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SSSSSSS

Herbst

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Kapitel 6

Gespräche

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„Wie war das so als Todesser?"

Draco hielt in seiner Bewegung inne und sah Weasley an. Sie saßen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors, zusammen mit Harry, Hermine, Weasley weiblich und Longbottom, und spielten eine Partie Schach.

Nun, Draco und Weasley spielten, oder besser, versuchten zu spielen, während die anderen sie durch unproduktive Ratschläge aus dem Konzept brachten.

Seit Dracos endgültigem Abschied von seinem Vater waren fast drei Wochen vergangen. Mittlerweile fühlte er sich im Gemeinschaftsraum der Gryffindors beinahe heimisch. Anfangs war seine Anwesenheit im Turm äußerst ablehnend aufgenommen worden. Doch nachdem Harry und Hermine sich für ihn verbürgt hatten, wurde Dracos regelmäßige Gegenwart zähneknirschend geduldet. Allerdings ausschließlich im Gemeinschaftsraum. Die anderen Zimmer waren für ihn tabu.

Wie war das so als Todesser?' Weasleys Frage hallte unangenehm in Dracos Kopf nach.

„Was genau willst du wissen?", fragte er schließlich zögernd zurück.

Hermine stieß hörbar den Atem aus. Bisher hatte Draco auf derartige Fragen stets zornig und abwehrend reagiert – bis hin zu gewalttätigen Ausbrüchen.

Weasley zuckte die Achseln. „Keine Ahnung ... Eigentlich interessiert mich alles."

„Na, das ist ja sehr präzise", spottete Draco. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, zögerte wieder. Ohne darüber nachzudenken, schob er den Ärmel hoch, fuhr mit den Fingern das blass gewordene Dunkle Mal nach.

„Die Frage ist echt nicht leicht zu beantworten. Ich war's ja auch nicht lange ... Na ja, eigentlich bin ich es noch, irgendwie ... Richtig los wird man das wohl nie mehr."

Er strich über das Brandmal auf seiner Haut.

Eine Erinnerung drängte sich ungebeten in seinen Geist. Wieder der Kerker, das unruhige Licht der Fackeln auf feuchtem Stein, eine bleiche, nackte Gestalt, grüne Augen ...

„Ihr ... ihr habt euch doch auch mit Danny getroffen, als er vor ein paar Wochen hier war, oder?"

Harry nickte bestätigend.

„Wusstet ihr ... wusstet ihr, dass Marcus – der Mann, den ... den ich getötet habe – sein Bruder war?"

Alle starrten ihn an. Bei Hermine konnte Draco förmlich beobachten, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich, ihre Haut bleich wie neues Pergament zurückließ.

„Er hat es mir gesagt, als er in Hogwarts war, und ..." Draco presste die Lippen zusammen, suchte krampfhaft nach den richtigen Worten. „Danny ... Er hat Severus zum ... zum Selbstmord gezwungen, als ... Vergeltung für den Tod seines Bruders. Es war Severus, der damals mit mir in die Kerker des Dunklen Lords gegangen ist und dafür gesorgt hat, dass ich ... dass ich es tue. Ihn töte. Marcus."

Hermine sah ihn aus großen Augen an. „Danny hat Professor Snape gezwungen, sich umzubringen?! Aber er ist doch Heiler ..." Ihr Ton schwankte zwischen Unglauben und Empörung.

Weasley männlich platzte fast gleichzeitig heraus: „Aber ... aber Danny hat das doch nicht gewusst, oder? Dass du seinen Bruder umgebracht hast? Ich meine ... Er hat sich doch wochenlang um dich gekümmert, wie" –

Brüsk fiel Draco ihm ins Wort: „Er hat es ein paar Tage nach dem Sturz des Dunklen Lords erfahren. An dem Abend, Harry, als er nicht zur Nachtwache gekommen ist. Nach seiner Anhörung im Ministerium."

Verstört schüttelte Harry den Kopf. „Aber ... das würde ja heißen, dass er es die ganze Zeit wusste ... Und er war trotzdem bereit, dich zu betreuen, nachts an deinem Bett zu wachen ... Den ganzen Sommer lang?!"

Dracos Gedanken wanderten zurück zu jenen Wochen. Er sah Danny vor sich, mit einem Buch in der Hand, der an seinem Bett saß und ihm vorlas, weil Draco nicht einschlafen konnte. Danny, der mit ihm und Harry Karten spielte, die ganze Zeit mogelte, Draco damit zur Weißglut trieb und ihn, wenn er endlich explodierte, schallend auslachte. Danny, der Draco im Arm hielt, ihn wiegte, ihn tröstete, wenn die Erinnerungen über ihn herfielen und ihn zu ersticken drohten ...

Draco schluckte mühsam. Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar.

„Ich verstehe es ja auch nicht", sagte er leise. „Danny hat mir gesagt, ich wäre nicht schuld am Tod seines Bruders, Severus hätte mich manipuliert, aber ..."

Wie war das so als Todesser?'

Plötzlich machte Weasleys Frage Draco wütend.

„Wie's war als Todesser, willst du wissen?!" Weasley wich angesichts seines Ausbruchs unwillkürlich ein Stück vor ihm zurück. „Beschissen! Absolut beschissen! Ich krieg' das nicht mehr aus dem Kopf! Ich wache nachts auf und sehe ihn vor mir ..."

Nach einigen Momenten des Schweigens hakte Longbottom schüchtern nach: „Du siehst Vo-Voldemort vor dir?"

Draco zuckte angesichts der Namensnennung zusammen.

„Nein, verdammt! Marcus! Ich sehe Marcus vor mir, in diesem Kerkerloch, nackt und verdreckt und stinkend. Ich höre, wie er sich die Seele aus dem Leib hustet, und ich sehe seine verfluchten grünen Augen vor mir ... Wie er mich angeschaut hat ... Verdammt ..." Er konnte nicht weitersprechen und vergrub das Gesicht in den Händen.

Dunkelheit. Stille. Wie er sich danach sehnte ...

Aber immer waren da diese grünen Augen, und Marcus' Husten, sein rasselnder Atem gellte in Dracos Ohren.

Zwei warme Hände legten sich auf seine Schultern. Harry war aufgestanden und hatte sich hinter ihn gestellt – das Zeichen für Draco, tief durchzuatmen und zu versuchen, sich wieder zu beruhigen.

Erschöpft lehnte er sich in die Berührung. „Danke", sagte er leise.

„He, Mann, es tut mir leid ...", ließ Weasley sich mit unsicherer Stimme vernehmen. „Ich dachte nicht, dass das so schlimm für dich ist. War ... war blöd von mir. Sorry."

Draco schüttelte abwehrend den Kopf. Er war so müde ...

„Schon okay", murmelte er dumpf. Er starrte in die tanzenden Flammen des Kaminfeuers. „Ich begreife einfach nicht ..."

„Was?", fragte Hermine nach einigen zähen Sekunden der Stille vorsichtig nach.

„Mein Vater ... Severus ... Wie konnten die das tun? Jahrelang ... Ich dachte immer ... Verdammt, Vater war streng, ja, aber ... Ich ... – Mann, ist das bescheuert." Draco atmete tief durch, kämpfte mit sich. Schließlich sagte er: „Natürlich habe ich ihn geliebt. Und jetzt ... natürlich liebe ich ihn immer noch. Aber ..."

„Na ja, Mann, vielleicht war er ja als Vater ganz okay", warf Weasley ein. „Sonst war er halt ein Arschloch, aber" –

„Herrgott nochmal, Ron!", fuhr Hermine ihrem Freund ärgerlich über den Mund.

Draco grinste die beiden schief an und blinzelte seine Tränen weg.

„Er hat ja Recht. Das ist ja das Schlimme. Ich meine ... Es geht ja nicht nur ums Töten. Ich glaube, damit könnte ich leben. Im Krieg sterben Menschen, und die haben das immer als Krieg betrachtet, als Kampf für eine Welt, die sie für die bessere hielten ..."

Er bemerkte Longbottoms entsetzten Blick.

„Oh doch, Longbottom, der Dunkle Lord hatte Ideale. Und mein Vater und die anderen Todesser auch. Ich gebe zu, man kann darüber streiten, ob ihre Ideale die richtigen waren. Aber sie hatten eine Überzeugung, und für die haben sie gekämpft. Sie waren bereit, dafür zu töten, aber auch, ihr eigenes Leben zu geben. Vielleicht ... vielleicht waren ihre Ziele die falschen. Auch damit könnte ich leben."

Draco stockte und sah wieder ins flackernde Feuer, das groteske Schatten durch den Raum tanzen ließ.

„Aber ich komme einfach nicht klar damit, was sie ... was sie sonst noch gemacht haben. Ich meine ... Marcus ... Ihr hättet den sehen sollen. Ich will gar nicht wissen, was die mit ihm angestellt haben, dass er in so einem Zustand war. Man konnte ... man konnte die Knochen sehen an manchen Stellen, so tief waren die Wunden. Er war zu schwach, den Kopf zu heben, und die haben ihn einfach in seinem eigenen Dreck liegen lassen, tagelang ... Und mein Vater hat ... Ich fürchte, er hat noch schlimmere Sachen gemacht."

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Es war still im Raum. Nur das Knacken der Holzscheite war zu hören. Offenbar wusste keiner, was er Draco antworten sollte.

Harry hatte seine Hände nicht zurückgezogen, und als Draco schwieg, begann er, ihm vorsichtig die verkrampften Schultern zu massieren.

Draco steckte wirklich in einer beschissenen Situation. Auch Harry hatte seine Eltern verloren, ja, aber er konnte wenigstens mit dem Gefühl um sie trauern, dass sie gute Menschen gewesen waren – was immer das heißen mochte. Wie ging man damit um, wenn der eigene Vater ein Rassist, ein Mörder und Folterer war? Jemand, dessen Name jahrzehntelang mit Abscheu genannt werden würde?

Korruption, Mord und Sadismus – das waren die Dinge, mit denen Lucius Malfoy künftig verbunden werden würde. Zu Recht, wie Harry sehr wohl wusste.

Doch es hatte auch einen anderen Lucius Malfoy gegeben, einen Menschen, auf den Harry nur einen flüchtigen Blick erhascht hatte. Dieser Lucius hatte seine Familie geliebt und sich um sie gesorgt. Dieser Lucius hatte selbst gelitten, war gefoltert und gebrochen worden. Und er hatte zusammen mit Severus und Harry Sirius zurückgeholt.

Harry dachte an den lächelnden, sanften Lucius, der ihm und Draco vor wenigen Wochen im Kreidekreis erschienen war, und fragte sich, was bei diesem Mann schief gelaufen war, warum er sich zu einem solchen Monster entwickelt hatte.

Warum hatten er und Severus sich Voldemort angeschlossen? Und was war mit den anderen Todessern? Was hatten sie in diesem Wahnsinnigen gesehen, dass sie bedenkenlos bereit gewesen waren, für ihn zu foltern und zu morden?

Diese Frage war wichtig. Sie war die wichtigste Frage überhaupt. Es musste eine Antwort auf sie geben, und eine Lösung für das Problem.

Sonst war der nächste Dunkle Lord nur einen Schritt weit entfernt.

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„Ich glaub, ich gehe jetzt ins Bett", sagte Draco leise.

Er war erschöpft bis in die Knochen und wollte nichts weiter, als endlich schlafen und vergessen.

Vergessen, ja ...

Harry musterte ihn besorgt. „Bist du sicher? Ich meine, falls du lieber hierbleiben willst ... Du kannst bestimmt bei uns im Gemeinschaftsraum pennen."

Draco versuchte zu lächeln, aber ihm war bewusst, dass das Ergebnis dürftig ausfiel.

„Das ist nett von dir, Harry, aber ich komme schon klar. Theo ist ja auch noch da und ich ... ich bin nicht allein."

Er räusperte sich beklommen.

Es fiel ihm immer noch schwer, seine Ängste vor anderen einzugestehen. Nach wie vor hatte er große Probleme mit dem Alleinsein, vor allem nachts, und er und Theodore Nott waren die einzigen männlichen Slytherins aus ihrem Jahrgang, die nach dem Sturz des Dunklen Lords nach Hogwarts zurückgekehrt waren. Ihr Schlafsaal war also ziemlich leer. Von den Mädchen war nur Millicent Bulstrode übrig.

Draco und Theo waren eng befreundet, aber im Moment war Nott mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Seine Mutter war tot, Selbstmord, und sein Vater saß in Askaban und wartete auf seine Hinrichtung. Zwar versuchten die beiden Slytherins, sich gegenseitig zu stützen, aber es fiel ihnen zunehmend schwerer.

Während der Sommerferien hatte Draco sich daran gewöhnt, dass Harry immer um ihn war, stets verfügbar, wenn er von Angstattacken oder Depressionen heimgesucht wurde. Sie waren sechs Wochen lang fast rund um die Uhr zusammengewesen, manchmal zum Leidwesen von Harrys anderen Freunden und insbesondere der Wieselette, wie Draco sehr wohl wusste. Es war reine Gewohnheit, dass er sich in Hogwarts weiter an Harry hielt.

Ihm war bewusst, dass Harry hervorragend ohne ihn klar gekommen wäre, dass er dem Gryffindor manchmal sogar auf die Nerven ging.

Er selbst dagegen ... Ihm graute vor dem Tag, an dem Harry und Weasley weiblich beschließen würden, dass er sie in ihrer Zweisamkeit störte. Manchmal beneidete er Harry um diese Beziehung. Er vermisste Pansy. Ob sie ihn und seine Probleme wirklich verstanden, ja ob sie überhaupt noch mit ihm hätte zusammensein wollen, wusste er zwar nicht, aber er hoffte es doch.

Aber was half es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Pansy war untergetaucht, mitsamt ihren Eltern und ihren beiden Brüdern. Besser, er hörte nie wieder von ihr. In diesem Fall waren keine Nachrichten wohl gute Nachrichten.

Was seine neuen „Freunde" anging – Hermine und das Wiesel waren hauptsächlich miteinander beschäftigt, und Weasley Nummer sechs legte ohnehin keinen Wert auf Dracos Gesellschaft. Aber Harry hatte Draco versichert, dass er bei ihm und der Wieselette immer willkommen sein würde – auch wenn letztere das vermutlich anders sah.

Wie lange noch?, fragte Draco sich in letzter Zeit immer häufiger. Er hatte Harrys Angebot erleichtert angenommen, war in den letzten Wochen zwischen und nach dem Unterricht fast ständig mit den beiden zusammengewesen – Hausaufgaben, Kartenspielen, Quidditchtraining, am See spazierengehen, alles hatten sie zu dritt gemacht. Und manchmal, so wie an diesem Abend, kamen auch die anderen dazu.

Draco gestand es sich nur ungern ein, aber er war jedesmal erleichtert, wenn er die Abende nicht in den Kerkern der Slytherins verbringen musste. Es war da unten verdammt einsam geworden, ganz abgesehen von der gedrückten Stimmung, die dort herrschte.

Crabbe, Goyle, Blaise ... Er vermisste sie mehr, als er zugeben wollte.

Nur vierundzwanzig Schüler waren in Salazars Haus verblieben, acht davon Erstklässler, und auch wenn Slughorn sich alle Mühe gab, den Posten des Hauslehrers auszufüllen, fehlte den Älteren die entschiedene Führung Snapes.

Theodore hielt sich erstaunlich gut, obwohl es für ihn sicher ebenso schwierig war wie für Draco. Noch lebte Theos Vater. Aber sein Name stand ganz oben auf der Liste der Todesser, die das Zaubereiministerium hinrichten lassen wollte.

Bisher waren nur wenige Stimmen zu Gunsten der Verurteilten laut geworden. Obwohl die Todesstrafe in der britischen Zaubererwelt kurz nach dem Krieg gegen Grindelwald abgeschafft worden war – allerdings waren zuvor noch Dutzende seiner Anhänger hingerichtet worden –, hatte sich kaum Protest erhoben, als Rufus Scrimgeour und der Zauberergamot vor einigen Monaten ihre Wiedereinführung beschlossen hatten. Und letztlich, dachte Draco bitter, war es eine schwache Ausrede gewesen, eine heuchlerische Verzerrung der Wahrheit, dass der Kuss der Dementoren den dazu Verurteilten schließlich nicht das Leben kostete.

Diesem Schicksal zumindest, einem lebenslangen seelenlosen Dahindämmern in einer Gefängniszelle oder im St. Mungo's, waren die Todesser entgangen.

Draco war dankbar dafür. Viele der Männer und Frauen, die jetzt im Hochsicherheitstrakt Askabans auf ihre Hinrichtung warteten, kannte er, seit er denken konnte. Tanten und Onkel, alte Freunde der Familie, die zu Weihnachten und zu Geburtstagsfeiern erschienen waren, ihm Süßigkeiten und Spielsachen geschenkt hatten ...

Dann die anderen, die einen großen Teil ihres Lebens in Askaban verbracht hatten und denen Draco das erste Mal vor anderthalb Jahren begegnet war, obwohl sie zu seinen nächsten Verwandten zählten ... Keine Briefe, keine Besuche. Fünfzehn Jahre lang.

Rodolphus und Rabastan, die unzertrennlichen Brüder, die Draco aus unzähligen Geschichten seines Vaters kannte und die er nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen hatte, auf einem heimlichen Familientreffen drei Monate nach ihrem Ausbruch aus Askaban ... Trotz der angespannten Atmosphäre, dem Druck, unter dem die beiden gestanden hatten, hatten sie Draco irgendwann an diesem Abend zu sich an den Tisch gerufen und sich mit ihm unterhalten, Anekdoten und Witze erzählt, nach denen ihm die Ohren gebrannt hatten. Er hätte sie gern näher kennengelernt.

Fünfzehn Jahre in Askaban, im alten Askaban wohlgemerkt, unter der tödlichen, seelenverschlingenden Kälte der Dementoren, in winzigen feuchten Zellen, in denen der Schimmel dichte Teppiche auf den Wänden gebildet hatte und sie sich mit den Ratten um das streiten mussten, was man in der Gefängnisküche für essbar hielt ... Ein halbes Jahr in Freiheit war ihnen vergönnt gewesen, ehe sie wieder verhaftet worden waren und das neue Askaban kennengelernt hatten, das weiße Askaban mit seinen schallisolierten Zellen und seinen Ritualen der Erniedrigung durch die menschlichen Wärter. Noch einmal waren sie freigekommen, für weniger als einen Monat, und nun war Rodolphus tot, und Rabastan wartete auf seine Hinrichtung.

Tante Bellatrix, düster, manisch, vor Verehrung für den Dunklen Lord geradezu überfließend, die Draco in stundenlanger zäher Arbeit Okklumentik gelehrt und in deren jugendliches Abbild im Familienalbum er sich als Zwölfjähriger unsterblich verliebt hatte ... Sie war an der Seite ihres Mannes gestorben. Bis zuletzt hatte sie für ihre Ideale gekämpft. Nie hatte sie ihren Herrn verraten.

Crabbe und Goyle, die für Draco nie mehr gewesen waren als zumeist stumme und ziemlich dumme Leibwächter für Leute wie seinen Vater, Männer fürs Grobe ... Auch sie waren kämpfend gestorben, und keiner wusste, was aus ihren Frauen und Kindern geworden war. Dracos Schatten Vincent und Gregory hatten beide mehrere Geschwister gehabt, von denen insgesamt drei Hogwarts besucht hatten. Jetzt waren sie weg, spurlos verschwunden. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, weiter nachzuforschen.

Vielleicht sind sie tot. Ihren Vätern wäre es zuzutrauen, dass sie sie umgebracht haben, um ihnen ein Leben in „Schande" zu ersparen.

Im Dunklen Orden hatte zuletzt eine regelrechte Kamikaze-Stimmung geherrscht. Alles oder nichts; entweder wir siegen und der Dunkle Lord ergreift die Macht, oder wir verlieren und gehen alle in den Tod.

Nun, natürlich hatte das nicht wirklich für alle gegolten. Einige würden wieder versuchen, sich aus der Sache herauszuwinden. Aber ihre Chancen standen diesmal ausgesprochen schlecht.

„Wir werden das Übel mit Stumpf und Stil ausrotten!", hatte Scrimgeour unter begeistertem Jubel verkündet. „Ein für allemal!"

Dass dabei auch der ein oder andere Unschuldige daran glauben musste und viele Strafen unverhältnismäßig hoch ausfielen, lief in so einem Fall wohl unter „Kollateralschäden". Tragisch, aber unvermeidbar.

Auch die Geschwister Alecto und Amycus Carrow waren tot, aber um sie trauerte Draco nicht, ebenso wenig wie um den Werwolf Greyback. Insgesamt waren dreiundzwanzig Todesser im Kampf mit Auroren oder Phönixkriegern umgekommen.

Wobei Draco der Statistik nicht traute. Er war sicher, dass manche schlicht von Assassinen im Dienste des Zaubereiministeriums getötet worden waren – ohne Chance zur Gegenwehr. Außerdem hatte es zwölf angebliche Selbstmorde gegeben, und auch hier war es möglich, dass man im einen oder anderen Fall nachgeholfen hatte. Vor allem die vier „Freitode" in Haft kamen Draco verdächtig vor. Wie konnte es jemandem unter diesen hohen Sicherheitsvorkehrungen gelingen, sich das Leben zu nehmen?

Einer der „Selbstmörder" war Rookwood gewesen, ein anderer Jim Avery senior, der Hausheiler der Malfoys. Avery hatte zu den freundlichsten und geduldigsten Menschen gehört, die Draco je begegnet waren – und zu den treuesten Anhängern des Dunklen Lords.

Hoffentlich ist es schnell gegangen.

Draco mochte sich nicht vorstellen, dass Avery unter Umständen an den Folgen von Folter oder Misshandlungen elend krepiert war.

Vierundfünfzig Personen saßen derzeit als Todesser oder Kollaborateure in Askaban ein. Außerdem befanden sich vierunddreißig in Untersuchungshaft in den seit dem ersten Krieg nicht mehr genutzten Zellen im untersten Geschoss des Ministeriums.

Draco studierte den Tagespropheten akribisch, damit ihm kein bekannter Name entging. Auf die Mitgliedschaft im Dunklen Orden stand die Todesstrafe, ohne wenn und aber. Wer kooperierte, Namen lieferte und seine Kameraden verriet, konnte das Strafmaß unter Umständen auf lebenslänglich senken. Bisher hatten aber nur drei der Gefangenen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Noch hatten keine Hinrichtungen stattgefunden, aber vier Termine standen bereits fest. Einer der Namen auf der Liste gehörte Theodores Vater.

Wenn das Ministerium diese harte Linie tatsächlich durchzog, würde das über vierzig Menschen das Leben kosten.

Siegerjustiz, dachte Draco bitter.

Aber er wusste, wäre der Dunkle Lord tatsächlich an die Macht gekommen, wären noch mehr Menschen gestorben.

Viel mehr. Und trotzdem ...

Er fand es falsch. Wie konnte eine Gesellschaft, die die gleichen Mittel wie ihre von ihr als unmoralisch titulierten Gegner anwandte, eine moralische Überlegenheit für sich in Anspruch nehmen? Das ging nicht in seinen Kopf hinein ...

„Draco?"

Er zuckte zusammen, als Harrys besorgte Stimme ihn in die Gegenwart zurückholte. Wie lange hatte er schweigend ins Kaminfeuer gestarrt und seine Gedanken wandern lassen – fünf Minuten? Zehn?

„Alles in Ordnung mit dir?"

Langsam schüttelte Draco den Kopf, rieb sich über die Stirn, wie um seine tristen Gedanken fortzuwischen.

„Ja klar", murmelte er. „Bin nur müde ... Muss wohl schon halb eingeschlafen gewesen sein ..."

Er sah auf und begegnete Hermines kritisch forschendem Blick. „Sicher, dass du nicht lieber hier übernachten willst?", fragte sie freundlich. „Wir könnten Sirius bitten, Slughorn und McGonagall Bescheid zu sagen. Sie hätten bestimmt nichts dagegen."

Aber Draco hatte keine Lust, die Nacht im Turm zu verbringen. Er wollte seine Ruhe haben.

„Nein, ist schon okay, wirklich ... Ich bin einfach nur müde."

Schwerfällig erhob er sich von seinem Sessel.

„Gute Nacht. Schlaft gut."

Er lächelte den fünf matt zu und wandte sich in Richtung Porträtloch.

„Warte, ich komme mit", ertönte eine helle Stimme in seinem Rücken.

Überrascht drehte Draco sich zu Weasley weiblich um.

„Wenn du unbedingt willst ...", erwiderte er zögernd.

„Ich glaube, es ist besser, wenn wir dich nicht alleine durch das Schloss laufen lassen", gab sie in leicht spöttischem Ton zurück. „Du machst einen etwas ... matschigen Eindruck. Am Ende fällst du noch durch eine Treppe ..."

„Okay", sagte Draco halb widerwillig, halb belustigt.

Sie kletterten durch das Porträtloch und machten sich schweigend auf den Weg in die Kerker.

Nach einigen Minuten räusperte Weasley sich. Draco drehte sich zu ihr um.

„Weißt du, Malfoy ... Also, das ist jetzt nicht gegen dich persönlich gerichtet, aber ..."

Draco sah sie an. Er wusste, was kommen würde.

„Also, es ist einfach so, dass Harry und ich ein bisschen mehr Zeit für uns brauchen. Ich weiß, dass ihr Freunde seid, okay, von mir aus. Ich denke, du und ich, wir wissen beide, dass wir nie über einen Waffenstillstand hinauskommen werden ..."

Draco nickte knapp.

„Okay, gut. Dann sind wir uns da schon mal einig ... – Also ... Harry und ich, wir hatten bisher einfach zu wenig Raum für uns. Erst war da Voldemort," – Draco versteifte sich kurz – „na ja, und dann warst du da. Ich meine, ich find's ja nobel, dass Harry sich um dich kümmert" –

„Schon klar. Ich hab's kapiert", entgegnete Draco mit einem schwachen Lächeln. „Mir war klar, dass das nicht ewig so weitergehen kann."

Jetzt, wo die Katastrophe eingetreten war, fühlte er sich erstaunlich ruhig, sogar erleichtert.

Weasley wirkte verblüfft, fing sich aber schnell.

„Äh ... danke, Malfoy. Und ... hm ... du bist natürlich willkommen, ab und an was mit uns zu unternehmen, ja? Also nicht, dass wir dich ... überhaupt nicht mehr dabei haben wollen ..."

Draco nickte. „Mach' dir keinen Kopf. Ich krieg' das geregelt. – Oh, und bestell Harry einen Gruß von mir. Sag' ihm, dass ich nicht sauer bin auf ihn. Er hat mir ... sehr geholfen in den letzten Monaten. Ich weiß, dass er leicht ein schlechtes Gewissen kriegt, gryffindorscher Edelmut und so, aber er hat wirklich alles für mich getan, was er konnte. Sag' ihm noch mal Danke von mir, ja?"

Bereitwillig nickte Ginny.

„Ich schätze, ich sollte mich auch bei dir bedanken. War nicht selbstverständlich, dass du mich so lange ertragen hast, wo ich früher doch ziemlich eklig zu dir war ..."

„Ach ...", sagte sie leichthin. „Schwamm drüber."

Draco nickte. „Na dann ... Ich muss jetzt wirklich ins Bett. Mach's gut, Weasley."

„Bye, Malfoy."

Er drehte sich um und schritt den Gang hinunter.

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