Gefunden
„Wir sollen diesen Mörder am Leben lassen?" giftete Harry sofort.
„Dumbledore..." Moody machte eine kurze Pause und dachte nach. „Er hat mir mal ein Versprechen abgenommen. Snape soll für seine Tat büßen. Deswegen soll er Leben."
Harry verzog das Gesicht, als hätte er auf etwas widerliches gebissen. Einen feuchten Wischlappen vielleicht. Malfoy, der neben ihm saß, starrte die Maserung in Moodys Schreibtischplatte an.
„Ich kann das nicht, Mad Eye. Er ist..." Nun war es an Malfoy, einen Moment nachdenklich auszusehen. „...mein Hauslehrer und er hat mich gerettet. Ohne ihn wäre ich nie nach Hogwarts zurück gekommen oder hätte die Schule beenden können. Oder hätte auch nur am Leben bleiben."
„Deshalb kommen Sie auch mit, Malfoy. Ihnen tut er nichts." antwortete Moody. Etwas in seinem Ton machte deutlich, dass die Diskussion beendet war.
Sehr zu Harrys Missfallen standen sie nur wenige Minuten später in einem alten Hinterhof in einem der schlechtesten Stadteile von London. Mit einem Schwung seines Stabes ließ Moody die Schutzzauber blau aufleuchten. Dass er damit den Hinterhof in einen blauen Schimmer tauchte, veranlasste Harry zu grinsen.
„Wir sollten gehen. Scheint als wollte der alte Snape keinen Besuch." kommentierte er fröhlich. Moody wirbelte herum und fixierte ihn mit beiden Augen.
„Potter?" zischte er. „Der einzige Vorteil den wir haben, ist der Überraschungsmoment. Und wenn Sie uns den mit Ihrem Geschrei gerade verdorben haben, werde ich Sie eigenhändig degradieren. Und zwar zum Aurorenanwärter im ersten Lehrjahr!"
Kopfschüttelnd hinkte Moody zu einem Kanaldeckel. Eine Weile stand er davor und beobachtete ihn nur. Als würde der Deckel ihm irgendwann ganz von selbst erzählen was er wissen wollte. Mit einem weiteren eleganten Schwung seines Stabes ließ er das blaue Flackern erlöschen. Harry wusste, dass die Schutzzauber gefallen waren.
„Wir müssen hier runter. Und ich wäre dankbar, wenn Sie jeden Krach vermeiden würden." Verkündete er barsch. Wie auf Befehl rutschte der Kanaldeckel zur Seite und sie kletterten nach unten.
Der Gestank nach Kloake und Moder stach Harry in die Nase. Es war so schlimm, dass ihm die Augen tränten.
Wie konnte jemand wie Snape es hier unten aushalten?
Harrys Hass auf Snape hatte ihn dazu gebracht, die Akte seines ehemaligen Zaubertranklehrers mehr als einmal genau durchzulesen. Snapes Wohnung und seine persönlichen Aufzeichnungen waren untersucht worden. Harry hatte noch genau in Erinnerung, wie peinlich genau Snape seine Unterlagen geordnet hatte, oder auch seine Bücher. Und er hatte auch die Aufzeichnungen aus Snapes Studienzeit gelesen. Immer wieder hatte Snape darin Notizen zu minimalen Geruchsveränderungen gemacht, die in keinem anderen Buch zu finden waren. So war Harry darauf gekommen, das Snape eine sehr empfindliche Nase haben musste.
Sie schlichen weiter, bis sie zu einem Raum kamen. Eine Stufe trennte ihn von den restlichen Gängen. Moody bedeutete ihnen stehen zu bleiben. Vorsichtig, mit gezücktem Stab machte er einen Schritt Richtung der Öffnung.
„Guten Abend Severus!" grüßte er. Mit einem kurzen Blick seines magischen Auges schätze er sein Gegenüber ab. Snape war älter geworden. Silberne Strähnen durchzogen sein fettiges Haar. Tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Snapes Haut war nie sonnengebräunt gewesen, doch in den Jahren seiner Flucht hatte sie jede Farbe verloren. Schwer atmend stand er da und hielt seinen Zauberstab auf Moody gerichtet. Er musste sie gehört haben und es grenzte für den alten Auroren an ein Wunder, dass er noch keinen Fluch abbekommen hatte.
„Mad Eye." Schnarrte Snapeund wurde von einem Hustenanfall unterbrochen. „Was willst du?"
„Nimm den Stab runter Snape." Sagte Moody und klang dabei beinahe freundlich. Snape war zu schwach, um eine ernste Bedrohung darzustellen. Malfoy trat aus dem Schatten.
„Professor!" flüsterte er. Moody musterte den Jungen. Er hätte es ihm gern erspart, sein Idol so zu sehen. Wenn er geahnt hätte, wie schlecht es Snape ging, wäre er allein gekommen.
„Mister Malfoy!" Snape schaffte es tatsächlich, seine Haltung zu straffen. Doch es blieb ein schwacher Abklatsch seiner früheren, bedrohlichen Erscheinung. „Auror Malfoy, wie ich sehe."
Seinen kalten Zynismus hatte er nicht verloren, stellte Moody zufrieden fest.
„Dank Ihnen, Professor." antwortete Malfoy und schaffte ein schwaches Lächeln.
„Dann ist dies wohl ein Freundschaftsbesuch?" fragte Snape, immer noch mit beißendem Sarkasmus in der Stimme. Nicht für einen Augenblick senkte er den Stab.
„Vielleicht." versuchte Malfoy es noch einmal. Er wollte Snape hier raus holen. Und dann würde er ihn... Malfoy hatte nicht die geringste Ahnung, was genau er dann würde. Darüber musste er sich Gedanken machen, wenn er Snape hier raus hatte. Harry und die anderen hatten sich inzwischen hinter ihn und Moody gestellt.
„Was für ein Loch!" stellte Moody fest. Tatsächlich war der Raum klein, dreckig und feucht. Der einzige Hinweis auf Snape war ein Haufen alter, schwarzer Umhänge, die er in einer Nische als Bettzeug übereinander geworfen hatte.
„Eigentlich hätte ich dich nicht hier vermutet, Snape. In Amerika, ja. Oder in der Sonne, in Italien. Aber in so einem Loch? Nein. Warum bist du London geblieben?" setzte er nach und machte einen Schritt in den Raum. Wie vermutet schoss Snape keinen Fluch auf ihn ab. Er war zu erschöpft.
„Das geht dich nichts an." Schnarrte Snape und wieder kämpfte er mit einem Hustenanfall.
„Du hattest gute Gründe, oder?" Moody senkte den Stab ein wenig. Snape würde sie nicht angreifen. Nicht das ihm nicht danach wäre, ihm fehlte schlicht die Möglichkeit.
„Wovor hast du Angst, Snape? Askaban?" fragte Moody spöttisch, sich weiter in den Raum hinein bewegend. Ein kleines Funkeln in Snapes Augen gab ihm recht.
„Du hattest gute Gründe, dich hier zu verstecken, hab ich nicht recht, Severus?" forschte Moody weiter. „Es sind die Dementoren, oder? Sie machen Albträume. Sogar wenn man wach ist."
Snapes Hand zitterte leicht, bei der Erwähnung der Dementoren. Moody ließ den Mann keinen Moment aus den Augen. Er wusste, dass Snape kämpfen würde und ein in die Ecke getriebener Mensch konnte ungeheure Kräfte mobilisieren. Langsam trat er näher. Er musste weiter reden und er wusste es.
„Was würdest du sehen?" flüstere er und kam noch einen Schritt auf Snape zu. Wenn er nur den Zauberstab zu greifen bekam...
„Gib mir den Stab." Moody blieb stehen, die Spitze von Snapes Stab berührte seine Brust. Doch es war Malfoy, tatsächlich Malfoy, der über Snapes Schicksal entschied.
„Bitte, Severus, bitte." flüsterte er. Moody unterdrückte den Impuls, ihm Beifall zu spenden. Snape sah für einen Moment zu dem blonden, ehemaligen Schüler. Ein Moment, der Moody genügte. Schnell packte er zu und im nächsten Moment fiel Snapes Zauberstab klappernd auf den Boden.
„Es ist vorbei." zischte Harry, griff nach dem Zauberstab und ging auf sie zu.
„Sehr mutig, Mister Potter. Acht gegen einen. Eine typisch gryffindorsche Heldentat." zischte Snape. Moody hielt ihn fest und gemeinsam machten sie sich auf den Weg aus der Kanalisation heraus.
„Das war ein gemeiner Trick, Mister Malfoy." keuchte Snape, als sie im Freien standen.
„Ich hatte einen guten Lehrer." gab der leise zurück.
