5. Kapitel

Wochen vergingen. Der Herbst neigte sich dem Ende, die Bäume verloren ihre Blätter und die Sonne warf ihre letzten warmen Strahlen auf die Erde. Die Nächte wurden immer kälter und früh am morgen lag schon der erste Frost auf den Pflanzen. Der Winter kündigte sich an und damit auch die Quidditchsaison.

Harry, Kapitän der Quidditchmannschaft von Gryffindor forderte die ganze Mannschaft zu einem harten Training auf. Schließlich wollte er in seinem letzten Schuljahr den Pokal gewinnen. Ron, der auf der Position des Hüters spielte ließ jede Trainingseinheit ohne Widerstand über sich ergehen. Das erste Spiel der Saison war unter den Spielern auch das gefürchtetste: Gryffindor gegen Slytherin. Bei diesem Spiel ging es um mehr, als nur um Quidditch. Selbst Ginny schien ein wenig aus ihrem Tief gefunden zu haben. Quidditch lenkte sie ab und brachte sie Harry näher, der ihr beim Training nicht aus dem Weg gehen konnte.

Hermine hingegen hatte sich einen Plan zum Lernen erstellt und begann bereits mit den Wiederholungen aus den ersten Jahren. Sie fing lieber zu früh statt zu spät das Lernen an, obwohl es noch mehr als ein halbes Jahr bis zu den UTZ-Prüfungen war. Ron hatte nur den Kopf geschüttelt und etwas wie „Die hat doch einen Knall", in sich hineingemurmelt. Doch wagte er es nicht Hermine aufzuziehen oder überhaupt etwas zu diesem Thema zu sagen. Er wusste, Hermine würde ihn in Grund und Boden stampfen, wenn er sie wegen ihres Fleißes aufzog. Im Gegenzug verschonte Hermine Harry und Ron mit ihren Belehrungen, man könne nicht früh genug das lernen anfangen. Alle waren erwachsen und jeder musste selbst wissen, was für ihn das Beste war.

Sie saß in der Bibliothek und lass die Grundlagen der Zauberkunst, machte sich Notizen und murmelte die Sprüche leise vor sich hin. Der Stoff fiel ihr leicht und sie stellte mit Erleichterung fest, dass sich ihre Wissenslücken in Grenzen hielten. Sie hatte auch eine Lösung gefunden, wie sie ihr Tagebuch vor Neugierigen schützen konnte. Auf ihm lag nun ein Zauber, der es verschwinden ließ und es nur zum Vorschein brachte, wenn man darin lesen und schreiben wollte. Dieser Zauber funktioniert im Grunde wie der Raum der Wünsche. Hermine hatte vorsichtshalber den Zauber so abgewandelt, dass das Buch wirklich nur für sie Gestalt annahm. Sie schloss das Zauberkunstbuch, stellte es zurück in das Regal und ging, die Notizen im Kopf durchgehend in ihr Zimmer.

Stunden später lag sie im Bett und fand keinen Schlaf. Die letzte Begegnung mit Snape in seinem Kerker ging ihr immer wieder durch den Kopf. Er ging ihr absichtlich aus dem Weg, das spürte sie, doch sie konnte sich nicht erklären warum er das tat. Er behandelte sie, als wäre sie Luft. Er grüßte sie nicht, nannte sie nicht mehr Know-it-all-Granger und sein Blick in ihren Kessel war so flüchtig, dass Hermine oft den Eindruck hatte, er habe gar nicht erst hineingesehen. Unruhig wälzte sie sich im Bett hin und her. Sie dachte an die kurze Berührung ihrer Hände und sofort spürte sie wieder das mittlerweile vertraute Ziehen in ihrem Innern, was sie jedes Mal bei dieser Erinnerung überkam. Es tat ihr leid, Snape zu Unrecht verdächtigt zu haben, doch sie wusste wirklich nicht, wie sie es wiedergutmachen konnte. Einfach zu ihm gehen und sich entschuldigen kam nicht in Frage. Er würde sie hinauswerfen bevor sie überhaupt „Piep" gesagt hatte.

Hermine seufzte schwer. Im Verlauf der letzten Wochen hatte sie Snape unauffällig beobachtet. Was sie sah, war beunruhigend. Snape sah mitgenommen aus, er wirkte erschöpft und seine Haut war blasser als sonst, seine Augen lagen tief in den Höhlen und man sah ihm den wenigen Schlaf an. Sein Blick war gehetzt, die Hände suchten ständig nach Ablenkung und wenn er sich nicht beobachtet fühlte, griff er sich oft an den linken Arm, wo das dunkle Mal gewesen war. Hermine machte sich Sorgen um ihn. Sie wusste von Remus, dass Snape sich niemanden anvertraut hatte und auch keinen an sich heran ließ, was die Ereignisse um Lord Voldemort, Dumbledore und den Endkampf betraf. Doch Hermine, klug aus eigener Erfahrung, wusste, wie wichtig es war, mit der Vergangenheit abzuschließen. Ihr eigenes seelisches Gleichgewicht hatte sie erst wieder gefunden, als sie alles, was sie erlebt und gefühlt hatte, in dem Buch verewigt hatte. Sie wollte Snape helfen. Doch wie konnte sie das anstellen? Wenn sie sich als Zuhörerin anbot, würde er wahrscheinlich Gryffindor alle Hauspunkte abziehen. Nein, sie musste subtiler, feinfühliger vorgehen. Doch wie?

Hermine wurde langsam müde und beschloss am nächsten Tag noch einmal darüber nachzudenken. Sie schloss die Augen und driftete langsam in das Reich der Träume ab. Doch plötzlich kam ihr eine Idee. Ruckartig setzte sie sich auf und schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Das hätte mir auch früher einfallen können", dachte sie, schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Buch und als sie die Augen wieder öffnete, lag es vor ihr auf der dicken Daunendecke. Sie nahm es in die Hand und betrachtete es grüblerisch. „Soll ich das wirklich tun? Bin ich selbst schon soweit? Er wird alles lesen können." Hermine haderte mit sich. „Doch wie oft hat Snape uns geholfen und das Leben gerettet. Er stand uns beim Endkampf zur Seite, ohne ihn hätten wir es nie geschafft. Du bist ihm was schuldig!" Hermine fasste einen Entschluss und sie würde ihn bei nächster Gelegenheit in die Tat umsetzen. Doch vorher musste sie in der Bibliothek noch etwas nachlesen.

Severus Snape saß in einem gemütlichen Ohrensessel in der Nähe des Kamins und las ein Buch. Die Flammen waren die einzigen Lichtquellen im Raum und ihr Züngeln warf gespenstische Schatten an die Wände. Das Feuer prasselte und Severus spürte wie ihm die Wärme in die Glieder kroch. Er versuchte sich auf das Buch zu konzentrieren, doch nachdem er bereits das dritte mal die selbe Seite gelesen hatte ohne deren Inhalt wahr zu nehmen, schlug er es zu und legte es beiseite. Er schloss die Augen, rieb sich mit den Händen über die erschöpften Augen, lehnte sich in den Sessel zurück und versuchte sich zu entspannen.

Doch immer wieder drängte sich die Begegnung mit Granger in seine Gedanken. Auch er konnte sie nicht vergessen. Er war immer noch verletzt und enttäuscht, und in solchen Dingen sehr nachtragend. Die Berührung konnte er auch nicht einfach ad acta legen. Immer wenn er daran dachte, konnte er ihre warmen weichen Finger auf seiner Haut spüren. Der Mund wurde ihm dabei trocken und er wusste absolut nicht wie er damit umgehen sollte. Er hatte durchaus bemerkt, wie Hermine ihn die letzten Wochen beobachtet hatte. Doch aus welchen Beweggründen sie das tat, war ihm nicht klar. Einmal hatte er sie erwischt wie sie ihn mit gerunzelter Stirn anstarrte und als er ihren Blick mit hochgezogener Augenbraue erwiderte, sah sie hastig und verlegen weg. „Sie wird sich wohl immer noch vor Abscheu schütteln", dachte sich Snape und kniff seine Lippen zusammen. Er ignorierte sie, denn dann musste er sich nicht mit ihr auseinandersetzten. Er schob den Gedanken an Hermine und ihr seltsames Verhalten beiseite.

In der Nähe des Feuers und der Wärme, spürte er wie sich seine verkrampften Muskeln lockerten und er sich langsam entspannte. Schlafen konnte er schon lange nicht mehr. Jede Nacht suchten ihn seine Alpträume heim und nahmen ihn mit auf einen Horrortrip der Phantasie, aus dem er, wenn er Glück hatte, nur schweißgebadet und mit rasendem Herzen aufschreckte. Oder, wenn er weniger Glück hatte, ein Aufwachen herbeisehnte, um den schrecklichen Bildern zu entkommen, die sich in seinen Kopf brannten. Bilder von Leid und Tod, Verzweiflung und Angst.

Sein Unterbewusstsein benutzte diese Träume als Katalysator um das Geschehene zu verarbeiten, das war ihm klar. „Du bist erschöpft, kommst nicht mehr zur Ruhe. So kann das auch nicht weiter gehen", tadelte er sich selbst. Doch er hatte jahrelang alles was ihn belastete mit sich selbst ausgetragen, mit einer Ausnahme. Oft, wenn er unter dem Druck, der auf ihm lastete, zusammenbrechen drohte, hatte er sich Albus anvertraut. Albus war tot, gestorben von seiner Hand. Snape war angewidert von seiner Tat. Niemals hätte er sich auf den Plan von Albus einlassen dürfen. Er fühlte sich leer und ausgebrannt, doch sein Körper forderte seinen Tribut und Snape schlief ein, begleitet von seinen Träumen, in denen Menschen starben oder gequält wurden.

Ein lautes Klopfen riss ihn aus dem Schlaf.

TBC