Noch immer barg Narzissa das Gesicht in den Händen. Als die junge Frau auf einmal den Wind auf ihren Armen spürte, blickte sie auf.
Und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, das Lucius gegangen war, einfach fort.
Wie lange hatte sie dort, neben dem Grabmal ihres Onkels gestanden und geweint, ohne zu wissen weshalb.
Vielleicht weil der Druck, der auf ihr lastete, sie zu vernichten schien, bis nichts mehr übrig bliebe. Aber viel eher kam es ihr vor, als müsse sie nun jenes Leben führen, zu dem ihre Eltern niemals im Stande gewesen waren, ihre Mutter ebenso, wie ihr Vater.
Aber sie wollte es nicht, im Glanz einer angesehenen Familie leben, vollkommen allein, Stunde um Stunde, Tag für Tag.
Wie sollte sie jedoch die Menschen, die sie so sehr liebten dermaßen enttäuschen?
Nicht in eine vorteilhafte Bindung willigen, das Ansehen der ganzen Familie beschmutzen, ihre Schwester statt ihrer aufopfern?
Nein, auch das wollte Narzissa nicht.
Niemals würde Bellatrix dieses Schicksal so hinnehmen, wie es ist. Keine einzige ehrenwerte Tochter würde dem Haus der Blacks bleiben, nicht eine. Alle würden sie verstoßen werden von ihrem Vater.
Gedankenverloren bückte Narzissa sich und langte nach dem schwarzen Seidenschal, der nun, durchnässt vom Morgentau, auf dem Boden lag.
Die junge Frau blickte von einem Grabmal zum anderen. Jeder von ihnen war ein Black gewesen.
Sie schauderte, doch nicht die Toten und ihre Verstorbenen Seelen machten ihr Angst, sondern viel mehr die Realität, in die sie zurückkehren würde, sobald sie den Speisesaal beträte, um dem gemeinsamen Frühstück, nach der Zeremonie, beizuwohnen.
Als Narzissa das Tor zum Friedhof aufstieß, war alles um sie herum einen Moment lang still, doch dann setzten die Geräusche wieder ein. Das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blumen und das Plätschern des Wassers im See.
Vorsichtig schloss sie das Tor, so als würde sie hinter sich eine ganze Welt verschließen und lief über das Gras, die Wege missachtend.
Sie konnte fühlen, wie es unter ihren Schuhen nachgab, aber dieser Umstand erschwerte ihr das Vorankommen umso mehr.
Narzissa blickte zum See, sie sah die Wellen, das Ufer einfach alles. Um nichts in der Welt konnte die junge Frau begreifen, wie jemandem dieser Anblick verhasst sein könnte, wo sie ihn doch so sehr liebte.
Solange es ihr möglich war, sah sie immer wieder in jene Richtung, doch bald war sie daran vorbei.
Das Mädchen beschleunigte den Schritt. Narzissa sah auf und bemerkte, dass es nur noch wenige Meter bis zum Hintereingang des Palais waren.
Fast alles hierher lag noch im Schatten, nur die Forderfront des Hauses wurde hell von der Sonne erleuchtet.
Sie schritt auf die Tür zu, bereit sie zu öffnen, als ihr plötzlich jemand den Weg vertrat.
„Lucius.", flüsterte sie überrascht, „Was machst du denn hier?"
„Hast du nicht etwas verloren?", entgegnete dieser, ohne auf ihre Frage einzugehen. Er reichte seiner Verlobten einen Handschuh.
„Danke.", antwortete sie und behielt ihn in der Hand, ohne ihn überzustreifen.
„Warum ziehst du ihn nicht an?"
„Warum wartest du hier?", Narzissas Stimme rutschte eine Tonlage hinauf, ihr wurde ganz anders, als sie bemerkte, wie sein Gesicht sich verfinsterte. Langsam wich sie einige Schritte zurück.
„Mach keine Dummheiten Lucius.", rief sie, während sie immer schneller ging. Als der jungen Frau auffiel, dass er ihr folgte wandte sie sich um und begann zu laufen.
Ganz gleich, ob sie bereits verlobt waren, er würde nicht zögern, das zu tun, was er für angebracht hielt, um seine Freiheit zu erhalten.
Auch wenn das hieß, dass er sich ihrer entledigen musste.
Narzissa lief um die Ecke, sie presste sich schwer atmend gegen die Wand und hoffte im Schatten, den das Haus auf sie warf unentdeckt zu bleiben.
Ihr Puls schoss in die Höhe, selbst wenn sie versuchte sich zu beruhigen. Mit geschlossenen Augen lehnte sie an der Wand und hoffte endgültig mit ihr zu verschmelzen, während sie nichts um sich herum wahrnahm, außer der Angst.
Ihr Atem ging ruhiger, als sie plötzlich etwas auf ihrer Brust spürte. Zitternd öffnete sah sie auf und blickte direkt in Lucius Augen.
Die Sekunden vergingen und er sah seine Verlobte einfach nur an, ohne etwas zu tun, oder zu sagen, bis er schließlich den Zauberstab sinken ließ und sich abwandte.
„Hast du wirklich angenommen, dass du sterben wirst?", fragte er sie und blicke wieder in ihre Richtung.
„Es tut mir Leid, ich hätte nicht-", ein Gefühl der Reue stieg in ihr auf, so stark, dass es sie erdrückte.
„Nicht annehmen sollen, dass ich dich töten will? Oder das ich überhaupt dazu fähig bin?", er ging auf sie zu, solange, bis er direkt vor ihr stand.
„Ich hatte keine Angst vor dem Tod.", erwiderte sie flüsternd.
„Du denkst alle haben Angst vor dem Tod?"
„Ist es nicht so? Jeder spricht davon. Auch wenn er es nicht ausspricht, so ist es doch der Gedanke dahinter …"
„Nein, ist es nicht.", antwortete er, während er sich wieder einige Schritte von ihr entfernte, „Die Menschen wissen es nur nicht. Sie denken, dass es die Furcht vor dem Tod ist, was sie ängstigt. Aber, dem ist nicht so. Die Tatsache, dass er kommen wird und die Unwissenheit darüber, wann und wo, es von statten gehen wird, macht sie verrückt.", Lucius lächelte bitter und wandte sich wieder Narzissa zu.
„Das Sterben selbst, ist der Auslöser aller Ängste. Und sonst nichts …", fügte er immer noch lächelnd hinzu.
„Du machst mir Angst.", sagte sie und ihre Stimme zitterte.
„Das wundert mich nicht.", entgegnete er und das Lächeln verblasste.
„Warum, warum tut es das nicht? Wie bist du so geworden?"
„Das hat dich nicht zu kümmern. Lass mich sein, wie ich bin!", rief er.
„Darf ich dir eine Frage stellen?"
„Außer dieser einen, meinst du?"
„Eine persönliche.", entgegnete sie, ohne auf seine Bemerkung einzugehen.
Narzissa deutete sein Schweigen, als Zustimmung, doch noch immer konnte sie sich nicht aufraffen ihn zu fragen, die Antwort bereitete ihr jetzt schon Augenblicke der Angst, die nicht zu vergehen schienen.
„Frag doch endlich.", forderte er sie auf.
„Hast du schon jemals … jemals jemanden getötet?", jede Reaktion hatte sie von ihm erwartet, nur eine solche nicht.
Er fiel in sich zusammen. Seine Schultern klappten nach innen und er ließ den Kopf sinken, seine Knie schienen nachzugeben, doch er sah so teilnahmslos zu Boden, als wäre das nicht sein Köper …
Doch plötzlich schien ihm aufzufallen wo er war und mit wem er sprach, er richtete sich auf und nickte.
Narzissa war sich nicht gewiss, ob er die Worte aussprechen hätte können, die er eigentlich sagen wollte.
Doch in Wahrheit, war sich bewusst, dass es ihm nicht gelungen wäre, selbst wenn er den Wunsch gehabt hätte.
„Hast du nun noch mehr Angst vor mir?", fragte er sie leise, ohne den Blick zu erheben.
„Nein.", antwortete Narzissa, während sie an ihm vorbeiging, „Denn das, macht dich in meinen Augen menschlich, es macht für mich den Grund deiner Verschlossenheit verständlicher."
„Versuch nicht, das Schicksal anderer zu verändern, wenn du dein eigenes nicht ändern kannst.", sagte er, woraufhin sie sich umwandte, „Nimm dir nicht das Recht, mich zu richten, solange du mit deiner eigenen Persönlichkeit nicht zu Rande kommst."
Einen Moment lang, schien Narzissa nicht zu wissen, was sie auf eine solche Aussage erwidern sollte, denn sie wusste, dass er Recht hatte.
