Langsam schloss er seine brennenden Augen, während sein Herzschlag immer schneller ging.
Seine Gedanken überschlugen sich, der Druck von innen wurde immer stärker, bis er alle Dimensionen überschritt.
Hermine hörte nur ein Rascheln und doch wusste sie sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.
Sie sah erst zu Ron, dann zu Malfoy.
Sie erhob sich und ging auf den Slytherin zu. Schließlich kniete sich das Mädchen neben ihm nieder.
Etwas war ganz furchtbar schiefgelaufen.
Hermine stieß Malfoy an, wieder und wieder. Doch er zeigte keine Reaktion. Plötzlich bemerkte sie, wie er zitterte. So als würde ihn etwas von innen verletzten …
Panisch packte sie ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Doch das Zittern ließ nicht nach, auch wenn es nicht stärker zu werden schien.
Sie ließ davon ab und versuchte stattdessen ihn hinunterzuziehen, sodass er auf dem Boden liegen würde. Aber es gelang dem Mädchen nur schwer, denn wenn der Krampf zuerst nur ein leichtes Zittern gewesen war, so begann es jetzt ihn regelrecht zu schütteln.
Hermine blickte flehend zu Ron, während sie versuchte Malfoy mit einer Hand gegen den Boden des Zimmers zu drücken, in der Hoffnung ihm damit zu helfen.
Langsam hatte sich Ron erhaben und ging auf Hermine zu, die neben Malfoy kniete und krampfhaft versuchte ihm zu helfen.
„Was soll ich tun?", fragte er sie tonlos.
„Das Wasser!", keuchte Hermine, die große Mühe hatte die Hand gegen seine Schulter zu pressen, da es ihn nun immer stärker schüttelte.
Ron griff nach dem Eimer und stellte ihn neben ihnen ab, während er immer noch unsicher zu den beiden hinübersah.
Hermine achtete nicht weiter auf ihn und griff noch den feuchten Fetzten, die immer noch im Wasser schwammen, das sich mittlerweile mit Malfoys Blut vermischt hatte und nun leicht-rötlich schimmerte.
Sie wrang ihn aus und legte ihm den feuchten Stofffetzen auf die Stirn, ihn jedoch festhaltend, aus Angst er könnte herunterrutschen.
Ihr Blick fiel abermals auf Ron, der immer noch, starr vor Entsetzen über das, was er sah dastand und zu ihnen sah.
„Ron!", rief sie, „Ron!".
„Ja?"
„Tu was! Ich weiß nicht, klopf an die Tür! Aber tu irgendwas!"
„Ich, - in Ordnung."
Vorsichtig schritt er in die Richtung, in der er die Tür in Erinnerung hatte und ging davor in die Hocke um sich zu vergewissern, ob man wirklich nichts hören konnte.
Plötzlich öffnete sich die Tür und traf Ron mit voller Wucht am Kopf, woraufhin er nach hinten kippte und sich erstaunt umsah.
Snape kam mit wehendem Umhang in den Raum gelaufen, bis er schließlich vor Hermine stehen blieb.
Im ersten Augenblick, hatte sie nicht bemerkt, dass jemand hineingekommen war, doch dann sah sie auf und erblickte ihn.
„Sie-", begann das Mädchen zu sprechen, kam aber nicht dazu ihren Satz zu vollenden.
„Sei jetzt still du dummes Gör und hör zu!"
„Aber-"
„Unterbrich mich nicht!"
„Bitte-"
„Ich spreche jetzt!", donnerte er, „Meine Zeit ist begrenzt, ich dürfte eigentlich garnicht hier sein. Aber ich bin es, nicht deinetwegen und nicht seinetwegen. Nein wegen Narcissa. Ich habe ihr ein Versprechen gegeben. Ich habe es geschworen, genau wie jene dort draußen, die es mit ihrem vergessen haben.", mit diesen Worten deutet der Todesser in Richtung Tür.
„Ihr Sohn darf nicht sterben, nicht durch unsere Schuld. Es war ihr letzter Wunsch und dieser ist bindend, selbst für den Dunklen Lord. Und somit auch für uns."
„Dann tun Sie doch etwas! Es liegt an Ihnen!", rief Hermine erschüttert.
„Es liegt tatsächlich ganz an mir, denn niemand sonst würde nur in Betracht ziehen, es zu tun. Und doch ist das Wort des Dunklen Lords Gesetz und somit darf ich ihm nicht helfen!"
„Und ihr letzter Wunsch? Ich dachte, der ist auch bindend, genauso Gesetz!"
„So ist es.", erwiderte ihr ehemaliger Professor leise.
„Aber er war doch Ihr Schüler!", rief sie entsetzt, darüber, wie kalt ein Mensch werden konnte.
„Das heißt nichts!", entfuhr es ihm.
„Sie mögen ihn doch, oder etwa nicht?", wütend blickten die beiden einander in die Augen.
„Und du, Miss Granger?"
„Ich-", sie wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte. Es war nicht so, dass sie ihn mögen würde, doch sie wünschte niemandem den Tod, selbst ihm nicht.
Haus in einem Londoner Vorort, 1997
„Hermine?"
„Ja, Mutti?", das Mädchen ahnte nichts Gutes, denn das Gesicht ihrer Mutter schien, wie versteinert.
„Komm mal her zu mir.", sie zog ihre kleine Tochter zu sich auf den Schoß und blickte ihr in die Augen.
„Was ist denn los Mami? Du schaust so traurig aus …"
„Es ist nur-", sie brach ab, ihre Tochter würde damit bestimmt nicht zurechtkommen.
„Ja?", Hermine zupfte ungeduldig am Ärmel ihrer Mutter.
„Liebes, es ist dein Wellensittich. Wir haben ihn gefunden."
„Wirklich? Aber Mutti, das ist doch gar kein Grund traurig zu sein, schließlich macht es mich doch froh!", rief sie und umarmte ihre Mutter.
„Ich geh und will nach ihm schauen!", meinte Hermine freudig, löste sich von ihrer Mutter und lief zum Käfig im Wohnzimmer, der seit einer Woche leer gestanden hatte.
„Aber was ist denn mit ihm? Mama, ist er krank?", das Mädchen hatte ihn mit beiden Händen gefasst und lief mit ihm zu ihrer Mutter.
Wie als Beweis hielt sie ihr, das Tierchen hin.
„Es tut mir ja so Leid."
„Warum? Was ist denn mit ihm los?"
„Weißt du, er muss wohl gegen eine Wand geflogen sein. Er war wahrscheinlich etwas verwirrt, wo er so viel Freiraum hatte.", erklärte ihr die Mutter zögernd.
„Warum war er denn von der Freiheit verwirrt, er ist doch selbst weggeflogen?"
„Er kann doch nichts dafür Liebes. Er ist doch nur ein Vogel."
„Aber-"
„Keine Angst, du bist nicht Schuld. Auch wenn du deinem Vater erlaubt hättest ihn vom Birnbaum runterzuholen, wäre es nicht sicher gewesen, dass es nicht später passiert wäre.", kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, wusste sie auch schon, dass es ein Fehler gewesen war.
Hermine würde bestimmt denken, sie sei Schuld.
„Ich bin Schuld?", flüsterte das kleine Mädchen mit Tränen in den Augen, „Aber, ich wollte es doch gar nicht!"
Und mit diesen Worten, wandte sie sich um und ging die Treppe zu ihrem Zimmer im oberen Stockwerk hinauf. Wobei sie den Wellensittich in ihren kleinen Händen vorsichtig nach oben trug.
Schließlich stieß sie ihre Zimmertür auf und setzte sich dann auf ihr Bett. Das Mädchen ließ den Wellensittich auf ihren Schoß gleiten, doch der Vogel blieb auf dem Rücken liegen ohne sich zu bewegen.
Ab und zu öffnete und schloss das Vöglein den Mund, doch abgesehen davon, rührte es sich nicht.
Sachte strich Hermine ihm über den Bauch. Der Vogel würde vielleicht nie mehr gesund werden und es war ihre Schuld.
Lange saß sie noch auf ihrem Bett und streichelte ihn. Bis ihre Mutter die Tür öffnete, hereinkam und sich dann zu ihr setzte.
„Lass mich mal Liebes.", flüsterte sie sanft und nahm ihr das Vöglein aus der Hand, sie legte ihren Finger dorthin, wo man den Puls spüren sollte.
Doch dort war nichts, der Vogel war tot.
„Es ist vorbei.", sagte sie nur kurz.
Mit Tränen in den Augen blickte das Mädchen zu ihrer Mutter auf, die ihr tröstend den Arm um die Schultern legte.
Sie war sich ihrer Schuld nicht bewusst gewesen, sie hatte sine Chance gehabt es zu verhindern, doch sie hatte sie nicht genutzt. Damals war es ein Wellensittich, sie wollte, dass es diesmal ein Mensch wäre. Sie hatte einen Fehler begangen, doch sie würde ihn nicht noch mal begehen.
Ihr Vöglein war damals in ihren Armen gestorben. Nicht ein zweites Mal, nie wieder … sie hatte es sich geschworen.
Sie war erwachsener geworden ohne dass es ihr bewusst gewesen wäre.
Sie hatte die Bedeutung von Schuld und Unschuld erfasst und begriffen, dass es ganz egal war, was der Andere in der Vergangenheit getan hatte, wichtig ist nur, die Gegenwart.
„Hörst du zu Granger?", unsanft riss Snape sie aus ihren Gedanken und plötzlich wurde ihr klar, dass sie sich immer noch mit ganzem Gewicht gegen Malfoys Schulter stemmte, um den Schüttelkrampf zu beenden. Bis jetzt erfolglos.
„Bitte?", erkundigte sie sich, bemüht möglichst reuevoll zu klingen.
„Ich fragte dich, ob du ihn denn magst.", erinnerte er sie.
„Im Grunde nicht.", antwortete sie wahrheitsgetreu, jedoch mit einem Zögern in der Stimme.
„Was interessiert es dich dann, ob er lebt oder stirbt?"
„Ich möchte es einfach nicht! Und was ist denn mit Ihnen. Wie kann man jemanden mögen und es dann, kaum dass es unbequem wird, sein lassen?"
„So sind Menschen nun mal. Oder würdest du ihm helfen, wärt ihr noch in Hogwarts?"
Sie blickte betreten zu Boden, er hatte Recht, sie würde es nicht tun.
„Nun? Weißt du darauf keine Antwort, Miss Granger?"
„Es kommt nicht darauf an, was gewesen wäre, sondern was ist.", flüsterte sie.
Lange schwiegen sie alle und niemand sah den anderen, auch wagten weder Ron noch Hermine, die Stille zu brechen.
Bis Snape es schließlich tat: „Da könntest du Recht haben …"
„Helfen Sie ihm doch. Wenn sie mir Recht geben!"
„Dann will ich es tun. Nimm das hier.", meinte er und nahm ihr ein Fläschchen, gefüllt mit einer pechschwarzen und für Hermine völlig unbekannten Substanz, aus der Tasche seines Umhangs.
„Ist das alles?", rief sie enttäuscht, „Woher soll ich denn wissen, dass das kein Gift ist? Geben Sie mir Medikamente!"
„Du hast hier nichts zu verlangen! Also nimm es, oder lass es!"
Hermine antwortete nicht, sie versuchte einzig und allein ihre Enttäuschung zu verbergen.
„Wenn du es nicht nimmst, brauche ich auch nicht gegen die Regeln zu verstoßen.", meinte er kalt und ging in Richtung Tür.
Hermine warf einen Blick auf Malfoy, dessen Schulter sie immer noch gegen den Boden drückte und sie wollte Snape einen kurzen Augenblick lang nachrufen, dass sie den Trank doch nehmen wollte, doch es hätte nichts genützt.
Sie hatte ihre Chance verspielt, schon wieder.
