7. Kapitel
Der erste Schnee überzog die Länderein von Hogwarts mit einer feinen Schicht und lag zart auf den Ästen der Bäume. Ebenso wie die Sträucher und anderen Gewächse, sahen sie aus, als hätte eine vom Himmel kommende Riesenhand sie mit Puderzucker bestäubt.
Es war Sonntag und das Spiel des Jahres stand auf dem Programm: Gryffindor gegen Slytherin. In der großen Halle herrschte reger Betrieb. Die Schüler saßenbeim Frühstück und konnten über nichts anderes als über das bevorstehende Ereignis reden. Ron, der
vor jedem Quidditchspiel sehr nervös war, stocherte in seinem Essen herum und war überhaupt nicht ansprechbar. Harry versuchte den Rest der Mannschaft zu motivieren, was ihm auch ganz gut gelang. Die Luft war erfüllt von fiebriger Erwartung. Die Slytherins und Gryffindors warfen sich gegenseitig herausfordernde Blicke zu, doch da Lehrer anwesend waren, wagte keiner ausfällig oder handgreiflich zu werden. Die angestauten Aggressionen würden sich auf dem Spielfeld entladen. Die Schüler trugen Spruchbänder mit sich herum und hatten sich in den Farben ihres Hauses oder ihres Favoriten eingekleidet. Einige hatten sich sogar die Hauswappen auf die Wangen gemalt. Die Spieler beider Mannschaften verließen die Halle Richtung Quidditchstadion um sich für das Spiel vorzubereiten.
Hermine eilte noch einmal zurück in ihr Zimmer. Sie hatte den Zauber, der das Buch verschwinden und wieder auftauchen ließ, erweitern können. Das hatte sie viel Zeit in der Bibliothek und Geduld bei der praktischen Umsetzung gekostet, aber gestern war sie endlich erfolgreich gewesen. Noch einmal stieß sie triumphierend die Faust in die Luft und klopfte sich insgeheim selbst auf die Schulter. Sie hatte es geschafft, ohne Hilfe! Sie schnappte sich ihr Fernglas, eilte die Treppen in die Eingangshalle hinunter und ging gemeinsam mit Neville und Luna zum Spielfeld.
Sie suchten sich Plätze auf der Tribüne und überall waren schon die Schlachtrufe der Fans zu hören. Neville und Luna waren sofort in ein Gespräch vertieft, was Hermine mit Wohlwollen registrierte. Sie hob das Fernglas an die Augen und suchte die Reihen der Slytherins nach einer ganz bestimmten Person ab. Sie wurde schnell fündig, denn er stach aus der grünen Schar geradezu hervor. Snape, wie immer komplett in schwarz gekleidet, saß kerzengerade und steif auf seinem Platz und blickte missmutig drein. Er sah noch genauso erschöpft aus wie Wochen zuvor, was Hermine nur noch bestärkte, ihren Plan umzusetzten. Da sie den Zauber endlich erweitern konnte, wollte sie, die sich ihr zuerst bietende Chance nicht entgehen lassen. Am besten noch heute.
Die Spieler betraten unter lautem Gejohle das Spielfeld, bestiegen ihre Besen, Madam Hooch pfiff und das Spiel begann. Die Spieler schenkten sich nichts, ja attackierten sich auch noch körperlich. Ginny schnappte sich den Quaffel, jagte auf das Tor der Slytherins zu, wich geschickt den Klatschern aus, täuschte den Hüter der Slytherins und verwandelte das erste Tor. Hermines Blick fiel auf Harry, der über dem Spielfeld kreiste und sah wie sich ein kleines stolzes Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. Sie wertete das als gutes Zeichnen. Die Slytherins waren in Buh-Rufe ausgebrochen und ihr Blick wanderte zurück zu Snape. Plötzlich stand dieser auf, verließ seinen Platz, und war nicht mehr zu sehen. Hermine suchte die Reihen der Slytherins ab, doch nirgends war er mehr ausfindig zu machen. Doch halt, da hinten lief er. Zurück ins Schloß. „Das ist die Gelegenheit", dachte sich Hermine und stand auf.
„Du willst schon gehen?", fragte Luna.
„Ja, ich muss noch lernen", erwiderte Hermine.
„Tu das, Neville und ich brauchen dich nicht", kam es wieder einmal sehr direkt aus Lunas Mund.
Hermine kämpfe sich durch die Schülermenge und hastete Snape nach. Über Lunas Bemerkung konnte sie nur schmunzeln.
Snape ging langsam Richtung Schloß zurück. Er fand Qudditch nicht sonderlich fesselnd und
hatte sich in der Menschenmenge unwohl gefühlt. Der Gedanke an seinen ruhigen, einsamen Kerker, ohne eine lärmende Schülermenge in der Nähe zu haben, war einfach zu verlockend gewesen. Er wusste, Granger hatte ihn wieder beobachtet, er hatte es gespürt. Er dachte sie würde mit der Zeit damit aufhören. Doch er hatte sich getäuscht. So langsam ging ihm das auf die Nerven und er wurde ärgerlich. „Verdammte Göre!", schimpfte er in sich hinein. Das würde Granger bereuen. Soviel stand fest.
Er erreichte das Schloßportal, ging geradewegs in seinen Kerker und zog sich in sein Büro zurück. Hermine war ihm mit sicherem Abstand gefolgt. Sie stand vor seiner Tür und zögerte. „Mensch Mine, du bist ein alter Angsthase", ging es ihr durch den Kopf. Sie schüttelte ärgerlich den Kopf, atmete tief durch und klopfte laut an die Tür.
Snape sprang wie von der Tarantel gestochen auf. „Das gibt's nicht! Hat man denn nie seine Ruhe!", dachte er ärgerlich und riß die Tür schwungvoll auf, gerade als Hermine ein zweites mal klopfen wollte.
Sie starrte ihn aus schreckgeweiteten Augen an und ihre Hand war in der Luft erstarrt.
Snape sah sie finster und mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Miß Granger, was bilden Sie sich eigentlich ein? Was wollen Sie?", fuhr er sie an und Hermines Mund klappte auf.
Sie war von seiner Aggression überrascht. „Ich…ähm…..", stotterte sie, doch weiter kam sie nicht.
„Die Sprache zu verlieren scheint wohl ein neuer Trend unter den Schülern zu werden!", blaffte er sie an.
Hermine straffte sich und antwortete ruhig, ohne auf seine Beleidigung einzugehen. „Professor Snape, ich würde Sie gerne sprechen".
Snape runzelte die Stirn. Am liebsten hätte er ihr die Tür vor der Nase zugeknallt, doch er war Lehrer und wenn ein Schüler mit einem Anliegen zu ihm kam, konnte er ihn nicht einfach abweisen. Er trat beiseite und ließ Hermine eintreten. Hermine ging an ihm, ohne ihn anzusehen, vorbei und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Snape war ihr gefolgt und hatte sie förmlich mit seinen Blick aufgespießt. Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und sah sie abweisend an. „Nun Miß Granger, was halten Sie denn für so wichtig, dass Sie es mir umgehend mitteilen müssen?"
Hermine schwieg, zog etwas aus ihrem Umhang hervor, legte es auf seinen Schreibtisch und blickte ihm fest in die Augen.
Snape starrte auf das Buch, welches vor ihm lag. Es war ihr Tagebuch. „Was soll das?", fragte er sich und war überrascht. Er blickte auf und wollte Hermine gerade zurechtweisen, doch sie kam ihm zuvor.
„Professor Snape, ich weiß Sie halten mich wahrscheinlich für impertinent, aber ich habe Augen im Kopf und sehe wie erschöpft Sie sind. Sie haben so viele Jahre in Todesgefahr geschwebt, haben anderen geholfen und mir, Harry und Ron unzählige Male das Leben gerettet. Sie fressen alles in sich hinein. Das ist nicht gut! Ich habe alles in dieses Buch geschrieben, weil ich auch nicht reden konnte und wollte. Deswegen bin ich hier. Das bin ich Ihnen schuldig! Nehmen Sie mein Buch. Schreiben Sie sich alles von der Seele und es wird besser werden. Das Buch ist so verzaubert, dass es nur auftaucht wenn Sie oder ich in ihm schreiben wollen. Sie können es behalten. Ich werde es nicht mehr benutzen." Sie hatte sehr schnell gesprochen und ihm die ganze Zeit fest in die Augen geblickt. Ihre Hände verrieten ihre Nervosität. Sie spielten unablässig mit einem Zipfel ihres Umhangs.
Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte „Was zum Teufel sie sich dabei dachte, in seinem Leben rumzuschnüffeln?", war sie schon aufgestanden, warf ihm noch mal einen Blick zu, der tiefe, ehrliche Besorgnis ausdrückte und verließ das Büro. Snape war sprachlos und das erste Mal seit langer Zeit war der harte Ausdruck auf seinem Gesicht verschwunden und hatte Verwunderung platz gemacht. Er starrte das Buch an und schüttelte ungläubig den Kopf.
Hermine lächelte. Sie war davon überzeugt, das richtige getan zu haben. Leise singend suchte sie ihr Zimmer auf, holte sich ein Buch über die Grundlagen der Zaubertrankbrauerei, warf sich aufs Bett und lernte. Unten im Gemeinschaftsraum herrschte ausgelassenen Partystimmung, denn Gryffindor hatte gegen Slyhterin gewonnen.
Snape war aufgesprungen und lief wie ein in die Ecke getriebenes Raubtier in seinem Büro auf und ab. Der schwarze Umhang wehte um seine Beine und trotz des warmen, schwarzen Pullovers war ihm kalt. Er schwankte zwischen Wut, Erstaunen und Besorgnis. Er ahnte wie viel es Granger gekostet haben mochte, diesen Schritt zu wagen und zollte ihr dafür Respekt. Nicht jeder hätte soviel Mut bewiesen. Die Wahrscheinlichkeit so eine private Äußerung Snape gegenüber unbeschadet zu überstehen war sehr gering. Aber sie hatte ihn total überrannt und keine Gelegenheit gelassen zurück zu schießen. Er war überrascht von Ihrem Vertrauensbeweis und sie hatte damit eine Seite in seinem Inneren zum Erklingen gebracht von dessen Existenz er schon gar nicht mehr zu träumen gewagt hatte. Er wusste, sie hatte Recht. Wenn er sich nicht selbst zerstören wollte, musste er etwas tun. Sein Selbsterhaltungstrieb war einfach größer als der Drang sich endgültig aufzugeben. Doch er war auch besorgt. Wenn Granger es ihm schon ansah, dann vielleicht auch die anderen und er wollte keine Angriffsfläche bieten. Aber er war sich sicher, keiner würde ihm solange Aufmerksamt zollen um seinen angeschlagen Zustand zu bemerken. Das beruhigte ihn ungemein. „Dann hat sie dich nur so beobachtet weil sie sich Gedanken gemacht hat. Nicht aus Abscheu", ging es ihm durch den Kopf. Er wusste nicht wieso, aber das erleichterte ihn.
Er schob das Buch und die Gedanken daran erst mal zur Seite und nahm sich mit wilder Entschlossenheit die Aufsätze der UTZ-Schüler vor. Nachdenken konnte später.
