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Herbst
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Kapitel 4
Wolfsherz
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Draco atmete tief durch, ehe er an die Tür zu Remus Lupins Büro klopfte.
„Herein!", ertönte es von innen.
Die Tür schwang wie von selbst auf, und Draco blickte direkt auf seinen Lehrer, der an seinem Schreibtisch saß, vor sich einen Stapel Pergamente mit Schülerarbeiten, und offensichtlich gerade in deren Korrektur vertieft. Wie erwartet, schwebte Sirius' Geistergestalt in einer Ecke des Raumes. Wenn der Animagus nicht mit Harry unterwegs war oder im Aufenthaltsraum der Gryffindors herumlungerte, dann hielt er sich meistens bei seinem alten Schulfreund auf.
Das trifft sich gut, dachte Draco.
Er musste ohnehin mit beiden sprechen. Neben Severus, an den er sich definitiv nicht wenden wollte, war Remus vermutlich die kompetenteste Person im Schloss, wenn es um das Thema Nekromantie ging. Immerhin war die Totenbeschwörung ein wichtiger Zweig der Schwarzen Magie. Und Sirius war, abgesehen von Harry, aus dem Draco aber bereits alle diesbezüglichen Informationen herausgekitzelt hatte, und Severus, den er nicht mit einbeziehen wollte, der Einzige, den er über Details zum Tod seines Vaters befragen konnte. Darüber hinaus war der Animagus der einzige Geist in Hogwarts, von dem Draco wusste, dass er nicht aus eigenem Antrieb, sondern mit fremder Hilfe aus dem Totenreich zurückgekehrt war. Außerdem, wer hätte besser wissen können als ein Geist, wie es auf der anderen Seite aussah und was einem dort begegnen konnte?
Noch einmal holte Draco tief Luft.
Dann sagte er mit möglichst fester Stimme: „Remus, Sirius, ich bin hier, weil ich mit euch beiden sprechen muss."
Draco und Remus siezten sich nur vor anderen Schülern oder Lehrern. Nach den Geschehnissen im Ministerium hatten sie eine Zeit lang gezwungenermaßen zusammen am Grimmauldplatz gelebt, Draco als Harrys und Remus als Sirius' Gast, und waren sich dabei näher gekommen. Nicht so nahe wie während der Folter, aber nah genug, um sich mit Du und Vornamen anzusprechen. Das war jedoch kein Zeichen von Freundschaft. Die Spannungen zwischen ihnen waren körperlich spürbar, und vieles stand nach wie vor unausgesprochen im Raum.
Was Sirius anging: Er war Harrys Pate, und auch wenn – oder vielleicht gerade weil – er und Draco sich nicht ausstehen konnten, hatten sie nie eine Notwendigkeit für Höflichkeitsfloskeln gesehen.
Einen Moment lang zögerte Draco. Jetzt, wo es so weit war, fiel es ihm schwer, sein Anliegen auszusprechen.
Endlich überwand er sich. „Mit euch sprechen ... nicht über die Schule ... sondern über meinen Vater."
Er sah deutlich das nervöse Zucken in Sirius' Gesicht, die leichte Blässe, die über Remus' Wangen huschte.
Hastig ratterte er herunter: „Sirius, du warst dabei, als er starb – zumindest warst du geistig anwesend. Remus, du unterrichtest Verteidigung gegen die Dunklen Künste und meine Frage berührt dein Aufgabengebiet. Sirius, mein Vater, Harry und Snape haben dich zurückgeholt, ein Jahr, nachdem du durch den Vorhang gefallen warst. Was ich von euch wissen will, ist: Könnte man auch meinen Vater zurückholen? Und wenn ja, wie?"
Remus sog scharf die Luft ein.
Abwehrend schüttelte Sirius den Kopf. „Wie willst du das machen? Harry hat dir doch sicher alles erzählt, was er über die Sache weiß, oder?"
Draco nickte angespannt. „Ich denke schon, ja."
„Dann solltest du auch wissen, dass man dazu einen Schwarzmagier braucht. Mindestens einen."
Einen Schwarzmagier, ach ja?!, dachte Draco gereizt.
Er schob den linken Ärmel hoch, entblößte seinen Unterarm. „Und das hier? Schon vergessen?" Er hielt Sirius das Dunkle Mal unter die Nase.
Der Animagus verzog angewidert das Gesicht. „Das vergesse ich nicht, keine Sorge. Aber man braucht nicht irgendeinen jungen Burschen, der ein bisschen von Schwarzer Magie angekränkelt ist und, ja, wir wissen es, immerhin seinen ersten Mord hinter sich gebracht hat" –
„Sirius!", unterbrach Remus warnend.
Draco spürte, wie ihm heiß wurde vor Zorn. Nur selten hatte er mit Sirius gesprochen, und noch seltener war es dabei um den Dunklen Orden gegangen, aber Draco wusste, dass Harrys Pate ihn, seinen Vater und alle anderen Todesser verachtete, als wären sie nichts als Ungeziefer.
„Ich bin nicht von Schwarzer Magie angekränkelt! Mein Vater und meine Tante haben mir viel beigebracht! Natürlich bin ich nicht perfekt, ich bin siebzehn, ich brauche noch Zeit, um mich zu verbessern, aber" –
„Draco!" Diesmal sah Remus ihn vorwurfsvoll an. „Lass das bloß nicht Minerva hören! Die schmeißt dich glatt von der Schule ..." Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Finger weg von solchen Sachen, Draco! Sie schaden dir nur. Und deinen Vater – lass ihn in Merlins Namen in Frieden ruhen."
In Frieden ruhen! Etwas in Draco lachte auf, grell und bitter.
Er ballte die Hände zu Fäusten. „Wie holt man jemanden zurück?", fragte er voll mühsam unterdrückter Wut.
„Nein!", entgegnete sein Lehrer entschieden. „Von mir erfährst du kein einziges Wort."
Du mieser ...
„Ich will das wissen, verdammt noch mal!", fauchte Draco. Ein roter Nebel stieg in ihm auf und betäubte sein Denken und Fühlen. „Sagt es mir! Sagt–es–mir!" Er begann, im Rhythmus seiner Worte mit der Faust gegen die Wand zu schlagen, so heftig, dass die Haut abgeschürft wurde und seine Hand zu bluten begann. „Verdammt–noch–mal! Verdammt" –
„Draco! Stopp!" Remus sprang auf, packte ihn und zog ihn von der Wand weg.
„FASS MICH NICHT AN!"
Draco trat und schlug heftig um sich, aber der Werwolf ließ nicht los, hielt ihn eisern umklammert. Seine Kräfte gingen weit über die eines Menschen hinaus.
Draco hatte keine Chance gegen ihn. Wieder einmal.
Angst.
„Beruhige dich! Bitte", sagte Remus eindringlich.
„LASS MICH LOS!"
Draco konnte nicht mehr klar denken. Er wollte nur noch weg von diesem Mann, diesem Wolf, weg ...
„Nicht, wenn du dich selbst verletzt, sobald ich dich loslasse! Atme erst mal tief durch und" –
Draco trat ihm heftig gegen das Schienbein. Ein kurzes Zusammenzucken war die einzige Reaktion. Die Arme um seinen Oberkörper lockerten sich nicht im Geringsten.
Du kriegst mich nicht klein! Nie wieder!
Wild wand er sich in dem stählernen Griff, rutschte ein Stück nach unten und biss seinen Lehrer mit aller Kraft in den Arm.
Remus knurrte. Es war ein ausgesprochen wölfisches Knurren. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er den Griff gewechselt und Draco krachend auf den Rücken geworfen.
„JETZT IST ABER SCHLUSS!", bellte er wütend.
Ehe Draco sich von seiner Überraschung erholt hatte, kniete Remus auf seiner Brust. Mit seinen Beinen hielt er Dracos Beine nieder, mit den Händen packte er seine Unterarme und drückte sie fest auf den Boden. Sein Gewicht presste Draco die Luft aus den Lungen.
Keuchend vor Zorn und Atemnot sah er seinem Lehrer ins wutverzerrte Gesicht. Remus hatte die Lippen zurückgezogen, seine Zähne waren entblößt wie bei einem Raubtier, das kurz vorm Angriff stand. Sein ganzer Körper bebte unter dem zornigen Grollen, das noch immer seiner Brust entstieg.
Merlin, er bringt mich um! Er wird mich in Fetzen reißen ... Hier, mitten in Hogwarts. Verrückt, dachte Draco benommen.
„Remus, hör auf ..." Eine hohle, zittrige Stimme. Sirius.
Es war das erste Mal, dass Draco froh war, den Geist in seiner Nähe zu wissen.
Langsam entspannten sich die Züge des Werwolfs. Er lockerte seinen Griff etwas und glitt seitlich von Draco herunter. Aber seine Arme ließ er nicht los.
Draco zitterte am ganzen Leib. Er wäre nicht überrascht gewesen, wenn er sich vor Angst in die Hose gemacht hätte, aber das schien glücklicherweise nicht der Fall zu sein.
Mehr Selbstbeherrschung war seinem Körper aber offensichtlich nicht zuzumuten. Tränen brannten in seinen Augen, und er hatte nicht die Kraft, sie zurückzuhalten.
Eigentlich ist es auch egal, dachte er erschöpft.
Schließlich hatte Lupin ihn schon in weit schlimmerem Zustand gesehen.
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Er hatte ihn zum Weinen gebracht. Wieder einmal. Das war wirklich das Letzte, was Remus gewollt hatte.
„Draco ... He, es tut mir leid ... Ich wollte dir keine Angst machen."
Warum machte er im Umgang mit diesem Jungen nur immer alles falsch?
Seine Wolfsinstinkte hatten ihn schlicht überwältigt.
Hilflos sah Remus zu Sirius hinüber, der den Blick voll Unbehagen erwiderte. Schweigend.
Keine große Hilfe ...
Remus seufzte innerlich. Er lockerte seinen Griff noch etwas weiter.
Draco weinte stumm und mit geschlossenen Augen. Die Tränen quollen hinter seinen Lidern hervor.
Wie im Ministerium ...
Auch da hatte Draco lautlos geweint, zumindest bevor Remus, Tonks und Kingsley dazu übergegangen waren, ihn mit dem Cruciatus-Fluch zu traktieren.
Noch immer konnte Remus nicht wirklich begreifen, was damals mit ihnen geschehen war, was schief gelaufen war, dass sie sich dazu verstiegen hatten, einen siebzehnjährigen Jungen zu foltern.
Bloßer Zufall hatte sie auf Draco stoßen lassen, als sie eine kurze Arbeitspause in einem Muggelcafé unweit des Zaubereiministeriums eingelegt hatten. Tonks und Kingsley waren erschöpft und entnervt gewesen, nachdem sie in ihrer Funktion als Auroren stundenlang Todesser verhört hatten, Remus hundemüde, weil er das Gleiche im Auftrag des Phönixordens getan hatte. Sie hatten über ihren Teetassen gesessen, wortkarg und ausgelaugt, und dennoch glücklich nach der Vernichtung des Dunklen Lords.
Dann hatte Remus ihn gesehen: eine schmale, gebeugte Gestalt an einem Tisch in der hintersten Ecke des Cafés. Dracos weißblondes Haar hatte ihn verraten. Als sie zu ihm getreten waren, ihn leise aufgefordert hatten, ihnen zu folgen, hatte er keine Gegenwehr geleistet, sie nur mit einem kalten und arroganten Blick bedacht, der Remus durch und durch gegangen war und ihn auf unheimliche Weise an den Vater des Jungen erinnert hatte.
Im Ministerium hatte Draco sich rundheraus geweigert, ihre Fragen zu beantworten. Der junge Mann hatte sich provokant verhalten, spöttisch, arrogant, hatte irgendwann begonnen, sich über sie lustig zu machen, hässliche Anspielungen auf Sirius, auf Albus in den Raum geworfen. Immer stärker war das Gefühl geworden, dass sie es nicht mit einem Kind, sondern mit dem Erben der Malfoys, mit einem Todesser, einem Folterer und Mörder zu tun hatten. Ein Wort hatte das andere gegeben, und dann ...
Remus wusste nicht sicher, wann die Situation gekippt, wann aus dem Verhör etwas anderes, etwas Falsches und Böses geworden war. War es passiert, als Tonks ihrem Cousin eine magische Ohrfeige verpasst hatte, weil er ihre Mutter als Muggelflittchen bezeichnet hatte? Oder vielleicht, als Kingsley den Jungen vom Stuhl gefegt hatte, nachdem dieser Albus als dementen Tattergreis beschimpft hatte? Irgendwann hatte irgendwer einen Stichzauber geschleudert, und dann war der Cruciatus gekommen ... wieder und wieder. Da hatte Draco sie nicht mehr verhöhnt. Er hatte geweint und geschrieen, und Remus hatte sich schuldig gefühlt, schuldig und schlecht.
Aber sie brauchten doch Informationen, nicht wahr? Sie machten das nur, weil Leben auf dem Spiel standen, das hatte Kingsley gesagt – oder war es Remus selbst gewesen? Es hatte doch einen Grund gegeben, diesen Jungen unter Druck zu setzen, oder? Und nachdem sie diesen Grund in den Raum gestellt hatten, da hatten sie weitermachen müssen, bis sie tatsächlich Informationen von Draco bekamen, und dann immer weiter ...
Im Nachhinein war Remus unendlich dankbar dafür, dass Harry plötzlich in der Tür gestanden und sie aus ihrem Wahnsinn herausgerissen hatte. Er wusste nicht, wie weit sie sonst vielleicht gegangen wären.
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Draco hatte leise aufgeschluchzt, vernehmlich nur für Remus' scharfes Wolfsgehör.
Schuldbewusst sah er auf den Jungen hinab. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, ihn zu trösten, ihn in den Arm zu nehmen und zu halten, bis Draco sich wieder beruhigt hatte.
Soll ich? Oder lieber nicht? – Man fasst keine Schüler an. Das ist ein ganz elementarer Grundsatz. Wenn man ihn bricht, kann daraus eine Menge Ärger entstehen. – Ich habe eben auf seiner Brust gekniet. – Umso schlimmer. Dann solltest du dich jetzt erst recht zurückhalten. – Ach, halt die Klappe ...
Eine Sekunde zögerte Remus noch, dann zog er Draco vom Boden hoch und in seine Arme.
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Draco erstarrte, als er sich plötzlich in Remus' Armen wiederfand.
Verdammt, was soll denn das, dachte er irritiert. Kurz stieg wieder Panik in ihm hoch. Doch sie ebbte so rasch ab, wie sie gekommen war. Dracos nächster Gedanke war: Ach, was soll's. Jetzt ist eh schon alles egal.
Während des vergangenen Sommers hatte er sich nach seinen Angstattacken und Flashbacks, die ihn mit quälender Regelmäßigkeit zurück ins Verhörzimmer im Zaubereiministerium beförderten, zurück vor die Füße von Remus, Shacklebolt und Tonks, abwechselnd von Danny, dem Heiler, und seinem alten Feind Harry Potter trösten lassen.
Auch Remus hatte schon einmal versucht, ihn zu trösten, mehrmals sogar. Das war im Ministerium gewesen, als Draco sich mit gebrochenem Knöchel unter den Qualen des Cruciatus wand. Immer wieder war Lupin zu ihm gekommen. Sobald die anderen den Fluch abbrachen, hatte er sich neben Draco gekniet und ihm gut zugeredet, versucht, ihn zu einer Aussage zu überreden. Nur war da leider nichts mehr gewesen, was Draco seinen Peinigern hätte gestehen können. Und in der damaligen Situation hatte er auch nicht mehr über genügend Einfallsreichtum verfügt, um sie mit Lügen zufriedenzustellen. Also hatten sie weitergemacht. Und Lupin war weiter zu ihm gekommen, hatte ihn sogar in die Arme genommen, so wie jetzt ...
Draco schauderte unwillkürlich. Remus strich ihm sanft über den Rücken.
„Mir ist schon klar, woran dich das jetzt erinnert", sagte der Werwolf leise. „Aber wir sind nicht mehr im Ministerium. Ich verspreche dir, dass ich dir nie wieder weh tun werde, nie wieder, okay?"
Draco nickte an seiner Schulter. Er schniefte leise und kam sich mit einem Mal ziemlich klein und hilflos vor.
„Ich heul' deine ganzen Klamotten voll", murmelte er in Remus' Haare.
Sein Lehrer lachte gedämpft. „Das ist ja nun wirklich unser kleinstes Problem."
„Ähem ...", machte Sirius nervös.
Draco hob den Kopf und sah ihn über Remus' Schulter hinweg an.
„Was gibt's denn, Sirius?", fragte Remus, ohne seine Umarmung zu lockern.
„Snape ist im Anmarsch ... mit Harry im Schlepptau", entgegnete Sirius mit einer gequälten Grimasse.
Severus ... ausgerechnet, dachte Draco erschöpft. Aber woher weiß er das überhaupt?
Sirius registrierte Dracos fragenden Blick und lächelte dünn. „Sie haben mich zurückgeholt. Ich bin immer noch geistig mit ihnen verbunden. Mit beiden, leider. Und leider bin ich, im Gegensatz zu Schn... Snape, auch kein ausgebildeter Okklumentor, so dass er in meinem Kopf so ziemlich alles anstellen kann, was er will."
Verblüfft starrte Draco ihn an.
Und das lässt Sirius sich gefallen?
„Na ja, er macht davon nur äußerst selten Gebrauch. Einer seiner wenigen netteren Züge. Aber ich nehme an, dass er eure kleine ... Auseinandersetzung eben mitbekommen hat. Durch meine Augen, sozusagen."
Es klopfte.
Remus sah Draco forschend an. „Okay?"
Na ja, dachte Draco ironisch, mir ging's schon mal besser. Oh, und es gibt eine Menge Leute, die ich lieber sehen würde als Severus ... So ungefähr jeden Bewohner dieser verdammten Schule ... Aber was soll's.
Er nickte, und Remus löste seine Umarmung. Beide standen auf.
Ein letzter prüfender Blick von Remus' traf ihn.
„Herein", sagte der Werwolf endlich.
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Harry musste unwillkürlich grinsen, als Severus durch die geschlossene Tür zu Remus' Büro schwebte, ehe er selbst auch nur Gelegenheit hatte, die Klinke zu berühren.
Kopfschüttelnd öffnete er die Tür und schlüpfte hinter dem Geist in den Raum.
„Hallo", grüßte er freundlich in die Runde.
Draco sah verheult aus, stellte er fest. Remus machte einen aufgewühlten Eindruck, und auch Sirius wirkte nervös. Also hatte Severus recht gehabt.
Nicht, dass Harry an den Fähigkeiten des Slytherin-Hausgeistes gezweifelt hätte. Er selbst war nicht dazu in der Lage, seine geistige Verbindung mit seinem Paten und Severus willentlich zu nutzen, außer, wenn Blickkontakt zwischen ihnen bestand. Bei Severus war das anders. Harry wusste, dass dieser seine Fähigkeiten in Legilimentik nutzte, um durch ihn und gelegentlich auch durch Sirius Draco im Auge zu behalten. Es gefiel Harry nicht besonders, aber er duldete es, weil auch er sich Sorgen um Draco machte. Für seinen Paten allerdings musste es ziemlich unerträglich sein – das hieß, falls Severus es ihn überhaupt wissen ließ, wenn er durch dessen Augen Remus und Draco überwachte.
Wahrscheinlich merkt Sirius es nicht mal. Und das ist sicher auch besser so.
Ohne Einleitung fing Severus zu sprechen an. „Es war klar, dass es früher oder später zu diesem Problem kommen würde", bemerkte er trocken.
„Was für ein Problem?", knurrte Sirius ihn an.
Severus hob beide Augenbrauen. „Das Problem, Black, wegen dem Mr Malfoy dich und unseren allseits geschätzten Werwolf aufgesucht hat. Ich hoffe, auch du als Tier wirst verstehen, dass es für manche von uns durchaus ein Problem darstellt, wenn Lucius irgendwo zwischen Tod und Teufel gefangen ist – mit vermutlich sehr geringen Chancen, seine Lage aus eigener Kraft zu verbessern."
„Das war wirklich toll, Snape", grollte Sirius. „Weißt du, ich schätze deine gespreizte Ausdrucksweise ungemein ..."
Remus runzelte die Stirn. „Severus, ich habe Mr Malfoy bereits darüber informiert, dass es meiner Ansicht nach das Beste ist, seinen Vater in Frieden ruhen zu lassen, und" –
Severus schnaubte verächtlich. „In Frieden ruhen! Lupin, du hast wirklich keine Ahnung, wovon du sprichst! Und ich dachte, du wärst hier, um Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu unterrichten?"
Oh oh, dachte Harry, das geht nicht gut aus ...
Die Falten auf Remus' Stirn vertieften sich. „Hör zu, Severus, ich mag es nicht besonders, wenn du meine Kompetenzen anzweifelst. Warum sagst du nicht einfach klipp und klar, was du uns mitzuteilen hast, ohne in jedem zweiten Satz einen von uns zu beleidigen?"
Ein dünnes Lächeln trat auf Severus' Lippen. „Ich werde es versuchen, Remus."
Harry sah deutlich, wie diese Verwendung seines Vornamens durch Severus Remus aus dem Konzept brachte.
„Also. Erstens: Lucius Malfoy ruht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in Frieden. Und, bitte, verlass dich in diesem Fall einfach auf mein Urteil, ja? Ich kenne Lucius und ich kenne den Ort, an dem er jetzt vermutlich festhängt, und Draco hat durchaus Recht, wenn er sich Sorgen macht. Zweitens: Ich würde die Sache gerne mit ihm alleine und vielleicht noch mit Mr Potter hier regeln," – Sirius hob verblüfft die Augenbrauen – „aber mein ... instabiler körperlicher Zustand erlaubt mir das leider nicht. Mr Malfoy, Mr Potter und ich sind daher gezwungen, zumindest deine Hilfe in Anspruch zu nehmen, Remus, und es könnte nicht schaden, wenn auch Black etwas zur Lösung des Problems beitragen würde. Immerhin hat Lucius ihn für eine Weile in seinem Körper beherbergt. Ihre Seelen haben sich enger berührt, als das normalerweise möglich ist, und das könnte bei unserer Suche nach Lucius entscheidend sein."
„Und warum sollte irgendwer von uns ein Interesse daran haben, Lucius Malfoy zu finden?", knurrte Sirius abweisend. „Sorry, Snape, aber ich möchte ihn nicht zurückhaben, wirklich nicht, danke schön."
Remus warf einen schuldbewussten Blick auf Draco. Dann sagte er leise: „So leid es mir tut, ich bin mit Sirius einer Meinung. Ganz abgesehen davon, dass ein solches Unternehmen für alle Beteiligten ein enormes Risiko bedeuten würde, halte ich es nicht für ratsam, an der Grenze zwischen Tod und Leben herumzupfuschen."
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Draco entschlüpfte ein kleiner verzweifelter Laut, für den er sich im selben Moment verachtete.
Nein ... bitte ...
Remus sah ihn traurig an. „Ich bedauere das wirklich außerordentlich, Draco, aber in dieser Angelegenheit ist für mich das letzte Wort gesprochen."
Dann wandte er sich an Severus. „Ich werde es zu verhindern wissen, dass du meine Schüler einer solchen Gefahr aussetzt. Ich weiß nicht, was dich dazu treibt, und ich will auch gar nicht wissen, woher deine plötzliche Zuneigung zu Lucius Malfoy stammt, aber ich werde Minerva über dieses Gespräch informieren. Die Sicherheit der Schüler muss über unseren persönlichen Belangen stehen."
Aber ich muss ihn zurückhaben ... bitte ... irgendwie ... Bitte!
„Die Sicherheit der Schüler, ja?!", zischte Severus zornig. „Wo war denn deine Besorgnis für Dracos Sicherheit, als du ihn im Ministerium gefoltert hast? Wo war da deine Menschenliebe, Lupin? Du hast kein Recht, über Lucius und mich zu urteilen!"
„Über Lucius und dich, Snape?", spottete Sirius. „Klingt ja wie eine verdammte Todesser-Ehe ..."
Schneller als ein Gedanke war Severus bei Sirius und packte ihn an den Schultern. „Und wenn es so wäre?", flüsterte er drohend.
Sein Ton war so eisig und feindselig, dass alle Anwesenden förmlich erstarrten. Draco spürte, wie etwas Kaltes und Tödliches in sein Herz tropfte.
„Würde das deinem aufgeblasenen Ego schmeicheln?! Schniefelus, der dreckige Bastard, kein weibliches Wesen wollte sich mit ihm abgeben, da hat er seinen Arsch eben für seine Todesser-Kumpane hingehalten!" Severus' Stimme wurde immer lauter. „Sind doch sowieso alles Perverse, kranker Abschaum, diese Todesser! Das denkst du doch, oder?!"
Er schüttelte Black heftig, der offensichtlich so perplex war, dass er auf jede Gegenwehr verzichtete.
Draco hatte seinen Paten noch nie so ausrasten sehen.
„Severus!", rief Remus fassungslos. „Was ist denn in dich gefahren?!"
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Lupins Ausruf wirkte wie ein Kübel Eiswasser auf Severus.
Der Werwolf hatte Recht – was war da eben in ihn gefahren? Das letzte Mal, als er so ausgerastet war, hatte Potter in seinem Denkarium herumgeschnüffelt, diese widerwärtig demütigende Episode aus seiner Schulzeit begafft ...
Severus ließ die Hände sinken, stolperte ein paar Schritte zurück und sackte aus reiner Gewohnheit auf einem Stuhl zusammen, wobei es ihm kaum auffiel, dass sein ätherischer Körper zur Hälfte durch die Sitzfläche glitt.
Er hatte die Kontrolle verloren. Vollkommen. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte Black erwürgt.
Nicht, dass das eine großartige Wirkung gehabt hätte. Schließlich war der Animagus schon tot.
„Severus?"
Zu seiner Verblüffung war es Black, der ihn ansprach.
Langsam hob Severus den Kopf. Black kniete an seiner Seite und musterte ihn besorgt.
Besorgt.
„Severus, was sollte das denn? Ich meine ... Ich habe doch nur ... Es war doch bloß ein Witz, nichts weiter."
Unsicher suchte Black seinen Blick.
Severus schluckte und atmete tief durch.
„Du hast eben ein verdammtes Talent, meine wunden Punkte zu treffen, Black. Das hattest du schon immer," murmelte er undeutlich. „Etwas, worauf du stolz sein solltest. Du und Potter, ihr seid die einzigen, die es schaffen, mich so aus der Fassung zu bringen."
Ein dünnes Lächeln erschien auf seinen Lippen, aber es war bitter und voll Selbstverachtung.
„Severus", ließ Lupin sich vernehmen. „Heißt das ... Ich ... Du bist schwul?"
Severus seufzte. Das war wenigstens eine klare Frage. „Ich bewundere Ihre Eloquenz, Lupin, ebenso wie Ihre glänzende Kombinationsgabe. Ja, das heißt es."
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