Hermine ging nervös auf und ab, sie hatte nichts mehr durch die Türe hören können, seit Bella sie in den Raum zurückgebracht hatte. Was würde jetzt mit ihr werden? Und mit Ron?

Seitdem sie den Tod von Lucius und Narcissa gesehen hatten, war Ron völlig verstört. Er saß in einer Ecke und starrte auf die ihm gegenüberliegende Wand. Er hatte kein Wort gesprochen.

Aber im Moment beschäftigte sie etwas andres.

Warum konnte sie nichts mehr hören? Plötzlich schreckte sie hoch. Die Tür erschien und Malfoy kam ins Zimmer.

Er hielt seinen linken Unterarm fest mit seiner rechten Hand umklammert. Es brannte so sehr, dass er es nicht begreifen konnte. Beinahe kam es ihm vor, als wäre es gnädiger gewesen ihn zu töten.

Er achtete weder auf Weasley noch auf Granger.

Sein Arm schmerzte so fürchterlich.

‚Ich muss ihn verbinden.'

Draco hatte das Gefühl zu verbluten. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, das letzte bisschen Farbe daraus entwichen. Er ließ seinen Unterarm kurz los und stöhnte sofort auf. Wie sollte er sich den Arm verbinden, wo er doch so schmerzte wenn er ihn losließ?

Er lehnte sich schwer atmend gegen die Wand. Schließlich rutsche er runter und setzte sich auf den Boden.

Langsam ließ er seinen Arm los und zog den Umhang aus, den er über seiner Kleidung trug, nur um seinen Vater sehen zu lassen, dass er darunter gewöhnliches Gewand trug, und nichts Besonderes. Doch nun war es so oder so gleichgültig, er würde langsam dahinsterben und spätestens bei Einbruch der Nacht bei ihnen sein.

Seine Bewegungen wurden immer langsamer. Er schloss die Augen.

‚Ich muss wach bleiben. Wenn ich jetzt einschlafe, wache ich vermutlich nie mehr auf.'

Er schlug die Augen auf, er durfte jetzt einfach nicht einschlafen, nicht jetzt.

Warum hatte er nur nicht früher geschlafen? Warum hatte er in den letzten zwei Tagen gänzlich aufs Schlafen verzichtet?

Draco versuchte weiter den Umhang zu zerreißen, aber es gelang nicht. Er konnte praktisch spüren, wie ihm die Kräfte entwichen …

Hermine beobachtete ihn. Irgendetwas an ihm war merkwürdig, irgendwie anders.

Eine Zeit lang sah sie zu ihm hinüber, doch schließlich entschloss sie sich ihn zu fragen.

„Ähm … Malfoy?", sie flüsterte, wieso wusste sie selbst nicht.

„Was?", stieß er aus. Er sah sie nicht an, seine Haare fielen ihm ins Gesicht, so dass sie nichts erkennen konnte.

„Alles in Ordnung?", fragte sie ein wenig verunsichert.

„Natürlich-", er stockte, es klang, als würde ihm die Stimme versagen, „-Was denn sonst?", seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Sie konnte sein Gesicht immer noch nicht sehen.

Plötzlich kippte sein Kopf zur Seite und der Umhang fiel ihm aus den Händen.

Hermine hob den Kopf ein wenig, als sie bemerkte, dass seine Augen geschlossen waren. Das kam ihr doch ein wenig seltsam vor, wo sie doch gerade mit ihm gesprochen hatte.

Plötzlich bemerkte sie das Blut, das Blut das sich auf dem Ärmel seines Pullovers ausbreitete.

Erst zögerte sie, doch schließlich ging sie mit wenigen schnellen Schritten auf ihn zu. Sie rüttelte an seinem Arm und als er nicht reagierte schob sie den erst seinen Hemdärmel und dann den seines Pullovers hoch.

Hermine presste die Hand vor den Mund und schluchzte, als sie die tiefe Wunde an seinem Unterarm sah. Sie war genau dort, dort wo einst das Dunkle Mal gewesen war.

Eine Weile sah sie noch dorthin, doch schließlich wurde ihr klar, dass Malfoy seit einigen Minuten nicht mehr reagierte.

Erst hob sie den Umhang auf und wollte versuchen ihn in Streifen zu reißen, wie er es zuerst getan hatte. Aber nach und nach wurde ihr bewusst, dass sie es allein nicht schaffen konnte.

„Ron, komm her und hilf mir!", rief sie ihm verzweifelt zu.

„Warum?"

„Komm einfach her!", ihre Stimme klang brüchig und war sehr kurz davor ihr ganz zu versagen.

Ron stand auf und ging langsam zu ihr hin.

„Bitte Ron, hilf mir mit dem hier!", stammelte sie.

Langsam hob er den Umhang hoch, während sie das Ende des Ärmels in der Hand hielt.

„Hermine … er wird dir nicht dankbar sein, geschweige denn sich bedanken.", meinte er.

„Ich weiß."

„Und du willst ihm trotzdem helfen?", fragte er sie ungläubig.

Sie sah ihn nur erstaunt an, „Also los, komm lass uns den hier zerreißen", meinte sie.

Nach wenigen Sekunden und einigen Versuchen den Ärmel vom Rest abzureißen, hatten sie ihn sauber abgetrennt.

Vorsichtig begann Hermine Malfoys Arm zu verbinden, während sie den Stoff sanft um die Wunde wickelte.

Indessen hatte sie sich hingekniet und den Wassereimer neben sich gestellt.

Malfoy tat ihr so Leid. Womit hatte er das wohl verdient?

Kaum hatte sie ihm den Verband angelegt, nahm sie einen Fetzen des Umhangs, tauchte ihn ins Wasser ein und begann die Stellen um den Verband herum zu säubern.

Plötzlich begann er sich zu regen und öffnete die Augen zögernd, das grelle Licht machte ihm zu schaffen.

Als er sah, wie Granger mit dem nassen Fetzten über ihm stand, verzog er sein Gesicht, doch nicht wegen seines schmerzenden Arms, nein, sie widerte ihn an.

Er beugte sich nach vorne und stieß sie weg.

Während sie zurückkippte zuckte er vor Schmerz zusammen, seine Wunde brannte, wenn sie sich entzündete dann standen ihm noch einige schmerzerfüllte Tage bevor, bis er dann unter Wahnvorstellungen leidend langsam verenden würde.

Er bemerkte, wie Granger ihn entsetzt anstarrte, bestimmt würde sie gleich heulen.

‚Geschieht ihr Recht. Wie kann sie es nur wagen mich anzufassen? Sie hat mich um einen kurzen, schmerzlosen Tod gebracht … um ein eines Malfoys würdiges Dahinscheiden. Oh, wie kann dieses Schlammblut es nur wagen über mein Leben oder meinen Tod zu entscheiden? Wieso hat sie mich nicht sterben lassen? Sie hat meinen Tod nur hinaus gezögert, wenn ich nicht jetzt sterbe, dann später an meinem Leid.

Was soll nur werden, wenn jemals wieder frei sein werde?

Was wird sein, ohne meine Mutter, ohne meinen Vater? Soll ich dann allein auf Malfoy Manor leben?

Aber ich könnte es nicht ertragen. Alles dort würde mich nur an die Zeit davor erinnern …'

Hermine starrte Malfoy fassungslos an.

‚Wie kann er nur? Wieso tut er das immer wieder? Ich habe ihm doch nur helfen wollen, ich hab es doch nicht böse gemeint. Auch wenn er es nicht versteht …'

Sie schluchzte. Sie hatte sich so fest vorgenommen, sich nicht kränken zu lassen.

Auch Ron hatte es ihr gesagt, er hatte gewusst, wie es kommen würde.

Als ob sie es selbst nicht gewusst hätte.

Draco blickte auf, als ob er es nicht geahnt hätte.

Jetzt begann sie doch tatsächlich zu heulen, wegen so einer Kleinigkeit.

Aber er kam nicht dazu den Gedanken zu Ende zu denken, die Schmerzen machten ihm schwer zu schaffen.

Und plötzlich traf es ihn, wie ein Schlag. Seine Mutter hatte es nicht gewollt, sie wollte nicht, dass er ein Todesser würde, sie wollte nicht noch jemanden an Voldemort verlieren, doch nun war es zu spät, er hatte sie ermordet, er den sie am meisten von allen Zauberern gehasst haben musste. Erst ihr Mann, dann ihr Sohn …

Aber er hatte darauf bestanden, er hatte allen beweisen wollen, dass er auch zu etwas fähig war.

Als ob er den Fehler seines Vater hätte begleichen oder tilgen können …

Plötzlich stürmte Bellatrix in den Raum. Ihr schwarzes und sonst glattes Haar war zerzaust.

Sie blickte sich um und als sie Malfoy an der Wand angelehnt sitzen sah, lief sie auf ihn zu.

Die Todesserin packte ihn an den Schultern.

Sein Gesicht war schmerzverzerrt, er versuchte sich soweit wie möglich von ihr weg, zur Wand hin zu stemmen. Aber es gelang ihm nicht, er hatte nicht mehr genug Kraft, um sich gegen irgendjemanden zu wehren.

„Ich wollte es nicht! Ich wollte es nicht tun!", kreischte Bellatrix, während sie immer noch seine Schultern umklammerte.

„Warum hast du es dann getan?", erwiderte er leise, „Warum?".

„Weil ich es mir in meiner Position nicht leisten kann, mich von Gefühlen leiten zu lassen!", ihre Stimme wurde immer lauter.

„Das brauchst du ab jetzt auch nicht mehr! Du wirst verstoßen werden."

„Nein, ich bin es nicht, denn ich habe ja noch meine Familie!"

„Jetzt nicht mehr!", er versuchte sie wegzustoßen, wie er es bei Granger getan hatte, aber sie hielt ihn fest.

„Wie kannst du es wagen!"

„Du hast sie umgebracht.", er versuchte ruhig zu klingen, was ihm nur teilweise gelang.

„Ich habe ihr einen Gefallen getan!", kreischte sie, während ihre Fingernägel sich in Dracos Schultern bohrten.

„Ihr Leben war die Hölle! Sie hat es so gewollt!"

„Sie wollte es bestimmt nicht so!", seine Stimme schwach, auch wenn er versuchte es die anderen nicht merken zu lassen, war es doch augenscheinlich.

„Ach du denkst, ich bin schuld, dass Narcissa ihr ach so geliebtes Leben verloren hat? Du denkst, ich bin es die ihr das Leben genommen hat? Aber ich frage dich, wie kann man jemanden töten, der schon tot ist? Sie hat nie gelebt, nicht vor ihrer Heirat und auch nicht danach.

Meine liebe Schwester war weiß Gott eine gute Tochter und eine perfekte Ehefrau bis zu deiner Geburt.

Danach ging es nur noch bergab mit ihr. Deine Geburt, war der Anfang ihres Dahinscheidens. Du hast ihr nur Kummer gemacht, dein ganzes Leben lang. Und weißt du auch warum?

Weil du deinem Vater zu ähnlich bist. Sie hat ihn gehasst, gehasst vom ersten Augenblick an, genauso, wie er sie. Sie hätte es sich nie anmerken lassen, nie gesagt, sie wolle einen anderen Mann, sich nie gegen ihre Eltern aufgelehnt. Aber sie hat nur Hass empfunden, sie hat es nie angesprochen, aber ich wusste es, ich wusste es die ganze Zeit.

Und glaubst du, sie hätte dich lieben können, wo du ihm doch so sehr ähnelst? Nein, sie hat dich auch nicht-"

„Nein!", Bellatrix wurde unterbrochen, aber nicht von Malfoy, so wie sie es angenommen hatte, sondern von Hermine.

„Seien Sie still! Was wissen Sie schon von Schuld und Unschuld?"

„Bestimmt mehr als du kleines Schlammblut. Misch dich hier nicht ein, oder du wirst es bereuen.", erwiderte die Todesserin mit ruhiger Stimme.

„Weiß denn ihr Herr, dass Sie hier sind?", fragte Hermine sie, als Bellatrix sich gerade wieder Malfoy zuwenden wollte.

„Er ist nicht mein Herr und ich nicht seine Sklavin.", bemerkte diese daraufhin mit erzwungen ruhiger Stimme, versucht das Zittern zu unterdrücken.

„Weiß er denn, dass Sie hier sind?", wiederholte Hermine ihre Frage.

„Nein.", und diesmal klang ihre Stimme fest.

Wie immer hast du Unrecht Bella.", eine Stimme hallte durch den Raum.

Erschrocken fuhr Bellatrix hoch. Sie ging auf Hermine zu, die sich ebenfalls erhoben hatte und sah ihr einige Momente lang in die Augen.

Plötzlich stieß sie sie ohne Vorwarnung zur Seite und lief an ihr vorbei, durch die Tür.

Hermine fiel hin, da sie nicht auf die Reaktion der Todesserin gefasst gewesen war, richtete sich danach jedoch wieder auf und rieb sich die Seite. Sie hatte es satt die ganze Zeit gestoßen und geschubst zu werden.

„Alles in Ordnung?", fragte Ron sie besorgt.

„Bei mir?"

„Ja, bei wem denn sonst?"

„Ja Ron, es geht.", bei diesen Worten blickte sie unwillkürlich zu Malfoy hinüber.

Er saß schwer atmend an die Wand gelehnt und umklammerte seinen linken Arm. Er spürte, wie ihn die Kräfte verließen, wie er langsam verblutete. Er konnte nicht länger wachbleiben, er war zu müde. Er wollte nicht länger über den Tod seiner Eltern nachdenken.

Er konnte nicht länger standhalten …