11. Kapitel

Einträchtig saßen die Freunde im Gemeinschaftsraum und lauschten mit vor Staunen aufgerissenen Mündern Hermines Erzählung über ihre Unterredung bei Professor McGonagall.

Strahlend endete Hermine und blickte erwartungsvoll von Harry zu Ron, die sie immer noch ungläubig anstarrten. „Jetzt sagt doch endlich etwas! Oder freut ihr euch gar nicht für mich?", fragte sie leicht enttäuscht von der verhaltenden Reaktion ihrer Freunde.

Ron klappte den Mund zu, verzog säuerlich das Gesicht, sprang auf und lief schnurstracks Richtung Schlafsaal. Verwirrt von seiner Reaktion, starrten Harry und Hermine ihm nach.

„Mach dir nicht draus Hermine. Ron steht momentan sehr unter Druck. Die Angst vor den Prüfungen, seine ungewisse berufliche Zukunft und naja…..du weißt schon, oder?", versuchte Harry Hermine aufzumuntern, die durch Rons Verhalten etwas geknickt wirkte.

Hermine wusste worauf Harry anspielte. Im letzten Jahr war es Hermine durchaus nicht entgangen wie Ron zu ihr stand. Anfangs war sie geschmeichelt gewesen, doch sein Rumgeknutsche mit Lav-Lav erstickte jedes aufkeimende, romantische Gefühl in ihr.

Vorsichtig hatte sie ihm erklärt, dass sie ihn zwar als Freund mochte, aber mehr leider nicht in Frage kam. Seit diesem Tag war Ron nur noch mürrisch, schlecht gelaunt und zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

„Er braucht einfach noch ein wenig mehr Zeit um drüber hinweg zu kommen, dann wird er wieder ganz der Alte", sagte Harry und hoffte, dass es wirklich so war. Auch er kam nicht mehr richtig an Ron heran und hielt es daher für das Beste, ihn noch eine Weile in Ruhe zu lassen.

„Du hast sicher recht Harry", antwortete Hermine.

„So, du wirst also Lehrerin! Mensch, ich find das toll, Hermine! Niemand wäre dafür besser geeigneter als du! Schon alleine, wenn ich überlege wie viel Nachhilfestunden du gegeben hast. Du kannst stolz auf dich sein", lobte Harry.

Als Quittung erntete er ein freudiges Lächeln. „Sie sieht richtig glücklich aus und strahlt förmlich von innen. Was ist bloß los mit ihr?", grübelte er, doch freute es ihn zu sehen, wie gut es seiner besten Freundin ging. Gähnend stand Hermine auf, wünschte Harry eine gute Nacht und ließ ihn alleine am Feuer zurück.

Träge sah er ins Feuer, dachte an Ginny, verlor sich in seinen Gedanken, während das Feuer weiter prasselte und gespenstische Schatten an die Wände warf. Die Augen fielen ihm zu, doch bevor er einzuschlafen drohte, beschloss er, ebenfalls ins Bett zu gehen, erhob sich schwerfällig und schlurfte in den Schlafsaal.

Snape betrat die große Halle und setzte sich an den Lehrertisch. Für die Guten-Morgen-Grüße seiner Kollegen hatte er nur ein knappes Nicken übrig, denn zu dieser Uhrzeit war ihm einfach jede Konversation zuwider. Er war ein Morgenmuffel ersten Grades, versuchte aber es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Schweigend lud er sich Eier und Speck auf seinen Teller, als er die Worte „Miss Granger" und „Lehrerin" aufschnappte. In dem Glauben sich verhört zu haben begann er sein Frühstück zu verspeisen. Die Gabel befand sich auf halbem Weg zu seinem Mund, als Lupin erneut von Hermine als Lehrerin sprach. Also hatte er sich doch nicht verhört. Perplex ließ er die Gabel sinken. „Habe ich etwas verpasst?", fragte er allgemein in die Runde, um Gelassenheit bemüht.

„Ach, das weißt du noch gar nicht, Severus. Miss Granger wird als Ersatz von mir den Posten als Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste übernehmen", erklärte Remus.

Augenblicklich verstummten die Frühstücksgeräusche; keiner, der mehr den Zucker in seinem Tee verrührte oder ein knackiges Brötchen aufschnitt. Gespannt warteten alle auf die Reaktion von Snape.

„Ist sie wohl nicht etwas zu jung um so einen verantwortungsvollen Posten gerecht zu werden? Die Schüler werden es an Respekt fehlen lassen, da sie Miss Granger noch als Mitschülerin kennen.", sagte Severus, die Stirn gerunzelt. Es ärgerte ihn, dass keiner es für nötig gehalten hatte ihn zu informieren.

„Das denke ich nicht, Severus", schaltete sich nun Minerva ein. „Miss Granger hat als Schulsprecherin jetzt schon eine verantwortungsvolle Position und ihre Mitschüler haben sehr viel Respekt vor ihr. Gerade du müsstest wissen, wie pflichtbewusst und reif Miss Granger im letzten Jahr geworden ist."

Sich eine Antwort ersparend wandte Severus sich wieder seinem Frühstück zu. Er spürte den forschenden Blick von Lupin auf sich ruhen, zog es jedoch vor, so zu tun als, als würde er es nicht bemerken. Er fühlte sich übergangen, was ihn maßlos ärgerte, und das Hermine ihm davon nichts erzählte hatte, steigerte seinen Groll, der sich automatisch gegen Hermine richtete.

Ein Lied vor sich hinsummend und mit knurrendem Magen betrat Hermine die große Halle. Als sie Snape am Lehrertisch sitzen sah machte ihr Herz vor Freude einen kleinen Hüpfer, Endorphine schossen durch ihren Körper und das Gefühl reinen Glücks schwappte über sie hinweg, ließ die Umwelt um sie herum zu verschwommen Schatten werden.

Allzu schnell wurde sie wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt als Snape ihr einen bohrenden Blick zu warf, der sie frösteln ließ. Appetitlos schob sie das Essen auf ihrem Teller hin und her, ihr Magen war verknotet und verweigerte jede Nahrungsaufnahme.

Zaubertränke. Noch vor einer Stunde war Hermine voller Vorfreude auf diese Stunde gewesen, aber nachdem er sie so kalt und ausdruckslos in der großen Halle gemustert hatte, war diese Vorfreude wie eine Seifenblase zerplatzt.

Die Ahnungslosigkeit, warum er sie so abweisend angesehen hatte, nagte an ihr und saß wie giftiger ein Stachel in ihrem Fleisch. Der Gedanke ihn vielleicht schon wieder verloren zu haben, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte, war eine Qual, die sie zu ertragen kaum im Stande war. Prüfungen, Job, alles was ihr sonst wichtig war, rückte in den Hintergrund, verblasste im Angesicht der Ängste die sie gerade durchlebte.

Doch es half nichts, der Unterricht würde ihn wenigen Minuten beginnen. Mit hängenden Schultern machte sich Hermine auf den Weg in den Kerker. Um nicht Rede und Antwort stehen zu müssen, vermied sie die Gesellschaft ihrer Freunde, die sie sicherlich gefragt hätten, warum sie so niedergeschlagen war.

Als letzte betrat sie den Kerker, Snape stand neben seinem Pult und begann ohne ein „Guten Morgen" sofort mit dem Unterricht. Vorsichtig warf ihm Hermine einem kurzen Blick zu, was sie sofort wieder bereute. Auch er hatte sie angesehen. Doch in seinen Augen stand ein Unwillen, der Hermine erschreckte. Den Rest der Stunde machte Snape einen großen Bogen um sie, und würdigte sie keines weiteren Blickes. Hermine war am Boden zerstört. Er verhielt sich abweisender als jemals zuvor. Aber Hermine wäre nicht Hermine wenn sie das einfach auf sich beruhen lassen würde. Am Ende der Stunde würde sie ihn zur Rede stellen, dazu war sie fest entschlossen! Sie musste der quälenden Ungewissheit ein Ende bereiten, bevor es sie aufzufressen drohte.

Die Stunde zog sich hin wie Kaugummi, was nicht gerade förderlich für Hermines Konzentrationsfähigkeit war. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und ungeduldig sehnte sie das Ende der Stunde herbei. Endlich klingelte es und die Schüler verließen fluchtartig den Kerker, bevor Snape ihnen noch mehr Hausaufgaben aufbrummen konnte. Snape stand mit dem Rücken zu ihr und dachte offenbar gar nicht daran, mit irgendwem zu sprechen, am wenigsten mit ihr.

All ihren Mut zusammennehmend ging Hermine nach vorne, ihr Magen hüpfte auf und ab, ihr Hals fühlte sich trocken an und sie musste sich räuspern bevor sie sprechen konnte. Der Schweiß brach ihr aus und überzog ihre Stirn mit einem feinen Film.

„Professor Snape….Severus", sprach sie ihn an. Weiter kam sie allerdings nicht, denn Severus drehte sich schnell, wie ein Raubtier, das eine Beute witterte, um und fixierte sie scharf.

„Was wollen Sie?", knurrte er. Die unpersönliche Anrede war für Hermine wie ein Schlag ins Gesicht. Automatisch zuckte sie zurück und stieß dabei einen Stuhl um, der mit einem lauten Scheppern auf den Boden aufschlug.

„Ich…..Was hab ich dir denn getan?", frage Hermine, nicht gewillt zum „Sie" überzugehen.

Diese direkte Frage nahm Severus den Wind aus den Segeln und mit einem Schlag war seine komplette Wut verraucht. Abgesehen von der Tatsache, dass sie ihm verschwiegen hatte, dass sie bald auf Hogwarts Lehrerin wurde, hatte sie ihm nichts getan. Eigentlich hatte er sich damit abgefunden sie in ein paar Wochen nicht mehr wieder zu sehen, diese Wendung der Geschichte hat ihm das Gefühl vermittelt die Kontrolle zu verlieren und so hatte er sich in eine irrationale Wut gegen sie hineingesteigert um Abstand von ihr zu bekommen, was ihm jedoch nicht zu gelingen vermochte.

„Wann wolltest du mir erzählen, dass du Lehrerin wirst? Oder hältst du es nicht für nötig mir so etwas zu sagen?", fragte er daher nicht mehr ganz so aggressiv.

„Also deswegen ist er sauer auf mich!", dachte Hermine erleichtert.

Ihre Ängste verschwanden so schnell wie sie gekommen waren und machten wieder dem berauschenden Gefühl Platz, das seine bloße Anwesenheit im selben Raum mit ihr auslöste.

„Ich habe einfach nicht dran gedacht. Warum sollte ich es dir nicht erzählen?"

Severus schwieg, er war sich seiner überzogenen Reaktion bewusst und auch wie unfair er sich ihr gegenüber verhielt. Er benutzte seine Wut oft als Katalysator wenn ihn etwas bewegte, worunter etliche seiner Mitmenschen zu leiden hatten.

Zaghaft lächelte Hermine ihn an und dieses Lächeln brachte das Eis in ihm zum Schmelzen, förderte seine weichere Seite ans Tageslicht und ganz langsam hoben sich seine Mundwinkel zu einem kleinen verhaltenen Lächeln. Versöhnlich sahen sie sich an, beide fasziniert von der Reaktion des anderen. Wie unter Hypnose schritt Hermine auf ihn zu, ergriff seine Hand und drückte sachte seine Finger. Die Sehnsucht nach ihm war so überwältigend stark, dass es schon weh tat und ungewollt stiegen ihr Tränen in die Augen. Doch es waren keine Tränen der Trauer sondern unendlichen Glücks und Sehnsucht.

Erschrocken sah Severus wie ihr eine vereinzelte Träne die Wange hinab rann und sofort fühlte er sich schuldig sie zum Weinen gebracht zu haben. Zögernd hob er die Hand, wischte ihr sanft die Träne weg. „Es tut mir leid. Ich habe meine Wut an dir ausgelassen", flüstere er mit tiefer Samtstimme, die Hermine einlullte und in andere Sphären versetzte.

Ihre Wange brannte an der Stelle wo er sie berührte und Hermine glaubte jeden Moment dahin schmelzen zu müssen, ihre Gliedmaßen kamen ihr unnatürlich schwer vor, ihre überreizten Sinne registrierten jeden Luftzug.

„Schon ok", krächzte Hermine, der jeden Moment die Stimme zu versagen drohte.

Erleichtert, dass sie es ihm so leicht machte, drückte Severus ihre Hand und versuchte das leichte Schwindelgefühl zu unterdrücken was sich seiner bemächtigte. Beide betrachteten ihre in einander gelegten Hände, und als Severus kurz mit seinem Daumen über ihren Handrücken strich, war Hermine einer Ohnmacht nahe.

„Ab in die nächste Stunde, Miss Granger", forderte Severus sie mit einem Zwinkern in den Augen auf und ließ ihre Hand los.

„Schon auf dem Weg Professor", flötete Hermine, schwebte auf Wolke sieben aus dem Kerker. Das Prickeln und Kribbeln, das an der Stelle ihrer Hand begann, an der er sie berührt hatte, strömte nun durch ihren gesamten Körper und ließ sie sich schwerelos und überglücklich fühlen.

Severus, der sonst so gute Antennen für das hatte, was in andern vorging, ahnte nichts von Hermines Gefühlen für ihn, die ihn wahrscheinlich total verschreckt hätten.

Wieder einmal war es Hermine gelungen ihm innerhalb weniger Minuten den Wind aus den Segeln zu nehmen und ihn aus seinem Loch zu locken. Nun würde er sich doch mit ihrer Freundschaft auseinandersetzten müssen.

Es war Wochenende und damit Zeit für die erste Stunde mit Lupin, die Hermine auf ihre Lehrtätigkeit vorbereiten sollte. Sie saßen in seinem Büro und besprachen den Ablauf der nächsten Wochen. Lupin wollte Hermine in der fortgeschrittenen Abwehrmagie unterrichten und gab ihr zu diesem Zweck Sekundärliteratur mit, die sie als Vorbereitung für die erste praktische Stunde lesen sollte. Nachdem sie alles besprochen hatten, ging Hermine zurück in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und starrte träumerisch an die Decke. Sie war glücklich mit ihrem Leben und nichts konnte dieses Glück trüben. Mit einem Seufzen griff sie nach dem dicken Wälzer über Verteidiungs- und Abwehrzauber und begann darin zu lesen. Es dauerte nicht lange, da begann sie sich nach Gesellschaft zu sehen. Doch im Gemeinschaftsraum konnte sie nicht arbeiten, sie wollte einen Menschen um sich haben, der Ruhe ausstrahlte und da fiel ihr nur einer ein. Also verließ sie ihr Zimmer und machte sich auf den Weg Richtung Kerker, zu Snapes Büro. Absatz

Als es an der Tür klopfte war Severus keinesfalls überrascht gewesen. Er hatte mit untrüglichem Instinkt gespürt, dass sie es war, die vor seiner Bürotür stand. Er rief sie herein, gespannt darauf was sie von ihm wollte.

Nun doch etwas unentschlossen stand sie vor seinem Schreibtisch, völlig von seiner Nähe aus dem Konzept gebracht. „Was kann ich für dich tun?", fragte er fast freundlich.

„Och vieles", dachte Hermine, was sie natürlich nicht aussprach.

„Ich hätte gerne beim Lesen etwas Gesellschaft, ohne vom Lärm der anderen gestört zu werden.", sagte sie, mied aber seinen Blick.

„Dann möchtest du also hier in meinem Büro lesen?", fragte Severus ungläubig.

„Ja, das möchte ich, wenn du nichts dagegen hast?", antwortete sie, sah ihm dabei fest in die Augen.

Severus nickte, deutete auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch, setzte seine Korrekturarbeiten ohne ein weiteres Wort fort.

Hermine setzte sich auf den Stuhl, zog die Beine an, klappte das Buch an markierter Stelle auf und versank sofort wieder in ihrer Lektüre. Sie fühlte sich herrlich entspannt, das Schweigen das zwischen ihnen herrschte war vertraut und angenehm.

Unter den Augenlidern hervorlinsend betrachtete Severus Hermine, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, freute es ihn, dass sie seine Gesellschaft suchte.

So vergingen die Stunden ohne das ein Wort zwischen ihnen fiel. Jeder in seiner Arbeit versunken, sich aber der Anwesenheit des anderen durchaus bewusst.

Es war schon nach Mitternacht als Severus seine Feder beiseite legte und beschloss es für heute gut sein zu lassen. Hermine waren die Augen zugefallen. Den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, atmete sie ruhig und regelmäßig. Es widerstrebte Severus sie jetzt zu wecken, aber sie gehörte eindeutig ins Bett. Sanft aber bestimmt schüttelte er ihre Schulter „Hermine, aufwachen!" Doch sie reagierte nicht. Er ging in die Knie, sah in ihr im Schlaf völlig entspanntes und friedliches Gesicht. „Sie sieht so verletzlich aus", ging es ihm durch den Kopf.

Noch einmal rüttelte er sie sanft an der Schulter und endlich schlug sie die Augen auf. Das erste was Hermine sah, als sie die Augen öffnete, waren seine freundlich schimmerten Augen die auf gleicher Höhe mit ihren waren. Mit einem Schlag war sie hellwach, richtete sich auf und strich sich die wirren Haare aus dem Gesicht.

„Ich geh wohl besser ins Bett", sagte sie und rieb sich dabei die Augen. Langsam ging sie zur Tür, in der vagen Hoffnung, er möge sie bitten zu bleiben. Doch keine solche Aufforderung kam.

Sie verdrängte die Enttäuschung. „Danke, für deine Gesellschaft. Gute Nacht."

Gerade, als sie schon halb aus der Tür war, hörte sie wie er sagte: „Jederzeit wieder."

Müde lag Snape in seinem Bett, doch konnte er nicht einschlafen. Schließlich gab er es auf, nahm Hermines Tagebuch zur Hand und begann zu lesen.

TBC