4. Kapitel
Auf der ersten Seite stand eine mit schwarzer Tinte geschriebene Widmung.
Hermine,
wir wissen das du im letzten Jahr viel erlebt und durchgestanden hast.
Auch wenn du nicht über deine Erlebnisse sprechen möchtest, so ist es wichtig,
dass du sie verarbeitest! Dieses Buch (ein Muggelkalender wie du es nennen
würdest) soll dir dabei helfen. Schreib das Geschehene nieder und du wirst merken,
deine Erinnerungen verblassen und verlieren ihren Schrecken.
In Liebe Mom & Dad
Snape schlug das Buch zu und ließ es auf den Tisch fallen. Das ging ihn nichts an. Er würde darin nicht lesen. Er konnte es nicht fassen, und sah auf das Buch hinab.
Das war also das Tagebuch der Hermine Granger.
„So hat sie also alles verarbeitet, und deswegen war sie vorhin hier", beantwortete er sich seine eigenen vor Stunden gestellten Fragen.
Ein kleines boshaftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Wenn Miß Know-it-all mir im Unterricht auf die Nerven geht, lass ich sie zappeln. Dann tue ich so, als hätte ich es gelesen", dachte sich Snape, und das boshafte Lächeln verwandelte sich in ein vergnügtes bei dem Gedanken wie Granger wohl zappeln würde, wenn sie die Erkenntnis wie ein Schlag traf.
Der nächste Tag brach an und Hermine graute es vor der Zaubertrankstunde. Lustlos, was ganz und gar nicht ihrer Art entsprach, ging sie direkt zum Verwandlungsunterricht. Das Frühstück ließ sie ausfallen. Sie hätte sowieso keinen Bissen hinunter bekommen.
Sie setzte sich an ihren Platz und grübelte wie sie den Tag überstehen sollte. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, jemand, vielleicht auch noch ausgerechnet Snape dem manchmal sämtliche menschlichen Züge fehlten, könnte in ihrem Tagebuch gelesen haben. Gut, Snape hatte die Geschichte, wie Lord Voldemort zu Fall gebracht worden war miterlebt, aber sie hatte auch ihr Gefühle während dieser schwierigen Zeit niedergeschrieben, und die gingen ihn wirklich nichts an. Sie würde sich bis auf die Seele entblößt und nackt fühlen. Ihr war jetzt schon hundeelend.
Die Klasse füllte sich langsam. Harry und Ron sahen sie fragend an, doch bevor sie ein Wort miteinander wechseln konnten, begann der Unterricht.
Hermine bekam die Stunde nur am Rande mit und ihre Beteiligung am Unterricht war gleich null. McGonagall wunderte sich über den fehlenden Eifer ihres Schützlings, doch ließ sie Hermine vorerst in Ruhe. Als Professor McGonagall die Schüler aufforderte ihr Schulbuch in eine Maus zu verwandeln, verzauberte Hermine aus Versehen Rons Hand. Ron lachte. McGonagall herrschte sie an: „Miß Granger bitte etwas aufmerksamer"
Hermine wurde es heiß und sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoß. McGonagall hatte sie noch nie im Unterricht getadelt.
Nach Verwandlung stand Geschichte der Zauberei auf dem Stundenplan. Prof. Binns monotone Stimme erfüllte den Raum und den Schülern fielen nach und nach die Augen zu. Selbst Hermine, die sonst als einzige Notizen anfertigte, schob Feder und Pergament beiseite, legte den Kopf auf die Arme und schloß die Augen. Hätten Harry und Ron das gesehen, hätten die Beiden sie aufgerüttelt und sie gefragt: „Warum sie zum Teufel keine Notizen machte?!" Doch Harry und Ron hatten die Augen geschlossen und waren in einen leichten Schlaf gefallen.
Das Klingen der Glocke verkündete das Ende der Stunde. Die Schüler erwachten schlagartig aus ihrem Dämmerschlaf. Die Mittagszeit kam und ging ohne besondere Vorkommnisse. Hermine sah alle zwei Minuten auf die Uhr, doch der Zeiger bewegte sich nicht schneller. Sie wollte es endlich hinter sich bringen.
Zaubertränke. Die UTZ-Schüler gingen langsamer als üblich zum Unterricht. Die Kerkertür stand bereits offen, Snape stand an seinem Pult und seine Finger trommelten ungeduldig auf der Tischplatte. Seine Miene wirkte streng und man sah ihm die schlechte Laune deutlich an.
Die Schüler suchten mucksmäuschenstill ihre Plätze auf und warteten ergeben auf das verbale Henkerbeil, das sie einen Kopf kürzer schlagen würde, weil sie sich soviel Zeit gelassen hatten. Hermine schlüpfte als letzte herein und hielt die Augen fest auf den Boden gerichtet, als sie sich auf ihren Platz setzte. Snapes Lippen kräuselten sich unheilverkündend. „Ich hätte nicht gedacht, dass man UTZ-Schülern auch noch das Uhrenlesen beibringen muss", schnarrte er und blickte drohend durch die Klasse. „Noch einmal so eine Verspätung und die ganze Klasse sitzt nach!", drohte er.
„Ja, Sir", antwortete ihm die Klasse einstimmig. Es war totenstill und man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
„Ihre heutige Aufgabe", sprach Snape nun etwas leiser. Er schnippte mit dem Zauberstab und an der Tafel erschein eine Rezeptur. „Sie haben 90 Minuten Zeit mir ihre Unfähigkeit zu demonstrieren", sagte Snape fast schon freundlich.
Die Schüler sprangen auf, holten sich die erforderlichen Zutaten aus dem Schrank und begannen hektisch und mit verzweifelten Gesichtern ihre Arbeit.
„Die Schüler haben immer noch Angst vor dir", stellte Snape mit grimmiger Genugtuung fest und nahm seinen Rundgang durch die Klasse auf. Wie er erwartet hatte, scheiterten die meisten schon an der Zubereitung der ersten Zutaten.
Als er den Inhalt von Hermines Kessel begutachtete, an dem nichts auszusetzen war, fiel ihm etwas auf. Die Granger sah ihn sonst immer herausfordernd an, wenn er ihre Arbeit begutachtete. Er wusste, sie wollte ein Lob hören, was sie jedoch nie bekam. Doch heute hielt sie den Blick auf die Tischplatte gesenkt. „Sie wird wohl denken, ich habe ihr Tagebuch gelesen und das ist ihr peinlich. Die Menschen erwarten immer das schlimmste von mir." Er beschloss heute eine Ausnahme zu machen. „Miß Granger", sprach Snape Hermine an. Erschrocken blickte sie auf. „Gute Arbeit", lobte er sie leise und sah ihr dabei fest in die warmen braunen Augen. Sie sollte spüren, dass er es ehrlich meinte.
Hermine war im ersten Moment zu schockiert um sich zu freuen. Sie sah in seine tiefschwarzen, ausdrucksstarken Augen und konnte keine Bosheit erkennen. Einen kurzen Moment lang glaubte sie sogar ein kleines Lächeln in seinen Augen gesehen zu haben. Doch bevor sie zu einer Antwort ansetzen konnte, wandte er sich ab und ging an sein Pult.
Harry wäre bei Snapes Lob fast vom Stuhl gefallen und Ron hatte mit offenem Mund gelauscht. Dabei hatte er zuviel Ginsengextrakt in seinen Zaubertrank geschüttet, der nun vollends verkorkst war. Er verzog säuerlich das Gesicht während Harry einen kurzen, verstohlenen Blick auf Snape warf, wie um sich zu vergewissern das er keinen Geist gesehen und sprechen gehört hatte. Sonst hatte niemand dieses kleine Intermezzo mitbekommen.
Hermine Wangen wurden rosa. Sie freute sich. Endlich hatte sie das bekommen, wonach sie jahrelang gestrebt hatte. Ein Lob von Snape! Am liebsten wäre sie aufgesprungen und in einem Freudentanz ausgebrochen. Doch sie beherrschte sich.
Die Stunde ging vorüber. Die Schüler verließen den Kerker, doch diesmal ließ sich Hermine Zeit. „Geht schon mal vor", flüstere sie Harry und Ron zu, die achselzuckend gingen.
Hermine wollte sich bei Snape für das Lob bedanken und natürlich nach ihrem Buch fragen. Sofort überkamen sie Zweifel. „Hat er es gelesen und denkt jetzt ich bin ein Schwächling? Hat er mich deswegen gelobt? Oder hat er es ernst gemeint?", ging es ihr durch den Kopf und unbewußt nagte sie an ihrer Unterlippe. Langsam ging sie auf seinen Schreibtisch zu.
Snape hob den Kopf und sah wie sie mit verwirrter, nachdenklicher Mine auf ihn zu kam und vor ihm stehen blieb. Sich in seinem Stuhl zurücklehnend blickte er sie abwartend an.
„Prof. Snape", setzte sie an und starrte auf seine Schulter, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. „Ich glaube ich habe hier gestern ein Buch verloren und…..", fuhr sie fort und ihre Hände umklammerten den Saum ihres Umhangs.
„Ja, Miß Granger…", erwiderte Snape aufmunternd.
„Ich….", Hermine stockte.
Snape sah wie schwer sie sich tat und erlöste sie. „Warten Sie hier", sagte er, stand mit geschmeidigen raubtierhaften Bewegungen auf und ging nach nebenan in sein Büro. Hermine stand da wie zur Salzsäure erstarrt.
Er kam zurück, hielt das Buch in den Händen und fragte: "Meinen Sie das hier Miß Granger?" Hermine nickte. Die Zunge klebte ihr am Gaumen. Einerseits war sie erleichtert, dass sie es nun wiederbekommen würde, doch andererseits fragte sie sich wieder „Hat er es gelesen?"
Snape ging auf Hermine zu, blieb vor ihr stehen, streckte die Hand aus und hielt ihr das Buch hin. Hermine blickte erst auf das Buch in seiner Hand und danach in seine Augen. Snape konnte die Frage darin erkennen. Enttäuscht davon, dass sie offenbar so schlecht von ihm dachte, sagte er barscher als beabsichtigt: "Nehmen Sie es nun oder nicht?" Hermine sah wie die bis eben noch freundlich dreinblickenden Augen Snapes sich verdüsterten. Sie hatte ihm wohl unrecht getan. Sonst hätte er nicht so reagiert. Für seine Verhältnisse war er sehr entgegenkommend gewesen.
Sie streckte die Hand aus. Als sie das Buch nehmen wollte, berührten sich ihre Fingerspitzen unabsichtlich. Snape zog so schnell seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt, und sein Gesichtsausdruck wurde leer. Hermine keuchte auf und hatte das Gefühl vom Blitz getroffen worden zu sein. Überall an ihrem Körper bildete sich Gänsehaut und etwas tief in ihrem Innern schmerzte.
Snape sah in ihre schreckgeweiteten Augen und interpretierte deren Ausdruck als Ekel und Abscheu. Das verletzte ihn. Auch wenn er dies nie zugeben würde. Dem Impuls, sie auch zu verletzen, folgend schnarrte er: „Wars das jetzt, oder womit wollen Sie noch meine Zeit stehlen?"
„Nein….." Sie sah ihn verwirrt an. „Ich wollte mich für Ihr Lob bedanken", stammelte sie hilflos und immer noch ganz durcheinander.
„Das haben Sie hiermit getan, gewöhnen Sie sich nicht dran und kein Wort zu jemanden das ich Sie gelobt habe, sonst wird Ihnen das noch leid tun. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren! Sie wissen wo die Tür ist", knurrte er und setzte sich.
Hermine drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Kerker.
Snape betrachtet seine Hand, die Stelle wo sich ihre Fingerspitzen berührt hatten, kribbelte wie tausend Ameisen und er spürte wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
Hermine ging nach oben und war verwirrt. Seine letzten Worte waren die Rache für ihren Vorwurf gewesen, das war ihr klar. Also schob sie das eben gehörte in die Kategorie, typisch Snape. Was sie viel mehr verwirrte waren die Gefühle die die Berührung seiner Hand in ihr ausgelöst hatten. So etwas intensives hatte sie noch nie gefühlt! „Was ist das bloß?", fragte sie sich.
Einen Stock tiefer saß Severus Snape, stellte sich dieselbe Frage und war genauso so verwirrt wie Hermine. Er haßte es die Kontrolle zu verlieren, oder etwas nicht zu verstehen. Als die nächsten Schüler zum Unterricht kamen, erfuhren sie am eigenen Leib was es bedeutete, wenn Snapes übliche schlechte Laune noch tiefer gesunken war. Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin verloren innerhalb von einer Stunde 50 Punkte.
TBC
Lob oder Kritik? Nur her damit. zwinker
