10. Kapitel

Ich kann nachts nicht schlafen ohne von Tod und Niederlage zu träumen. Jeder Tag der sich dem Ende neigt, weckt die Angst vor neuen schrecklichen Träumen in mir. Und es sind nicht nur bloße Alpträume, nein. Meine Träume haben ihren Ursprung in dem, was ich gesehen und erlebt habe und machen jede Nacht für mich zu der gleichen Qual, die ich auch spüre, wenn ich tagsüber einnicke, weil ich mich in der Nacht wieder nur in meinem Bett herumgewälzt habe. Entweder mich quälen Alpträume oder ich liege wach und zermartere mir das Gehirn, wo wir mit der Suche nach den Horkruxen beginnen können.

Angst und Unruhe haben sich tief in meine Seele gefressen. Wie ein eingesperrtes Tier laufe ich durch das Haus meiner Eltern, auf der Suche nach Ablenkung. Doch nichts nimmt mich so in Anspruch, so dass ich meine düsteren Gedanken vergessen kann.

Mein eigenes Spiegelbild stößt mich ab. Die Wangen hohl und einfallen, die Augen von tiefen Schatten umringt, die Haut weiß wie Pergament. Die schlaflosen Nächte haben sich in mein Gesicht eingegraben.

Zum Essen muss ich mich zwingen um bei Kräften zu bleiben. Selbst meine Klamotten sind mir mittlerweile schon zu groß geworden und hängen an mir herab wie ein Sack alter Kartoffeln.

Mit meinen Eltern kann ich nicht über das ganze Ausmaß des Krieges, der in der Zaubererwelt herrscht, sprechen. Sie würden mich vor lauter Angst nicht gehen lassen. Das Risiko kann ich nicht eingehen, nicht nachdem soviel Verantwortung und Pflicht auf mir lastet. Natürlich spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Aber sie respektieren, dass ich nicht darüber sprechen möchte. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Heute werde ich von Arthur abgeholt und gemeinsam apparieren wir zum Fuchsbau. Harrys Geburtstag und Billys Hochzeit rücken immer näher. Mich erleichtert der Gedanke, bald wieder in meiner gewohnten Umgebung zu sein. Auch wenn mir meine Eltern fehlen werden. Doch das spielt jetzt keine Rolle, es gibt wichtigeres. Meine Sachen habe ich schon alle gepackt, auch wenn mir der Abschied von Mom und Dad schwer fällt, freue ich mich die Menschen wieder zu sehen, die mir so ans Herz gewachsen sind.

Endlich, der Fuchsbau, wie beruhigend ihn zu sehen, die vertrauten Geräusche zu hören. Rons Mutter hat mir bei der Begrüßung fast die Rippen gebrochen als sie mich umarmte. Natürlich hat sie sofort meinen angeschlagenen körperlichen Zustand bemerkt und mir gleich ein paar Brote aufgezwängt. Zwar musste ich sie runterwürgen, doch ich wollte Molly nicht enttäuschen. Ihre Augen sind vor Kummer ganz stumpf, rot vom ständigen Weinen und sie hat abgenommen. Sie leiden zu sehen, versetzt mir einen Stich. Arthur versucht seine Ängste mit aufgesetzter Fröhlichkeit zu überspielen. Mich kann er allerdings nicht täuschen. Die Weasleys sind für mich so etwas wie eine zweite Familie geworden und der Gedanke sie bald verlieren zu können stürzt mich in ein tiefes Loch, das mich immer weiter hinab zu ziehen droht. Mir fällt der Traum von vor ein paar Nächten ein, in dem ich den Tod von allen Weasleys sah, ihre Hilfeschreie hörte und dann schweißgebadet erwachte, um festzustellen, dass ich selbst es war, die geschrieen hatte. Ich schaudere und weiß doch, dass ich froh bin, hier zu sein und alles tun werde, dass dieser Traum nicht zur Realität wird.

Fleur bereitet mit grimmiger Entschlossenheit die Hochzeit vor, denn Bill hat sich soweit erholt. Bis jetzt haben sich keine Anzeichen für einen Werwolf bemerkbar gemacht, was alle sichtlich erleichtert. Er selbst scheint besser mit der Entstellung seines Gesichts klar zu kommen als alle anderen. Seine Vorfreude auf die Hochzeit ist ansteckend und zaubert jedem ein Lächeln auf das Gesicht.

Allen, bis auf Ginny. Sie sieht noch schlechter aus als ich. Sie sondert sich ab und vergräbt sich in ihrem Trennungsschmerz. Auch wenn sie Harrys Beweggründe nachvollziehen kann, ihr Herz ist eine einzige klaffende, blutende Wunde, die nicht heilen will. Ich spüre, dass sie alleine mit sich und ihren Gedanken sein möchte. Das werde ich versuchen zu respektieren.

Gleichzeitig mit mir sind Tonks, Lupin, Moody und Kingsley eingetroffen. Alle vier sehen erschöpft und abgekämpft aus. Die Mutlosigkeit spiegelt sich in ihren Gesichtern und in ihrer ganzen Gestik wieder. Auch wenn sie versuchen es zu verbergen, entgeht mir das trotzdem nicht.

Morgen ist es also soweit. Harrys Geburtstag. Lupin und Moody werden ihn bei den Durselys abholen und hierher bringen. Ron und ich haben uns schon Gedanken darüber gemacht, wann wir uns auf den Weg nach Godric´s Hollow machen sollen. Ron schlug vor, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und uns während den Hochzeitsfeierlichkeiten davonzustehlen. Wenn nichts schief geht, werden wir auch bald wieder zurück sein. Harry wird sicher auch mit dieser Lösung einverstanden sein. Ich halte das für eine gute Idee, denn eine andere Alternative haben wir wohl nicht.

Immer wieder höre ich die Worte „Snape" und „Verräter" von den anderen, wenn sie denken, wir „Kinder" würden sie nicht miteinander sprechen hören. Lupin sieht aus, als würde er Snape am liebsten sofort lynchen, die Mordlust flackert in seinen sonst so sanften Augen auf. Alle Gespräche drehen sich um eine Frage: „Wie konnte Dumbledore sich so in Snape täuschen?".

Moody ballt jedes Mal seine Hände so fest zusammen, dass die Knöchel laut knacken, wovon mir übel wird und mir sofort die Horrorvision in den Kopf steigt, dass es meine Knochen sein könnten die gerade zerbrechen.

Arthur, Tonks und Kingsley sind viel zu erschüttert und enttäuscht um sich noch lautstark über Snape ereifern zu können. Laut Kingsley sind alle Auroren verzweifelt auf der Suche nach Snape und Draco. Doch bisher fehlt jede Spur von ihnen. Wo sie wohl sind?

Auch mich lässt der Gedanke an Snape nicht los. Unendliche Enttäuschung durchströmt mich. Nicht einmal Hass oder Wut, nein dazu bin ich zu enttäuscht. Doch tief in mir nagen Zweifel, ob Snape nicht doch ein Mann Dumbledores sein könnte. Ich weiß nicht wieso oder warum ich so empfinde, wo doch die Lage nicht offensichtlicher sein könnte. Doch es widerstrebt mir diesem Mann, der jahrelang mein Lehrer war, dem ich absolut vertraute, zu verdammen. Das zerreißt mich innerlich. Mit niemandem kann ich über meine Zweifel sprechen, ohne für verrückt erklärt zu werden.

Langsam ließ Snape das Buch sinken, stütze das Gesicht in seine Hände und verharrte regungslos auf seinem Stuhl. Es versetzte ihm einen Stich, einen so jungen Menschen wie sie leiden zu sehen. Schuldgefühle stiegen in ihm empor, fraßen sich wie ein bösartiges Geschwür in seine Eingeweide. Dass er nicht für ihr ganzes Leid verantwortlich war, wusste er, doch fiel es ihm schwer, sich von ihren Gedanken und Gefühlen, die sie durchlebt hatte, zu distanzieren. Jedoch waren ihm Schuldgefühle nicht fremd und schon oft ein Begleiter in seinem Leben gewesen. Es wurde Zeit einen Teil von ihnen loszuwerden.

Er tauchte die Feder in die Tinte und schrieb alles nieder, was ihm durch den Kopf ging, ohne die Gedanken in seinem Gehirn festhalten zu wollen oder zu können. Nur das Kratzen der Feder war zu hören und erfüllte den ansonsten stillen Raum. Die Worte sprudelten schneller aus ihm heraus, als dass er sie schreiben konnte, und mit jeder Zeile, die er schrieb, fühlte er sich leichter, was wie Balsam auf seine Seele wirkte.

Ohne Unterbrechung schrieb er bis tief in die Nacht hinein. Erst als die ersten Sonnenstrahlen am Horizont erschienen, legte er erschöpft die Feder beiseite, massierte sich den verspannten Nacken, streckte seine steif gewordenen Glieder, ließ das Buch verschwinden und zog sich in sein Schlafzimmer zurück, in dem ihn ein tiefer, gnädiger und traumloser, wenn auch kurzer Schlaf erwartete.

Unaufhaltsam rückten die Prüfungen Tag für Tag näher. Nervosität machte sich bei den UTZ-Schülern breit, die jede freie Minute zum Lernen nutzten. Die allgemeine Stimmung war gereizt, fast schon aggressiv.

Selbst Hermine war alles andere als ruhig und gelassen. Nachts träumte sie, dass sie in allen Prüfungen ein T bekommen würde. Die Vorbereitungen auf die UTZ-Prüfungen nahmen sie so in Anspruch, dass Snape und ihre nicht definierbaren Gefühle für ihn in den Hintergrund rückten. Nur die Zaubertrankstunden erinnerten sie unangenehm daran, doch bevor ihr das den Boden unter den Füßen wegreißen konnte, schaffte sie es, jeden Gedanken, der nicht mit den Prüfungen zu tun hatte, vorerst zu verdrängen.

Die Arme voller Bücher wankte Hermine Richtung Bibliothek, hinter dem Stapel nur an ihrem buschigen braunen Haar zu erkennen. Vorsichtig, um nicht zu stolpern, linste sie über die Bücher und stellte erleichtert fest, dass es nicht mehr weit war. Ihre Arme fühlten sich mittlerweile wie Blei an. Gerade als sie durch die Tür schreiten wollte, passierte es: KRACH

Die Bücher flogen ihr im hohen Bogen aus der Hand, Hermine verlor das Gleichgewicht und drohte zu stürzen, als zwei kräftige Hände ihre Arme umfassten und sie vor einem Sturz bewahrten.

„Können Sie nicht aufpassen, oder denken Sie, mich über den Haufen zu rennen erspart Ihnen die Prüfung?", zetterte Snape drauflos, ohne seinen Griff zu lockern.

Der Schreck saß Hermine immer noch in den zitternden Gliedern. Mit einer Hand hatte sie sich reflexartig an seinem Umhang festgekrallt. Wortlos sah sie ihn an. Wie gewöhnlich wirkte er übellaunig, die Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, die Stirn missbilligend gerunzelt. Eine Strähne seiner schwarzen Haare war ihm ins Gesicht gefallen und verdeckte eine Gesichtshälfte wie ein Vorhang.

„Seine Augen sind schwarz wie Onyx", dachte Hermine, unfähig sich der Faszination dieser Augen zu entziehen. Immer tiefer wurde sie in ihren Bann gezogen und Schwäche breitete sich in ihren Körper aus, ließ ihre Knie weich werden und ihren Magen flattern. Automatisch verstärkte sie den Griff, mit dem sie immer noch seinen Umhang umklammert hielt. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, die Pupillen unnatürlich geweitet.

Irritiert stellte er fest, dass er ihre Arme immer noch umklammert hielt. Ruckartig ließ er Hermine los, die daraufhin erneut aus dem Gleichgewicht kam und bedrohlich schwankte. Leise fluchend griff Snape wieder nach ihrem Arm und langsam kam sie sicher auf ihren Beinen zum Stehen. Sie lockerte den Griff um seinen Umhang, während er diesmal mit Bedacht ihren Arm freigab. Chaos brach in seinem Innern aus und ließ ihn im ersten Moment glauben, von einem Fluch getroffen oder einer plötzlich, ohne Vorwarnung ausbrechenden Krankheit befallen zu sein. Die Erkenntnis, dass die Ursache etwas – jemand! - ganz anderes war, ließ ihn sich fast wünschen, dass es stattdessen eine Krankheit oder ein Fluch sei.

„Danke", murmelte Hermine leise, bückte sich, um die Bücher die auf dem Boden lagen wieder ein zu sammeln. Sie merkte nicht, dass Snape in die gleiche Verwirrung gestürzt war, wie sie selbst.

Wie zu einer Salzsäule erstarrt, stand Snape vor ihr.

„Professor?", sprach Hermine ihn an. Unsicherheit wallte in ihr empor. Was hatte sie – von in seine Arme zu stolpern einmal abgesehen – bloß falsch gemacht?

Doch er antwortete nicht. Gedämpft, als wäre er in Watte verpackt, nahm er ihre Stimme wahr. Diese kurze Berührung und die damit verbundene Nähe zu ihr hatte eine Mauer in ihm niedergerissen. Alles in ihm verlangte danach sie in den Arm zu nehmen, ihr zu sagen, wie sehr er sie für ihren Mut bewunderte, wie leid es ihm tat, dass sie so eine schwere Zeit hatte durchleben müssen. Wie gerne hätte er sich ihr offenbart. Doch er konnte es nicht, diese Unfähigkeit lähmte ihn, machte ihn physisch und psychisch bewegungsunfähig.

Unsicher blickte Hermine ihn an. „Was hat er denn bloß", fragte sie sich nun doch etwas besorgt.

Seinen Gesichtsausdruck konnte sie fast nicht erkennen, da die Haare immer noch so nach vorn fielen, dass sie Schatten über die Augen und sogar die eine Hälfte seines Mundes warfen.

Ohne es zu wollen oder sich selbst Einhalt bieten zu können hob Hermine zögerlich die Hand und strich ihm vorsichtig, mit einer sanften, liebevollen Geste die Haarsträhne hinter das Ohr. Seine Haare fühlten sich wie flüssige Seide an, das schwache Aroma von Zimt und Zitrone kitzelte angenehm in ihrer Nase. Prüfend sah sie ihm ins Gesicht. Braun traf auf schwarz und Hermine keuchte auf. Alles was in ihm vorging spiegelte sich in seinen Augen wieder. Das Tor zu seiner Seele war einen Spalt breit geöffnet. All das, was ihn bewegte und er nicht im Stande war auszusprechen; Schuldgefühle, Selbsthass, Enttäuschung, Einsamkeit, die Unfähigkeit aus sich herauszugehen. Hermine verstand und wünschte innig, etwas für ihn tun zu können. In diesem Moment spielte es keine Rolle, dass er ihr Lehrer war. Er war ein Freund, der offensichtlich litt und sich nicht zu helfen wusste.

Aus eigener Erfahrung wusste Hermine wie es war in seiner eigenen Hilflosigkeit gefangen zu sein, eingesperrt in seiner Gedanken- und Gefühlswelt. So war sie auch ohne ein Wort der Erklärung in der Lage zu verstehen wie Severus sich fühlte.

Ihre Finger lagen immer noch leicht auf seinen Haarspitzen, denn sie befürchtete die mentale Nähe, die sie nun zu ihm verspürte, würde ein jähes Ende finden, wenn sie den körperlichen Kontakt unterbrach.

Geschockt, total neben sich stehend, hatte er war genommen, wie sie ihm die Haare aus dem Gesicht strich. An seinem Hals konnte er die Wärme ihrer Hand spüren, was seinen Puls nach oben schnellen ließ.

In ihrem Gesicht sah er Verständnis, Sorge, Anteilnahme und so etwas wie Zuneigung. Für ihn! Tief durchatmend riss er sich zusammen, wollte zum Sprechen ansetzen, um dieser für ihn peinlichen Situation ein Ende zu bereiten, doch dazu kam er nicht.

„Schschsch…..Sag nichts", wisperte Hermine, warf ihm ein warmes Lächeln zu, packte die Bücher und schritt durch die Regale um sie aufzuräumen.

Völlig sprachlos sah Severus ihr nach. „Sie hat dich geduzt", stellte er, zu keiner Reaktion fähig, fest.

Der Ausdruck auf ihrem Gesicht brannte sich unwiderruflich in sein Gedächtnis ein. Mit brachialer Gewalt stürmten seine Empfinden auf ihn ein und kannten keine Gnade. Doch war es verwunderlich? Aus reinem Selbstschutz war er jahrelang gezwungen gewesen seine Gefühle zu unterdrücken und zu verleugnen. Jetzt, da es keinen Grund mehr gab sich zu verstecken und auch niemand mehr sein Gehirn durchstreifte, trafen ihn seine Empfindungen mit doppelter Wucht. Er war der typische Einzelgänger, sarkastisch, oft zynisch und ironisch, doch konnte er es sich das erste Mal in seinem Leben erlauben, nicht immer nur den unnahbaren Eisberg zu spielen. Ein Danke lag also durchaus im Rahmen seiner Möglichkeiten, was er Hermine schon seit dem Tag schuldete, als sie ihm ihr Tagebuch überlassen hatte.

Sein Umhang raschelte leise, als er sich umdrehte um Hermine zwischen den Regalen zu suchen. Auch wenn er sie nicht sehen konnte, so zog ihn ein unsichtbarer Magnet automatisch in die richtige Richtung.

Da stand sie, mit dem Rücken zu ihm auf den Zehenspitzen und unternahm den verzweifelten Versuch ein Buch in das oberste Regal zurückzustellen. Ohne lange nachzudenken schritt Severus auf sie zu, stellte sich hinter sie, griff nach oben und schob das Buch zurück in die Lücke.

Instinktiv, ohne sich umzusehen, hatte Hermine ihn näher kommen gespürt. All ihre Sinne waren auf ihn konzentriert. Sie spürte hinter sich die Wärme seines Körpers und die starke Präsenz seiner Persönlichkeit.

Ganz sachte berührte Severus ihre Schulter. „Ich habe zu danken Hermine, für alles", flüstere er so leise, dass Hermine sich gewaltig anstrengen musste um ihn zu verstehen.

Seine Worte rissen ihr den Boden unter den Füßen weg, vor ihr tat sich ein Loch auf und zog sie hinab in einen Strudel der Gefühle.

Mit einem letzten Druck auf ihrer Schulter, zog er seine Hand weg und verschwand Richtung Kerker.

Mit dem Rücken an das Regal gelehnt rutschte Hermine wie in Trance auf den Boden. Als er sie an der Schulter berührte, war ihr die Erkenntnis wie ein Blitz durch den Körper geschossen und sickerte nun in jede Pore. Er war es, er war DER Eine. Sie hatte keine Ahnung woher sie die Gewissheit nahm, sie wusste es nur, dass es so war! Ohne den geringsten Hauch eines Zweifels zu verspüren. Das was sie die ganze Zeit gefühlt und nicht einordnen konnte, war Liebe! Hermine schlug sich die Hand vor dem Mund. Sie war nicht nur verliebt, wie es für Mädchen ihres Alter üblich war, nein sie liebte aus ganzem Herzen, liebte Severus Snape. Doch anstatt in Panik auszubrechen oder Angst zu verspüren, fühlte sich Hermine stärker denn je. Auch wenn er ihre Liebe wahrscheinlich nie erwidern würde, alleine das Glück, so ein Gefühl erleben zu dürfen, entschädigte sie für alles.

Auch er war sich ihrer Verbindung bewusst, da war sich Hermine sicher. Aber sie spürte, dass Severus noch nicht bereit war seine Mauern nieder zu reißen und etwas wie Liebe geben und nehmen zu vermochte. Doch er brauchte einen Freund und sie war wild entschlossen genau das für ihn zu sein. Vorerst.

Tief unten im Kerker schlug Snape mit der Faust auf seinen Tisch. So konnte das nicht weiter gehen. Es musste doch einen Weg geben, neutral mit Hermine umgehen zu können? Je mehr er in ihrem Tagebuch las, desto schwieriger wurde es für ihn. Er mochte sie und es fiel ihm schwer in ihrer Gegenwart das Ekelpaket raushängen zu lassen.

Auch er spürte diese Verbindung zu ihr, doch im Gegensatz zu Hermine wusste er sie nicht zu deuten. Doch hatte es überhaupt einen Sinn, sich deswegen das Gehirn zu zermartern? Schon bald würde Sie die Schule verlassen und einen neuen Lebensabschnitt antreten.

Severus trat an die Wand, lehnte sich mit der Stirn dagegen. Die Kühle tat seinem Kopf gut und das schmerzhafte Pochen an seinen Schläfen ließ nach.

„Ich werde wohl mit ihr reden müssen. Und zwar sobald wie möglich", dachte Snape, ließ sich schwerfällig hinter seinem Schreibtisch nieder und vergrub sich in seine Arbeit.

Mit einem strahlenden Lächeln trat Hermine aus dem Büro von Professor McGonagall. McGonagall, Slughorn und Lupin hatten ihr einen Vorschlag unterbreitet, der die Erfüllung ihres beruflichen Strebens war. Schon immer wollte sie Lehrerin werden und als sie das Angebot erhalten hatte, Lupins Posten nach ihrer Schulzeit zu übernehmen, stand es für sie außer Frage, das Angebot anzunehmen.

Hermines magische Fähigkeiten waren bereits so gut ausgebildet, dass ein langes Studium nicht vonnöten war. Die Dinge, die sie noch erlernen musste um zu unterrichten, wollte Lupin ihr während den Ferien und an jedem Wochenende beibringen. Das bedeutete zwar viel Arbeit für Hermine, auf die Prüfungen musste sie sich schließlich auch noch vorbereiten, aber das nahm sie gerne in kauf.

Beschwingt lief sie die Treppe hinunter um in der großen Halle ihren Freunden von dieser Neuigkeit berichten zu können. Dazu kam sie allerdings nicht mehr.

In der Eingangshalle stand Snape, sah sie die Treppe hinunter hasten und beschloss, dass es Zeit war, mit ihr zu sprechen.

„Miss Granger, in mein Büro, aber sofort", grummelte er.

Stutzig folgte ihm Hermine. „Was kann er nur wollen?", fragte sie sich.

In seinem Büro angekommen, setzte sie sich vor seinem Schreibtisch, schlug die Beine übereinander und harrte der Dinge die nun kommen sollten.

Snape stand mit dem Rücken zu ihr, seine Schultern wirkten verkrampft und steif. Seine Finger trommelten auf der Stuhllehne und er ließ sich auf seinen Platz nieder. Die sonst so harten Gesichtszüge wirkten weicher, nachgiebiger ohne dem Gesicht die Ausdrucksstärke zu nehmen. Ein wenig abschätzend sah er sie an, den Kopf leicht schräg haltend, die Augen blitzten, doch er sprach immer noch nicht.

Hermine hingegen nutzte die Chance ihn eingehend zu betrachten.

Die gerade Körperhaltung, die übliche schwarze Kleidung, seine schlanke Gestalt, die anmutigen schlanken Hände mit den langen Fingern. Was sie sah gefiel ihr. Er war zwar nicht attraktiv im geläufigen Sinn, aber er hatte ohne Zweifel Charisma und eine Stimme, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagen konnte. Ihr Blick kehrte zu seinen Händen zurück und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, von diesen Fingern an anderen Stellen als nur an der Schulter berührt zu werden.

„Er hat etwas aristokratisches an sich", dachte sie, während sie gespannt darauf wartete was er von ihr wollte.

„Hermine." Er sprach ihren Namen mit seinem samtenen Bariton aus und jagte damit einen weiteren erregenden Schauer durch ihren Körper. Und allein die Tatsache, dass er sie mit ihrem Vornamen angesprochen hatte, weckte in ihr schon den Wunsch jubelnd aufzuspringen, doch hielt sich klugerweise zurück.

„Wir befinden uns in einer Zwickmühle. Als Lehrer bin ich zu Neutralität verpflichtet. Doch dazu bin ich leider nicht in der Lage, da wir nicht den nötigen Abstand zu einander haben. Uns verbindet die Vergangenheit, und mit dem Tagebuch auch die Gegenwart. Du wirst Hogwarts bald verlassen. Es wäre albern so zu tun….." Snape stockte, schien mit sich zu ringen ob und wie er fort fahren sollte, also nahm Hermine entschlossen das Heft in die Hand.

„Severus, du weißt wahrscheinlich mehr von mir, als irgendjemand sonst. Nicht einmal Harry und Ron. Können wir nicht einfach Freunde sein?", fragte sie und sah ihn hoffnungsvoll an.

Snape schluckte. Nie hatte ihm jemand so offen eine Freundschaft angeboten, außer Albus. Aufrecht saß Hermine auf dem Stuhl, erwiderte seinen durchdringenden Blick, während sie innerlich zitternd auf seine Antwort wartete.

„Wie erwachsen, klug und reif sie doch geworden ist", ging es Severus durch den Kopf. Unsicher überlegte er ob er auf das Angebot eingehen sollte, doch einen Versuch war es wert.

„Freunde? Darin habe ich zwar nicht viel Übung, aber warum nicht?", erklärte er und streckte seine rechte Hand über den Tisch hinweg aus.

Erleichtert, dass er ihren Vorschlag annahm, schlug Hermine ein. Sein Händedruck war warm und fest. Bevor sie ihm die Hand wieder entziehen konnte sagte er gleich ein paar Nuancen kühler: „Aber damit eins klar ist, ich werde dich weder bevorzugen noch anders im Unterricht behandeln als zuvor."

„Selbstverständlich", antwortete Hermine.

Vor lauter Freude ging das Temperament mir ihr durch und ehe sich Severus versah, schlang sie ihre Arme fest um seinen Nacken, vergrub den Kopf an seiner Schulter. Von der Größe her reichte sie ihm genau bis zur Schulter. Tief atmete sie seinen Duft, den sie schon bei dem Zusammenstoß in der Bibliothek bemerkt hatte ein. Wohlige Schauer liefen ihr über den Rücken, ganz sachte rieb sie ihre Wange an dem Stoff seines Umhangs, schloss die Augen und genoss es einfach ihn so nahe zu spüren. Sie wollte ihm Halt geben, ihm zeigen dass er nicht alleine war.

Sofort versteifte er sich, doch Hermine dachte nicht daran die Umarmung zu lösen. Verunsichert tätschelte Severus ihr die Schulter, nicht wissend wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Er fühlte sich seltsam flau und in seinen Ohren rauschte es. Wieder stieg ihm der Vanilleduft ihrer Haare in die Nase. Sein Kinn streifte ihre weichen, flauschigen Haare, sein Herz pochte schmerzhaft gegen seine Rippen, was Hermine nicht verborgen blieb. Sie spürte das konstante Schlagen seines Herzens und ihr Herz schlug im gleichen Rhythmus wie seines.

Sein Gesicht erstarrte plötzlich zu einer Maske, und Hermine spürte sofort wie er sich wieder in sich zurückzog. Bedauernd ließ sie ihn los.

„Das macht man manchmal unter Freunden Severus", sagte Hermine leise, trat einen Schritt zurück, breitete die Hände mit den Handfläche nach oben seitlich aus. „Ich geh dann mal besser zum Abendessen", sagte sie munter, warf ihm noch ein letztes verschmitztes Lächeln zu und verschwand.

„Wenn das zu einer Freundschaft zwischen Mann und Frau gehört, ist das wohl doch nichts für mich", dachte sich Snape, immer noch davon schockiert wie er auf ihre Nähe reagiert hatte. Erfahrungen mit Frauen hatte er durchaus, diese bezogen sich aber nur auf die rein sexuelle Ebene. Eine Freundschaft mit einer Frau war er noch nie eingegangen.

„Bald geht Hermine ihre eigenen Wege. Da brauch ich mir um Dinge wie Freundschaft nicht mehr den Kopf zu zerbrechen." Das erleichterte ihn, stimmte ihn aber gleichzeitig traurig.

TBC