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Herbst
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Kapitel 9
Danyel
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Der nächste Tag verging für Dracos Gefühl viel zu langsam.
Unruhig fieberte er dem Moment entgegen, in dem er wieder in Severus' Wohnzimmer sitzen und den Geschichten der Geister lauschen würde. Zwar war da nicht nur Faszination, sondern auch Furcht, wenn Draco daran dachte, was er in dieser Nacht vielleicht über seinen Vater, und auch über Severus, erfahren würde. Doch Severus' Geschichte hatte ihn so gefesselt, dass er unbedingt erfahren musste, wie es mit ihm weitergegangen war – und mit denen, die später zu seinen Opfern geworden waren.
Neben der diffusen Angst vor dem, was die Geister ihm über ihren Tod enthüllen würden, gab es noch einen zweiten Punkt, der Draco nervös machte. Der Gedanke an Tom verursachte ein seltsam flaues Gefühl in seiner Magengegend. Doch er tröstete sich damit, dass Tom sich in Gegenwart seines Partners wohl ein bisschen zusammenreißen würde, was sexuelle Anspielungen betraf.
Wie immer, wenn man angespannt auf etwas wartete, verlief der Unterricht zäh und langweilig. Während Zaubertränke hatte Draco den Eindruck, dass Harry mehrmals recht schuldbewusst zu ihm hinüberblickte – offenbar hatte Weasley ihren Freund über ihr Gespräch mit Draco informiert.
Draco war irgendwie erleichtert, dass Harry sich immer noch um ihn zu sorgen schien. Dennoch winkte er jedes Mal ab, wenn der Gryffindor forschend zu ihm hinübersah. Er wollte auf keinen Fall, dass sein Freund dahinterkam, was er gestern beinah getan hätte. Niemand sollte merken, dass es ihm nicht gut ging – und Harry schon gar nicht. Er hatte schon so viel für Draco getan, dass dieser sich deswegen fast schämte. Die Wieselette hatte Recht: Die beiden hatten wirklich Anspruch auf ein paar von ihm ungestörte Wochen.
Endlich, nach mehreren Blickwechseln, fragenden und darauf antwortenden wegwerfenden Gesten, schien Harry überzeugt, dass Draco ihm wirklich nicht böse war. Da war es allerdings schon zu spät für den Trank des Gryffindors, und Professor Slughorn verkündete Harry mit leidendem Gesichtsausdruck, dass dieser den Inhalt seines Kessels höchstens noch zum Schuhe putzen verwenden könne, keinesfalls jedoch zur Behandlung von Schnittwunden, was der eigentliche Zweck des Gebräus war.
Nach viel zu vielen zähen Minuten war schließlich auch die letzte Unterrichtsstunde des Tages zu Ende, das Abendessen vorbei, und Draco eilte die Treppen zu den Kerkern hinab.
Mit klopfendem Herzen blieb er vor der Tür zu Severus' Räumen stehen. Ehe er noch die Hand heben und sich bemerkbar machen konnte, ertönte von innen die Stimme des Hausherrn. „Komm herein, Draco", verkündete er knapp.
Draco gehorchte. Er öffnete die Tür und trat in den kleinen Vorflur von Severus' Wohnung. Dahinter war es stockfinster. Die Fackeln des Korridors warfen ihren Schein kaum bis zur Wohnzimmertür.
„Lumos!", befahl Draco. Die Atmosphäre hatte etwas von einer Gruft, und er sprach unwillkürlich mit gedämpfter Stimme.
„Worauf wartest du noch? Auf ein Empfangskomitee?" Tom erschien buchstäblich in der Tür zum Wohnzimmer. Seine oberen zwei Drittel ragten in den Flur, der Rest befand sich wohl noch auf der anderen Seite. „Mach' dir so viel Licht, wie du brauchst, versorg' dich mit was auch immer du trinken möchtest, und setz' dich zu uns."
Zwei Minuten später hatte Draco seinen Platz im Sessel wieder eingenommen.
„Heute geht es um Danyels Geschichte", erklärte Tom.
Diesmal saß er nicht auf Severus' Schoß, sondern neben ihm auf dem Sofa, hatte aber einen Arm um seinen Partner geschlungen – beschützend und Besitz ergreifend zugleich.
Tom schien gewissermaßen die Moderation dieses Abends übernommen zu haben, und Severus ließ ihn schweigend gewähren.
Danyel nahm einen Schluck aus seinem Glas und räusperte sich. Als er sprach, sah er nur Draco an.
„Ich war achtzehn, als ich eingetreten bin, zwei Wochen nach meinem Schulabschluss. Mein Onkel war bei den Todessern. Er ist im ersten Krieg gefallen. In unserer Familie wurde von ihm wie von einem Helden gesprochen. Ich stamme aus einer sehr alten Reinblütersippe, dem Haus Avery, väterlicherseits zumindest. Tradition und Herkunft wurden bei uns immer hoch gehalten. Der Dunkle Lord war so etwas wie eine Lichtgestalt in den Erzählungen meiner Eltern und ihrer Freunde, der Führer, der die Zaubererwelt von zersetzenden Elementen, von Korruption und Vermischung reinigen würde. Ich schätze, sie dachten wirklich, unter seiner Herrschaft würde so etwas wie das Goldene Zeitalter anbrechen ..."
„Nach seinem ersten Sturz haben sie sich nur mit allergrößter Mühe vom Vorwurf des Todessertums reinwaschen können – obwohl sie, beiläufig gesagt, lediglich mit ihm sympathisiert, aber niemals das Mal angenommen haben. Sie wurden lange ausgesprochen misstrauisch beäugt. Mein Vater hat seinen Posten im Ministerium verloren, wegen angeblicher politischer Unzuverlässigkeit. Natürlich glaubten meine Eltern, dass der Dunkle Lord für alle Zeiten vernichtet worden war, doch dann ... Die Nachricht von seiner Wiederauferstehung hat sie in veritable Euphorie versetzt."
„Und ich, mit dem Heldenbild meines Onkels vor Augen, mit dem Goldenen Zeitalter der Zauberer im Hirn, mit dem Wunsch, die Schande meiner Eltern auszutilgen, im Herzen ... Als Dumbledore nach Diggorys Tod verkündete, er sei ermordet worden, als er uns sagte, von wem ... der Dunkle Lord sei zurückgekehrt ... Ich habe keine Sekunde an der Wahrheit seiner Worte gezweifelt. Es war ... unglaublich. Überwältigend. Vor mir lagen plötzlich so viele Möglichkeiten ... Für mich gab es nur eins: ihm folgen. Das Mal nehmen. Ich hätte alles dafür gegeben. Und er empfing mich mit offenen Armen."
„Ich war bei Weitem nicht der Einzige. Auch Fiona und ein dritter Slytherin aus unserem Jahrgang, Paddy O'Hara, wurden am gleichen Tag wie ich in den Dunklen Orden aufgenommen. Insgesamt waren wir sieben bei der Initiationszeremonie, alle aus unserem Haus. Jery war der Älteste, glaube ich."
Jery nickte.
„Schon damals galt die Regel, dass man seinen ersten Mord begangen haben musste, um in den Orden aufgenommen zu werden. Da wir aber so viele waren, hatte der Dunkle Lord ein gemeinsames Opfer für uns ausgewählt – eine Muggel, auf die wir alle gleichzeitig einen Avada Kedavra werfen sollten. Das war noch nicht so schlimm. Sie starb schnell ... Und weil wir den Mord zu siebt begangen hatten, konnte ich mir einreden, dass sie ohnehin gestorben wäre ... auch ohne meinen Fluch."
„Aber zwei Wochen später wurde es ernst für mich. Ich habe bis heute nicht kapiert, warum ... warum diese zwei Muggel gefoltert und getötet wurden, aber ich machte mit. Ich wusste, alles andere hätte meinen Tod bedeutet. Doch an diesem Tag beschloss ich, zu Dumbledore zu gehen. Ich wollte raus. Das war es nicht, was ich mir vorgestellt hatte, als ich mich dem Dunklen Orden anschloss."
„Dummerweise", schaltete Severus sich ein, „hat er seinen Freund Paddy in seine Pläne eingeweiht. Mit dem Ergebnis, dass ich noch am selben Abend den Auftrag erhielt, Danyel zu töten."
„Er stand plötzlich in meiner Wohnung, und ehe ich mich von meiner Überraschung erholt hatte, war ich schon durch einen Stupor gelähmt und betäubt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer Waldlichtung, und Severus stand nur wenige Meter von mir entfernt. Im Grunde war mir klar, was das Ganze zu bedeuten hatte, aber natürlich hoffte ich immer noch ..."
Danyels Stimme hatte zu zittern begonnen. Er brach ab, schwieg sekundenlang.
„Ach verdammt, ich kann das einfach nicht erzählen!", brach es plötzlich aus ihm heraus. „So, wie es jetzt klingt, war es einfach nicht! Ich hatte eine Scheißangst. Ich hab' mir fast in die Hosen gepisst, so einen Schiss hatte ich, und als du dann plötzlich angefangen hast, mit mir zu sprechen ..."
Blanker Hass glitzerte in Danyels Augen.
„Scheiße, du hast doch gespielt mit mir! Du hast gespielt mit meiner Angst, mit meiner Hoffnung ... Das war so" –
„Nein", unterbrach Severus leise, aber mit Nachdruck. „So ... so war es nicht. Ich wollte dir helfen. Ich wollte dir die Angst nehmen ... Verstehst du?"
„Nein", erwiderte Danyel. Er klang erschöpft. „Aber vielleicht ... vielleicht sollten wir die Geschichte zusammen erzählen. Vielleicht begreife ich dann endlich, warum du es auf diese Weise getan hast."
Angespannte Stille füllte den Raum.
„Wenn du es so haben willst, gut", willigte Severus schließlich ein. „Dann also zusammen."
Abermals erhob sich seine Stimme, und wieder trug sie Draco fort, hinaus in eine Sommernacht im Wald, zurück ins Jahr 1995 ...
Fast war es, als ob er den sachten Wind auf seiner Haut, in seinen Haaren spüren, das Flüstern der Blätter hören, den Duft nach Farnkraut und Mädesüß riechen konnte.
Draco lauschte den sich abwechselnden Stimmen von Danyel und Severus, wechselte mit ihnen die Perspektive auf das Geschehen, fühlte Danyels Angst ebenso wie Severus' ruhige Entschlossenheit.
Eigentlich war nicht besonders viel geschehen, stellte Draco fest, in jener Sommernacht auf einer Waldlichtung irgendwo in Großbritannien – kein Kampf, kaum Blut.
Die Diskussion zwischen Opfer und Henker, eine Diskussion, auf die Severus sich im Gefühl seiner sowohl magischen als auch geistigen Überlegenheit einließ, verlief weitgehend gedämpft und unaufgeregt. Es fiel Draco schwer zu begreifen, dass hier tatsächlich um ein Leben verhandelt wurde. Danyels Verzweiflung, sein Flehen, seine Angst prallten ohne Ausnahme an der unbarmherzigen Haltung seines Henkers ab, der dem jungen Mann noch nicht einmal die Rolle des Opfers zugestehen wollte, ihm ungerührt die Verantwortung für all seine Entscheidungen und Taten auferlegte.
Doch hinter der oberflächlichen Kälte und Ungerührtheit lag etwas anderes, wie Draco deutlich wahrnehmen konnte: eine Art von universalem und fatalistischen Mitgefühl nicht nur für Danyel, sondern für alle Geschöpfe, die ungefragt in ein Leben geworfen worden waren, das keine Rücksicht auf den Einzelnen nahm.
Staunend sah und spürte Draco, wie Danyels Widerstand schwand, wie er Schritt um Schritt nachgab, sich schließlich buchstäblich hingab, dem Tod in Gestalt von Severus in die Arme sank, als wäre dieser ein Liebhaber, und wie Severus sein Leben nahm, sein Blut vergoss, mit den Händen eines Liebenden und der Routiniertheit eines professionellen Killers.
Es nahm Draco die Luft zum Atmen und ließ ihn kalt und verloren zurück. Er brauchte ein paar Minuten, um sich von dem zu erholen, was er gehört – nein, gehört, gesehen und gefühlt hatte. Denn während die beiden erzählten, war er ebenso in ihre Körper hineingeschlüpft wie in ihren Geist, und als Severus Danyel das Messer in die Brust gestoßen hatte, da hatte es auch Dracos Herz getroffen, und er war mit dem Sterbenden gefallen und verloschen, bis Severus' Stimme ihn aus der Schwärze zurückriss ins Hier und Jetzt.
Dracos Hände zitterten, als er nach seinem Weinglas griff, und in der Herzgegend fühlte er immer noch das scharfe Echo des Schmerzes und den eisigen Schatten des Messers.
„Aber letztlich hat es funktioniert, oder?", fragte Tom nach einigen Minuten in fast vorwurfsvollem Ton in die Stille hinein. „Du hattest keine Angst mehr, als er ... als es ernst wurde. Es hat weh getan, gut, das waren vielleicht zwei Minuten. Ich verstehe nicht, wieso du Severus Vorwürfe machst. Stell dir vor, Dolohow hätte dich in die Finger bekommen, oder Greyback. Da hättest du Grund, dich zu beschweren. Aber so?"
Danyel versuchte noch, sein schemenhaftes Glas so in der Luft zu platzieren, dass es nicht umkippte, aber seine Hände bebten so sehr, dass das geisterhafte Gefäß in die Schräge geriet und einen dünnen Strom silberner Flüssigkeit in den Raum entließ. Gebannt beobachtete Draco, wie dieses Echo von Wein sich in feinen Spiralen ausbreitete wie eine winzige Galaxie, nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, jedem Gesetz der Schwerkraft spottend. Immer dünner und feiner wurden die silbrigen Schleier, bis sie schließlich ganz zerstoben und sich in Nichts auflösten.
Auch Danyel war von diesem ungewöhnlichen Anblick gefangen gewesen. Doch in dem Moment, als der letzte Rest Geisterwein verschwand, löste sich seine Starre. Mit einem Ruck, der durch seinen ganzen transparenten Körper ging, straffte er sich und blickte Severus gerade in die Augen.
„Ich wollte aber nicht sterben, verdammt noch mal!", zischte Danyel ihn an. Hass und Verachtung waren in jede Silbe, jeden Buchstaben geätzt. „Und wenn ... wenn ich schon sterben musste, dann doch nicht so! Wie ein Kind, das man in den Schlaf lullt ... Ich hätte kämpfen müssen, mich wehren!"
Schweigen. Niemand im Raum wusste eine Antwort auf Danyels wütende Selbstanklage.
Severus machte eine hilflose Geste. „Aber ihr wart doch Kinder für mich", sagte er, sehr leise und sehr unsicher. „Ich war doch dein Hauslehrer, Danyel, sieben Jahre lang ... Natürlich habe ich mich um euch gesorgt. Natürlich wollte ich nicht, dass ihr leidet."
Sein Blick verließ Danyel, wanderte in weite Ferne, oder vielleicht auch in sein Innerstes, Draco wusste es nicht.
„Ihr wart doch noch Kinder", wiederholte Severus flüsternd. „Fast meine Kinder", setzte er nach einigen Sekunden beinah unhörbar hinzu."
„Hättest du gern Kinder gehabt?", fragte Fiona. Sie klang überraschend sanft und musterte Severus mit sehr nachdenklichem Gesichtsausdruck.
Sofort schüttelte Severus abwehrend den Kopf. Die Geste wirkte fast instinktiv. Doch dann hielt er inne, schien zu überlegen.
„Ich ... vielleicht", erwiderte er schließlich zögernd. „Ich ... ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber ... mit wem denn?" Ein schiefes Grinsen erschien auf seinen Lippen. „Erstens bin ich schwul, und das ist mir klar, seit ich sechzehn bin. Und selbst wenn ich das nicht wäre, hätte sich zweitens wohl kaum eine Frau gefunden, die bereit gewesen wäre, ein Kind mit jemandem wie mir zu haben. Du siehst doch, dass ich mein Leben lang allein war, es gibt niemanden ..."
„He! Bin ich etwa niemand?!", unterbrach Tom ihn empört.
Er hatte sich vorgebeugt, so dass er Severus ins Gesicht blicken konnte, und betrachtete ihn äußerst missbilligend. Allerdings glaubte Draco, schon wieder den Schalk in Toms Augen funkeln zu sehen.
„Du", sagte Severus und seine Stimme wurde weich und warm, „bist ein Wunder, an das ich kaum glauben kann, so irreal kommt es mir immer noch vor."
Ein Prickeln lief über Dracos Rücken. Er ertappte sich bei dem Wunsch, jemand möge ihn mit solch einem Satz bedenken, am besten zusammen mit einem leidenschaftlich gehauchten „Ich liebe dich". Zwar wollte er diesen Satz nicht von Severus hören, aber ...
„Na, dann muss ich wohl unter Beweis stellen, wie wirklich ich bin!"
Tom grinste von einem Ohr zum andern. Sein Blick bekam etwas katzenhaft Lauerndes. Draco sah, wie Severus den jungen Mann mit irritiertem Unbehagen musterte – offensichtlich hatte er eine ungefähre Vorstellung von dem, was Tom planen könnte, und war nicht unbedingt glücklich über das ihm Bevorstehende. Obwohl es eigentlich unmöglich schien, wurde Toms freches Grinsen noch zwei Millimeter breiter. Dann warf er sich Severus buchstäblich an den Hals, schlang einen Arm um seinen Rücken, legte eine Hand auf seinen Hinterkopf und – Draco vergaß sekundenlang, zu atmen – küsste ihn.
Merlin ...
Einen Moment saß Severus stocksteif da, ehe er plötzlich die Arme um Toms Rücken legte und den Kuss erwiderte.
Draco starrte. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass die anderen Geister amüsiert bis anzüglich grinsten, mit Ausnahme von Danyel, der irgendwie leidend wirkte.
„Draco?", kicherte Tom und schnippte plötzlich vor Dracos Nase mit den Fingern. „Hallo? Bist du noch da?"
Draco schüttelte sich, um seinen Trancezustand loszuwerden.
Er hat ... Sie haben sich geküsst ... Hier, vor allen ... Das ...
„Na? Willst du auch mal?"
Tom, dreist und anzüglich grinsend, warf Draco eine schwungvolle Kusshand zu.
Draco zuckte zurück. Ein Schauer huschte über seine Haut, dessen Ursache ihm verdächtig ungewiss blieb.
„Dieser Theo ist doch ein hübscher Junge, hm?"
Nicht schon wieder ...
„Wie oft muss ich es dir noch sagen: Ich. Bin. Nicht. Schwul!", gab Draco heftig zurück. „Ihr ... ihr irritiert mich einfach!"
Tom gluckste vergnügt, während Severus spöttisch eine Augenbraue hob.
„Wie könnt ihr jetzt Witze machen, verflucht noch mal?!", fuhr Danyel plötzlich dazwischen. „Wie es mir geht, ist euch ja scheißegal. Hauptsache, ihr könnt euch gegenseitig abschlabbern ..."
Severus wollte antworten, nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, etwas Schuldbewusstes, aber Marcus kam ihm zuvor.
„Warum bist du hiergeblieben?", fragte er Danyel in ruhigem und sachlichem Ton. „Egal, wie du dich jetzt aufführst, ich bin sicher, dass du Severus nicht deswegen verfolgst, weil er dich getötet hat. Zuletzt warst du einverstanden mit dem, was er gesagt und getan hat, das war deutlich zu fühlen. Du machst dir selbst was vor, wenn du glaubst, du wärst hier, um dich an ihm zu rächen."
Alle Augen richteten sich auf Danyel.
Er senkte den Blick und schwieg.
„Ich hatte Angst", hauchte er schließlich. „Scheiße, ich war an drei Morden beteiligt! Ich habe mich einfach nicht getraut ... Die warten doch schon auf mich, auf der anderen Seite ..."
„Hast du das Licht gesehen?" Severus' Stimme war voll Sehnsucht. In seinem Gesicht spiegelte sich eine Art von verzweifeltem Hunger.
„Ja", flüsterte Danyel.
Severus neigte sich zu Danyel hinüber, streckte eine Hand in seine Richtung aus, ohne ihn anzufassen. Seine quecksilbrigen Augen glitzerten.
„Konntest ... konntest du es erreichen, es berühren?"
„Ja ..."
Draco konnte Danyel kaum noch verstehen – sein Ja war eher ein Hauch als ein Wort gewesen.
„Warum bist du dann noch hier?", flüsterte Severus drängend.
„Ich ..."
Danyel schloss die Augen. Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen.
„Da war eine ... Gestalt im Licht. Sie hat mich gefragt, ob ich bereit bin. ‚Ich habe Angst', hab' ich gesagt. – ‚Das brauchst du nicht. Gib mir deine Hand.' – ‚Nein! Ich will nicht! Ich will nicht da rein ...' Ich habe die Gestalt weggestoßen, und dann war das Licht auch weg. Alles war dunkel. Dann habe ich Severus gesehen, wie er ... wie er mich ... meine Leiche verwandelt hat. Und mich ... Den ... den Stein in die Tasche gesteckt. Von da an bin ich immer bei ihm gewesen."
Severus lächelte gequält. „Manchmal habe ich deine Stimme gehört. Ich dachte, ich werde verrückt."
Mit hörbarem Aufatmen öffnete Danyel die Augen und sah Severus an.
„Ich ... ich habe oft versucht, mit dir zu sprechen", entgegnete er leise. „Ich war so allein ... Du warst der Einzige, den ich erreichen konnte – manchmal. Meist hast du mich gar nicht wahrgenommen. Und sehen konntest du mich erst nach deinem eigenen Tod."
„Ja."
Schweigen.
„Danyel, ich bin sicher, sie hätten dich reingelassen. Du hast so schnell erkannt, dass du auf dem falschen Weg warst ... Und wenn du Gelegenheit gehabt hättest ... Du hättest alles getan, um deine Fehler wiedergutzumachen. Sie haben dir bestimmt längst vergeben. Der Einzige, der dir nicht vergeben hat, bist du selbst. Du bist frei zu gehen, wann immer du willst. Frei, verstehst du?", sagte Severus eindringlich.
Danyel schüttelte stumm den Kopf. Tränen rannen aus seinen Augen wie eisige Perlen.
„Dan!" Fiona war aufgestanden und hinter den weinenden jungen Mann getreten. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern. „Severus hat Recht. Wenn es einer von uns verdient hat, zu gehen, dann du. Du hast aus deinen Fehlern gelernt, verdammt noch mal! Wenn sie dich nicht reinlassen, dann weiß ich auch nicht ..."
Dracos Kehle wurde eng.
„Gibt es ... gibt es tatsächlich so was wie ein ... Gericht nach dem Tod? Eine Prüfung? Man ... man kann da nicht einfach rein?", fragte er beklommen.
„Woher sollen wir das wissen?", erwiderte Jery bekümmert, indem er Draco in die Augen sah. „Wir haben es ja nicht mal versucht. Wir hatten alle viel zu viel Angst, zurückgewiesen zu werden."
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Severus starrte seine Hände an.
Ihm war kalt. So kalt ...
Niemand hätte die fünf zurückgewiesen. Sie waren doch noch Kinder, als sie sich entschlossen haben, dem Dunklen Lord nachzulaufen ... Kinder ... Leicht zu beeindrucken und grenzenlos naiv. Sie haben doch sogar Lucius über die Schwelle gelassen ... Nur ...
„Mich haben sie zurückgewiesen", sagte er rau. Es schmerzte, die Wahrheit auszusprechen. „Ich glaube ... ich glaube, ich habe die Hölle gesehen nach meinem Tod."
Er spürte die entsetzten Blicke der anderen wie Nadelstiche auf seinem Gesicht.
„Ich ... Es war meine ganz private Hölle, denke ich. Sie waren alle da – alle, die ich getötet habe, alle, die unter mir gelitten haben. Sie haben mich fast erstickt mit ihrer Verzweiflung und ihrem Hass. Ich habe das Licht gesehen ... Ich konnte es nicht erreichen."
Es tat so weh.
„Severus", raunte Tom und zog ihn an sich. „Ich liebe dich."
Aber er war nicht in der Lage, darauf zu antworten.
Undeutlich bekam er mit, wie Tom Draco verabschiedete, ihn bat, am nächsten Abend wiederzukommen.
Doch er selbst war wieder in der eisigen Kälte, in Furcht und Feindseligkeit gefangen, die ihn im Moment seines Todes ergriffen hatten.
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