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SSSSSSS
Herbst
SSSSSSS
Kapitel 11
Alte Liebe
SSSSSSS
„Verpisst euch."
Toms Stimme hatte den harten, entschiedenen Klang angenommen, den er sich für besondere Gelegenheiten aufsparte.
Severus war dankbar, dass kein Protest von den anderen Geistern kam. Gelegentlich gönnten sie ihm tatsächlich so etwas wie ein Minimum an Privatsphäre.
Auch Draco verließ anscheinend kommentarlos den Raum. Nun, Severus würde sich später bei ihm für den rauen Ton seines Freundes entschuldigen.
Das Licht war immer noch in ihm. Es gab ihm eine Ahnung davon, wie es auf der anderen Seite sein könnte – und es erinnerte ihn an ein lange zurückliegendes Ereignis aus seiner Jugendzeit, seiner Lehrzeit bei den Todessern. Damals war er dem Licht unter Führung von Aemilius Malfoy und Jim Avery begegnet, und diese Erfahrung hatte ihm für eine gewisse Zeit jede Furcht vor dem Tod genommen.
Doch mit den Jahren war dieses Gefühl verblasst. Er hatte zwar nach wie vor keine Angst vor dem Tod gehabt, aber er war ihm dunkler erschienen – dunkler und endgültiger.
Jery hatte das Licht zurückgebracht, und Severus wollte es bewahren, es festhalten, solange es ging. Dieses warme, weiche Licht ... In ihm ein Echo von Frieden und Erfüllung ...
„Severus?"
Eine sanfte Berührung an seiner Schulter. Sie brach den Zauber nicht, schien ihn im Gegenteil sogar zu verstärken.
Von einem plötzlichen Impuls getrieben, neigte Severus sich zu Tom hinüber und küsste ihn. Es war ein vorsichtiger, tastender Kuss, der das Licht heller werden ließ, je mehr sie ihn vertieften.
Das Strahlen war jetzt in ihm und auch in Tom, umgab sie und erfüllte sie.
Mit einem Mal wusste Severus, dass dieses Licht ihm eines Tages offen stehen würde – nicht heute, nicht morgen, aber in absehbarer Zeit.
Er löste den Kuss. Tom lächelte ihn an, als ob er genau das Gleiche gefühlt hätte wie Severus selbst.
„Du hast so viel Liebe in dir", sagte Tom leise. „Ich glaube dir nicht, dass du nie geliebt worden bist – vor mir."
Da war plötzlich ein ganz bestimmter Tag zurück in Severus' Erinnerung. Eine Fahrt durch einen verschneiten Wald, ein dickes geschecktes Pony, das vor einem reich verzierten Schlitten trabte, ein junger Mann mit schulterlangen schwarzen Locken, der die Leinen hielt und sich lachend zu ihnen umdrehte – zu ihm, Severus, und einem zweiten jungen Mann, der neben ihm saß und ebenso schwarzes Haar hatte wie der, der kutschierte, aber seine Augen waren strahlend blau, nicht braun wie die des ersten. Unter der Wolldecke hielten sie sich an den Händen, und der Schnee fiel in dichten Flocken auf sie herab. Nichts war zu hören außer dem Stampfen und Schnauben des Ponies und dem Lachen des Kutschers mit den warmen braunen Augen, der ganz genau wusste, dass ihre Hände unter der Decke längst begonnen hatten, sich voneinander zu lösen, um tiefer zu wandern, zu streicheln, zu forschen, zu tasten ...
„Nein", erwiderte Severus zögernd, immer noch gefangen in den Bildern jenes weit zurückliegenden Winters.
Nun sah er nicht mehr die Schlittenfahrt vor seinem inneren Auge, sondern ein großes Zimmer mit dunklen alten Holzmöbeln, glänzendem Marmorboden und weichen Teppichen – sein Zimmer auf Malfoy Manor. Im Kamin brannte ein munteres Feuer, und auf dem dicken weißen Kaschmirfell davor räkelte sich ein leicht bekleidetes männliches Wesen mit langen schwarzen Haaren und braunen Augen. Jetzt drehte es sich langsam zu ihm um, warf ihm eine halb liebevolle, halb spöttische Kusshand zu. Sekunden später sprang der zweite junge Mann aus einer Tür rechts vom Kamin und begann einen albernen, ausgelassenen Kriegstanz um die Gestalt am Boden herum und über sie hinweg, wobei er sich ein Kleidungsstück nach dem anderen herunteriss und es schwungvoll durchs Zimmer schleuderte ...
„Nein", wiederholte Severus. „Es stimmt auch nicht. Da waren zwei ... vielleicht drei andere Männer in meinem Leben, von denen ich annehme, dass ich mit ihnen durch etwas wie Liebe verbunden war."
Eine andere Gestalt erschien in seinem Geist. Wieder schwarzes Haar, wieder blaue Augen – aber das war auch das einzige an ihr, was den beiden jungen Männern aus den anderen Erinnerungsbildern ähnelte. Das Gesicht war ernst und konzentriert. Nicht die Spur eines Lächelns war auf ihm zu sehen. Dünne weiße Finger strichen andächtig über vergilbtes Pergament. Ein schwarzer Robenärmel erzeugte ein flüsterndes Geräusch, als er über eine Seite des alten Buches strich ...
Tom legte Severus eine Hand auf den Oberschenkel und brachte ihn so zurück in die Gegenwart.
„Was ist aus ihnen geworden?", fragte Tom ruhig, indem er Severus' Bein streichelte.
Die falsche Frage. Sie brachte die falschen Bilder zurück, rief ihm seine falschen Entscheidungen ins Gedächtnis.
„Zwei sind tot. Einer starb aus Liebe, aber nicht für mich ..."
Ein bleiches Gesicht im Schnee ... Blaue Augen, die blicklos in den Himmel starrten, allmählich von Schneeflocken bedeckt wurden ... Robenärmel ausgebreitet wie Rabenflügel ... ‚Flieg, Engelchen, flieg ...'
„Der andere starb durch Verrat – meinen Verrat."
Dunkelheit. Kälte. Gestank nach Angst, Blut und Urin. Verschwimmender Fackelschein ... Ein zerbrochener Körper, umhüllt von grünem Licht ... ‚Warum bist du nur so entsetzlich dumm gewesen ...'
„Der Dritte ... Ich nehme an, dass er noch lebt – obwohl er oft genug harsch am Tod vorbeigeschrammt ist. Ich habe seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt."
Lachende braune Augen. Fedriges Rabenhaar. Sanfte, geschickte Hände. Und hinter all dem diese ewige, unauflösbare Melancholie, die jedem Satz, jeder Geste eine schwarze Schwere, eine zusätzliche Bedeutung gab ...
„Ein gemeinsamer ... Freund hat ihn gelegentlich besucht – das letzte Mal muss er vor etwa anderthalb Jahren bei ihm gewesen sein. Damals ging es ihm gut, soweit ich informiert bin. Davon abgesehen: Ich habe keine Ahnung, was er jetzt macht, wovon er lebt, wo er wohnt."
Nachdenklich stützte Tom das Kinn auf die Hände. Eine Weile sah er Severus forschend an.
„Nie daran gedacht, ihn zu suchen?", fragte er endlich.
Und das von dir?
„Das schlägst ausgerechnet du mir vor? Sehnst du dich etwa nach Konkurrenz?"
Tom lachte leise, aber es war mehr als Amüsement in diesem Lachen.
„So aktuell ist sie also noch, deine alte Liebe? Sind wir tatsächlich in Gefahr durch sie?"
Severus zögerte mit seiner Antwort.
Sind wir das?, fragte er sich. Nach so langer Zeit noch? Wo ich doch dachte ... Wo doch damals schon keine Liebe mehr war, wo vielleicht nie Liebe existiert hat ...
Doch wenn er an ihn dachte, jetzt an ihn dachte, dann war da wieder dieses Ameisenkribbeln in seinem Bauch, dieses verrückte und verwirrende Hochgefühl erster Verliebtheit. Gleichzeitig hatte er jenes Gefühl von Wärme, von Angenommensein, das er bei ihm immer verspürt hatte. Und wieder sah er sein Gesicht vor sich, sein Lachen, bei dem der rechte Mundwinkel etwas höher wanderte als der linke, seine funkelnden Augen, hinter deren oberflächlicher Fröhlichkeit sich so viel Traurigkeit, so viel Resignation verbarg. Wieder spürte er die weichen Locken zwischen seinen Fingern ...
Rabenhaar und Bronzehaut ...
Das erste Mal seit Jahren erlaubte Severus es sich, seinen Namen auszusprechen. „Miguel", hauchte er, fast unhörbar. „Er hieß Miguel", sagte er dann erneut, deutlich lauter diesmal.
Aufmerksam sah Tom ihn an, forschend, abwägend.
„Miguel heißt sie also, unsere dunkle Bedrohung?", bemerkte er scherzhaft, aber seine Augen blieben ernst. „Und wer war dieser Typ?"
Wie ihn beschreiben? Miguel war so vieles gewesen für Severus im Verlauf der Zeit, die sie miteinander verbracht hatten: Objekt und Opfer, Lehrer und Liebhaber – und doch war das erste Wort, das Severus in den Sinn kam ...
„Ein Muggel."
„Ein Muggel?! Hm ... Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht."
Tom wirkte ehrlich verblüfft.
„Wir haben uns unter ziemlich ... ungewöhnlichen Umständen kennen gelernt."
Glänzende Handschuhe aus Drachenhaut ... Eine leuchtend rote Flüssigkeit, von der ein feiner, scharfer Rauch aufstieg ... Ein zuckender Körper, der sich lautlos unter seinen Händen wand ...
„Er hat ... er hat sein Leben von mir gekauft. Bezahlt hat er mit dem Einzigen, was er zu jenem Zeitpunkt besaß: mit seinem Körper. Er war ... geschickt. Er hatte ein gutes Gespür für die Begierden und Sehnsüchte anderer Menschen. Eine berufsspezifische Fähigkeit, nehme ich an – er hat als Stricher gearbeitet. Es ... Ich habe mich damals in ihn verliebt. Er hatte darauf kalkuliert, es war seine einzige Möglichkeit, sein Leben zu retten, aber ..." Severus senkte seine Stimme, bis sie nur noch ein Flüstern war. „Später hat er mich, glaube ich, ganz gern gehabt", hauchte er, während seine Gedanken sich wieder in der Vergangenheit verloren.
Seidene Laken ... Ein violetter Betthimmel ... Sommerwind, der die Vorhänge bewegte, sanft über seine nackte Haut strich ... Fingerspitzen, die Mäander und Spiralen auf seinen Rücken malten ... Ein Kuss, in seinen Nacken gehaucht wie eine Feder, die lautlos zu Boden sinkt ...
„Ich ... ich hoffe es zumindest", fuhr er stockend fort. „Meine eigene ... Verliebtheit für Miguel allerdings hat nicht sehr lange angehalten. Es gab bald einen anderen, einen reinblütigen Zauberer aus den Reihen der Todesser – Hraban."
Severus schwieg einen Moment lang, als er sich an verletzte braune Augen erinnerte, die trotz allem noch zu lachen versuchten.
„Die ... Sache mit Hraban hat Miguel ziemlich getroffen. Er saß auf Malfoy Manor fest. Sein Status war irgendwo zwischen Sklave, Diener und Gefolgsmann angesiedelt. Abgesehen von Aemilius, Lucius' Vater, war ich Miguels einzige Bezugsperson. Nun, Hraban hat sich auch ein bisschen um ihn gekümmert. Vielleicht hat es das sogar noch schlimmer gemacht für Miguel, dass er Hraban schon kannte und mochte, als er und ich ein Paar wurden."
Hraban, der Miguel lachend das Haar zerwuschelte, als ob er einen Hund necken wollte ... Hraban, mit einem Buch in der Hand auf dem Weg zu Miguels Zimmer, jedes Mal ein neues Buch, wenn er Severus auf Malfoy Manor besuchte ... Und, weiter zurückliegend, Hraban, der an Miguels Bett wachte, nachdem dieser von Lucius und dessen Freunden missbraucht und gequält worden war ...
„Miguel muss sich sehr ausgeschlossen vorgekommen sein. Eine Zeit lang hat er versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Hraban hat wohl rasch gespürt, dass Miguel mit der Situation überfordert war, aber ich habe damals ... nun, um es milde auszudrücken, wohl nicht besonders verständnisvoll reagiert. Nun ja, ich war sechzehn ... Und eines Tages ... Es war Winter, und Miguel ist einfach in den Wald gegangen und hat sich in den Schnee gelegt. Hraban hat ihn noch rechtzeitig gefunden, aber es war verdammt knapp. Danach ... Ich hatte natürlich ein furchtbar schlechtes Gewissen, und als Hraban dann mit diesem absurden Vorschlag kam ... Wir haben uns dann bemüht, Miguel miteinzubeziehen. Auf ... auf allen Ebenen. Letztlich hat es sogar überraschend gut funktioniert. Miguel war sehr dankbar – und er kannte seinen Platz. Es hätte durchaus gut gehen können, auch auf längere Sicht. Aber damals herrschte Krieg, und ..."
Severus musste einen Moment die Augen schließen, obwohl er wusste, was er dann sehen würde.
Und da war es wieder: Das bleiche Gesicht im Schnee, die Lippen blau, das schwarze Haar mit Eiskristallen durchsetzt, die starren blauen Augen ausdruckslos ins Nichts gerichtet. Kein Blut, nur die nachtfarbenen Roben wie Rabenflügel im Schnee ausgefächert.
„Er starb, um Lucius zu retten. Danach ... Ich hatte keine Liebe mehr in mir. Miguel ... Er hat mich nur noch an das erinnert, was ich verloren hatte. Es ging einfach nicht. Es tat zu weh."
Wieder musste er eine Pause einlegen, fuhr sich rasch mit der Hand über die Augen. Falls er erwartet hatte, sie feucht zu finden, wurde er enttäuscht.
Keine Tränen für Miguel. Keine Tränen für Hraban.
„Aemilius hat sich dann wohl irgendwann eingeschaltet. Ich bin mir sicher, dass er sich ziemlich intensiv um Miguel gekümmert haben muss – natürlich nicht auf die gleiche Weise wie Hraban und ich. Aemilius' Interesse ging nie in diese Richtung. Aber er muss Miguel aufgefangen haben, sonst hätte es sicher nicht lange gedauert, bis er wieder ... nun ja. Irgendwie hat Miguel dann wohl gelernt, alleine klarzukommen. Ein paar Monate nach dem ersten Sturz des Dunklen Lords hat Aemilius ihn laufenlassen."
Laufenlassen?
Aemilius in prächtigen, silbern bestickten, eisenhutblauen Roben. Das lange weißblonde Haar floss offen über seine breiten Schultern. Er war ganz gravitätische Würde, als er sinnend durch die langen Regalreihen seiner Bibliothek schritt. „Ich kann ihn doch nicht einfach zurück auf die Straße werfen, nach mehr als fünf Jahren in meinem Haushalt. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Der Junge braucht eine Wohnung, einen Beruf. Er muss lernen, für sich selbst zu sorgen." ...
„Nein, das trifft es nicht. Soweit ich informiert bin, hat Aemilius Miguel Wohnung, Unterhalt und Ausbildung finanziert und ihn bis vor seinem Tod vor anderthalb Jahren immer wieder besucht. Aber ich habe nie genauer nachgefragt, was Miguel jetzt macht. Ich glaube, er übt irgendeinen sozialen Beruf aus. Aber sicher bin ich nicht."
„Kennst du seinen vollen Namen?"
„Michael Robin Starkey. Miguel war – oder ist – sein Spitzname."
‚Meine Mutter – sie ist Spanierin – hat mich immer Miguel genannt ...'
„Lebt er in England?"
„In London – zumindest vor anderthalb Jahren noch. Da bin ich sicher."
„Und kein Interesse ...?"
Severus spürte, wie die Sehnsucht ihm die Kehle zuschnürte.
Merlin, ja. Wenn ich ihn noch einmal sehen, mit ihm sprechen könnte ... Aber es geht nicht. Nein. Ich würde ihn nur ausnutzen ... schon wieder. Wie damals. Wie immer. Es geht nicht.
Als er sprach, klang seine Stimme so fest, wie er sie haben wollte.
„Von mir aus – nein. Ich habe schon viel zu oft in sein Leben eingegriffen. Ich will ihn nicht noch einmal unglücklich machen. Wenn er von sich aus käme ... Wenn er mich sehen wollte ... Dann ja. Aber nicht auf meine Initiative. Niemals."
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Draco bemühte sich nicht, leise zu sein, als er die Tür zu seinem Schlafsaal aufstieß.
Erstens war es noch nicht besonders spät, und zweitens war er immer noch ein bisschen verärgert über den groben Ton, in dem Tom ihn aus Severus' Wohnung komplimentiert hatte.
Er gab der Tür einen kräftigen Stoß, damit sie besonders laut ins Schloss fiel.
Außerdem saß ihm die Geschichte mit Jery in den Knochen. Es war absolut faszinierend gewesen, ihn gehen zu sehen. Draco fand keine Worte, um die Empfindungen zu beschreiben, die dieser Übertritt des Geistes in eine andere ... Dimension? ... Existenzform? ... was auch immer in ihm erzeugt hatte.
Fast fühlte er sich mit Jerys brutalem Tod versöhnt. Aber nur fast. Zu intensiv hatte er am eigenen Leib erfahren, was der junge Mann hatte durchleiden müssen.
Rasch zog Draco seine Schuhe aus und pfefferte sie polternd in eine Ecke des Zimmers.
Dann erst fiel ihm auf, dass Theos Bettvorhänge bereits zugezogen waren.
Oh Mist ...
Wenn Theo schlief, dann wollte er ihn auf keinen Fall wecken. Sein Freund würde in den nächsten Tagen alle Kraft brauchen, die er bekommen konnte.
Auf Zehenspitzen schlich Draco zu seinem eigenen Bett hinüber und ließ sich erschöpft auf die Matratze fallen.
Es gelang ihm einfach nicht, das Bild, das er bisher von seinem Vater gehabt hatte, mit dem in Einklang zu bringen, was er mit Jerys Augen gesehen, mit seinen Sinnen erfahren hatte.
Natürlich war ihm bewusst gewesen, dass sein Vater gefoltert und getötet hatte. Aber etwas zu wissen und es zu erleben waren zwei verschiedene Dinge. Was ihn besonders verstörte, war die Tatsache, dass sein Vater offensichtlich genossen hatte, was er mit Jery tat.
Sicher, Draco hatte alles aus Jerys Perspektive gesehen, und die war verständlicherweise nicht besonders objektiv gewesen – aber er kannte seinen Vater. Er konnte nicht leugnen, dass der Todesser Lucius Malfoy ganz in seiner Rolle als Priester, Folterer und Henker aufgegangen war.
Doch so abstoßend Draco auch fand, was er beobachtet hatte, so wenig war er in der Lage, seinen Vater dafür zu verurteilen oder gar zu hassen.
Was wäre aus mir geworden?
Das war die Frage, die sich ihm immer wieder aufgedrängte.
Wenn ich länger im Dunklen Orden gewesen, wenn der Dunkle Lord nicht gefallen wäre – wäre ich dann so geworden wie mein Vater?
Nicht alle Todesser waren so. Nicht alle hatten das Foltern und Morden lustvoll zelebriert.
Severus war das beste Gegenbeispiel zu Dracos Vater. Er erinnerte sich an Danyels Geschichte zurück, an das, was er selbst dabei empfunden hatte. Da war kein Genuss gewesen auf Severus' Seite, nur das Gefühl ernster Pflichterfüllung, und vielleicht sogar so etwas wie Zuneigung zu seinem Opfer.
Letzteres hatte Draco allerdings auch bei seinem Vater wahrzunehmen geglaubt.
Und bei Severus war da noch etwas anderes gewesen. Etwas, das Draco nicht benennen konnte, das ihn irritierte ...
„Draco?"
Überrascht zuckte er zusammen und sah zu Theos Bett hinüber. Sein Zimmergenosse hatte den Kopf durch die immer noch geschlossenen Bettvorhänge gesteckt. Im Halbdunkel gelang es Draco nicht, seinen Gesichtsausdruck zu entziffern.
„Habe ich dich geweckt?"
Theo schüttelte den Kopf. „Nein. Ich konnte eh nicht schlafen."
Er schob die Bettvorhänge auseinander und machte eine einladende Geste. Zögernd erhob Draco sich, ging zu Theo hinüber und setzte sich neben ihn auf die Bettkante. Jetzt konnte er erkennen, dass Decke und Kopfkissen von einem Mosaik aus Fotos bedeckt waren.
Ein sehr kleiner Theo und sein Vater mit einem riesigen Halloweenkürbis ... Theos ungewohnt junge Eltern in weißen Roben, beide lächelnd, beide völlig gefangen vom Anblick des jeweils anderen, die Zauberstabhände mit einem Lederband aneinandergefesselt – eine Trauzeremonie ... Theos Mutter mit einem pummeligen, pausbäckigen Baby auf dem Arm ... Theo und seine Eltern in Galaroben ...
„Er hat mir verboten, zu weinen."
Draco sah überrascht auf und begegnete Theos sehr dunklen und verdächtig schimmernden Augen. In der Hand hielt sein Freund ein ziemlich zerknittertes Pergament.
„Er hat geschrieben, ich bin jetzt das Familienoberhaupt und muss stark sein ... Aber es ist doch gar keiner mehr übrig außer mir, wenn er ..." Theos Lippen bebten.
Scheiße, dachte Draco, als er fühlte, wie auch ihm Tränen in die Augen stiegen.
Wenn wenigstens seine Mutter noch leben würde ... Wenn meine Mutter mir wenigstens mal schreiben würde ... Warum musste sein dämlicher Vater sich auch erwischen lassen ... Warum musste mein Vater diesem beschissenen Orden beitreten ...
Erst als er Theos Fingerspitzen auf seiner Wange spürte, wurde ihm bewusst, dass er weinte.
Scheiße.
„Draco, he ...", machte Theos hilflos und strich ihm ungeschickt übers Gesicht. „Heul' doch nicht. Das bringt doch nichts ..."
„Nicht heulen hilft aber auch nicht!", sagte Draco trotzig und wischte Theos Hand beiseite, die ohnehin nichts in seinem Gesicht zu suchen hatte.
„Aber wir müssen" –
„Gar nichts müssen wir!" Draco wusste, dass er schrie, obwohl er es eigentlich nicht wollte, aber plötzlich war er so wütend ... „Diese Arschlöcher! Erst rennen sie diesem Psychopathen hinterher, metzeln irgendwelche Muggel ab und foltern und ... und dann lassen sie sich auch noch erwischen und umbringen und ... Keiner von denen hat uns was zu sagen! Keiner!"
Theo starrte ihn an. Lange. Allmählich veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Erst dachte Draco, dass Theo losschreien würde, ihn beschimpfen, ihn vielleicht sogar angreifen.
Doch dann begann Theo wild zu schluchzen. Plötzlich fuhr er herum, wischte die Fotos von seinem Bett, vergrub sein Gesicht im Kopfkissen und fing an, mit den Fäusten auf die Matratze einzuschlagen. Draco verstand nicht, was Theo ins Kissen brüllte, er hörte nur einzelne Wortfetzen heraus. „Wichser!" und „Idioten!" war noch das bei weitem Harmloseste. Auch „ ... einfach allein lassen!" und „ ... feige abgehauen!" kam wiederholt vor.
Draco dachte daran, dass Theos Mutter Gift genommen hatte, sobald sie vom Fall des Dunklen Lords erfuhr, ohne ihrem Sohn auch nur einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er fand, dass Theo Recht hatte.
Nach einer ziemlich langen Zeit, in der Draco starr auf der Bettkante gesessen hatte, ohne zu wissen, was er tun sollte, ohne einen Versuch zu unternehmen, den anderen zu trösten, beruhigte sein Freund sich allmählich. Sein Schluchzen wurde seltener und leiser, bis es schließlich ganz verebbte.
„Theo?"
Keine Antwort.
Eine Weile blieb Draco abwartend sitzen, ohne das etwas geschah.
Schließlich beugte er sich forschend über Theo – und stellte fest, dass dieser erschöpft eingeschlafen war.
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„Draco?"
„Oh Mist!"
Draco fuhr wie vom Blitz getroffen aus dem Schlaf hoch. Das Erste, was er sah, war eine silbrig transparente Gestalt, die sich durch die Bettvorhänge über ihn neigte. Er brauchte drei schreckensstarre Sekunden, um sie zu identifizieren.
„Danyel! Hast du sie noch alle?! Willst du, dass ich an einem Herzinfarkt sterbe oder was?!"
Auf Danyels durchscheinendem Gesicht zeichnete sich eine schwache Spur von Bedauern ab. „Sorry", sagte er halbherzig. „Wird nicht wieder vorkommen. – Ich brauche deine Hilfe", fügte er dann unvermittelt hinzu.
„Du brauchst meine Hilfe?", wiederholte Draco ungläubig. „Jetzt, mitten in der Nacht, um ..." Er schob die Bettvorhänge beiseite, um einen Blick auf seinen Wecker zu werfen. „Um drei Uhr morgens?! Bei Sals Eiern, kann sich hier denn niemand selber helfen? – Was?!", setzte er wütend hinzu, als Danyel offensichtlich ungerührt blieb. „Ich hab' auch mal ein Recht auf eine Pause!"
„Es geht um Severus", erklärte Danyel ruhig, indem er so tat, als hätte er kein einziges Wort von Dracos Ausbruch gehört. „Da gibt es jemanden, den er gerne wiedersehen würde. Aber er will ihn nicht selbst kontaktieren."
„Und da schickt er dich zu mir? Um drei Uhr nachts?!"
„Niemand schickt mich. Ich habe zufällig ein Gespräch zwischen Severus und Tom mitgehört. Ich ... Ach, ist ja jetzt auch egal. Der Typ, den wir suchen, heißt Michael Robin Starkey, ist ein Muggel, lebt wahrscheinlich irgendwo in London und arbeitet irgendwas Soziales. Meinst du, du kannst ihn auftreiben? Möglichst bald?"
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Amerkungen: Wer mehr über Miguel, Hraban und Aemilius und Severus' Lehrzeit bei den Todessern erfahren will, kann das in „Schattenprinz" tun.
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