14. Kapitel
Gedämpft, wie durch einen Nebelschleier nahm Hermine seine Worte war, ohne jedoch sofort deren Bedeutung zu erfassen. Obwohl er sich von ihrem Mund gelöst hatte, konnte sie immer noch den warmen Druck seiner Lippen spüren. Mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen und ihre Augenlider flatterten, als die Botschaft seiner Worte langsam in ihr Gehirn vordrang. Seine Hände fielen seitlich herab, Hermine jedoch schloss ihre Arme fester um seine Mitte und schlug die Augen auf. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst und verschlossen. Seine Augen, in denen noch vor wenigen Minuten ein kleines Feuer gebrannt hatte, wirkten nun ausdruckslos. Erschrocken über diesen plötzlichen Wandel und über seine Worte ließ sie ihn los und stolperte einen Schritt nach hinten. Als sie Severus erneut ansah, war er wieder der Snape, den alle kannten und fürchteten. Hart, stark, unnachgiebig, gnadenlos, seine Ausstrahlung kalt wie die eines Gletschers.
„Wie meinst du das?", fragte Hermine, obwohl sie die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollte. Mit wackeligen Knien ließ sie sich wieder auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch sinken.
„Muss ich dir das wirklich erklären?", sagte Snape und Hermine glaubte so etwas wie Qual in seinem Gesicht gesehen zu haben, die so schnell wieder verflog, dass es auch nur eine optische Täuschung gewesen sein könnte.
„Ja!", antwortete Hermine schlicht.
„Du bist Schüler und ich Lehrer. Das geht einfach nicht. Das weißt du auch!"
Den Blick auf den Teppich gerichtet, kaute Hermine nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ja, das wusste und verstand sie auch. Aber bald war sie keine Schülerin mehr….
„Ab September bin ich Lehrerin hier….", nuschelte sie leise, doch laut genug, dass Snape es verstehen konnte.
Auch wenn sie es nicht aussprach, er wusste auf was sie hinaus wollte. Schweren Herzens legte er sich die Worte bereit, die Hermine wohl am allerwenigsten hören wollte.
„Selbst dann nicht. Das, was du verdienst, kann ich dir nicht geben. Ich möchte nicht bestreiten, dass ich mich von dir angezogen fühle, aber das hat keine Zukunft und ich will dir nur den Schmerz ersparen. Ich bin Einzelgänger, nicht geschaffen für ein Leben zu zweit. Du bist jung, hast noch dein ganzes Leben vor dir. Stürz dich nicht in etwas hinein, was nur zu deinen Ungunsten ausgehen kann. Das einzige was du von mir erwarten könntest, wäre eine Affäre, die wahrscheinlich nur von kurzer Dauer wäre. Dafür bist du zu schade. Wir sollten es bei einer Freundschaft belassen und versuchen neutral miteinander umzugehen."
„Aber ich fühle mich auch von dir angezogen", gestand sie und ihre Augen huschten unruhig durch den Raum, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Das weiß ich ", sagte Severus schlicht, bemüht seine Fassung aufrecht zu erhalten.
„In deinem Alter ist das normal. Da fahren die Gefühle Achterbahn. Du solltest das nicht überbewerten."
Hermine grübelte. Wenn sie ihn jetzt bedrängte, würde er sich komplett zurückziehen, was sie auf keinen Fall wollte. Vielleicht würde er seine Meinung eines Tages ändern, wenn er spürte, dass es eben nicht nur eine jugendliche Spinnerei war. Widerstrebend sagte sie: „Du hast recht. Wir sollten das so schnell wie möglich vergessen."
Erleichtert, dass sie keine Szene machte, wie er es schon bei diversen Frauen erlebt hatte, zog er einen Stapel Hausaufgaben zu sich heran. Hermine verstand die Geste und verließ, um eine aufrechte Haltung bemüht, das Büro.
Kaum war sie verschwunden, legte er sofort die Feder nieder, drückte mit den Fingern den Punkt über seiner Nasenwurzel, lehnte sich erschöpft in seinem Stuhl zurück und versuchte sich selbst einzureden richtig gehandelt und entschieden zu haben. Mit ihrer kühlen Reaktion hatte sie ihn wirklich überrascht und ihm wieder einmal gezeigt wie wenig er sie kannte. Er war sich auch nicht sicher, ob er sie noch besser kennen lernen wollte, ohne dabei seinen Vorsatz, seinem Verlangen nicht nachzugeben, treu bleiben zu können.
Um Fassung ringend lehnte sich Hermine draußen an die kühle, steinerne Kerkerwand und versuchte den Drang, in Tränen auszubrechen zu unterdrücken. Wie eine Schlafwandlerin schleppte sie sich ihr Zimmer und fiel rücklings ins Bett. Seine Zurückweisung tat ihr weh, jeder Schmerz, den sie bisher im Leben gefühlt hatte, war nichts im Vergleich zu dem was jetzt in ihr vor ging und ihr Herz in zwei Stücke brach. Krummbein, der den Kummer seiner Herrin wohl zu spüren schien, sprang aufs Bett, drückte seinen flauschigen Kopf in ihre Hand und schnurrte. Automatisch vergrub sie ihre Finger in sein dickes Fell, das behagliche Schnurren wirkte beruhigend auf sie. Eine einsame Träne rann ihr aus den Augenwinkeln und tropfte auf die Bettdecke. Ihre Lippen zitterten, verzweifelt versuchte sie die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln. Ihr Mund wurde zu einem schmalen Strich. Vor ihm hatte sie keine Schwäche zeigen dürfen, doch nun, da sie alleine war, erlaubte sie sich einen kurzen Moment dem Schmerz nachzugeben. Krummbein leckte ihr leicht über die Fingerspitzen. Das kitzelte und wider Willen musste Hermine lachen. Sie setzte sich an ihrem Schreibtisch, wo eine Menge Arbeit auf sie wartete, die ihr eine wunderbare Ablenkung verschaffte.
Zum Leidwesen der UTZ-Schüler war es endlich soweit: Prüfungen. Die Haustische in der großen Halle hatten Einzelpulten platz gemacht, die im großen Abstand zueinander aufgestellt waren. Die Schüler standen mit blassen Gesichtern vor der Doppeltür, kein Flüstern war zu hören, die Nerven bis zum Zerreisen gespannt murmelten einige lautlos Zauberformeln vor sich hin, während andere ein letztes mal verzweifelt in den Büchern blätterten.
Harry, Hermine, Seamus und Neville warteten zusammen vor der Tür, etwas abseits stand Ron und starrte die Decke an, während ihm vor lauter Prüfungsangst der Schweiß über das Gesicht rann.
McGonagall öffnete die breite Doppeltür und ließ die Schüler ein. Jeder nahm seinen Platz ein, zückte Tinte und Pergament. Slughorn sprach einige Worte der Aufmunterung, machte darauf aufmerksam, dass jeder Schummelversuch mit einem T benotet werden würde, wünschte allen viel Glück und verließ die Halle. Die Professoren McGongall, Snape, Flitwick und Sprout verteilten die erste Prüfung „Geschichte der Zauberei". Das bauchförmige, hohe Stundenglas vorne auf dem Podium wurde umgedreht und die Prüfung begann.
Hochkonzentriert las Hermine die Aufgabenstellung durch. Bei den meisten Fragen wusste sie sofort die Antwort und schon flog ihre Feder über das Pergament. Die Haare fielen ihr wie ein Vorhang ins Gesicht und verdeckten die vor Anstrengung geröteten Wangen. Vereinzelt war ein lautes Seufzen oder Schluchzen zu hören, Papier raschelte, Stühle scharrten über den Boden. Aber Hermine schaffte es, diese Laute vollkommen auszublenden. Die Lehrer liefen durch die Reihen, sahen den Schülern prüfend über die Schultern. Das leise Rascheln ihrer Umhänge hörte sich an wie ein Windhauch, der sanft durch die Bäume wehte. Hermine blickte auf und kniff die Augen zusammen als sie nur wenige Meter entfernt Snape bemerkte, dessen Blick wie ein Falke durch die Reihen huschte und kurz bei ihr verweilte. Finster starrte sie ihn an und wandte sich gleich wieder ihren Aufgaben zu. Überrascht zog Snape die Augenbrauen hoch. Selten hatte er einen derart grimmigen Gesichtsausdruck bei ihr bemerkt. Wie hätte er auch von dem Pakt wissen können, den Hermine mit sich abgeschlossen hatte?! Sie wollte sich nicht mehr von Snape aus der Ruhe bringen lassen und Abstand von ihm gewinnen. Sie hoffte, wenn sie ihn mit Missachtung strafte, würde er von sich aus auf sie zukommen. Seinen Blick nicht gerade mit Freundlichkeit zu erwidern gehörte dazu. Er war nicht der einzige, der in der Lage war sich abzuschotten, wenn er das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren oder Angst davor hatte verletzt zu werden.
Schulterzuckend wandte er sich ab und nahm seinen Rundgang wieder auf, während Hermine kräftig ein- und ausatmen musste um wieder ruhig und konzentriert arbeiten zu können.
Als das letzte Sandkorn durch die Uhr gelaufen war, mussten die Schüler auf ihrem Platz sitzen bleiben, bis die Arbeiten eingesammelt waren. Snape sammelte die Prüfungen in der Reihe ein, in der auch Hermine saß und er war schon sehr gespannt darauf einen Blick auf ihren Bogen zu werfen. Als er bei ihr ankam, schob sie ihm kommentarlos das Blatt zu, den Blick fest auf die Tischplatte gerichtet. Kaum waren alle Arbeiten eingesammelt, stürzten die Schüler aus der Halle und besprachen mit sorgenvollen Gesichtern die Prüfung.
Neville, Harry und Seamus machten keine glücklichen Gesichter.
„Meine Oma bringt mich um, wenn ich ein T bekomme", orakelte Neville, der schon fast grün im Gesicht war.
Seamus, der auch nicht viel besser aussah, sagte: „Hätte ich doch bloß mal im Unterricht aufgepasst. Ich wusste die Hälfte der Antworten nicht und hab es so gemacht wie den Hausaufgaben in Wahrsagen. Ich hab einfach meine eigene Geschichte der Zauberei erfunden und hingeschrieben".
Ohne auf das Geplapper ihrer Freunde zu achten schritt Hermine durch die Eingangshalle. Normalerweise brannte sie immer darauf Prüfungsfragen noch mal durchzusprechen. Müdigkeit und pochende Schläfen bewegten sie aber dazu, diesmal darauf zu verzichten und stattdessen ein langes, entspannendes Bad zu nehmen.
Der Ablauf der folgenden Prüfungen änderte sich nicht und so folgte ein kräfteraubender Prüfungstag auf den anderen. Endlich, nach sieben harten Tagen, war es vorbei. Geschafft. Die Ergebnisse spielten jetzt noch keine Rolle, eine Party nach der anderen wurde in den Gemeinschaftsräumen gefeiert und nicht selten tauchten die Schüler mit tiefen Augenringen und dröhnendem Schädel zum Frühstück auf.
Erschöpft, aber mit sich und ihren Leistungen zufrieden, lümmelte Hermine in einem Sessel im Gemeinschaftsraum, nippte an ihrem Butterbier und fieselte gedankenverloren an dem Flaschenetikett herum, als jemand ihr eine Hand auf die Schulter legte.
„Wir haben es tatsächlich hinter uns. Vor einem Jahr hätten wir wohl alle nicht gedacht, dass wir überhaupt die Zeit erleben werden, die Prüfungen überhaupt ablegen zu müssen", sagte Harry makaber und ließ sich auf dem Platz ihr gegenüber sinken, nahm ihr die Flasche Butterbier aus der Hand, genehmigte sich einen Schluck und schloss die Augen. Er sah so zufrieden und faul aus, wie eine Katze, die sich gerade den Bauch mit einer Schüssel Sahne voll geschlagen hatte und sich nun zum Schlafen zusammen rollte.
Plötzlich ertönte ein lautes Krachen und Fluchen. Ron, der gerade den Gemeinschaftsraum betreten hatte, war über Krummbein gestolpert und lag alle Viere von sich gestreckt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Sein rotes Haar fiel ihm wie ein geschüttelter Mob nach vorn.
Alle lachten, nur Hermine und Harry nicht. Gespannt, wie Ron sich diesmal aufführen würde, beobachteten sie wie der jüngste männlich Weasley ungelenk aufstand und sich die schmerzenden Ellbogen rieb, während er Krummbein einen wütenden Blick zu warf. Zur Überraschung aller schimpfte er nicht, oder herrschte jemanden an, stattdessen grinste er.
„Was ist denn mit dem los?", fragte Hermine erstaunt.
Nachdenklich sah Harry Ron an und erwiderte voller Hoffnung: „Ich glaube es geht ihm besser, da er nicht mehr so unter Druck steht".
Verlegen durchquerte Ron den Raum und als er bei ihnen angelangt war, schien er wohl nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte. Harry zog einen Sessel heran, forderte mit einer Geste Ron zum Hinsetzen auf. Dieser nickte Harry zu und ließ sich in den Sessel fallen.
„Danke", murmelte er leise, ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen.
Es war keine weltbewegende Veränderung, aber es war ein Lichtblick im Vergleich zu seinem sonstigen Verhalten.
„Lust auf eine Runde Zaubererschach?", fragte Harry Ron, dem das Schweigen wohl ein wenig peinlich war.
„Du wirst verlieren Harry", sagte Ron der schon dabei war die Figuren aufzustellen, die versuchten vom Brett zu flüchten, als sie sahen, wer mit ihnen spielen wollte. Harry war kein guter Schachspieler und die Figuren weinten mittlerweile, wenn Harry und Ron eine Partie gegeneinander spielten. Mit wohlwollendem Lächeln betrachtete Hermine ihre Freunde, glücklich über die kleine Annäherung, die diesmal sogar von Ron ausgegangen war.
Sichtbar irritiert saß Severus Snape in seinem Büro. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass Hermine ihm total aus dem Weg gehen könnte, ihm grimmige, abweisende Blicke zuwarf, die seinen eigenen in nichts nachstanden. Er wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber es wurmte ihn, von ihr nicht beachtet zu werden. Zumal ihr Verhalten in keines der Muster passte, was er von Frauen gewohnt war. Entschlossen das Rätsel um Hermine zu lösen, zog er das Tagebuch zu sich heran. Der Stapel Abschlussprüfungen, der korrigiert werden musste, konnte warten.
Es war mitten in der Nacht, als Ron und Harry mich unsanft aus dem Schlaf rissen und mir meine Klamotten in die Hand drückten. Total verschlafen brauchte ich zwei Anläufe um mein Top richtig anzuziehen. Auf Zehenspitzen, um Ginny nicht zu wecken, schlich ich mich aus dem Zimmer. Zusammen mit Ron und Harry versuchten wir so leise wie möglich aus dem Haus zu kommen. Als ich fragen wollte, warum mich die Beiden geweckt haben, legten sie nur verschwörerisch den Finger an die Lippen und bedeuteten mir mit einer Kopfbewegung ihnen zu folgen. Zielstrebig ging Harry auf den Schuppen der Weasleys zu, in dem er schon mit Dumbledore gestanden hatte. Die Luft war stickig, staubig und kratzte im Hals. Mit gedämpfter Stimme redete Harry hastig auf mich ein. Als er sagte, er wolle jetzt zum Grimauldplatz, erwachte ich endgültig aus meiner Schläfrigkeit. Ich wollte Harry klar machen, wie gefährlich es doch sei, sich mitten in der Nacht davon zu schleichen, aber ich als seine entschlossenen Augen sah, die sanft vom Mondlicht, welches durch das kleine Fenster im Schuppen schien, beleuchtet wurden, konnte ich es nicht. Er sah mich so bittend an, und als Ron auch noch „Komm schon Mine", sagte, konnte ich nur noch zustimmend nicken, auch wenn die Angst wie ein Stein schwer in meinem Magen lag. Nachdem wir uns vergewisserten, dass wir unsere Zauberstäbe dabei hatten, fassten wir uns an den Händen und konzentrierten uns auf Grimauldplatz 12.
Als wir die Augen wieder öffneten, standen wir auf der kleinen Grünfläche vor Nr. 12. Forsch schritt Harry aus und ging zielstrebig auf die Haustür zu. Er drehte den Türknauf und sie schwang nach innen auf. Zögernd betraten wir nacheinander das Haus. Offenbar war schon länger keiner mehr hier gewesen. Staub lag in einer dünnen Schicht auf den Möbeln, die Luft war abgestanden und das Holz knarzte in jeder Ecke. Dicht zusammengedrängt und ohne ein Wort zu sagen, gingen wir leise in Richtung Küche. Mit einem leisen Stöhnen ließen wir uns auf den Stühlen nieder und blickten uns ratlos an. Die Töpfe, die einst vor Sauberkeit blinkten, waren stumpf geworden, die Feuerstelle war verkohlt und schwarz. Harry sagte, er sei auf der Suche nach den Gegenständen, die Fletcher geklaut und angeblich wieder zurückgebracht hatte. Wie Diebe, die Angst davor haben erwischt zu werden, schlichen wir uns in den Salon, der im ersten Stock lag. Vorsichtig öffneten wir die Tür und lugten durch den schmalen Schlitz, so als ob wir erwarteten gleich angegriffen zu werden. Dort, auf dem antiken Tisch türmte sich das Familiensilber der Blacks. Mundungs hatte Wort gehalten. Ron und ich standen unschlüssig herum, nicht sicher ob wir Harry alleine lassen sollten oder nicht.
„Na kommt schon", sagte Harry mit leichter Ungeduld in der Stimme und besah sich das Silber. Wir traten zu ihm und blickten auf einen wahren Berg von Schätzen. Zwischen Besteck und Bechern stach mir ein Amulett ins Auge. Neugierig nahm ich es in die Hand, drehte es in meinen Fingern. Irgendwo in meinem Kopf regte sich eine Erinnerung. Die Schlangen auf dem Medallion kamen mir bekannt vor, doch ich wusste nicht, wo ich es schon einmal gesehen hatte.
„Leute seht mal", sagte ich zu Ron und Harry. Beide traten zu mir und schnappten hörbar nach Luft.
„Mine, weißt du, was das ist?", fragte Harry ganz aufgeregt, nahm es mir aus der Hand und hielt es an der Schnur fest. Plötzlich fiel es mir ein und an meinen erschrockenen Gesichtsausdruck erkannten Harry und Ron, dass ich nun wusste wo ich es schon mal gesehen hatte. Mit vereinten Kräften schoben wir den Rest des Silbers zur Seite, legten das Medallion auf den Tisch. Aus seiner Tasche zog Harry ein Amulett, was die Abbildung des Originals war.
„Ich glaube wir haben soeben den richtigen Horkrux gefunden", sagte Harry leise. Nachdem wir endlos diskutiert haben, ob der Horkrux wirklich zerstört war, einigten wir uns darauf R. A.B. zu vertrauen. Wir suchten ein passendes Versteck und als wir den Teppich mit dem Familienstammbaum sahen, fiel unser Blick auf den Brandfleck, der einmal Sirius war. Daneben, unversehrt die Daten von Regulus, dem jüngeren Bruder von Sirius.
„Regulus…das würde passen", sagte ich. Harry und Ron starrten mit offenem Mund zwischen Medallion und Wandteppich hin und her.
„Aber natürlich", hauchte Harry. Wir wussten von Sirius, dass die genauen Umstände, die zum Tod von Regulus führten, nicht bekannt waren. „Er war bei den Todessern", flüsterte Harry.
„Das wäre ja oberkrass wenn der alte Reg Du-weißt-schon-wem, seinen Horkrux abjagt hat", sagte Ron mit einer Spur von Ehrfurcht. Harry und ich nickten. Also ein Horkrux weniger zu vernichten. Wir beschlossen zurück in den Fuchsbau zu apparieren, da die Sonne bereits aufging und unser Verschwinden nicht bemerkt werden sollte.
Wieder zurück gingen wir leise auf unsere Zimmer und ins Bett. Ginny wimmerte leise, sie schien etwas Schlimmes zu träumen, während ich vergeblich auf Schlaf hoffte, der sich nicht einstellen wollte. Zuviel ging mir durch den Kopf. Völlig unerwartet haben wir einen Horkurx gefunden, der wahrscheinlich vernichtet war. Das war wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Wie gern hätte ich gewusst, was Regulus bewogen hat, sich gegen den dunklen Lord, seinen Meister zu wenden, wie er es geschafft hat, sich den Horkurx zu beschaffen, wie er den Trank überlebte und wie er den Horkrux vernichtet hat?! Doch das waren alles Fragen auf die es vermutlich nie eine Antwort geben wird. Da fällt mir Sirius wieder ein, der nur Schlechtes von seinem Bruder dachte. Was wohl diese Neuigkeit bei ihm ausgelöst hätte? Bestürzung, Stolz und vielleicht so etwas wie Reue, weil er seinen Bruder verurteilt hat, obwohl er sich am Schluss doch als ein Mensch mit Moral erwiesen hat? Auch das werden wir nie erfahren. Es ist so traurig, aber der Gedanke die beiden Brüder könnten an dem Ort an dem sie sich jetzt befanden, wo er auch sein mag, aussprechen und sich wieder versöhnen, nimmt mir die Trauer über die verschwendete Zeit der Vorwürfe und Streitigkeiten auf Erden.
Die Sonne ist jetzt vollständig aufgegangen und ich höre die ersten Geräusche aus der Küche, bald wird Molly uns zum Frühstück wecken. Ich sehe aus dem Fenster und der helle Schein der Sonne erreicht mein Herz und vertreibt die dunklen Schatten, die sich eingeschlichen haben, ich spüre wie die Strahlen über mein Gesicht wandern und ich genieße die Wärme, die sich in mir ausbreitet. Kaum zu glauben, wie in Angesicht der Schönheit dieses Tages sich die Dunkelheit in der Zauberergemeinschaft unaufhaltsam wie ein bösartiges Geschwür ausbreitet.
Snape las ihren letzten Abschnitt und schluckte schwer. Hermine wies erstaunliche Ähnlichkeiten mit Albus auf. Ihre Fähigkeit sich auch an den einfachen Dingen des Lebens zu erfreuen, ihre Art mit ihren Mitmenschen umzugehen. Solche Exemplare der menschlichen Gattung gab es selten und er zollte ihr schriftlich den Respekt, den er ihr nicht zu zeigen vermochte.
Unterdessen lag Hermine in ihrem Bett und grübelte über sich und Severus nach. Ihr Herz quoll vor Liebe zu ihm über und schrie danach es ihm zu zeigen. Dass sie es nicht konnte, lag ihr wie ein Stein im Magen. Überzeugt davon mit ihrem kühlen Verhalten richtig gehandelt zu haben, versuchte Hermine Schlaf zu finden. Jetzt, da die Prüfungen endgültig hinter ihr lagen, hatte sie nichts mehr, was sie ablenkte. Schon in zwei Wochen sollte der Abschlussball stattfinden. Diesmal früher als sonst. Die Abschlussklasse würde gemeinsam ihren neuen Lebensabschnitt feiern und dann zu Beginn der offiziellen Ferien Hogwarts den Rücken kehren. Wie es die Tradition verlangte, tanzten die Schulsprecher mit den Lehrern und Hermine fieberte dem geradezu entgegen. Sie durfte mit ihm tanzen und bei dem festlichen Anlass würde er es nicht wagen, den Tanz zu verweigern. Severus bald wieder nahe sein zu dürfen versetzte sie in Hochstimmung und sie beschloss am Wochenende nach Hogsmead zu gehen um sich ein Kleid zu kaufen. Ginny würde sie mitnehmen. Ihr tat ein Ausflug sicherlich auch gut und shoppen war immer noch mit die beste Therapie gegen Kummer.
Da die UTZ-Schüler ihre Prüfungen schon abgelegt hatten, wurden sie für die restliche Zeit bis zu den Ferien vom Unterricht freigestellt. Endlich konnten sie wieder ausschlafen, den Tag am See verbringen, ohne ständig die Lernerei im Kopf zu haben. Am Wochenende nahm Hermine Ginny beiseite und bat sie mir ihr nach Hogsmead zu gehen. Die Aussicht stundenlang durch die Geschäfte zu wandern auf der Suche nach einem passenden Kleid weckte nicht gerade viel Freude bei Ginny, aber da Hermine ihre Freundin war, sagte sie zu.
Am nächsten Samstag machten sich die Beiden auf den Weg ins Dorf. Ohne wirklich ein Ziel zu haben liefen sie durch die Straßen und schauten mal hier mal dort in die Schaufenster. Ginny blühte richtig auf und zeigte mit ausgestreckten Fingern auf die diverse Kleider, die in den Schaufenstern zu sehen waren, ohne Hermine für eines begeistern zu können. Gerade als Hermine die Lust verlor und schon überlegte in der Winkelgasse sich nach etwas passenden umzusehen, entdeckte Ginny in einer Seitenstraße ein kleines unscheinbares Geschäft. Hermine, die genervt mit den Augen rollte, weil sie dachte, Ginny würde wieder Lobeshymen über ein mit Rüschen verziertes Kleid singen, folgte ihr widerwillig in den Laden. Überall lagen Stoffballen, doch fertige Kleider gab es hier offenbar nicht. Eine kleine rundliche, pausbäckige Frau betrat den Verkaufsraum und schenkte ihnen ein gutmütiges Lächeln.
„Was kann ich für zwei junge, hübsche Mädchen tun?", fragte sie freundlich.
„Ich suche ein Kleid für den Abschlussball in Hogwarts. Es sollte schlicht und schick sein und das gewisse Etwas haben", antwortete Hermine hoffnungsvoll, vielleicht doch noch fündig zu werden.
„Mhhh….ich verstehe…..lassen Sie mal sehen", murmelte die Verkäuferin nachdenklich und nahm Hermines Maße.
„Schwebt Ihnen eine bestimmte Farbe vor?"
„Nein, eigentlich nicht."
„Ich denke, da habe ich etwas für Sie. Warten Sie bitte einen Moment, ich bin gleich wieder da."
Während die nette Dame in ein Hinterzimmer verschwand, besah sich Hermine die Stoffe genauer. Seide, Satin, Samt…der Laden schien alles zu führen. Mit der Hand strich sie über die Seide und die Sinnlichkeit dieses Gefühl weckte ihre Fantasie. In einer Ecke des Raumes war ein kleiner Bistrotisch mit Gebäck und Getränke für Kunden, über den sich gerade Ginny hermachte, als hätte sie seit Tagen nichts mehr gegessen.
„Ich glaub die haben genau das was du suchst, Mine", kam es undeutlich aus ihrem Mund.
„Ab 50 Gramm wird es undeutlich, Ginny", ulkte Hermine in ihrem besten Schulsprecherton.
Aus Trotz schob sich Ginny noch ein weiteres Plätzchen in den Mund, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Die Verkäuferin kam mit etwas aus schwarzem Stoff auf dem Arm zurück.
„Folgen Sie mir bitte in die Umkleidekabine."
Gespannt ging Hermine zu der Kabine, bekam von der Verkäuferin das Kleid auf den Arm gelegt und zog den Vorhang hinter sich zu. Sie zog sich aus und schlüpfte in das Kleid. Es fühlte sich toll an und als sie einen Blick in den Spiegel warf, musste sie zweimal hinsehen um sich zu vergewissern, dass es wirklich sie war, die ihr durch das Spiegelbild entgegenblickte.
„Na, kommen Sie zurecht?", fragte die Verkäuferin befliessen und riss den Vorhang zur Seite.
„Lassen Sie sich mal ansehen."
Hermine drehte sich langsam um. Ginny fielen förmlich die Augen aus dem Kopf und sie verschluckte sich an ihren Keksen. Die Dame lächelte zufrieden.
Ja, das war ihr Kleid. Schwarze Seide fiel fließend bis auf den Boden. Es lag eng an ihrem Körper an und betonte vorteilhaft ihre Rundungen. Gehalten wurde das Kleid durch schmale dünne Träger die aus Strasssteinen bestanden. Das Dekollete wurde durch einen gewagten Wasserfallausschnitt betont und ihr Rücken war verboten nackt. Auf der einen Seite des Kleides war ein Schlitz der ihr bis übers Knie reichte und einen verheißungsvollen Blick auf ihre Beine freigab. Um das ganze Bild zu vervollständigen trug sie hohe schwarze Riemchensandalen und die Verkäuferin befestigte an ihren Ohren zwei lange bis zum Hals reichende Strassohrringe. Bei jeder Bewegung umschmeichelte das Kleid ihre Figur und schien ihre Haut zu streicheln.
„Das nehme ich", sagte Hermine glücklich.
„Es ist wie für Sie gemacht. Es nicht zu nehmen, wäre ein Fehler", sagte die Verkäuferin mit einem Augenzwinkern.
In der Kabine zog sich Hermine wieder um. Bei dem Gedanken was für ein Gesicht Snape wohl machen würde, wenn er sie in diesem Kleid sehen würde, erwachte die Schadenfreude in ihr.
Nach dem sie bezahlt hatten, lud Hermine Ginny noch auf ein Butterbier in die „Drei Besen" ein. Gemeinsam stießen sie auf ihren erfolgreichen Einkauf an und schwatzten über belangslose Themen, bevor sie wider zurück zum Schloss gingen.
In der Eingangshalle trafen sie auf Snape. Das Grinsen in Hermines Gesicht wurde eine Spur verschlagener als sie grußlos an ihm vorbei ging und fröhlich ihre Einkaufstasche hin und her schwenkte.
Ihre betonte Fröhlichkeit ließ Severus stutzen und ihr hinterher schauen, als sie die Treppen noch oben stieg. Ihm graute es schon davor mit ihr tanzen zu müssen, ihr nahe zu sein und doch Distanz zu halten. Das Funkeln in ihren Augen verursachte bei ihm eine Vorahnung.
TBC
