6. Kapitel
Severus schrak auf. Adrenalin schoss durch seine Adern und reflexartig zog er seinen Zauberstab. Es klopfe erneut, diesmal lauter. Snape ließ den Zauberstab, den er reflexartig gezogen hatte, sinken und atmete tief durch. In seinen Ohren konnte er sein eigenes Blut rauschen hören.
„Herein"
Die Tür schwang auf und Lupin trat ein
„Severus, kann ich dich sprechen?"
Snape nickte und deutete auf den leeren Sessel ihm gegenüber. Lupin setzte sich und sah ins Feuer, während Snape sein Profil betrachtete. Remus sah gut aus. Die kränkliche Blässe war verschwunden, die Augen hatten ihre Traurigkeit verloren und er war nicht mehr so mager wie früher. Durch die Anstellung als Lehrer in Hogwarts hatte er ein geregeltes Einkommen, was ihm eine Last von den Schultern nahm.
Snape und Lupin hatten sich nach dem finalen Kampf ausgesprochen. Sie beschlossen die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen und sich in Zukunft vorurteilsfrei zu begegnen. Dicke Freunde würden sie wohl nie werden, aber sie behandelten einander in einer Art des freundschaftlichen Respekts, wenn auch noch vorsichtig. Ihre Versöhnung war noch sehr frisch und das dünne Band der Freundschaft konnte jederzeit durch ein Mißverständis wieder zerreisen.
„Was führt dich zu mir Remus?", fragte Snape und Lupin wandte ihm das Gesicht zu.
Er sah Snape an und schien zu überlegen, ob oder wie er sein Anliegen vortragen sollte.
„Severus, wie du weißt sind Tonks und ich seit kurzem verheiratet…." Remus stoppte und Snape runzelte fragend die Stirn, schwieg jedoch. „Leider sehen wir uns so gut wie gar nicht und ich bin auf der Suche nach einer neuen Stelle in London. Wir wollen in naher Zukunft eine Familie gründen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis ich Hogwarts wieder verlasse. Würdest du Verteidigung gegen die dunklen Künste neben Zaubertränke unterrichten? Wenigstens so lange bis ein Nachfolger für mich gefunden worden ist? Du bist nun mal der Beste und die Schüler könnten viel von dir lernen", vollendete Remus.
Snape stand auf, wandte Lupin den Rücken zu, trat an das Wohnzimmerfenster und starrte in die Nacht hinaus. Dort lag dunkel und unendlich das Himmelszelt mit seinen Myriaden an Sternen. Er konnte Lupins forschenden Blick auf seinem Rücken spüren. Doch er musste nachdenken und Lupin ließ ihm Zeit.
Endlose Minuten verstrichen. Snape nahm wieder Platz, überschlug elegant die Beine, sah Lupin in die Augen und setzte zu einer Antwort an: „Remus, ich weiß es zu schätzen, dass du mir deine Schüler anvertraust. Ich kann deinen Wunsch auch nachvollziehen mit Tonks in London zu leben. Ich wäre auch bereit jedes andere Fach zu übernehmen, aber nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste. Sie waren jahrelang mein Begleiter, haben mich fasziniert und verführt. Ich wollte sie beherrschen, aber nicht benutzten. Ich habe sogar schwarzmagische Flüche erfunden! Mit meinen Erfindungen wurden Menschen gequält und getötet! Ich selbst musste die dunklen Künste gegen andere Menschen einsetzten. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. Auch nicht im Unterricht. Versteh mich bitte richtig, das hat nichts mit dir zu tun, sondern nur mit mir." Snape strich sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht.
Mit dieser Reaktion hatte Remus gerechnet, doch einen Versuch war es wert gewesen. Er stand auf und sagte leise: „Severus, ich kann dich sehr gut verstehen. Wahrscheinlich würde ich genauso handeln. Aber du solltest die dunklen Künste nicht komplett aus deinem Repertoire streichen. Sie sind auch ein Teil der Magie und es wird immer Menschen geben, die sie missbrauchen. Also muss es im Gegenzug auch Menschen geben, die anderen beibringen sich zu verteidigen. Denk darüber nach. Ich werde deine Entscheidung respektieren. Direktor Slughorn und ich werden schon eine Übergangslösung finden" Er wandte sich zur Tür. „Gute Nacht Severus."
Das Gespräch mit Remus hatte Snape aufgewühlt. Die ganzen Erinnerungen die er sorgfältig unter Verschluß hielt drängten nun an die Oberfläche und vor ihm tat sich ein seelischer Abgrund auf. Seine Hände zitterten. Mit aller Selbstbeherrschung die er aufzubringen im Stande war, kämpfe er seine inneren Dämonen nieder. „Ich muss einfach nur mal eine Nacht durchschlafen ohne schweißgebadet und zitternd aus irgendwelchen Alpträumen aufzuwachen", dachte sich Snape, ging in sein Badezimmer und kam mit einer kleinen Flasche mit himmelblauem Inhalt zurück. Mit einem Zug trank er sie leer. Es war ein Schlaftrunk der eine Nacht ohne Träume garantierte, aber nicht zu oft eingenommen werden durfte. Er ging in sein Schlafzimmer. Die Wände waren in einem freundlichen Ockerton gestrichen, der farblich abgestimmte dicke Teppich dämpfte jedes Geräusch beim Laufen. In der Mitte des Raumes stand ein großes Himmelbett mit schwarzen Satinlaken. Überall standen kleine Tische auf denen sich Bücher stapelten. Eine Seite des Raumes wurde von einem übergroßen, antiken, aus dunklem Holz angefertigten Kleiderschrank eingenommen. Die Wände waren kahl, was jedoch der freundlichen Atmosphäre keinen Abbruch tat.
Er ließ sich auf die Laken sinken und schon übermannte ihn der Schlaf.
Wie hätte er ahnen können, dass seine Weigerung, Lupins Unterricht zu übernehmen, sein Leben von Grund auf verändern sollte und nun das Schicksal die Führung übernahm?!
Ein kleines, ruhiges Zwischenkapitel, aber bald nimmt die Handlung so richtig ihren Lauf.
TBC
