Noch immer lehnte Lucius an der kalten Mauer und blickte in die Ferne, sein Blick streifte über das Anwesen.

Er sah die Bäume, die Blumen, die Tiere und schließlich auch den See, alles um ihn herum schien zu erblühen und aufzuleben, nur er nicht. Lucius bemerkte die Wellen, die vom Wind angetrieben, an einem Fels, mitten im Wasser, zerbarsten.

Und ihm würde genauso geschehen. Er wollte sich nicht binden, er brauchte keine Freunde und er Recht keine Ehefrau, es wäre um seine Freiheit geschehen, er hätte eine Familie, würde die Verantwortung für sie tragen, er müsste arbeiten …

Doch es war ihm unmöglich das alles seinem Vater zu sagen.

Wie sollte er ihm erklären, dass er jenes Leben führen wollte, dass ihm verwehrt blieb? Wie könnte er das verstehen, dass sein Sohn das verdient hätte, was er nicht erreichen konnte?

Es wäre unbegreiflich für ihn. Sein Vater wählte für ihn eine Frau, die er ehelichte, genauso wie dessen Vater es für ihn getan hatte und ebenso, wie er es für seinen Sohn würde tun müssen. Ein ewiger Kreislauf, den niemand zu unterbrechen wagte …

Bis auf ihn. Niemals würde er sein Kind zu etwas derartigem zwingen, er würde nicht wie sein Vater werden.

„Es ist wunderschön, nicht wahr?", bemerkte Narzissa, als sie merkte, dass er mit glasigen Augen den Wellengang beobachtete.

Vielleicht gab es doch Hoffnung in einer fernen Zukunft …

Auch wenn sie einander niemals liebten, sie könnten wenigstens zu einander sprechen, wie Freunde.

„Es ist tatsächlich … bezaubernd.", er wandte sich langsam ab und sah sie an.

„Warum siehst du sie dir an, wenn du es gar nicht möchtest?", fragte Narcissa ihn leise.

„Weil ich doch auch hier bei dir stehe, ohne es zu wollen.", antwortete Lucius gefasst.

Nun würde sie sich umdrehen, sie würde weinen, aber es ihn nicht merken lassen und dann würde sie unauffällig das Thema wechseln und das alles, in dem Glauben, er ahne nichts davon.

Doch er wusste es, so hatte seine Mutter es etliche Male bei seinem Vater getan und sie waren doch alle gleich, die Frauen, die die Väter ihren Söhnen auswählten.

Hübsch, reinblütig und naiv.

Denn ohne es zu bemerken, verband diese Männer doch etwas mit ihren Frauen, deshalb wählten sie ebensolche Mädchen, wie ihre Ehefrauen es einst waren für ihre Söhne aus. Doch das macht es für jene umso leichter diese Frauen zu hintergehen, so wie ihre Väter es taten.

Im Moment des Glücks, als sie erfahren, in welche Familie sie aufgenommen werden, verlieren sie den Bezug zur Realität.

In ihrem Inneren hofft jede junge Frau, dass er sie trotzdem liebt, aber nur zu verschlossen ist ihnen diese Liebe zu beweisen, selbst wenn sie weiß, dass sie sich falsche Hoffnungen macht, sie wird nicht damit aufhören, denn ihr ganzes Leben lang, seit ihrem vierten Geburtstag, träumt sie von dem Prinzen, der nur sie, sie und keine andere liebt, der auf ewig zu ihr gehören wird.

Und selbst wenn die Mädchen zu Frauen werden, wollen sie es nicht verstehen, sie fühlen zwar, dass etwas nicht stimmt, doch nicht eine von ihnen, würde es zugeben, wenn sie auch verzweifelt nach einem Grund, für die unglücklichen Verhältnisse zu Hause sucht, bleibt er ihr verborgen.

Und schließlich scheinen die meisten dieser armseligen Frauen zu begreifen, dass ein Beweis dieser blühenden Liebe fehlt, das wird es sein, was ihre Männer so verstimmt, das ist es, was er sich wünscht. Aber natürlich ist er auch jetzt zu verschlossen und zu streng erzogen, um es auszusprechen, also nehmen sie die alles auf sich.

Und wenn der Beweis erst da sein wird, wird es besser werden.

Natürlich verändert sich nichts und die Frau schenkt all die Liebe dem kleinen Kind, mit dem sie nun ihre Tage und Nächte teilt. Es ist jene unerfüllte Liebe zu ihrem Mann, welche das Kind dazu treiben wird, seine Eltern bereit in sehr jungem Alter zu verlassen.

Die Mutter ist ebenfalls noch nicht sehr alt, wenn ihr Kind sich von ihr löst, so verwendet sie all ihre Kraft darauf, möglichst schöne Dinnerpartys zu geben und ihre Freundinnen, zum Tee einzuladen, oder ihnen die gepflegten Gärten auf ihrem Landsitz zu zeigen, in der Hoffnung, damit den Anschein einer immerjungen, aktiven, glücklichen Frau aufrecht zu erhalten, die sie zweifellos niemals war und nie sein wird.

Doch wenn diese Frauen den Stillstand in ihrem Leben bemerken, fällt ihnen zum ersten Mal, die ständige Abwesenheit ihres Mannes auf, sie beginnen sich Sorgen zu machen, darüber, weshalb er nicht mehr zu ihnen ins Bett kommt, sondern es vorzieht im Büro zu übernachten.

Die ersten Zweifel machen sich breit. Sie erfahren von Dritten, was es mit der ständigen Absenz ihres Mannes aus sich hat, wie er Nacht um Nacht bei einer anderen Frau verbringt.

Sie werden sich der Blicke bewusst, die ihr Mann dem Mädchen an der Straßenecke zu wirft, selbst wenn sie gemeinsam unterwegs sind.

Und die Frau beginnt zu altern, ihre Haare werden rarer, verfärben sich weiß, ihre Haut hängt schlaf hinunter …

Und praktisch am Ende ihres Lebens angelangt müssen sie feststellen, dass sie ihren Männern niemals etwas bedeuteten, nicht in der Jugend und auch jetzt nicht. Sie verstehen nun, weshalb sich ihre Kinder von ihnen abgewandt haben und dass sie sie nicht mehr brauchen, nie mehr brauchen werden.

Lucius blicke auf und sah, wie Narzissa sich abgewandt hatte und er begriff, dass er jener jungen Frau dieses Schicksal nicht wünschte. Bis vor einigen Wochen, war sie ihm nie aufgefallen, er hatte sie nicht gekannt. Und nun waren sie verlobt, und er kannte sie immer noch nicht.

Er wollte es auch nicht. Denn wenn er es täte, würde es ihm schwerer fallen, sie so zu verletzten und er könnte es vielleicht nicht. Aber in diesem Augenblick war es noch nicht so weit fortgeschritten. Sie hatte noch eine Chance glücklich zu werden.

Er hatte gesehen, wie liebend ihr Vater sie angesehen hatte und wie glücklich ihre Mutter war. Ja. Für sie bestand noch Hoffnung, im Gegensatz zu ihm.

„Wein nicht.", besänftigte er sie während er sich von hinten näherte, „Du hast doch gar keinen Grund."

Lucius hörte sie nichts erwidern, so dass er sich ihr weiter näherte.

„Ich weine nicht.", sagte Narzissa auf einmal und wandte sich zu ihm um, ihre Augen waren gerötet, aber sie weinte tatsächlich nicht.

„Nicht mehr.", sagte er und reichte ihr ein Taschentuch.

Für einen Augenblick weiteten sich ihre Augen vor Überraschung, doch im nächsten Moment hatte sie sich schon wieder gefasst. Sie hob das Taschentuch hoch und bemerkte das Wappen, der Malfoys, welches darauf gestickt war, ebenso wie seine Initialen.

L. M., Lucius Malfoy.

Sie fuhr sich kurz damit über die Augen und ließ die Hand schließlich sinken.

„Sieh doch.", begann er wieder zu sprechen, „Ich weiß, dass du mich genauso wenig heiraten möchtest.", sagte er dann.

„Aber, wie kommst du denn darauf?"

„Und weshalb, möchtest du meine Frau werden? Vielleicht weil du meine Persönlichkeit so angenehm findest? Oder weil du mich einfach magst?", seine Stimme klang sehr ernst, er sah sie nicht an, stattdessen ruhte sein Blick auf dem Grabmal hinter ihr.

„Ich weiß es auch nicht.", antwortete sie schließlich und senkte den Blick, nicht aus Demut, sondern aus Scham, darüber, wie sie ihn anlog, dass sie ihn heiraten wollte, obwohl er sich Mühe gab, vernünftig mit ihr darüber zu sprechen.

„Aber ich weiß es!", donnerte er und wandte sich nun ab.

„Lucius.", sagte sie, „Aber, ich kann doch nicht-"

„Deine Mutter enttäuschen? Deine Schwester ans Messer liefern? Deinen Vater verraten? Und deine Ahnen entehren?", er drehte sich wieder zu ihr um und blickte ihr in die Augen, „Ich will dir etwas sagen. Deine Eltern werden das verstehen, wenn sie dich und lieben und wenn sie sich gegenseitig auch lieben, dann umso mehr. Deine Schwester ist bei weitem beständiger und vernünftiger, als du. Sie wird zu verhindern wissen, dass man sie gegen ihren Willen verheiratet. Und deine Vorfahren sind tot! Sie können dir nichts mehr anhaben!"

„Aber so ist es doch gar nicht.", sie trat einen Schritt zurück und sah ihm in die Augen, „Denkst du denn, dass ich so bin?"

„Natürlich, eben so."

„Warum, warum nimmst du das von mir an?", sie kehrte ihm den Rücken zu und schritt auf das Grabmal ihres Onkels zu.

Während die Kiesel unter ihren Schuhen aneinander stießen, vernahm sie Lucius Schritte hinter sich.

Nach kurzem Bedenken nahm sie den Platz ein, auf dem Regulus die ganze Beerdigung über, gestanden hatte. Narcissa sah zu ihrem Onkel auf.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass er friedlich gestorben sei, im Schlaf, bei seiner Familie, die ihn durch die letzten Tage vor seinem Tode hindurch geleitet hatte.

Das war die Geschichte, die beinahe allen Familienangehörige und Freunden erzählt wurde. Nur der engste Kreis erfuhr die Geschehnisse, jener verhängnisvollen Nacht.

Doch der Schwindel flog auf, kam an die Öffentlichkeit. Ein Skandal, wie er so seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war.

Auch bis zu ihr war sie die durchgedrungen, die Wahrheit, auch wenn ihr Vater sie so sehr zu beschützen suchte.

„Du magst ihn, nicht wahr?", fragte sie Lucius.

„Wen?", erwiderte sie, selbst wenn Narzissa wusste, dass er ihn meinte.

„Regulus, deinen Cousin.", antwortete er, während er den Platz neben ihr einnahm.

„Wir sind Freunde, wenn es das ist, was du meinst.", noch immer sah sie ihn nicht an. Zu groß war die Angst, dass er die vielen Lügen an ihren Blicken erkennen könnte.

„Bestimmt."

„Nun, es ist so.", erwiderte sie und ihre Stimme klang dabei so emotionslos, als spräche sie von einer Fremden, anstatt von sich selbst.

Lucius berührte sanft ihre Schulter, so dass Narzissa sich zu ihm umwandte.

„Möchtest du es wirklich?", fragte er sie leise.

„Natürlich möchte ich das.", entgegnete sie nun, ihren Blick wieder zu Boden senkend.

„Dann sie mich an und sag es mir noch ein Mal!", forderte ihr Verlobter sie auf, „Sag, dass du es willst und nicht deine Familie. Oder das du es nicht deiner Schwester wegen tust, sondern um deinetwillen."

Kurz schloss Narzissa die Augen, bevor sie zu Lucius aufblickte. Tränen rannen über ihre blassen Wangen, ihre blauen Augen kaum wieder erkennen.

„Ich möchte dich heiraten, Lucius Malfoy. Weil es mein Wunsch ist …", sie brach in heftiges Schluchzen aus und presste die Hände vors Gesicht.

Immer und immer wieder hörte sie die Stimmen ihrer Eltern aufs Neue, Phrasen, welche diese immer wieder benutzen, die sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten:

Eine Dame, weiß immer zu lächeln, in jeglicher Situation, ganz gleich, wie aussichtslos sie scheint."

Mein Kind, wie willst du deinem Mann eine gute Ehefrau sein, wenn du immerzu weinst?"

Trage dein Herz auf der Zunge und du wirst niemals unantastbar sein!"

Es gehört sich nur selten seine Gefühle preiszugeben, doch für eine Black gehört sich das niemals!"

Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal geweint hatte …