Nur wenige Sekunden der Stille verstrichen, ehe diese von dem lauten Geräusch, zerspringenden Glases durchbrochen wurde.

„Lass uns gehen.", meinte Narzissa, doch aus ihrem Mund, klangen diese Worte weniger, wie eine Aufforderung, sondern viel mehr, glichen sie einer Bitte.

Als sie keine Antwort erhielt, ging sie auf Lucius, der sie noch immer nicht ansah, zu. Sachte fasste die junge Frau ihn an der Schulter, so dass er sich ihr zuwandte.

Kurz berührten ihre Finger seinen Umhang und sie konnte den weichen Stoff spüren, doch im nächsten Augenblick schob er ihre Hand auch schon wieder weg.

Auch wenn Lucius es sehr vorsichtig tat, wusste seine Verlobte, dass dadurch nur das unterdrückte Verlangen danach, ihre Hand noch im selben Moment wegzuschlagen, zum Ausdruck kam.

„Lucius, weißt du was mich dort erwartet?", fragte sie, ohne ihn anzusehen, ohne ihn den Schmerz in ihrem Inneren merken zu lassen.

„Mich etwa nicht?", entgegnete ihr Verlobter, während er immer noch ihre Blicke mied.

„Hätte ich von einem „uns" sprechen sollen, welches es für dich nicht gibt?"

Wie gerne hätte Narzissa ihm gesagt, dass es auch für sie keine Verbindung zu ihm gäbe, dass er Recht habe …

Doch wie könnte er ihr dann noch Glauben schenken, darauf vertrauen, dass es ihr Wunsch sei, ihn zu heiraten?

„Ich bin froh, dass du es nicht getan hast.", antwortete Lucius. Und erstmals glaubte sie ihm, sie wusste, dass er die Wahrheit gesprochen hatte.

„Sie erwarten mich beim Frühstück."

„Das kann mir egal sein.", entgegnete er.

„Ich weiß, aber du solltest es um deinetwillen tun.", kurz hatte sie ihm sagen wollen, dass er es für sie machen sollte, um ihretwillen, doch es wäre ihm gleich gewesen, was mit ihr geschähe, so sah sie sich gezwungen auf den einzigen Menschen zurückgreifen, dem er wohl jemals freiwillig geholfen hatte.

„Dann lass uns gehen.", erwiderte Lucius.

Narzissa ging langsam voraus, sie pochte an die Steintür, ohne die Türklopfer zu beachten.

Ihr Silber war schon längst dunkel geworden und die Augen, der sich darum windenden Schlangen, welche früher Edelsteine gewesen waren, schienen schon lange Zeit zuvor verloren gegangen zu sein. Und doch hatten die Ornamente weder an Glanz, noch an Schönheit verloren.

Während Narzissa ungeduldig mit den Fingern auf dem Türrahmen trommelte, blickte Lucius zum See.

Der Wellengang schien ruhiger, als zuvor, obwohl der See für ihn kaum zu sehen war, empfand er es so.

Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass der Wind sich gelegt hatte.

Plötzlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit.

Narzissa konnte in der Dunkelheit zwei große, gelbe Augen ausmachen, die hinaus zu spähen schienen.

Erst dann ging die Tür vollständig auf und enthüllte den Blick auf die Hauselfe, die soeben hinausgesehen hatte.

Lucius, der durch das Geräusch, welches beim Schaben der Steintür auf dem Boden entstanden war, abgelenkt schien, wandte sich seufzend vom See ab und betrat das Palais, seiner Verlobten folgend.

Die vergilbten Tapeten und der morsche Parkettboden ließen das Haus, alt und verfallen wirken, ebenso wie die Kronleuchter, deren Kerzen schon vor langer Zeit heruntergebrannt waren, das Licht das sie spendeten war mit ihnen erloschen. Alles schien nur den Abklatsch, des früheren Glanzes dieses Anwesens wiederzugeben, den es in diesen Räumen schon längst nicht mehr gab, denn die Menschen, durch die alles lebendig gewesen war, hielten sich nicht mehr in den Gärten auf.

Dieser Trakt war schon seit Jahren nicht mehr benutzt worden, jene Besucher, die nur kurzfristig hier verweilten, hatten die Freude an den Grünanlagen verloren.

Narzissa strich vorsichtig mit der Hand über die Tapete und als sie danach zitternd, ihre Fingerspitzen im schwachen Dämmerlicht ansah, konnte sie eine feine Staubschicht darauf entdecken. Ja, in den vielen Jahren, in denen sie nicht hier gewesen war, hatte sich alles verändert.

Mühsam riss die junge Frau sich von ihren Gedanken los und wandte sich der Hauselfe zu.

„Bring uns zum Speisesaal.", befahl sie ihr und obwohl sie so gerne ein einfaches „bitte" angehängt hätte, durfte sie auch das nicht, nicht in seiner Gegenwart.

„Sehr wohl Miss.", entgegnete die Elfe, während sie vorausging und Lucius und Narzissa hinter sich ließ.

Schweigend folgten sie ihr durch das Palais und je tiefer sie ins Innere des Hauses vordrangen, desto prachtvoller wurde die Einrichtung.

Das morsche Parkett wandelte sich zu dunkelgrünem Teppichboden und die vergilbten Tapeten zu Holzverkleidung.

Viele Gemälde zierten nun die Wände, schwarze Samtvorhänge bedeckten die hohen Fenster und selbst die Kerzen, der aus Silber gefertigten Kronleuchter, brannten und erleuchteten somit jene dunklen Flure, von denen sie hofften, dass sie sie zum Speisesaal führen würden.

So gerne hätte Narzissa die immerfort bestehende Stille durchbrochen, das andauernde Schweigen beendet, doch es gab nicht ein Wort, das es wert war jenes zu tun.

Im Gehen legte sie sich den Seidenschal um, so dass er ihre nackten Schultern verhüllte, ebenso strich sie das schwarze Kleid glatt, denn in eben dem Augenblick, in dem sie den Saal beträten, würden alle Menschen darin sie anblicken und sich somit das Bild machen, welches sich bis zur nächsten Familienfeier in ihr Gedächtnis einbrennen würde, das Bild, das sie immer vor Augen hätten, wenn sie sich ihrer erinnerten.

Die junge Frau setzte einen Fuß vor den anderen, ohne zu bemerken, wohin sie ging, ohne die wunderschönen Bilder um sich herum zu sehen, ganz allein darauf konzentriert, was in jenem Augenblick geschähe, in dem sie diesen Saal beträte.

Als Lucius neben ihr plötzlich innehielt, blickte sie ihn erstaunt an und stellte fest, dass er stehen geblieben war, um etwas anzusehen.

Langsam wandte sie sich zu und folgte seinem Blick, der auf einem jener in Silberrahmen eingefassten Gemälde ruhte.

Eine Familie war darauf abgebildet, ebenso, wie auf all den anderen Bildern in diesem Korridor.

Sie sah, wie er erst die beiden Erwachsenen, die darauf abgebildet waren und den Betrachter anlächelten beobachtete, die Frau mit den glatten, blonden Haaren und den Mann mit den schwarzen Locken, die beide umgeben von Blumen auf einer Wiese standen. Bis sein Blick auf jene drei Mädchen davor fiel, die einander an den Händen gefasst hatten und ebenfalls lächelten. Zwei von ihnen schwarzhaarig, jenes in der Mitte, das die beiden anderen an der Hand hielt hatte glattes Haar, das zu ihrer Rechten lockiges. Die beiden waren unverkennbar Schwestern, so ähnlich, wie sie einander waren.

Doch das dritte Mädchen ganz links schien sich nicht einzufügen, mit dem blonden, glatten Haar, welches ihr über die Schultern fiel.

1962 stand am rechten Bildrand, der Zeitpunkt an dem das Bild angefertigt wurde.

„Das ist meine Familie auf dem Bild, weiß du …", meinte Narzissa flüsternd.

„Die Kleine auf dem Bild schaut dir tatsächlich ähnlich.", entgegnete Lucius, während er auf das blondhaarige Mädchen deutete.

„Ja, stimmt, daran kann ich mich noch erinnern.", erklärte sie vorsichtig, ganz darauf bedacht die Unterhaltung, so fortzuführen, wie sie war, den Moment des Einklangs auszuleben.

Noch immer hatte Lucius sie kein einziges mal angesehen und er vermied es weiterhin, sein Blick ruhte stattdessen auf dem kleinen, blonden Mädchen auf jenem Gemälde, dem er heute ebenso, wie damals, viel lieber gegenüber gestanden hätte, als der jungen Frau, die er bald heiraten sollte.