21.
„Ich denke Professor Snape hat es auf Sie abgesehen", sagte Minerva etwas atemlos.
„Abgesehen?", antwortete Hermine perplex und mit klopfendem Herzen.
„Ja. Sein Verhalten Ihnen gegenüber kann man nicht als professionell und kollegial bezeichnen."
„Ach wissen Sie Minerva, Professor Snape hat mich schon als Schülerin spüren lassen, wie wenig er von mir hält, warum sollte sich das also geändert haben, nur weil ich jetzt Lehrerin bin. Machen Sie sich keine Sorgen, ich habe ein dickes Fell und ich weiß mich zu wehren. Aber danke, dass Sie besorgt um mich sind."
„Sind Sie sicher Hermine? Oder soll ich mal mit unserem Giftmischer sprechen?"
„Nein", erwiderte Hermine heftig. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. Snape würde Minerva in Stücke reißen und wahrscheinlich den privaten Kontakt zu Hermine ganz abbrechen. Das wollte sie auf keinen Fall riskieren, außerdem war sie kein kleines Kind mehr, welches man beschützen musste.
„Wie Sie meinen, aber scheuen Sie sich nicht um Hilfe zu bitten, meine Tür steht Ihnen jederzeit offen."
„Vielen Dank Minerva."
Mit einem Nicken entließ McGonagall ihre einstige Schülerin und Hermine stand erleichert auf, schloss die Tür hinter sich und atmete tief ein und aus. Das war noch einmal gut gegangen. Sie hatte schon Angst gehabt, Minerva wäre hinter ihr kleines Geheimnis gekommen. Das Adrenalin schoss ihr immer durch die Adern und für einen kurzen Moment schlotterten ihr die Beine.
Nachdenklich suchte sie ihr Zimmer auf, nahm weder Peeves war, der Grobheiten wie „verfilztes Löwenbaby" hinter ihr her rief, noch den Blutigen Baron, der mit einem einzigen Blick Peeves in die Flucht schlug.
In ihrem Zimmer angekommen stellte sich Hermine an das Fenster und blickte hinab auf die Gründe von Hogwarts. Es war kurz vor Sonnenuntergang und die letzten Strahlen der Sonne streichelten die Bäume, das Gras, warfen Schatten und die Pflanzen sogen jeden Lichtstrahl begierig auf, bevor der Herbst beginnen würde.
Dieses Versteckspiel zerrte an ihren Nerven, auch wenn es bis jetzt nur wenige Wochen waren, in denen sie sich darauf eingelassen hatte. Plötzlich überkam sie der Drang nach frischer Luft, vielleicht würde sie das auf andere Gedanken bringen. So nahm sie ihren Umhang und verließ beschwingten Schrittes das Schloss und schlug den Weg nach Hogsmead ein, ein Gläschen Elfenwein hatte noch Niemanden geschadet.
In Hogsmead herrschte der übliche Trubel, Familien gingen beladen mit Tüten von Geschäft zu Geschäft, Kinder quengelten bis sie in den Honigtopf durften, die Männer verdrehten alle zwei Minuten genervt die Augen und die Frauen schritten voran in die Zaubereiboutiquen, die das individuelle Kleid schlecht hin versprachen.
Mit einem Schmunzeln wanderte Hermine durch die Gassen, tauchte hinab in das bunte und fröhliche Treiben. Abrupt blieb sie stehen und glaubte ihren Augen nicht trauen zu können. Doch es war keine Halluzination, diese roten Haare waren eindeutig die eines Weasleys. Genau in dem Moment als Hermine rascher ausschritt, um sich zu vergewissern, blickte sich der junge Mann um und sah seine gute Freundin auf sich zu eilen. Es war Ron.
Etwas verwirrt schlang er seine Arme um Hermine. Voller Freude hatte sie ihn umarmt und geherzt. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Haare lösten sich aus dem Pferdeschwanz und fielen ihr in Strähnen ins Gesicht.
„Seit wann bist du hier?", fragte sie ihn, während sie den Gummi aus den Haaren zog, ihre Mähne straff nach hinten strich und erneut einen Pferdeschwanz flocht.
„Seit gestern", antwortete Ron und unterzog Hermine einer Musterung. Irgendwie sah sie anders aus. Erwachsener, ihre Ausstrahlung wirkte ruhiger, mehr mit sich im Reinen.
„Weißt du, bald kommen beginnt das neue Schuljahr und ich habe noch etliches zu tun, bis die Filiale von Weasley´s Zauberhafte Zauberscherze eröffnet werden kann. Ich hätte mich auch bei dir gemeldet, wenn ich weniger Stress habe", erklärte Ron, um Hermine gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie ihn gleich einen Vorwurf gemacht hätte, warum er sich nicht gemeldet oder ihr geschrieben hatte.
„Darf ich mal sehen wie weit du bist, ist der Laden schon fertig, wie viel Angestellte hast du?" Wie aus der Pistole geschossen schoss Hermine eine Frage nach der anderen auf Ron ab. Abwehrend hob er die Hände.
„Nun mach mal halblang. Sicher darfst du, wenn ich fertig bin. Lass uns zu Rosmerta gehen", schlug er vor und wandte sich schon Richtung Drei Besen.
„Sag bloß, du stehst immer noch auf Rosmerta?", scherzte Hermine, hackte sich bei Ron ein und warf ihm ein strahlendes Lächeln zu.
Die Schmetterlinge in Rons Bauch überschlugen sich, aber er versuchte sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen. Schon seit lange war er sich der Tatsache bewusst, dass Hermine nie an seiner Seite sein würde, so wie er es sich wünschte. Nicht zu letzt, weil sie es ihm gesagt hatte, sondern auch weil er Dinge über Hermine wusste, die sie nicht mal ahnte, geschweige denn wollte, dass ausgerechnet er derjenige war, der davon wusste.
„Rosmerta mag vielleicht die richtigen Kurven haben, aber hast du dir mal überlegt wie alt sie mittlerweile ist?", gab Ron zurück.
Plötzlich wurde Hermine stutzig, irgendetwas störte sie an seiner Aussage. Es lag nicht an dem was er gesagt hatte, sondern wie er gesagt hatte.
„Hermine du siehst Gespenster! Nur weil McGonagall dir heute einen Schrecken versetzt hat, muss ich nicht gleich jeden Satz meiner Mitmenschen auseinander nehmen. Das grenzt schon fast an Paranoia", schimpfte sie mit sich selbst.
„Das Alter spielt doch keine Rolle", erwiderte sie also daraufhin und zog Ron durch die Tür und drängte ihn zu einem Tisch.
„Ich spendier etwas. Was möchtest du?", fragte Ron und winkte Rosmerta herbei, um ihre Bestellung aufzugeben.
Wie eh und je kam die Wirtin mit wiegenden Hüften auf sie zu, lächelte sie freundlich an und spielte mit einer Haarsträhne, die sich vorwitzig aus ihrer Frisur gelöst hatte.
„Für mich einen Elfenwein", sagte Hermine und warf einen schnellen Blick zwischen Ron und Rosmerta hin und her.
„Und für mich ein Butterbier", vollendete Ron und würdigte Rosmerta keines weiteren Blickes. Sofort kamen die Getränke, die Freunde prosteten sich schweigend zu und tranken. Die Atmosphäre wurde ein klein wenig befangen, doch es gab genug Themen über die man sich unterhalten konnte. Harry und Ginny, Neville, Luna.
Draußen wurde es dunkel und die letzten Familien hasteten nach Hause, einzig eine Gestalt stand in der Straße zu den Drei Besen und warf einen Blick durch die schummrigen Fenster. Es war Snape. Wie Hermine hatte er sich die Beine vertreten wollen und war durch die Straßen von Hogsmead gewandert. Seine Zaubertrankzutaten mussten außerdem aufgefüllt werden und so lag ein Besuch des örtlichen Apothekers auf der Hand, der in derselben Straße sein Geschäft hatte, wie Rosmerta. Zufrieden alles bekommen zu haben, machte sich Snape auf Weg zurück ins Schloss, als sein Blick wie zufällig an den Fenstern der Kneipe hängen blieb.
Wie angewurzelt blieb er stehen. Dort saß Hermine und neben ihr dieses Mondkalb von einem Weasley. So wie es aussah unterhielten sich die beiden prächtig, Ron lachte gerade über eine Bemerkung von Hermine, die ihn anstrahlte und ihre Hand auf seinen Arm legte, worauf Ron seine Hand über ihre legte und die beiden sich mit einem warmen Ausdruck auf den Gesichtern ansahen.
Snape drehte sich auf dem Absatz um und marschierte davon, sein Gesichtsausdruck war leer und bar jeder Emotion.
Es wurde spät, sehr spät und Hermine wankte Richtung Schloss. Es war ein schöner Abend gewesen. Sie hatten viel gelacht und der Knoten der Angst, der sich fest in Hermines Brust gefressen hatte, schien sich etwas zu lösen. Mit jeder Minute und mit jedem Glas Elfenwein fühlte sie sich freier, ungezwungener und fröhlicher. Auch Ron hatte kräftig getankt und seine roten Wangen verrieten seine Alkoholpegel. Zwar wollte er sie nach Hause begleiten, doch Hermine zog es vor alleine zu gehen. Die frische Luft würde ihr entweder den Kopf klären oder bewirken, dass ihr endgültig schlecht werden würde, aber sie hatte noch etwas vor. Es drängte sie in den Kerker zu gehen, genauer gesagt zu Severus.
Endlich am Portal angekommen, brauchte sie geschlagene drei Versuche, bis das riesige Tor endlich nachgab und sich öffnete. Der Weg zu ihrem Zimmer kam ihr endlos lang vor, das Treppensteigen bescherte ihr eine Schwindelattacke nach der anderen und dann hatte sie es geschafft. Mit einem erleichterten Seufzen schloss sie die Zimmertür hinter sich und ging ins Badezimmer um sich frisch zu machen.
Sie stütze sich am Waschbecken ab und betrachtete eingehend ihr Spiegelbild. Ihre Augen hatten einen unnatürlichen Glanz, ihre Wangen waren mit einem leichten Hauch rosa überzogen und ihre Haut schimmerte wie Perlmutt. Schnell erneuerte sie ihr dezentes Make-up und huschte leise die Treppen wieder hinunter, Richtung Kerker. Wie ein Dieb drückte sie sich in die dunklen Ecken und lauschte, ob außer ihr noch jemand nachts die Gänge durchstreifte, denn sie wollte auf keinen Fall gesehen werden.
Da sie die Passwörter zu Snapes Räumen kannte, war es nicht schwer hineinzugelangen. Dunkelheit empfing sie, als sie seine Räume betrat.
„Schläft er etwa schon?", fragte sich Hermine etwas enttäuscht und schlich auf Zehenspitzen zum Wohnzimmer.
Im Kamin brannte ein kleines Feuer, die Holzscheite knackten und die Flammen warfen unheimliche Schatten an die Wände, des ansonsten dunklen Raumes. Ein Ohrensessel stand nicht zum Kamin, sondern in ihrer Richtung, zur Tür. Nicht sicher ob der Alkohol ihre Sinneswahrnehmungen getrübte hatte, blinzelte Hermine. Da saß doch jemand, oder irrte sie sich?
Auch wenn sie die Bewegung mehr erahnen als erkennen konnte, erschrak sie doch und machte unweigerlich einen Satz nach hinten, als Snapes Gesicht von den Flammen erhellt wurde. Kalt musterte er sie. Die Augenbrauen schossen in die Höhe, seine Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengekniffen und seine Augen, die ihr schon sehr viel Leidenschaft gezeigt hatten, waren leer und ausdruckslos. Seine Arme und Hände lagen locker auf den Armlehnen des Sessels.
„Wo warst du?", fragte er gefährlich sanft. Seine Stimme tief und samtig, hypnotisierend und doch konnte man die stählende Härte dahinter vernehmen.
