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Herbst
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Kapitel 3
Über den Wolken
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Lustlos schlenderte Draco über das Schulgelände, weg vom Schloss, in Richtung des Verbotenen Waldes.
Die Morgensonne hatte es noch nicht geschafft, die letzten Nebelfetzen zu vertreiben. Zwar war Sonntag, Draco hätte also ausschlafen können, aber er hatte nach dem Gespräch mit Severus die ganze Nacht wach gelegen.
So vieles ging ihm durch den Kopf, quälte ihn. Er wusste nicht, ob er schreien oder weinen sollte, und zwischendurch hatte er immer wieder das Gefühl, überhaupt nichts zu empfinden.
Es tat so weh, dass sein Vater nicht mehr da war, unerreichbar für den Rest seines Lebens. Auch von seiner Mutter hatte Draco seit drei Monaten keine Nachricht mehr erhalten, wusste nur, dass sie am Leben und irgendwo auf dem Festland untergetaucht war. Seine Eltern fehlten ihm mehr, als er sich jemals hätte vorstellen können.
Draco war immer ein verwöhntes Kind gewesen. Er war vor allem mit materieller Zuneigung überschüttet, von seiner Mutter aber durchaus auch innig geliebt worden, so sehr, dass er es manchmal schon fast als erdrückend empfunden hatte. Im Gegensatz zu ihr war sein Vater kühl, fast schon kalt gewesen. Nur selten hatte er mit seinem kleinen Sohn gespielt, stets hohe Ansprüche an ihn gestellt, die mit den Jahren noch gewachsen waren, und Worte des Trostes und der Zuwendung waren rare Kostbarkeiten gewesen. Aber er hatte kein einziges Mal die Hand gegen seinen Sohn erhoben, und Draco war immer sicher gewesen, auch von ihm geliebt zu werden.
Draco liebte seine Mutter, doch seinen Vater hatte er verehrt.
Als er ihn nach dessen Haft in Askaban zum ersten Mal wiedergesehen hatte, waren sie beide in den Kerkern des Dunklen Lords gefangen gewesen – und sein Vater so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Er war Draco vorgekommen wie ein fragiles Objekt aus Glas, durchzogen von unzähligen haarfeinen Rissen, das jeden Moment zerspringen konnte.
Obwohl sein Vater kaum fähig gewesen war, seinen schlechten Zustand zu verbergen, hatte er doch alles getan, um seinen Sohn nicht merken zu lassen, wie versehrt an Leib und Seele er war. Draco war dankbar auf diese aus Liebe entsprungene Täuschung eingegangen und hatte sich geweigert zu sehen, was wirklich aus dem einst stolzen und mächtigen Lucius Malfoy geworden war.
Nach Severus' Geständnis aber konnte Draco nicht mehr verhindern, dass ihn alptraumhafte Bilder heimsuchten, die ihm seinen Vater zeigten, hilflos, ausgeliefert, am Ende seiner Kräfte, und Severus, der ihn brutal und rücksichtslos ...
„Ich will das nicht sehen!", sagte Draco laut und köpfte die nächstbeste Blume mit einem harten Schlag seines Zauberstabes.
Wütend marschierte er weiter. Als er an Hagrids Hütte vorbeikam, hielt er kurz inne. Der Halbriese schien nicht da zu sein. Auf jeden Fall schlug Fang nicht an, als Draco auf das Erdbeerbeet in Hagrids Garten zusteuerte und sich rasch die Taschen mit den süßen Früchten füllte. Es waren Hunderte von Erdbeeren, die hier wuchsen. Der Wildhüter würde den Verlust sicher verschmerzen können.
Und wenn nicht, ist mir das auch egal.
Ein Stück hinter der Hütte befand sich der große Pferch, in dem sie sich in Pflege magischer Geschöpfe mit allerlei lästigen Kreaturen hatten herumärgern müssen. Heute allerdings war weit und breit kein verdächtiges Wesen zu entdecken.
Draco schlüpfte zwischen den Zaunbalken hindurch und ging quer über die Koppel auf das Wäldchen am anderen Ende der Wiese zu. In dem Wäldchen gab es eine Quelle, die einen kleinen Back speiste. Sicher waren auch die Brombeeren schon reif, die er vor Jahren in einer von Hagrids öden Stunden dort entdeckt hatte. Vor allem war es ein stiller, versteckter Ort, wo ihn mit Sicherheit niemand stören würde.
Draco brauchte dringend einen Platz, an dem er in Ruhe nachdenken konnte.
Grashüpfer sprangen zirpend vor seinen Füßen hoch, als er sich der verwilderten Ecke der Koppel näherte. Mit beiden Händen bog Draco die Zweige zurück und schlüpfte in die Schatten der Sträucher.
Wo war die Quelle? Hatte es hier nicht irgendwo einen Trampelpfad gegeben?
Richtig, nach ein paar Metern durch widerstrebende Zweige und Ranken stieß er auf einen schmalen Pfad, dem er gedankenverloren folgte.
Er liebte versteckte, verwilderte Plätze. Auch zu Hause auf ihrem Landsitz hatte es eine große Zahl solcher verzauberter Orte gegeben. Schließlich hatten ihnen ringsum mehrere hundert Hektar Land gehört.
Natürlich hatten sie vorsichtig sein müssen. Muggel gab es überall, und Draco hatte auch als Kind nicht einfach mit seinem Besen über ihren Besitz preschen können. Aber sie hatten Pferde gehabt, prächtige arabische Vollblüter, und Draco war ein guter Reiter. Von klein auf war er stundenlang auf dem blanken Pferderücken durch Wald und Flur gestreift, oft an der Seite seines Vaters. Sie hatten ihre Liebe zu diesen hochblütigen, herrlichen Geschöpfen geteilt.
Zu Pferd hatte sein Vater einfach großartig ausgesehen, nicht in seinen üblichen hocheleganten Roben, sondern sportlich leger gekleidet, und manchmal hatte er sogar gelacht, aufrichtig und fröhlich ...
Ärgerlich fuhr Draco sich über die Augen, als könnte er so auch die Erinnerung wegwischen.
Was wohl aus ihren Tieren geworden war? Hatte das Zaubereiministerium sie versteigern lassen? Und wenn ja, an wen waren sie verkauft worden?
Vielleicht sollte er zumindest herauszufinden versuchen, was mit seinen eigenen beiden Pferden geschehen war. Vor allem mit Syrinx, der alten Rappstute, auf der er mit vier Jahren reiten gelernt hatte. Sie war ein so freundliches und sanftes Wesen, sie hatte es nicht verdient, dass –
Draco erstarrte, als er aus den Augenwinkeln eine rasche Bewegung wahrnahm, gleichzeitig ein lautes Knacken hörte.
Da war etwas ziemlich Großes unmittelbar hinter ihm ...
Sehr langsam drehte Draco sich um – und blickte direkt in zwei tückische, helle Raubvogelaugen.
Ein Hippogreif.
Draco blieb fast das Herz stehen. Ein riesiger, schlecht gelaunter Hippogreif, und sein scharfer Schnabel war kaum einen Meter von Dracos Gesicht entfernt.
Ganz ruhig. Keine Panik. Keine raschen Bewegungen.
Seine Beine fühlten sich wacklig, fast schon flüssig an, und seine Kehle war mit einem Schlag wie ausgedörrt.
Ganz langsam machte er einen Schritt rückwärts, dann einen zweiten.
Das Wesen folgte ihm.
Okay, falsche Taktik ...
Draco fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen, während sein Blick wie hypnotisiert an seinem vierbeinigen Herausforderer klebte.
Das Tier war grau. Silbergrau.
Grau? So wie ... Nein! Das ist jetzt bitte nicht wahr ...
Jeder Hippogreif sah anders aus, das war genau wie bei Pferden. Und soweit Draco sich erinnern konnte, hatte es in der Hogwarts-Herde nur einen einzigen grauen Hippogreif gegeben: Seidenschnabel.
Das kann nicht sein. Das Vieh ist verschwunden, seit Jahren schon.
Andererseits ... Seidenschnabel war seiner Exekution auf äußerst mysteriöse Weise entkommen. Ganz sicher hatte da Potter seine Hand im Spiel gehabt, wahrscheinlich sogar Dumbledore selbst. Das bedeutete, dass der graue Hippogreif vor Dracos Nase sehr gut Seidenschnabel sein konnte. Vermutlich hatte Hagrid ihn all die Jahre irgendwo im Verbotenen Wald versteckt – und jetzt, wo Fudge nicht mehr Minister, Dracos Vater nicht mehr am Leben war ...
Scheiße.
Was hatte Hagrid noch über Hippogreife gesagt? Hatten sie ein gutes Gedächtnis?
So, wie Seidenschnabel ihn anstarrte, musste man wohl leider davon ausgehen.
Okay, cool bleiben. Denk' nach. Rennen nutzt nichts. Der ist viel schneller als du. Einschüchtern kannst du auch vergessen. Der Einzige, der hier eingeschüchtert ist, bist du ...
Draco schluckte.
Alles, was ihm übrig blieb, war, sich vorschriftsmäßig zu verbeugen und dem Tier damit seinen ungeschützten Nacken zu präsentieren.
Das könnte leicht das Letzte sein, was ich tue.
Mit einem Mal nahm er seine Umgebung überdeutlich wahr. Das Knacken und Rascheln ringsum betäubte ihn fast. Er roch die Erde, das trockene Gras und das fremde Aroma des Wesens vor ihm und spürte, wie der Stoff seines Pullovers unangenehm rau über seine Haut schabte.
Draco schloss die Augen und sank auf die Knie. Er verbeugte sich nicht, er kniete sich hin, wie man vor seinem Henker niedersinkt. Die Augen hielt er fest geschlossen, wartete atemlos auf den tödlichen Schlag der messerscharfen Krallen, des mächtigen Schnabels.
Nichts geschah.
Die Zeit stand still.
Dann hörte Draco ein feines Flüstern und Rascheln. Er öffnete die Lider – und sah wieder in zwei orange Augen.
Es dauerte einen Moment, bis Draco begriff: Die Augen waren auf gleicher Höhe mit den seinen. Seidenschnabel hatte sich vor ihm verbeugt. Er verbeugte sich noch, um genau zu sein, verharrte ebenso regungslos wie der Mensch vor ihm.
Draco schloss die Augen wieder.
Danke. Oh Merlin, danke, dass ich noch lebe!
„Danke", sagte er leise. Seine Stimme bebte.
Der Hippogreif starrte ihn durchdringend an – und erhob sich.
Draco wartete, bis er halbwegs sicher war, dass seine Beine ihm wieder gehorchten. Erst dann stand auch er auf.
Seidenschnabel legte den Kopf schief. Zitternd streckte Draco eine Hand aus und berührte den glänzenden, scharfen Schnabel.
„Ich muss mich wohl bei dir entschuldigen", flüsterte er. „Ich wollte deinen Kopf bei uns im Gemeinschaftsraum aufhängen ... Und dabei war ich es, der unseren Streit angefangen hatte. Ich war sehr dumm damals. Vergibst du mir?", fragte Draco zaghaft.
Die grellen Augen ließen nicht von ihm ab. Plötzlich stieß Seidenschnabel einen schrillen Schrei aus und schlug heftig mit den mächtigen Flügeln.
Erschrocken stolperte Draco zurück. Der Hippogreif holte mit einem Vorderbein aus. Die scharfen Krallen zerteilten zischend die Luft.
Draco schlug das Herz bis zum Hals.
Doch das Wesen griff nicht an, faltete seine Schwingen wieder zusammen und legte erneut den Kopf schief. Draco hatte plötzlich das bestimmte Gefühl, dass Seidenschnabel sich über ihn lustig machte. Irritiert schüttelte er den Kopf.
Das Tier machte einen Schritt auf ihn zu und schien ein Stück in sich zusammenzusinken.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?", fragte Draco verblüfft. „Ich soll auf dir reiten?!"
Ein kehliger Laut war die Antwort.
Verrückt. Ich rede mit ihm, als ob er mich verstehen könnte. Andererseits – wer weiß? Vielleicht versteht er mich ja wirklich?
Unsicher machte Draco einen Schritt auf das Wesen zu.
Seidenschnabel stand völlig still. Draco trat an seine linke Seite, fuhr vorsichtig mit der Hand über die prächtigen Schwingen, den kräftigen Rücken, erspürte den Übergang von Federn zu Fell.
Der Hippogreif war wunderschön. Warum hatte er das nicht schon früher erkannt? Sacht strich er über die schimmernden Federn.
Er warf einen letzten prüfenden Blick in Richtung Vorderende – die leuchtenden Augen begegneten ihm mit undeutbarem Ausdruck.
Ach, was soll's. Man muss auch mal was riskieren im Leben.
Jetzt kam Draco seine Erfahrung mit Pferden zu Gute. Er suchte sich einen Halt am Flügelansatz des Tieres, stieß sich kräftig vom Boden ab und schwang sich auf Seidenschnabels Rücken. Die Beine schob er vorsichtig unter die mächtigen Schwingen.
Große Klasse, dachte Draco begeistert, als er den warmen, bebenden Leib zwischen seinen Schenkeln fühlte. Viel besser als ein Besen!
Seidenschnabel setzte sich ruckartig in Bewegung. Mit eng an den Körper gelegten Flügeln trabte er den schmalen Pfad entlang, schlängelte sich geschickt aus dem Dickicht heraus und auf die freie Fläche der Koppel. Sobald sie die Bäume hinter sich gelassen hatten, fiel der Hippogreif in einen holprigen und für Draco ziemlich unbequemen Galopp, breitete die Flügel aus, durchstrich mit ihnen einige Male die Luft – und hob ab.
„Wow!"
Draco war dankbar für seine jahrelange Reiterfahrung, für jeden einzelnen übersprungenen Baumstamm, für jedes Wettrennen, das er sich mit seinem Vater geliefert hatte. Seidenschnabels Rücken bot wenig Halt, der Hals hatte keine Mähne, in der man sich festklammern konnte, und in die empfindlichen Federn zu greifen wagte Draco nicht. Fest klemmte er die Schenkel hinter die Flügelansätze und spürte, wie die Muskeln des Tieres unter ihm mit jedem Schwingenschlag arbeiteten.
Nun, wenn es nichts gab, woran man sich festhalten konnte ...
Draco breitete die Arme aus, schloss die Augen und spürte den Wind, der ihm übers Gesicht strich, an seiner Kleidung riss.
Herrlich.
Als Seidenschnabel eine Viertelstunde später wieder auf der Koppel bei Hagrids Hütte landete, hatte Draco seinen Entschluss gefasst: Er würde alles tun, um seinen Vater zurückzuholen.
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