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Herbst
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Kapitel 7
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus
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Die Geister Severus, Tom und Marcus saßen um einen Tisch im Wohnzimmer des Tränkemeisters herum und spielten Karten.
Die Karten waren genauso silbrig transparent wie sie selbst. Severus, der einzige von ihnen, der bei seinem Tod seinen Zauberstab bei sich getragen hatte, hatte sie magisch erschaffen. Auf reale Gegenstände konnte er nicht mehr einwirken, weder seine Berührungen noch die Anwendung seine Zauberkräfte hatten eine Reaktion zur Folge. Aber er konnte Abbilder der Wirklichkeit erschaffen, für sich und die anderen Geister – bis hin zu Burgunder und Kürbischips, die jetzt zwischen ihnen auf dem Tisch standen.
Man muss auch für kleine Dinge dankbar sein, dachte Severus melancholisch.
„Ich will sehen", forderte Tom plötzlich.
Schweigend breiteten Severus und Marcus ihre Karten vor ihm aus.
„Ha!", schrie der Gryffindor triumphierend. „Schon wieder gewonnen."
„Du mogelst!", knurrte Marcus ihn an und zog die löchrige Decke enger um seine Schultern.
Severus hatte ein paar Mal versucht, ihm anständige Kleidung zu erschaffen, hatte aber rasch feststellen müssen, dass dies seine Fähigkeiten überstieg. Als Geister waren sie gezwungen, das Aussehen beizubehalten, welches sie im Moment ihres Todes gehabt hatten.
Im Fall von Marcus bedeutete das, dass er ziemlich furchterregend aussah, wenn er nur in seine Decke gehüllt durch die Gänge des Schlosses schwebte. Er vermied es zwar, dabei allzuviel von seinem zerstörten Körper zu zeigen, aber der Anblick seiner brandigen Beine und Füße und seines blutbeschmierten Gesichts reichte vollkommen, um sämtliche Erstklässler und die meisten der älteren Schüler in die Flucht zu schlagen.
Das machte es ihm nicht gerade leicht, eine sinnvolle Betätigung innerhalb der Schule zu finden. Dabei wäre er schon glücklich gewesen, wenn er etwas so absurd Normales hätte tun können wie Nachhilfe zu geben. Im Moment beschränkte Marcus sich darauf, unsichtbar durch die Gänge zu gleiten und verdutzten Schülern Warnungen vor Filch oder McGonagall zuzuflüstern.
Und vor mir ... Er untergräbt eiskalt meine Autorität als Hausgeist – und genießt es auch noch.
Doch Severus war deswegen nicht böse. Niemals hätte er versucht, den jungen Mann von seinen kleinen Schülerrettungsaktionen abzubringen. Er war Marcus viel zu dankbar dafür, dass dieser ihn nie mit Hass ansah oder auch nur mit einem bösen Wort bedachte – und das, obwohl Severus die alleinige Schuld an Marcus' Leiden und Tod trug.
Mit einem frustrierten Schnauben wischte Marcus die Karten vom Tisch und griff nach seinem Weinglas.
Severus raffte sich zu einer, wie er hoffte, die Situation auflockernden Bemerkung auf. „Tom hat zu oft mit den Weasley-Zwillingen gespielt. Er kennt alle Tricks", stellte er halb resigniert, halb ironisch fest.
Tom angelte vergnügt nach einem Kürbischip. „Tja, im Gegensatz zu dir habe ich meine Zeit halt sinnvoll verbracht. Du musstet ja unbedingt mit den Todessern rumhängen und Leute abmurksen ... Mich und Marcus eingeschlossen."
Gequält verzog Severus das Gesicht. Er wusste, dass Tom es nicht böse meinte, aber leider hatten solche achtlos eingestreuten Bemerkungen meist ausgesprochen unangenehme Folgen.
„Tom, bitte ...", warnte Severus beschwörend.
Aber es war schon zu spät. Wie auf ein Stichwort erschienen Danyel und Fiona im Raum.
„Kriegen wir auch ein paar Kürbischips?", fragte Fiona grinsend.
Habe ich eine Wahl?
Severus hielt ihnen wortlos die Schale hin.
„Danke."
„Wo steckt Jeremiah?", fragte er barsch. In Gegenwart seiner Opfer, insbesondere in Gegenwart Danyels, fühlte er sich nach wie vor ausgesprochen unwohl.
„Keine Ahnung." Danyel zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Der ist gern allein, weißt du doch ... Nur er und seine Depressionen ..."
Jeremiah ...
Dieser Name war für Severus zum Synonym für Blut und Schmerz, für all seine fatalen Fehler geworden. In einer fast unbewussten Geste der Verzweiflung vergrub er das Gesicht in den Händen.
„Hör auf damit, Danyel", drang Toms leise Stimme zu ihm.
Severus spürte, wie Tom sich neben ihm auf der Sessellehne niederließ. „Severus?"
„Schon gut." Severus fuhr sich mit den Fingern durchs strähnige Haar. „Schon gut", wiederholte er bitter. „Es ist das Mindeste, dass ich sie anhöre."
„Wo er Recht hat, hat er Recht", kommentierte Danyel ungerührt und griff nach der Flasche Burgunder.
Marcus schlug ihm auf die Finger. „Arschloch!", zischte er feindselig, während er seine Decke, die ihm bei der abrupten Bewegung von den Schultern geglitten war, wieder um sich zog.
Obwohl Severus keine Eskalation der Spannungen zwischen seinen ständigen Begleitern wünschte, war er Marcus für diese Solidaritätsbezeugung ausgesprochen dankbar.
Danyel musterte Marcus kalt. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich hätte gerne noch ein paar Jahre gelebt, weißt du. – Wie wär's mit 'nem Glas?", sagte er an Severus gewandt.
Schweigend zog Severus seinen Zauberstab und erschuf das Verlangte.
Danyel schenkte sich ein und betrachtete konzentriert die quecksilbrige Flüssigkeit, ehe er einen tiefen Schluck nahm.
„Ich hätte gerne was von meinem Leben gehabt. Vielleicht seid ihr zwei" – er nickte erst zu Marcus, dann zu Tom hinüber – „ihm ja dankbar dafür, dass er euch umgebracht hat. Bei dir, Marcus, würde ich es ja vielleicht noch verstehen. Rodolphus hatte dich in der Mangel, okay, und wie deutlich zu sehen ist, hat er nicht allzu viel von dir übrig gelassen" –
„Danke!", fauchte Marcus ihn an.
„Ach, komm schon ... Du weißt doch selbst, was für einen grausigen Anblick du bietest, oder? – Also, wie gesagt, bei dir könnte ich es vielleicht noch verstehen, von wegen ‚er hat mich von meinen Qualen erlöst' und so ..."
Von wegen, dachte Severus bitter. Ich war es, der ihm diese Qualen überhaupt erst beschert hat.
„Sprich nicht so über Severus!" Tom war aufgestanden und hatte sich Danyel genähert. „Du weißt genau, dass er es nur getan hat, um uns zu schützen!"
Ach, Tom ...
Severus spürte, wie ihm vor Zuneigung warm wurde.
„Was getan? Uns umgebracht?!", giftete Danyel zurück. „Er hat uns umgebracht, um uns zu schützen?! Du bist ja krank! Und überhaupt ... Er hätte wenigstens den Avada Kedavra benutzen können ..." Er stockte. „Ich fühle sein verdammtes Messer immer noch in meinem Herzen ...", setzte er schließlich leise hinzu.
„Es tut mir leid", hauchte Severus, während sein eigenes Herz sich zusammenzog vor Schmerz und Reue. „Ich durfte nicht ..."
Doch niemand schien seine Worte gehört zu haben.
Inzwischen hatte Danyel sich gleichfalls erhoben und stand nur noch einen Schritt von Tom entfernt. Aus seinen Augen blitzten Zorn und Hass.
„Und dass du dich dann auch noch in ihn verknallt hast und jetzt mit ihm rummachst, ist ja wohl das Allerletzte!", stieß er bebend hervor. „Schwule sind ja schon eklig genug, aber das ist ja fast schon pädophil!"
Severus spürte, wie heiße Scham in ihm aufstieg, während Danyel in seinem wütenden Sermon fortfuhr.
„Schau dich doch an! Du bist achtzehn, Tom, und aussehen tust du wie fünfzehn – und er ist fast vierzig, verdammt! Er hat dich umgebracht! Geht das nicht in dein Gryffindor-Katzenhirn rein? Und jetzt lässt du dich auch noch von ihm vögeln! Von diesem widerlichen, kranken" –
Klatsch!
Tom hatte Danyel eine schallende Ohrfeige verpasst.
Verblüfft rieb sich der junge Mann die schmerzende Gesichtshälfte. Er starrte Tom aus großen Augen an. „Du hast mich geschlagen", flüsterte er. „Du hast mich tatsächlich geschlagen ..."
„Willst du noch eine?", fragte Tom grimmig. „Dann mach nur weiter mit deiner widerlich spießigen, sexistischen Hasstirade. Du bist doch wirklich" –
„Severus!", sagte Marcus schockiert. „Du weinst ja ..."
Aus den Augenwinkeln sah Severus verschwommen, wie Tom zu ihm herumwirbelte.
Er verfluchte seine von Tag zu Tag schwindende Selbstkontrolle. Immerhin hatte er sich noch so weit im Griff, dass er keinen Laut von sich gab, während ihm Tränen heiß wie flüssiges Feuer über die Wangen rannen. Doch er spürte, wie seine Schultern zuckten, das Beben auf seinen ganzen Körper übergriff.
„Severus!"
Tom schloss ihn in die Arme, zog seinen zitternden Körper an sich.
„Da siehst du, was du angerichtet hast!", schimpfte Tom an Danyel gewandt. „Du ... Ach, mir fällt keine passende Beleidigung für dich ein."
Schmale Hände strichen beruhigend über seinen Rücken.
„He, Severus ...", raunte Tom ihm ins Ohr. „Ist ja gut ... Er ist ein Idiot, okay? Ich liebe dich ..."
Ein Kuss wurde auf seine Stirn gehaucht.
„Ich liebe dich wirklich. Es ist mir egal, wie alt du bist und dass du mich getötet hast. Ich liebe dich."
Und endlich, endlich ließ Severus sich fallen, hinein in die feste, tröstende Umarmung.
Er kam erst wieder zu sich, als er hartnäckig geschüttelt wurde.
„Severus? Severus!" Toms Stimme klang schrill vor Aufregung.
„Tom?", fragte er mit schwerer Zunge. Severus konnte ihn nicht klar erkennen. Alles verschwamm vor seinen tränengefüllten Augen.
„Severus, bitte!", drängte Toms Stimme. „Es ist Draco! Jery hat gesehen, dass er auf den Astronomieturm gestiegen ist ..."
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Der Astronomieturm. Draco hatte ihn schon immer geliebt. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet hier sein Leben begonnen hatte, in die Brüche zu gehen, in der Nacht, in der Severus Dumbledore getötet hatte.
Aber nein, eigentlich stimmte das nicht. Der Auflösungsprozess hatte viel früher eingesetzt – in dem Moment, als sein Vater verhaftet worden war.
Sein Vater in Askaban ... Seine Mutter, hysterisch in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung, die ihren Kummer in Alkohol ertränkte, ihre Angst mit Fliegenpilz und Rauschbeeren zu betäuben versuchte ... Angst um ihren Mann, Angst um Draco, Angst um sich selbst ... Der Dunkle Lord, der Draco kalt lächelnd in Sippenhaft nahm, seine Dienste stellvertretend für die seines Vaters einforderte, ihm emotionslos mit der Hinrichtung seiner Eltern drohte, sollte Draco nicht in der Lage sein, Dumbledore zu töten ...
Draco schloss die Augen und gab sich dem Brausen und Tosen des Windes hin. Es war eine stürmische Herbstnacht, und er genoss es, wie die Böen gegen den Astronomieturm anrannten, über die Plattform hinwegfegten und dabei an seinen Kleidern zerrten, als wollten sie ihn packen und mit sich hinwegreißen in den kalten Septemberhimmel.
Draco trat ganz dicht an die Brüstung heran, genau an die Stelle, an der Dumbledore gestanden hatte, und sah hinab in die Tiefe. Es war bereits so dunkel, dass er nurmehr Schemen erkennen konnte. Das Meiste war ganz einfach schwarz.
Diese Finsternis wirkte einen unheimlichen Sog auf ihn aus. Draco schwang ein Bein über die Brüstung, dann das zweite, und ließ die Füße über dem Abgrund baumeln.
Er an seinen Vater, daran, dass er ihn nie wiedersehen würde.
Nicht in dieser Welt.
Er dachte an seine Mutter, von der er seit Wochen nichts gehört hatte, von der er nicht einmal wusste, ob sie noch am Leben war.
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus ...
Draco löste die Hände von der Brüstung und breitete die Arme aus.
Er beugte sich noch ein Stück weiter über den Abgrund.
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Severus flog förmlich durch die Korridore. Hinauf, immer höher und höher, auf den höchsten Turm des Schlosses. Den Turm, auf dem er Dumbledore getötet hatte.
Ich will nicht noch einen Menschen verlieren. Nicht Draco! Bitte ...
Severus wurde nicht länger durch die begrenzte Leistungsfähigkeit eines physischen Körpers behindert. Er war schnell, viel schneller, als er früher hätte sein können.
Aber war er schnell genug?
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„Tu' es nicht."
Erschrocken zuckte Draco zusammen und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Hastig klammerte er sich an den kalten Steinen fest und drehte sich zu dem Sprecher um.
Es war Severus. In der Dunkelheit schien sein transparenter Körper mattsilbern zu glühen, und der Wind verwischte seine Konturen.
„Tu' es nicht", wiederholte der Geist leise.
„Und warum nicht?", fragte Draco müde.
„Der Tod ist ein recht inadäquates Mittel zur Problemlösung. Genau genommen löst er überhaupt nichts ..."
Ein zorniger Funke glomm in Draco auf.
„Warum bist du hier? Was gibt dir das Recht dazu, dich in mein Leben einzumischen?"
Severus machte eine beschwichtigende Geste.
„Dein Vater hat mich gebeten, auf dich aufzupassen", flüsterte er. „Und selbst, wenn er das nicht getan hätte: Ich fühle mich verantwortlich für dich."
Severus sah hilflos und verloren aus.
„Hast du ihn wirklich geliebt?", fragte Draco leise.
Einen Moment lang schwieg der Geist.
„Ja", sagte er dann fest. „Und ich liebe ihn noch. Ich will nicht, dass sein Sohn sein Leben wegwirft, für nichts und wieder nichts."
Draco zögerte lange. Er blickte noch einmal mit einem fast wehmütigen Gefühl in den Abgrund hinab.
Endlich schwang er ein Bein nach dem anderen über die Brüstung und rutschte auf die Plattform hinunter.
„Merlin sei Dank."
Severus schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, lag ein Lächeln in ihnen.
„Möchtest du ... würdest du mitkommen in meine Räume? Ich meine, es ist nicht" –
„Ja", entgegnete Draco schlicht.
Sekundenlang sah Severus ihn überrascht an, ehe sein Lächeln zurückkehrte.
Langsam drehte der Geist sich um und schwebte vorweg durch die alte verwitterte Tür zum Treppenhaus. Gemeinsam stiegen sie hinab – zurück in die Welt der Lebenden.
Schweigend folgte Draco dem Geist durch die nächtlich leeren Korridore von Hogwarts. Severus brauchte offensichtlich kein Licht mehr, um sich in der absoluten Finsternis der inneren Schlossgänge zurechtzufinden, doch Draco hatte ein „Lumos!" geflüstert und leuchtete sich mit dem Zauberstab. Es war ein langer Weg hinab in die Kerker, und Severus schien aus irgendeinem Grund beschlossen zu haben, keine der zahlreichen Abkürzungen zu benutzen. Vielleicht war er der Meinung, dass Draco nach seiner Aktion auf dem Astronomieturm ein bisschen Bewegung gut tun würde.
„Gehen hilft beim Denken", hatte sein Hausvorstand früher oft gesagt. Sein Bewegungsdrang, nicht böser Wille, war auch der Hauptgrund dafür gewesen, dass der Tränkemeister während des Unterrichts zum Entsetzen seiner Schüler permanent durch die Reihen getigert war.
Ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf Dracos Lippen. Die Erinnerung schmeckte bitter.
Und wenn er erst an all die lächerlichen Kleinigkeiten dachte, die ihn früher so in Atem gehalten hatten! Wie es ihn frustriert hatte, dass Granger ihn in fast allen Fächern scheinbar mühelos überflügelte ... Oder der ewige Dauerzwist mit Potter, in den er sich zwanghaft hineingesteigert hatte, hauptsächlich aus Neid und gekränkter Eitelkeit ... Wie klein und unbedeutend kamen ihm seine alten Sorgen jetzt vor. Was ihn vor einem Jahr noch zur Weißglut getrieben hätte, ließ ihn nun völlig kalt.
Dracos Herz zog sich zusammen.
Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie sehr er sein altes Leben vermisste. Seine Eltern, seine Freunde, sogar Crabbe und Goyle, die Quidditchturniere, den Zaubertränke-Unterricht bei Severus, die Gemeinschaft der Slytherins, über der als ungekrönter, aber unbestrittener König der sarkastische und geniale Tränkemeister thronte ... Draco vermisste selbst Dumbledore mit seinem oberflächlichen Verständnis für alles und jeden und seinen lächerlich albernen Ansprachen zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Und ganz besonders vermisste er Severus – den alten, überlegen selbstsicheren und ironischen Severus, der für sein Haus halb Vater, halb verehrtes Vorbild gewesen war.
Severus. Ohne ihn würde ich jetzt vielleicht am Fuß des Astronomieturms liegen ...
Mit Wucht überkam ihn die Erkenntnis, was er beinah getan hätte. Er war so nah daran gewesen, so nah ...
Vielleicht wäre er wirklich gesprungen. Nein, nicht gesprungen. Er hätte einfach die Arme ausgebreitet und sich fallen lassen, hinein ins lockende, schwarze Nichts.
Plötzlich war ihm kalt. Seine Knie gaben nach. Er musste sich mit der Hand an der Wand abstützen.
Merlin, ich könnte tot sein ... Wenn Severus nicht gekommen wäre, dann wäre ich jetzt mit ziemlicher Sicherheit tot.
Das Lumos-Licht erlosch. Draco hatte keine Kraft mehr, es aufrechtzuerhalten.
Alles wurde schwarz und er fiel, versank in der Dunkelheit, als wäre er schließlich doch noch gesprungen.
„Draco?"
Übergangslos schwebte Severus vor ihm im Nichts, ein bleicher, toter Schatten. Anders als bei Tageslicht war er fast völlig weiß, Gesicht und Hände lediglich etwas transparenter als Kleidung, Haare und Augen.
Die Augen! So kalt, so leer ...
Sie waren wie Spiegel, hinter denen nichts mehr lebte, die nur das Bild des Betrachters zurückwarfen.
Der eisige Hauch, der von Severus ausging, kroch Draco über die Haut und ließ ihn schaudern. Die ätherische Gestalt des Geistes spendete kein noch so schwaches Licht. Rings um sie war tintenschwarze Finsternis, und für einen Moment war Draco sich nicht sicher, ob er selbst tatsächlich existierte, wo er doch nicht einmal die eigene Nasenspitze erkennen konnte.
Angst.
Da war sie wieder.
Angst.
Draco starrte den Geist an und war wie gelähmt. Nun sah er nicht mehr Severus vor sich, sondern etwas Fremdes, Falsches, das nicht sein durfte.
Er sollte tot sein ... Er war drüben ... Er sollte tot sein ...
„Draco, was ist mit dir?"
Diese Stimme.
So kalt. So hart.
Tot.
Tödlich.
„Draco?"
„Er hat Angst vor dir." Unerwartet tauchte eine zweite weiße Gestalt aus der Schwärze auf. „Ich glaube, sein Verstand hat sich ausgeklinkt."
Rasender Herzschlag. Kalter Schweiß. Angst, die jede Faser seines Seins ergriff, ihm die Luft abdrückte. Panisch umherflatternde Gedanken, zusammenhanglos, nicht wieder einzufangen ...
„He, Draco!"
Etwas wie ein eisiger Peitschenhieb durchfuhr seinen Oberkörper. Der zweite Geist hatte blitzschnell einen Arm ausgestreckt und ihn quer durch Draco gezogen. Draco schnappte entsetzt nach Luft.
Doch der Schreck hatte ihn aus seiner Panik befreit. Er hatte die Kontrolle zurückgewonnen.
„Mach' das Licht wieder an!", verlangte der zweite Geist.
Draco gehorchte mechanisch. Eine bläuliche Kugel glomm am Ende seines Zauberstabes auf.
Die Welt war zurück. Mauern und Bilder, Teppiche und Rüstungen, erloschene Fackeln ... Und die beiden Geister, die stumm vor ihm schwebten und ihn prüfend musterten, nun wieder in dem quecksilbrigen Grau, an das Draco sich bereits gewöhnt hatte. Das Lumos-Licht ließ sie schwach bläulich schimmern, aber das furchteinflößend Fremde war von ihnen gewichen.
Erst jetzt erkannte Draco den zweiten Geist als Tom, Severus' Geliebten.
„Mann", hauchte Draco mit unsicherer Stimme. „Das war gruselig ..."
Severus sah ihn besorgt an. „Vielleicht sollten wir dich besser zu Madame Pomfrey" –
„Bloß nicht!", unterbrach Draco ihn hastig. „Bitte ... Ich ... ich will nicht, dass irgendjemand von der Sache auf dem Astronomieturm erfährt."
Severus blickte ihn zweifelnd an.
„Ich bin okay, wirklich! Es war nur ... Du hast so seltsam ausgesehen im Dunkeln. Ich habe mich einfach nur furchtbar erschreckt!"
Endlich nickte Severus.
„Nun gut ... Möchtest du also mit zu mir kommen? Ich hätte da noch einen hervorragenden Rotwein im Angebot ..."
Tom zupfte an Severus' Robe. Severus verdrehte die Augen.
„... ebenso wie einige seltene Einblicke in mein wohlgehütetes Privatleben."
Dracos spürte, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Worauf warten wir dann noch?"
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Anmerkungen: Der Titel ist ein Zitat aus dem Gedicht „Mondnacht" von Joseph von Eichendorff.
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