahm er es in die Hand und betrachtete es neugierig. „Für ein Schulbuch ist es ziemlich klein und dünn", dachte er sich und drehte es in den Händen hin und her. „Wird wohl ein Muggelbuch sein, der Verarbeitung nach zu deuten", dachte sich Snape und legte das Buch wieder desinteressiert zur Seite. Muggelbücher interessierten ihn nicht und er respektierte durchaus die Privatsphäre anderer Menschen. Granger als Schulsprecherin würde auch nie ein verbotenes oder gefährliches Buch lesen. Dessen war er sich sicher.
Er berührte seinen linken Arm der immer noch schmerzte, obwohl das dunkle Mal ein für alle mal verschwunden war.
Es klopfe energisch an der Tür und herein kam Filch, der einen Regelverstoss eines Schülers meldete. Snape, der in Erinnerungen zu versinken drohte, war ganz froh über die Ablenkung und schritt mit Filch in seinem Windschatten aus dem Büro und machte sich auf den Weg dem Sünder seiner gerechten Strafe zukommen zu lassen.
Mitten im Korridor stand George Aberdeen, ein Fünftklässer aus Hufflepuff der einen jüngeren Ravenclaw-Schüler Fesseln angezaubert hatte. Snape schritt drohend auf die beiden zu und die Umstehenden drückten sich eng an die Wand, senkten den Blick auf den Boden und versuchten sich so unauffällig wie möglich zu benehmen.
„Soso, Aberdeen, haben Sie nichts zu tun? Soweit ich mich erinnern kann, haben Sie für Ihren letzten Aufsatz in Zaubertränke nicht ein T mit Auszeichnung bekommen?! Finden Sie nicht, Sie sollten ihre Kenntnisse in der Bibliothek vertiefen anstatt Leute zu verzaubern?", donnerte Snape und sein Blick bohrte sich in die Augen von George. Es war totenstill geworden.
George, dem es peinlich war, dass nun alle wussten, dass er ein T von Snape bekommen hatte, lief dunkelrot an, sagte jedoch nichts.
„Haben Sie auch noch verlernt zu sprechen, Aberdeen? Naja, bei Ihnen würde mich das nicht wundern!", ätzte Snape weiter und baute sich nun noch bedrohlicher vor ihm auf.
„25 Punkte Abzug für Hufflepuff weil Sie sich an einem Schwächeren vergriffen haben und noch mal 25 Punkte Abzug für Ihre unaussprechliche Dummheit!", kam es wie aus der Pistole geschossen von Snape. „Gehen Sie nun in die große Halle zum Abendessen, und zwar alle!" raunzte er und sah zu wie sich die Schüler gegenseitig fast über den Haufen rannten um so schnell wie möglich Abstand zwischen sich und Snape zu bringen. Ein grimmiges Lächeln umspielte Snapes Lippen.
„Keine Strafarbeiten, Sir?", fragte Filch enttäuscht.
„Nein, Filch und gehen Sie wieder an Ihre Arbeit", sagte Snape.
Er hatte mit dem Gedanken gespielt Aberdeen eine Strafarbeit aufzubrummen, was aber bedeutete, diesen Schüler noch öfter ertragen zu müssen, wonach ihm nicht der Sinn stand.
Filch schlurfte beleidigt davon und Snape ging mit federnden Schritten zurück in sein Büro.
Das Buch war schon wieder vergessen.
