Sie sah dem ehemaligen Professor nach. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor bis er endlich die Tür erreicht hatte und den Raum verließ.
Warum hatte sie den Trank nicht genommen?
Warum musste sie immer alles überdenken?
Warum konnte sie nicht ein einziges Mal etwas tun, ohne anderen zu schaden?
Im Grunde schien es ihr sinnlos sich Mal für Mal die gleichen Fragen zu stellen, um immer wieder festzustellen, dass sie die Antworten nicht kannte.
Sie ließ davon ab, Malfoy zu Boden zu drücken. Sie hatte begriffen, dass es ohne Hilfe nicht gehen würde. Auf ein Mal kam sie sich selbst so einsam und verlassen vor. Denn ihr wurde klar, dass die Verantwortung zu groß war, um sie allein tragen zu können.
Hermine fasste beide Arme Malfoys und legte sie sachte auf einander.
Jetzt, da sein Schicksal gewiss war, würde sie nicht noch ein Mal eingreifen.
Sie würde ihm einen schnellen Tod gewähren, ihn nicht hinauszögern und sein Leiden somit zu verlängern.
Sie ließ seine Arme los und blickte ihn an, doch das Schütteln endete nicht.
Ob er den Schmerz jetzt noch spürte?
Plötzlich hörte Hermine ein Geräusch, als würde etwas über den Boden rollen. Unwillkürlich sah sie erst auf den Boden, dann zu Snape, der immer noch in der Tür stand.
Sie fing das Fläschchen, das langsam in ihre Richtung rollte, mit der Hand ab und hob es vorsichtig hoch.
Er war nicht gegangen, sondern war die ganze Zeit dagestanden und hatte sie beobachtet.
Dankend blickte sie ihn an, doch ehe sie etwas sagen konnte wandte er sich um und verschwand und mit ihm auch die Tür.
Hermine entkorkte das Fläschchen und roch daran, in der Hoffnung, am Geruch zu erkennen, was es war.
Verzweifelt ging sie in Gedanken jeden Zaubertrank, von dem sie gelesen hatte noch einmal durch und versuchte sich an diesen einen zu erinnern.
Doch ihr kam es so vor, als hätte sie von einem solchen Trank, mit dieser Konsistenz und Farbe, noch nie etwas gehört.
Doch woher sollte sie dann wissen, ob es tatsächlich ein Heiltrank war? Woher?
Snape war gegangen, sobald sie nicht bereit gewesen war, eine klare Antwort zu geben. Worin lag die Begründung?
Hatte sie ihn so sehr gekränkt, als sie meinte, dass es gefährlich sei?
Oder war der Grund sein schlechtes Gewissen?
Aber so lang sie auch darüber nachdachte, kam sie doch nur auf eine einzige Lösung …
Sie würde ihn ihm geben, trotz ihrer Zweifel und trotz des unguten Gefühls, das in ihr aufstieg.
Hermine entschloss sich es sofort zu tun, wenn sie länger wartete, würde sich sein Zustand bestimmt verschlechtern.
Sie kniete sich neben Malfoy hin. Noch ein Mal überdachte sie ihre Entscheidung.
War es richtig? Sollte sie das Risiko eingehen? Es einfach so versuchen?
Sie kam zum gleichen Schluss, wie zuvor. Sie würde es tun.
Vorsichtig setzte Hermine das Fläschchen an seine Lippen und ließ es ihn trinken. Hermine versuchte ihre Hände so ruhig, wie möglich zu halten, doch es gelang nicht, da das Schütteln nicht aufgehört hatte.
Plötzlich bemerkte sie, wie er würgte, anscheinend hatte er, den Trank, doch nicht getrunken.
Ruckartig zog sie das Fläschchen hoch, wobei sie einiges verschüttete.
‚Verdammt, wie soll ich ihm denn den Trank geben, wo es ihn doch die ganze Zeit schüttelt?', dachte sie verzweifelt, während sie sich hilfesuchend nach Ron umsah.
„Ron!", versuchte sie zu rufen, doch ihre Stimme glich mehr einem Flüstern.
„Ja?", antwortete ihr dieser gedehnt.
„Hilfst du mir kurz?", fragte sie ihn tonlos.
„In Ordnung.", er erhob sich und kam auf sie zu.
„Kannst du Malfoy festhalten, während ich ihm dashier gebe?", erkundigte Hermine sich vorsichtig.
„Ich? Drehst du in dem Raum völlig durch? Erst willst du ihm helfen, wo er uns die ganze Zeit fertig gemacht hat und jetzt soll ich ihn auch noch festhalten, damit du ihn pflegen kannst?", erwiderte er ungläubig.
„Es ist doch nur … es wäre unfair ihn einfach sterben zu lassen.", sagte sie leise und blickte ihn mit feuchten Augen an.
„Von mir aus, können wirs ja andersrum machen. Du hältst ihn fest und ich geb ihm das Zeugs.", meinte Ron versöhnlich, dem es weh tat, Hermine so besorgt zu sehen.
„Ich – danke.", murmelte sie erleichtert.
„Na dann gib mir den Trank mal!", forderte Ron sie auf.
„Hier.", Hermine überreichte ihm, das immer noch geöffnete Fläschchen, sorgsam darauf bedacht, den restlichen Inhalt nicht zu verschütten.
Vorsichtig fasste sie Malfoy mit der einen Hand an der Schulter und hielt ihm mit der anderen den Kopf gerade, so dass Ron ihm den Trank verabreichen konnte.
Als dieser erneut zu würgen begann, klopfte Hermine ihm besänftigend auf die Schulter.
„Mach schon … du schaffst das.", flüsterte sie ihm zu, während sie inständig hoffte, er würde den Trank schlucken, da sie nun nichts mehr davon übrig hatten.
Da kam ihr plötzlich der Gedanke, was wenn sein Körper sich gegen das Gift wehrte, welches in jenem Trank gewesen war?
Besorgt sah sie zu Ron hinüber, ihn schien es jedoch nicht zu kümmern.
Hermine ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen.
Dieser Raum …
‚Warum sind wir hier?
Warum jetzt?
Warum nicht später?
Warum gerade Ron und ich?
Warum nicht Harry?'
Und plötzlich wurde es ihr klar, sie begriff die ganze Situation. Sie hatte sich all ihre Fragen selbst beantwortet und das durch nur einen einzigen Gedanken: ‚Warum nicht Harry?'.
Sie waren unwichtig. Ron und Hermine nur das Mittel zum Zweck.
„Hermine, was ist denn mit dir?", besorgt beugte Ron sich über sie.
„Alles ergibt plötzlich Sinn ..."
„Was denn? Was ergibt Sinn?"
„Das alles hier.", murmelte sie, überrascht, wie lange sie gebraucht, um zu erkennen, warum sie hier waren.
„Und welchen Sinn macht das? Dass wir hier sind, hier mit ihm?", rief Ron wütend, während er auf Malfoy deutete, „Was haben wir, du und ich verbrochen? Was wollen die von uns?"
„Gar nichts.", antwortete sie ihm leise, aber bestimmt.
„Nichts? Wieso sind wir dann hier?"
„Du hast vorhin gesagt, an uns ist nichts besonderes, nichts, was ihnen von Nutzen sein könnte.", sie holte tief Luft, bevor sie weiter sprach: „Nun, du hast Recht! Wir sind nicht besonders! Aber Harry ist es!"
„Und wir sind seine besten Freunde.", vollendete er ihren Gedanken für sie.
„Die ganze Zeit haben sie versucht Harrys Schwächen herauszufinden und ihn damit zu überlisten. Die Todesser haben lange gebraucht, erstaunlich lange sogar. Doch nun haben sie sie erkannt. Harrys größte Schwäche: seine Freunde.", endete sie schließlich traurig.
„Aber wieso haben sie so lang gebraucht, um es herauszufinden?"
„Ich vermute mal, Voldemort, hat sehr, sehr lange nachdenken müssen, bis er begriffen hat, dass für manche Menschen Freundschaft mehr zählt, als ewiges Leben oder Reichtum."
„Dann brauchen sie uns nur, um Harry herzulocken?"
„Ich fürchte schon.", entgegnete Hermine.
„Harry wird doch nicht herkommen, oder? Er wird doch nicht noch mal auf den gleichen Trick, wie damals bei Sirius?", fragte Ron, wobei er versuchte möglichst überzeugend zu klingen.
„Also weißt du, das glaub ich kaum. Überleg dir, seine Eltern und Sirius, sie sind alle durch Voldemort gestorben. Und du denkst wirklich, er würde die Tatsache, das wir auch durch ihn sterben könnten, einfach so lassen, weil es eine Falle sein könnte?"
„Nein.", antwortete er ihr kleinlaut.
„Glaub mir, er wird herauskriegen, wo wir sind, dass sie uns gefangen halten, einfach alles. Und dann wird er sich aus der Schule schleichen und herkommen."
„Wundert sich eigentlich keiner, dass wir nicht in Hogwarts sind?", fragte Ron, dem plötzlich klar wurde, dass sie in der Schule sein müssten.
„Selbst wenn, McGonagall jetzt Schulleiterin ist, sie wird kaum etwas für uns tun können, damit würde sie riskieren, dass Hogwarts geschlossen wird …"
„Und wir, warum ist keinem aufgefallen, dass wir nicht da sind?"
„Weil das Schuljahr erst vor zwei Tagen begonnen hat, wir hätten von der Schule genommen werden können. Das hätte niemanden überrascht.", meinte sie immer noch mit einer Spur Trauer in der Stimme, „Vor allem bei mir nicht. Ich bin muggelstämmig. Alle nehmen jetzt wahrscheinlich an, dass ich abgegangen bin, weil das Risiko zu hoch wäre."
„Aber-", begann Ron zu sprechen.
„Das ist unwesentlich. Du verstehst nicht. Harry wird hier herkommen und versuchen, uns zu befreien."
„Er sollte nicht …"
„Aber er wird es tun. Gib ihm noch ein, zwei Wochen Zeit und er hat herausgefunden, wo wir sind und wie er uns hier rausholen kann. Aber genau das, müssen wir verhindern!", rief sie verzweifelt.
„Und wie willst du das tun? Vielleicht Voldemort fragen, ob er dir kurz seine Eule leihen kann, damit du ihm schreiben kannst? Oder Snape um Hilfe bitten?", fragte er aufgebracht.
„Nein, es geht viel einfacher. Wir müssen fliehen!", entgegnete Hermine überzeugt, während sie ihre Stimme senkte, so dass Ron sich vorbeugen musste, um zu verstehen, was sie sagte.
„Wie willst du das anstellen? Wie willst du aus einem Raum fliehen, der weder Fenster noch Türen hat?", er hielt kurz an, jedoch nur um Luft zu holen und danach sofort weiter zu sprechen: „Na schön, nehmen wir mal an, du findest eine Möglichkeit, aus diesem verfluchten Zimmer rauszukommen. Aber was machst du danach? Du weißt nicht, wie's dort aussieht, wo Wachen sind, ob wir eine Chance hätten, da durchzukommen …"
„Aber-", setzte Hermine an, wurde aber sofort von Ron unterbrochen: „ Gut, wir könnten annehmen, dass wir das auch irgendwie geregelt kriegen, wir sind ja schließlich nicht unerfahren in solchen Sachen, aber da gäbe es noch eine Frage. Was machen wir mit ihm?", erdeutete auf Malfoy.
„Nehmen wir ihn mit? Wenn ja, sollen wir abwarten, wie er auf Snapes Gemisch reagiert? Oder wollen wir ihn tragen? Oder warten, bis er wieder bei Bewusstsein ist und dann gehen?
Dann stellt sich außerdem noch die Frage, ob wir nicht ohne ihn fliehen könnten, aber warum haben wir uns dann die Mühe gemacht ihn zu verarzten, um ihn dann schließlich doch sterben zu lassen?
Und wenn wir eine Antwort auf all die Fragen gefunden haben, werden wir mitkriegen, dass das erst die Spitze des Eisbergs ist. Hermine, das was ich eigentlich sagen will ist: Wir müssen uns vorbereiten …"
„Ich weiß es doch!", flüsterte sie und ihre Stimme klang dabei so leise und brüchig, dass sie sich wunderte, wie Ron sie überhaupt verstehen konnte.
„Also?", fragte er sie sanft.
„Was also?"
„Was ist mit ihm?", entgegnete Ron, etwas heftiger als er es geplant hatte, während er abermals auf Malfoy deutete.
„Wir können ihn nicht einfach hier lassen.", sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihrem Freund.
