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Herbst

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Kapitel 10

Jery

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Als Draco nach seinem Besuch bei Severus in seinen Schlafsaal stolperte, den sehr leeren Schlafsaal der männlichen Slytherin-Siebtklässler, den er und Theodore Nott ganz für sich allein hatten, wurde er bereits erwartet.

Sein Zimmergenosse saß im Schneidersitz auf seinem Himmelbett, bis zum Hals in eine karierte Wolldecke gewickelt, obwohl ein munter prasselndes Feuer den Raum angenehm erwärmte. Auf Theos Kopfkissen lagen zwei Bögen beschriebenes Pergament und einige Fotos. Draco glaubte, auf einem davon Theos Vater zu erkennen.

„Hi", sagte Theo leise. „Schönen Abend gehabt?"

Geistesabwesend nickte Draco.

Schön, na ja ..., dachte er, sprach es aber nicht aus.

Immer noch fühlte er sich gefangen in der Geschichte, die Danyel und Severus erzählt hatten. Er konnte weder den Duft nach feuchtem Moos aus der Nase bekommen, noch wurde er das schmerzhafte Stechen in der Herzgegend los.

„Hättest du Lust auf einen schulfreien Tag?"

„Aber immer doch", erwiderte Draco, nach wie vor nicht ganz bei der Sache.

Warum geht dieser verfluchte Schmerz nicht weg? Es fühlt sich ja an, als hätte er mir das Messer ins Herz gestoßen ...

„Wie wär's beispielsweise mit Montag?", fragte Theo leichthin.

Der scheint's ja tatsächlich ernst zu meinen ...

Jeder Tag ohne Schule ist ein guter Tag."

Das entsprach in der Tat Dracos Überzeugung. Außerdem hatten sie montags eine Doppelstunde Geschichte der Zauberei ...

„Ja", antwortete Theo. Seine Stimme klang ungewohnt sanft.

„Was soll denn Besonderes sein am Montag?", fragte Draco, während er sich auszuziehen begann.

Es war lange nicht so spät wie nach seinem letzten Besuch bei den Geistern, sicher nicht später als neun oder halb zehn, aber er war hundemüde und musste dringend Schlaf nachholen.

„Gehst du schon ins Bett?", fragte Theo, immer noch sehr leise.

„Siehst du doch", gab Draco kurz angebunden zurück.

Für diesen Tag war sein Bedarf an Gesprächen gedeckt.

„Magst du nicht ... Wollen wir nicht vielleicht noch einen Tee trinken oder so? Ich habe auch was Gutes für an den Tee ran ..."

Theo griff zielsicher unters Bett und brachte eine Flasche Feuerwhiskey zu Tage. Auf seinen Lippen lag ein schiefes und irgendwie hilfloses Grinsen.

Draco runzelte die Stirn.

Da stimmt was nicht ...

„Was'n los?", fragte er ohne großes Engagement.

Eigentlich reichte es ihm für heute, besonders, was Probleme, Gefühlsausbrüche und Katastrophengeschichten anging.

Theo wedelte vage mit der Hand in Richtung der beiden Schriftstücke.

„Hab' einen Brief bekommen. Aus Askaban."

„Ach so", sagte Draco.

Alles klar.

Theo war immer deprimiert, wenn er einen Brief von seinem Vater bekommen hatte. Draco konnte das gut verstehen. Schließlich war es ihm ein Jahr lang genauso gegangen.

Immerhin kann sein Vater ihm noch schreiben. Meiner dagegen ...

„Willst du's lesen?"

Draco zuckte die Achseln. „Wenn du meinst?"

Ohne übermäßigen Enthusiasmus nahm er das Pergament entgegen, das sein Zimmergenosse ihm hinhielt. Eigentlich hatte er es nur überfliegen wollen, doch schon in der zweiten Zeile stockte er, kehrte an den Anfang zurück, las den Satz erneut.

...

Sehr geehrter Mr Theodore Nott,

wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass auch das zweite Gnadengesuch Ihres Vaters, Remigius Nott, vom Minister für Zauberei abschlägig beschieden wurde. Damit ist eine Aufschiebung der Hinrichtung nicht mehr möglich. Der Exekutionstermin ist für kommenden Montag, den 07. Oktober 1997, angesetzt.

Ihnen steht ein einstündiger Besuch am Tag der Hinrichtung zu. Hierfür ist der Zeitraum zwischen 14:00 und 15:00 Uhr vorgesehen. Die Exekution selbst findet um 15:15 Uhr statt. Sie haben das Recht, dabei als Zeuge anwesend zu sein, und dürfen eine volljährige Begleitperson Ihrer Wahl mitbringen, falls Sie dies wünschen sollten.

Die Kosten der Hinrichtung trägt der Staat.

Hochachtungsvoll,

Alcatraz Singh, Minister für Magische Strafverfolgung

Im Auftrag,

Jeanne Cordez, Amt für Magische Strafverfolgung

...

Fassungslos starrte Draco seinen Freund an, auf dessen Gesicht ein verlorenes Lächeln lag.

„Theo ...", sagte er hilflos.

„Kommst du mit am Montag?", fragte Theo leise. „Bitte ... Ich pack' das nicht allein, Draco. Bitte."

Draco zögerte. „Wenn du das willst ...", brachte er schließlich schleppend hervor.

Er selbst wollte eigentlich nicht. In ihm regte sich eine ganz selbstsüchtige Dankbarkeit dafür, dass es nicht sein Vater war, der am Montag vor Publikum sterben würde.

Doch schon in der nächsten Sekunde fühlte Draco sich deswegen schuldig.

Was bin ich doch für ein egoistisches Arschloch, dachte er bitter.

„Sicher komme ich mit, Theo", verkündete er deutlich fester. „Wir müssen doch zusammenhalten jetzt, oder?"

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Der folgende Tag war eine Qual für Draco.

Keinen Augenblick konnte er die in vier Tagen anstehende Hinrichtung vergessen, ebensowenig wie seine abendliche Verabredung mit den Geistern. Die Nerven zum Zerreißen gespannt, mit einem Gefühl drohender Übelkeit im Magen, fragte er sich, ob er die nächste Geschichte überhaupt hören wollte.

Andererseits hatte er kein Bedürfnis danach, den ganzen Abend mit Theo zu verbringen.

Das stehe ich einfach nicht durch, dachte Draco zwischen Verzweiflung und Schuldbewusstsein. Ich muss die ganze Zeit an meinen Vater denken, wenn Theo von seinem redet, und dann ...

Während des Unterrichts war Draco fahrig und unkonzentriert. Beim Abendessen nahm er kaum wahr, was er sich in den Mund schob. Irgendwann beim Nachtisch wurde ihm bewusst, dass er sich nicht einmal daran erinnern konnte, ob und was er zu Mittag gegessen hatte.

Dennoch stand er pünktlich um acht Uhr wieder vor der Tür zu Severus' Räumen. Als er die Hand hob und klopfte, hatte er das Gefühl, sein heftig schlagendes Herz müsste das Geräusch übertönen.

„Herein!", hörte er Toms inzwischen vertraute Stimme.

Sie saßen schon um den Tisch herum, als er eintrat. Für ihn standen Wein und ein Teller mit Knabberzeug bereit. Wahrscheinlich hatte Severus die Dienste der Hauselfen in Anpruch genommen.

Severus selbst saß steif und mit leerem Blick auf dem Sofa. Gelegentlich wehrte er sanft, aber bestimmt einen von Toms Liebesbeweisen ab. Er ließ sich weder streicheln noch küssen. Nicht einmal berühren durfte sein Freund ihn.

Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Dracos Unbehagen stieg, als Jery sein blutiges Leichentuch ordnete und sich in seinem Sessel zurecht setzte.

‚Ja ... Ich habe das getan – zusammen mit deinem Vater', klang Severus' Stimme in Dracos Kopf.

Unvermittelt begann Jery zu sprechen.

„Wann und unter welchen Umständen ich eintrat, hat Danyel bereits berichtet."

Seine Stimme klang ruhig und kontrolliert.

„Ich hatte mehr Glück als er – wenn man es so nennen will –, und hielt durch bis zum September jenen Jahres. Vielleicht lag es daran, dass ich ein Feigling bin. Ich war nur auf Wunsch meines Vaters in den Orden eingetreten, der im Dunklen Lord die aufsteigende Macht sah, deren Gunst man sich rechtzeitig sichern musste. Ich taugte nicht zum Todesser, und alle wussten das. Nach dem rituellen Mord bei der Initiationszeremonie hätte ich fast gekotzt."

Jery lachte, grob und bitter. Es klang wie ein Reibeisen auf Schmirgelpapier.

„Niemand betraute mich mit verantwortungsvollen Aufgaben. Ich lief so mit, immer im Hintergrund. Ich glaube nicht, dass es irgendein Schlüsselerlebnis gab für mich, einen Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich aussteigen wollte. Ich erlebte einige Folterungen mit und eine Hinrichtung. Sonst gab es nur den üblichen, aus Intrigen, Korruption und Langeweile bestehenden Todesseralltag."

„Aber irgendwann, und frag mich bitte nicht warum, denn ich weiß es einfach nicht, irgendwann also hatte ich die ausgesprochen dämliche Idee, einmal in meinem Leben eine mutige, heldenhafte Tat zu vollbringen. Ich beschloss, zu desertieren und mich Dumbledore anzuvertrauen, der als der entschiedenste und mächtigste Gegner des Dunklen Lords galt. Aber erst wollte ich untertauchen. Ich hatte das Gefühl, der Dunkle Lord ahne etwas von meinem geplanten Verrat und würde mir bald Besuch in meine Wohnung in Leeds schicken. In meiner romantisch naiven, grenzenlosen Dummheit beschloss ich, mich ein paar Tage im Wald zu verstecken."

Wieder das bittere, raue Lachen.

„Scheiße!", stieß Jery zornig hervor. Draco zuckte überrascht zusammen. „Warum bin ich nicht gleich zu Dumbledore gegangen?"

Doch sofort fasste der Geist sich wieder, ordnete mit ruhigen Fingern sein Leichentuch, lehnte sich ein Stück zurück, als wollte er auf diese Weise Abstand zwischen sich und die Vergangenheit bringen.

„Nun, jetzt ist es ohnehin zu spät, sich darüber aufzuregen ...", sagte er schließlich in fast neutralem Tonfall. „Ich verkroch mich also in diesem dreimal verfluchten Wald und hatte noch den Nerv, mich friedlich im Gebüsch zusammenzurollen und zu schlafen, als ich müde wurde ..."

Draco trieb auf Jerys Worten in seine Geschichte hinein.

Es war ein sonniger Septembertag. Die Blätter der Bäume verfärbten sich bereits. Der Geruch von Erde und Feuchtigkeit hing in der Luft.

Wie in einem sicheren Nest lag Jery – oder war es Draco selbst? – ins weichen Moos gekuschelt und schlief. Doch er wurde grob aus seinen Träumen gerissen, als harte Hände ihn packten. Ein Stiefeltritt ließ sein Handgelenk zersplittern wie morsches Holz. Schmerz überspülte sein Bewusstsein.

Eine Minute später fand Draco sich zu Füßen von Severus, Dolohow und Avery wieder – und zu Füßen seines Vaters.

Er erlebte alles, was geschah, aus Jerys Perspektive, obwohl sein eigenes Denken und Empfinden dabei nicht völlig ausgeschaltet war. Dennoch schien etwas wie eine dicke Schicht Watte zwischen ihm und Jerys Gedanken und Gefühlen zu sein – ein Umstand, für den Draco sehr dankbar war.

Denn das, was mit Jery geschah, was der Dunkle Lord, die Todesser, Severus und sein Vater dem jungen Mann antaten, war abstoßend. Draco fand kaum Worte für das, was er da nachempfinden und -erleben musste. Ein abartiges, krankes Ritual, durchgeführt von einem größenwahnsinnigen Sadisten und seinen Speichelleckern.

Noch nie hatte Draco eine solche Verachtung für den Dunklen Lord und seine Anhänger empfunden – eine Verachtung, die Severus, seinen Vater und auch ihn, Draco selbst, mit einschloss.

Er teilte Jerys benommene Dankbarkeit, als es endlich, endlich vorbei war und ihm erlaubt wurde, zu sterben.

Doch dann, als der Moment kam, in dem Severus und Lucius ihr Opfer töteten, wiederum mit einem Dolchstoß ins Herz, war es, als ob eine fremde Macht von Draco Besitz zu ergreifen versuchte. Etwas tastete nach seinem Geist, packte ihn, schüttelte ihn spielerisch und dennoch potentiell tödlich wie eine Katze die Maus, als wollte es ihn von allen Banden lösen, die ihn mit der Gegenwart, mit seinem Körper verknüpften.

Eine lockende Schwärze raste auf Draco zu, dann ein Licht –

„Draco? Draco, was ist mit dir?!"

Mit einem gekeuchten Aufschrei tauchte Draco an die Oberfläche.

Wie Wasser wich die Schwärze zurück.

Er schnappte nach Luft. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Seine Sinne waren unnatürlich geschärft. Gerüche, Farben, Geräusche stürzten auf ihn ein –

„Draco?"

Tom beugte sich über ihn, Besorgnis in Stimme und Blick. Die von ihm ausgehende Kälte durchdrang Dracos Körper, als hätte ihn jemand in Eiswasser getaucht. Er schüttelte sich, versuchte, diesen seltsamen und beängstigenden Zustand zwischen Betäubung und übersteigerter Wahrnehmungsfähigkeit loszuwerden.

Jetzt kam auch Severus zu ihm und kniete sich vor seinen Sessel. „Draco, was ist los?" Seine Stimme war brüchig vor Sorge.

Draco schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich ... ich weiß nicht ..." Langsam kehrten seine Sinne zur Normalität zurück. „Ich ... ich glaube, ich ... ich bin eben mit Jery gestorben ..."

„Gestorben?!" Draco vermutete, dass der verblüffte Ausruf von Danyel kam, war sich jedoch nicht sicher.

„Verdammt!", fluchte Severus und stieg in die Höhe.

Durch ihn hindurch konnte Draco schemenhaft Jerys perlmutterne Gestalt erkennen, offenbar auf dem Sprung, Draco zur Hilfe zu eilen, falls es nötig werden sollte. Draco hatte den merkwürdigen Eindruck, dass Jery noch durchscheinender als zuvor war und dass seine Konturen irgendwie verschwammen, aber das konnte auch daran liegen, dass er ihn durch Severus' Körper betrachtete.

„Wir hätten daran denken müssen", sagte Severus kopfschüttelnd. „Ein dummer und gefährlicher Fehler."

„Was?", fragte Tom irritiert.

„Es ist möglich, dass ... Wir können einen Lebenden zu uns in den Tod hinüberziehen. Durch Berührungen, durch Worte ... Wir müssen in Zukunft vorsichtiger sein. Keiner von uns darf mehr auf diese Weise von seinem Tod sprechen."

Die Geister sahen sich betreten an, während Draco versuchte, seinen Schock zu verarbeiten.

Und diesmal wollte ich gar nicht sterben ...

„Geht's wieder, Draco?", erkundigte Jery sich schließlich leise und aus überraschender Nähe.

Ohne dass Draco es gemerkt hatte, war der Geist direkt neben seinen Sessel geglitten. Tatsächlich wirkte er konturlos, wabernd, mehr ein leuchtender Fleck als das bleiche Abbild eines Menschen.

Draco nickte, immer noch benommen, und fragte sich, ob seine Augen vielleicht Schaden genommen hatten. Rasch sah er zu Severus und Tom hinüber, die nebeneinander vor dem Sofa schwebten – und klar und scharf umrissen waren wie immer.

„Hast du ... hast du alles gespürt, was ich erzählt habe?", hauchte Jery an seiner Seite. „Alles? Auch die Schmerzen?"

„Ich weiß nicht ... Es war mehr wie ein Echo, ein Schatten ... Als würde ich mich an etwas erinnern, das ich vor langer Zeit gefühlt habe. Aber ... aber als sie dich getötet haben ..."

Draco sah Jery an. Mit einem Mal kam ihm der Geist vor wie ein unerhörtes Wesen aus einem fernen Traum.

Langsam streckte Draco die Hand nach ihm aus. Jery wich nicht zurück, und Dracos Finger fuhren durch substanzlose Kälte, die bis in seine Seele drang. Dennoch zog er seine Hand nicht zurück, beobachtete, wie der silbrige Nebel, der Jerys Brustkorb war, über seiner eigenen blassen Haut schimmerte, spürte, wie ein eisiges Prickeln seinen Arm hochhuschte. Nach wie vor waren Jerys Konturen seltsam unscharf.

„Ich glaube nicht", flüsterte Draco, indem er seine Hand sehr vorsichtig zurückzog, „dass ich meinem Vater das vergeben kann."

„Es ist eine hohe Gabe, vergeben zu können, Draco", erwiderte Jery freundlich. „Solange wir Hass in uns tragen, solange wir unversöhnt sind, können wir nicht frei sein. Das weiß ich jetzt. Ich habe deinem Vater vergeben. Es ist gut."

Draco begriff nicht. „Aber ... Wie kannst du ... Nach allem, was er dir angetan hat!"

„Weil ich dich kennengelernt habe, Draco."

Jery lachte leise. Diesmal war es nicht bitter und rau, sondern ein warmes, perlendes Glucksen. Draco hatte das Gefühl, dass er ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben musste, um solche Heiterkeit hervorzurufen.

„Aber ...", begann er zögernd. „Wieso ...?"

Jery streckte eine verschwimmende Hand nach ihm aus, verharrte aber vor Dracos Gesicht, ohne ihn zu berühren – nah genug, dass Draco einen kühlen Hauch auf seiner Haut spüren konnte, aber nicht so nah, dass die Kälte ihm unangenehm wurde.

„Du hast deinen Vater geliebt. Und jemand, der auch nur von einem einzigen Menschen bis zuletzt geliebt wurde, kann nicht durch und durch schlecht gewesen sein. Auch zu mir war er nicht nur schlecht. Er hätte einen anderen Weg wählen sollen, ja, und er hätte viele Möglichkeiten gehabt, anders und besser zu handeln. Aber selbst zu mir ist er nicht nur grausam gewesen. Das hast du doch gespürt, oder?"

Langsam nickte Draco.

Ja, das hatte er gespürt. Und gesehen. Aber er hatte nicht begriffen, wieso sein Vater sich auf diese Weise verhalten hatte: einerseits als Folterknecht und Henker, skrupellos und durchaus angetan von seiner Aufgabe, andererseits jedoch immer wieder auch beschwichtigend und tröstend.

„Er wäre gerne anders gewesen. Glaub mir, Draco. Doch er hat nicht die Kraft gehabt, von seinem einmal beschrittenen Weg abzuweichen."

„Doch, die hatte er."

Severus hatte sehr leise gesprochen, kaum hörbar. Dennoch wandten sich ihm alle Blicke zu.

„Doch, die hatte er", wiederholte Severus lauter. „Zuletzt hat er sich gegen den Dunklen Lord gewandt. Ohne ihn ... Er hat die Leute vom Phönixorden ins Schloss unseres Herrn gelassen. Und Black ... ohne Lucius wäre Black heute noch hinter dem Vorhang." Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: „Schade eigentlich."

Draco glaubte, ein kurzes Zucken um Severus' Mundwinkel zu sehen. Fiona kicherte unterdrückt.

„So", sagte Jery. „Dann hat er also doch noch seinen Weg gefunden ..."

„Ja." Severus' Blick verlor sich in unbestimmter Ferne. „Und er ... er ist geliebt worden, ja. Nicht nur von einem einzigen Menschen ..."

„Und er konnte lieben", flüsterte Draco. Etwas drohte, ihm die Kehle zuzuschnüren. „Er hat Mama geliebt ... und mich auch."

„Zu Recht." Draco glaubte, ein breites Lächeln auf dem fast völlig konturlosen Fleck erkennen zu können, der jetzt an Stelle von Jerys Gesicht vor ihm schwebte. „Ich bin dankbar, dass ich dich kennenlernen durfte, Draco. Kennenlernen ... und vielleicht von etwas abhalten, das du im Nachhinein sicher bereut hättest."

Er weiß es!

„Woher ...?"

„Ich war oft auf dem Astronomieturm in den letzten Wochen. Es gab vieles, worüber ich nachdenken musste. Ich habe dich gesehen in jener Nacht. Aber ich wusste nicht, wie ich dich ansprechen, dich aufhalten sollte. Also habe ich Tom verständigt, und der ist dann mit Severus zu dir gegangen." Wieder lachte Jery. „Na, fast geflogen, besser gesagt – um dich vom Fliegen abzuhalten."

Draco schluckte mühsam. So nah war er der Dunkelheit gewesen ...

„Der Tod kommt früh genug, Draco. Oft früher, als man denkt. Nutze das Leben, solange es dauert. Du bekommst kein zweites geschenkt."

Draco wusste nicht, was er erwidern sollte. „Danke", hauchte er schließlich.

„Keine Ursache", kam es freundlich aus dem blendend hellen Fleck zurück.

„Du gehst, oder, Jery?", fragte Danyel leise, fast schüchtern. Die Sehnsucht in seiner Stimme war unüberhörbar.

„Komm mit", schlug Jery vor.

Danyel schüttelte den Kopf. „Ich bin noch nicht bereit", sagte er traurig.

„Dann komm nach. Bald. – Severus." Jery wandte sich seinem Mörder zu. „Du hast, wie Lucius, meine Vergebung." Nicht nur Jerys Stimme, sein ganzes Wesen schien jetzt Wärme auszustrahlen. „Und ... meine Liebe."

Eine Sekunde lang hüllte der weiße Fleck, der Jery war, Severus' Geistergestalt vollkommen ein.

Dann verging das Licht.

Jery war fort.

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