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SSSSSSS
Herbst
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Kapitel 12
Drop in
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Harry trat nervös von einem Bein aufs andere.
Wo bleibt der nur, verdammt noch mal! Erst so ein Getue, und dann lässt er mich hier eine halbe Ewigkeit sinnlos in der Gegend rumstehen.
Es war Samstag, Hogsmeade-Wochenende, und Harry stand hinter dem Honigtopf und wartete auf Draco – seit über als einer Viertelstunde. Am Morgen hatte Draco ihm nach dem Frühstück regelrecht aufgelauert und ihm hastig einen Fetzen Pergament in die Hand gedrückt, um dann unter den befremdeten Blicken von Neville, Ron und Ginny die nächste Treppe Richtung Kerker hinabzueilen.
Harry drehte das zerknitterte Pergamentstück in seinen Händen, wie schon so oft an diesem Morgen.
Um 11 Uhr in Hogsmeade, hinter dem Honigtopf. Bring deinen Tarnumhang mit. D.
Das war alles.
Harry verstand diese Geheimniskrämerei nicht. Sie waren doch Freunde, und was immer Draco ihm zu sagen hatte, hätte er auch vor den anderen sagen können – und wenn nicht, dann hätte er Harry einfach um ein Vier-Augen-Gespräch bitten können. Aber dieses verschwörerische Gehabe?
Komisch.
Endlich, als Harry es schon fast aufgeben und sich zurück ins wochenendliche Schülergetümmel stürzen wollte, bog Draco um die Straßenecke. Seine Wangen waren leicht gerötet, die Haare ein bisschen in Unordnung, obwohl er sicher ins Dorf appariert und nicht gelaufen war. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit trug er Muggelkleidung, Jeans, Pullover und Wachsjacke. Im Großen und Ganzen sah er aus, als hätte er etwas Verbotenes vor – oder es bereits getan. Auf seinem Gesicht lag ein ausgesprochen selbstzufriedenes Grinsen.
„Ich hab's!", verkündete Draco triumphierend und schwenkte ein rechteckiges Stück Papier hin und her.
Hallo Harry, tut mir leid, dass ich dich hab warten lassen ...
„Äh ... hallo Draco", begrüßte Harry ihn etwas verstimmt. „Wie schön für dich. Und was genau hast du da?"
Draco trat zwei Schritte auf ihn zu und hielt ihm seine Beute unter die Nase.
Es war ein Zauberfoto. Harry nahm es ihm aus der Hand, um es in Ruhe betrachten zu können.
Drei schwarzhaarige junge Männer sahen ihm entgegen, wobei zumindest einer von ihnen eher wie ein Junge wirkte, nicht älter als er selbst oder Draco. Der Junge stand im Vordergrund des Bildes. An seiner einen Seite posierte ein unverschämt gutaussehender und offenbar sehr von sich eingenommener junger Mann in eleganten kornblumenblauen Sommerroben, der Harry nachlässig zuwinkte.
An der anderen Seite des Jungen thronte ein magerer Zwanzigjähriger auf einem dicken, schwarz-weiß gescheckten Pony, das deutlich zu klein für ihn war. Das Pony schnoberte an seinen nackten Füßen herum, und er stupste die vorwitzige Nase vorsichtig mit den Zehen zurück. Im Gegensatz zu den anderen beiden trug er Muggelkleidung, Shorts und ein ärmelloses T-Shirt – offensichtlich war das Foto im Sommer aufgenommen worden. Sein Gesicht war hager und von schulterlangen schwarzen Locken umrahmt. Gerade beugte er sich vor, um das Pony hinter den Ohren zu kraulen, und lächelte dabei.
Der dürre Junge stand so dicht neben dem Tier, dass er es hätte berühren können, ohne den Arm auszustrecken. Seine schwarzen Roben wirkten im Vergleich zu der leichten Kleidung seiner Begleiter viel zu warm. Der Junge zog eine Grimasse und warf Harry einen missmutigen Blick zu, als wäre es ihm unangenehm, mit so viel Aufmerksamkeit betrachtet zu werden, aber er machte keinerlei Anstalten, aus dem Bild zu gehen oder hinter einen der anderen zurückzuweichen.
Moment mal ...
Harry hob das Bild näher an seine Augen.
Eben neigte der gutaussehende junge Mann, der inzwischen halb hinter den Jungen getreten war und eine Hand auf die Kruppe des Ponies gelegt hatte, sich zu seinem grämlich dreinblickenden Vordermann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Junge sah auf und bedachte Harry mit einem halb herablassenden, halb herausfordernden Grinsen, das diesem verdächtig vertraut vorkam. Lange schlanke Finger, die gereizt eine schwarze Strähne aus dem bleichen Gesicht strichen, von Spott und Verachtung funkelnde schwarze Augen ...
„Nein ...", hauchte Harry und starrte fasziniert auf das Foto.
Das gibt's doch nicht ...
„Willst du da etwa ein Loch reingucken, Potter?", spöttelte Draco. „Ja, der Jüngste ist Severus. Ich weiß nicht, wer der Typ hinter ihm ist," – der selbstsichere junge Mann zwinkerte ihnen grinsend zu, als würde er sich über ihre Unwissenheit amüsieren – „aber das ist auch nicht weiter wichtig. Wir suchen den da, auf dem Pony. Den Muggel."
„Muggel?", fragte Harry verblüfft. „Aber ... Severus war mal mit einem Muggel befreundet?"
Dracos Grinsen hatte etwas ausgesprochen Zweideutiges. „Wenn du es so nennen willst ..."
„Und ... wir suchen den?"
Wir ...?
„Wieso?"
Plötzlich wirkte Draco verschlossen. „Eine Überraschung", erwiderte er knapp. „Für Severus."
Harry war zwar verdammt neugierig, hatte aber den deutlichen Eindruck, dass es im Moment nichts bringen würde, Draco weiter zu bestürmen. Draco konnte unglaublich stur sein – und in der Regel wurde er umso sturer, je mehr man in ihn drang. Besser man ließ ihm Zeit, bis er von selbst mit der Sache herausrückte.
„Na gut", gab Harry nach. „Du willst also, dass ich dir suchen helfe. Aber wie stellst du dir das vor? Ich meine, hast du irgendeine Ahnung, wo der Typ jetzt lebt? Dieses Foto muss doch mindestens zwanzig Jahre alt sein ... Wahrscheinlich hat der inzwischen eine Brille, einen Bierbauch und vier Kinder, und wir würden ihn vermutlich nicht mal dann erkennen, wenn er uns auf die Zehen treten würde."
Dracos Grinsen gewann eine speziell malfoysche Dimension, die Harry auf den Tod nicht ausstehen konnte.
„Wozu sind wir Zauberer, hm?", sagte der Slytherin gedehnt. „Personenortungszauber – fünftes Schuljahr."
„Aber der funktioniert doch nicht mit einem Foto!", knurrte Harry verärgert, indem er Draco das Bild brüsk in die Hand drückte. „Dazu brauchst du einen persönlichen Gegenstand. Fünftes Schuljahr, wie du so richtig bemerkt – oh."
Draco hatte etwas aus der Tasche gezogen. Es sah aus wie ein dünnes Armband aus weichem schwarzen Material.
Leder vielleicht?
„Was ist das?", fragte Harry neugierig und streckte eine Hand danach aus.
Stumm reichte Draco ihm den Gegenstand.
Es war tatsächlich ein Armband. Aber es war nicht aus Leder gefertigt, sondern ...
„Das sind ja Haare!"
Verblüfft drehte Harry das Schmuckstück hin und her. Es bestand aus drei miteinander verflochtenen Haarsträhnen. Auf den ersten Blick wirkten sie gleichmäßig schwarz. Doch als er genauer hinsah, erkannte er im Glanz der Septembersonne, dass jede Strähne eine etwas andere Farbnuance und Struktur hatte. Die eine war tiefschwarz mit bläulichem Schimmer. Sie bestand aus sehr dünnen, leicht gewellten Haaren. Im Gegensatz dazu hatte die zweite einen leichten Rotstich und war offenbar so gekräuselt gewesen, dass sie sich nur widerwillig in das Band hatte einflechten lassen – einzelne Haare ringelten sich frech heraus. Die dritte Strähne war von einem satten, metallisch wirkenden Schwarz und deutlich glatter als die beiden anderen.
„Wo hast du das her?", fragte Harry verwundert. „Und das Foto?" Misstrauisch musterte er Draco. „Die Sachen hat Severus dir doch nicht freiwillig gegeben, oder?"
Draco wirkte verlegen.
„Ich hab's ... ausgeliehen. Er wird's nicht merken. Er kann ja nicht mal eine Schublade öffnen. Es lag beides in seinem Schreibtisch, im untersten Schub. – Im sechsten Schuljahr hat er mich ziemlich oft in sein Büro bestellt, und einmal hat er ein Foto aus dieser Schublade geholt."
Dracos Blick schien in weite Fernen zu wandern.
„Es war ein Bild von meiner Namensgebungs-Zeremonie", sagte er leise. „Mein Vater und meine Mutter, Severus als Pate zwischen ihnen, mit mir auf dem Arm. Er wollte mir wohl beweisen, dass er ein Recht darauf hat, sich für mich verantwortlich zu fühlen. Anschließend hat er das Foto sofort wieder in der Schublade verschwinden lassen. Ich habe auch nie irgendwelche anderen Fotografien in seinen Räumen gesehen. Und als ich dann etwas von diesem Michael hier" – Draco schwenkte die Fotografie – „gesucht habe, da musste ich gleich an die Schreibtischschublade denken. Und es war ein Volltreffer."
Bei dem Gedanken, dass Draco faktisch bei Severus eingebrochen war und in seinen persönlichsten Gegenständen herumgeschnüffelt hatte, begann Harrys Kopfhaut unangenehm zu kribbeln.
„Ich hoffe, du hast einen sehr guten Grund für das, was wir hier machen", sagte er widerwillig. „Andernfalls ... Severus wird uns in der Luft zerreißen ..."
„Wird er nicht", entgegnete Draco überzeugt. „Nach allem, was ich letzte Nacht erfahren habe, wird er verdammt froh sein, wenn wir diesen Michael für ihn auftreiben."
„Na, dann hoffe ich mal, dass du diese Informationen aus einer zuverlässigen Quelle hast – und vertraue deinem Urteil. Bleibt mir ja auch nicht viel anderes übrig."
Nachdenklich strich Harry ein letztes Mal mit einer Fingerspitze über das Armband. „Sie müssen wirklich gute Freunde gewesen sein."
„Freunde ... oder mehr", erwiderte Draco leise.
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Sie apparierten vorschriftsmäßig in einem heruntergekommenen Hinterhof nahe Piccadilly Circus, mitten in Muggel-London – nur wenige Straßen von dem Punkt entfernt, den der Personenortungszauber ihnen angewiesen hatte.
„Von hier aus sind es bestimmt nicht mehr als zehn Minuten zu Fuß", bemerkte Draco hoffnungsvoll, indem er einen ziemlich zerfledderten Stadtplan studierte, den er einem Hufflepuff-Drittklässler abgepresst hatte.
„Dann los." Zielstrebig marschierte Harry Richtung Hofausfahrt.
Draco faltete den Stadtplan zusammen und folgte ihm. „He, du weißt doch gar nicht, wo wir hin müssen! "
„Na, und wo müssen wir hin?"
„Argent Road. Die nächste rechts, dann die dritte links ... Kann man gar nicht verfehlen."
Die nächste Viertelstunde trabten sie durch ein Labyrinth ziemlich vernachlässigter Straßen. Doch obwohl sie sich viel Mühe gaben, schien der Stadtplan ihnen nicht wirklich weiterzuhelfen.
„Verdammtes Mistding!", fluchte Harry zum ungefähr zehnten Mal. „Also, wir sind doch eben rechts gegangen, wieso stehen wir dann nicht auf der Fallon Street?"
Draco ließ seinen Blick nervös durch die enge Straße huschen. Die Häuser wirkten ziemlich heruntergekommen. Ebenerdig gab es eine Menge eher drittklassiger Kneipen. Dazu hatten sie bis jetzt drei Pornokinos und zwei Sexshops passiert. Auf dem Gehweg standen überquellende Mülltonnen, und Draco war sich ziemlich sicher, vor zwei Minuten eine Ratte gesehen zu haben.
Aus dem Haus hinter ihnen trat eine Frau mit einem beängstigend fetten Dackel. Das aschblonde Haar hatte sie auf rosa Lockenwickler gedrillt, ihren fülligen Leib in etwas gehüllt, das verdächtig nach einem himmelblauen Rüschenbademantel aussah. Rosa Plüschpantoffeln schlappten über den Gehweg, als sie ihren widerstrebenden Hund mit sich zog.
Igitt ... Das muss die Billigversion von Dolores Umbridge sein ...
Eine Gruppe von drei jungen Männern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog Dracos Blick auf sich. Zwei von ihnen waren ... ungewöhnlich angezogen, fand er. Allerdings hatte er keine Ahnung von dem, was derzeit unter Muggeln Mode war. Dennoch irritierten diese Männer ihn: hochhackige Schuhe – zwar keine Stöckelschuhe, aber trotzdem ... –, sehr enge Hosen, und eine Art, sich zu bewegen, die irgendwie ... störte. Sie schien ihm aufdringlich, fast obszön. Der Dritte dagegen sah fast normal aus, normal für das, was Draco bisher von Muggeln kannte, in Jeans und Sweater, die Hände lässig in den Hosentaschen, eine Zigarette im linken Mundwinkel.
„Ich weiß nicht", murmelte Draco angespannt. „Die Gegend hier sieht irgendwie komisch aus. Irgendwie ... ungesund. Und diese Typen ... wie die uns anstarren."
Er wusste, dass er es sich nicht einbildete. Drei Augenpaare folgten ihnen, als sie nach einem letzten, verunsicherten Blick in den Stadtplan weiter die Straße entlang gingen.
„Mir ... mir ist da gerade was eingefallen", murmelte Harry neben ihm. Er klang ziemlich unglücklich. „Da kam mal was im Fernsehen ..."
Vor ihnen in einem Hauseingang sah Draco zwei weitere junge Männer stehen.
„Hinter Piccadilly soll angeblich der Schwulenstrich sein. Päderastenmeile, haben die gesagt. Also für Männer, die auf ... auf Jungs stehen. Meine Tante hat dann einen Moralischen gekriegt und die Kiste abgeschaltet ..."
Fernseher?, dachte Draco irritiert. Ach ja, diese Kästen mit den bewegten Bildern ...
Dann sickerte die Kernaussage von Harrys Erklärung zu ihm durch.
„Schwulenstrich?!", zischte er zurück.
Hastig ließ er seinen Blick über die jungen Männer wandern, die nur wenige Meter vor ihnen im nächsten Hauseingang standen.
Beide wirkten heruntergekommen. Der scheinbar Jüngere der beiden, der etwa in ihrem Alter sein mochte, blond, bleich und ungesund mager, hielt eine halb gerauchte Zigarette in der Hand. Seine Nägel waren schwarz lackiert. Während Draco starrte, verharrte die Zigarette ungeraucht zwischen den knochigen Fingern.
„Draco!", flüsterte Harry warnend und rammte ihm zur Verdeutlichung den Ellenbogen in die Seite. „Spinnst du?! Du kannst die doch nicht so anglotzen!"
Erst jetzt bemerkte Draco, dass er stehen geblieben war. Er riss seinen Blick von den beiden los, setzte sich wieder in Bewegung – doch es war schon zu spät.
Der zweite der Stricher, ganz in abgeschabtes schwarzes Leder gekleidet, stieß sich mit lässiger Geste von der Wand ab und kam auf sie zu. Sein Kollege folgte mit zwei Schritten Abstand.
„Oh Mist ...", murmelte Draco.
Der schwarz Gekleidete baute sich vor ihnen auf, die Hände in den Hosentaschen, eine Stiefelspitze ungeduldig auf den Boden tappend. Diese Bewegung zog Dracos Blick magisch an. Das Geräusch von Stahlsohlen auf Asphalt erschien ihm unnatürlich laut.
Tapp, tapp, tapp. Pause. Tapp, tapp, tapp ...
„He! Versuchst du, meine Schuhe zu hypnotisieren, oder was ?"
Zögernd hob Draco den Blick. Zu seiner Erleichterung begegnete er nicht etwa einer drohenden, feindseligen Miene, sondern einem halb herausfordernden, halb amüsierten Grinsen. Die fremden Augen, von einer unbestimmten Farbe irgendwo zwischen grün und braun, funkelten spöttisch. Das Gesicht ihres Besitzers war kantig, mit hervortretendem Kinn und etwas schiefer Nase – sie sah aus, als wäre sie mindestens einmal gebrochen gewesen. Obwohl unregelmäßig und scharf geschnitten, strahlten die Züge einen gewissen Charme aus.
„Habt ihr Jungs euch verlaufen?", fragte der Lederjackenträger mit breitem Manchester-Akzent. „Ich weiß nich', ob ihr's schon gecheckt habt, aber wer hier rumrennt, der will verkaufen. In der Regel sich selbst. Und, nehmt's mir nich' krumm, aber ich glaub' nich', dass ihr das vorhabt."
„Obwohl ihr sicher ordentlich abräumen würdet." Der Blonde war neben ihn getreten. Seine wasserblauen Augen wanderten über Dracos Körper, als wollte er den Wert eines Pferdes abschätzen. „Frische Ware wird immer gut bezahlt."
Dracos Herz klopfte weit oben in seinem Hals. Harry war jetzt dichter an seiner Seite als noch vor einer Minute. Unwillkürlich schob Draco sich noch einen Schritt an seinen Freund heran.
„Ärger?", ertönte eine heisere Stimme in ihrem Rücken.
Draco fuhr herum. Die drei Stricher, die sie vor fünf Minuten passiert hatten, waren von hinten an sie herangetreten.
Er schluckte mühsam. Sie saßen in der Falle. Automatisch fuhr seine Hand in die Jackentasche und krampfte sich um seinen Zauberstab.
„Quatsch, Ärger", wiegelte der Lederjackenträger ab.
Draco sah rasch zu ihm.
„Die Jungs ham sich bloß verlaufen, nich', Jungs?" Der Lederjackenträger legte dem Blonden mit den schwarz lackierten Fingernägeln die Hand auf die Schulter. „Mein Name is' Jamie", sagte er freundlich. „Das hier is' mein Kumpel Les." Er machte eine Geste in Richtung der drei Neuankömmlinge. „Ginger, Tommy und Stan. – Können wir euch irgendwie helfen?"
Harry räusperte sich vernehmlich. „Wir ... wir suchen die Argent Road."
„Argent Road?", fragte Jamie. Er wirkte verblüfft.
„Wieso, das ist doch hier in der Ecke, oder?", fragte Draco nervös zurück.
„Schon, aber ... na, geht mich ja eigentlich nix an. Frag mich bloß, was ihr zwei da wollt. Dann wollt ihr wohl zum Drops, oder?"
„Drops?" Draco hatte das Gefühl, dass sie ziemlich aneinander vorbeiredeten. „Also, eigentlich suchen wir einen Typen ... er heißt Michael Starkey."
„Den Mike sucht ihr?", erklang eine überraschte Stimme in ihrem Rücken. Draco drehte sich erneut um und stellte fest, dass sie zu dem jungen Burschen in Jeans und Schlabberpulli gehörte.
Höchstens fünfzehn, dachte Draco. Allerhöchstens.
Er schluckte unwillkürlich.
„Was wollt ihr denn vom Mike?" Der Junge hob fragend die Augenbrauen.
„Ein ... ein Freund schickt uns", stotterte Harry. „Ein Freund von Mike."
„Na, okay", verkündete Jamie, auch wenn er Harry nicht zu glauben schien. „Ich bring' euch rüber. Is' 'n bisschen unübersichtlich hier, wenn man sich nich' auskennt. Gefährlich nich', aber unübersichtlich. – Na, denn kommt."
Erleichtert trabte Draco hinter ihrem selbst ernannten Führer her. Bei einem Seitenblick auf Harry stellte er fest, dass dieser ebenso froh wirkte, die anderen Stricher hinter sich zu lassen.
Jamie bog in eine schmale Gasse ein, einen düsteren Durchgang zwischen alten Backsteinhäusern, in dem es unangenehm nach Urin roch. „Abkürzung", bemerkte er unbekümmert.
Nach wenigen Schritten trat Draco auf etwas Glitschiges und wäre beinah ausgerutscht.
„Scheiße!", fluchte er halblaut, und spähte auf den rissigen Asphalt hinab.
Ein transparentes, schlauchförmiges Ding klebte an seiner rechten Stiefelsohle.
„Nicht anfassen!", warnte Harry gerade noch rechtzeitig. „Wer weiß, was ... na, fass es einfach nicht an."
Draco schrubbte das Ding an einer Delle im Straßenbelag ab. „Was ist das?", fragte er neugierig.
Harry murmelte etwas Unverständliches.
„Was?", hakte Draco nach.
„Erklär' ich dir später. Muggelzeugs", flüsterte Harry. Er wirkte irgendwie verlegen.
Offensichtlich kannte Jamie eine Menge Abkürzungen. Draco und Harry folgten ihm durch ein Gewirr von Hinterhöfen, schmalen Durchgängen und tristen Gassen, bis sie endlich vor einem schmalen zweistöckigen Haus standen. Die Fassade war gelb gestrichen, Tür und Fensterrahmen dunkelblau – sicher das einzige Haus weit und breit, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Gnade frischer Farbe erfahren hatte. Es wirkte so deplaziert wie ein Pirol zwischen Straßentauben. Unter dem Klingelknopf hing eine silberne Plakette mit der Aufschrift „Drop-in Projekt".
Jamie stieß die Tür auf, die offenbar nur angelehnt gewesen war.
„Na los", meinte er einladend. „Bewegen müsst ihr euch schon selber."
Zögernd überschritt Draco die Schwelle. Er fand sich in einem fensterlosen, aber hell erleuchteten Vorflur wieder, dessen Wände buchstäblich tapeziert waren mit Fotos, Zeichnungen und Plakaten. Von einigen Fotos blickten ihm feixende Jungen oder junge Männer entgegen. Ein Bild zeigte einen sehr bunten, anatomisch allerdings fragwürdig konstruierten Paradiesvogel. Die Plakate verkündeten in schrillen Farben Botschaften, die für Draco rätselhaft blieben, etwa: „Gib AIDS keine Chance." oder: „Mach's mit!". Allerdings fand sich unter ihnen auch ein offensichtlich liebevoll handgemaltes Werk mit dem Titel: „Tipps für Jungs, die anschaffen gehen", abgefasst in einer so deutlichen Sprache, dass Draco fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Rasch wandte er den Blick ab.
„Hier geht's lang." Jamie stand wartend in einer Tür. Aus dem Raum hinter ihm drangen Geschirrgeklapper und Kaffeeduft.
Diesmal war es Harry, der zuerst den Schritt über die Schwelle wagte. Draco folgte ihm eilig.
Sie schienen in einer Art Aufenthaltsbereich gelandet zu sein. Der Raum war groß und hell. Die eine Hälfte wurde von einer ausufernden Sofa- und Sessellandschaft in allen möglichen Formen und Farben okkupiert, die andere von einem Essbereich.
An einem der Tische saßen zwei Jugendliche und kämpften mit Spaghetti und Tomatensoße. Einer der beiden aß mit verblüffender Konzentration und Geschwindigkeit. Der andere hatte bei ihrem Eintreten seine Gabel sinken lassen. Jamie begrüßte er mit einem knappen Nicken, doch Draco und Harry wurden von ihm mit ausgesprochen misstrauischen Blicken bedacht.
Wieder fühlte Draco sich auf unangenehme und kalkulierende Weise taxiert wie ein Tier auf dem Viehmarkt. Doch in dieser fremden Umgebung fühlte er sich zu unsicher, um angemessen auf diese Provokation zu antworten. So beließ er es dabei, dem Jungen einen herablassenden und scheinbar desinteressierten Blick zuzuwerfen. Sein Gegenüber quittierte mit einem spöttischen Grinsen.
Wichser.
Draco wandte seine Aufmerksamkeit der gegenüberliegenden Seite des Raumes zu, die von einer Art Theke eingenommen wurde. Dahinter war eine Durchreiche sichtbar, höchstwahrscheinlich zur Küche, denn von dort kam das Geschirrgeklapper.
„Mike?" Jamie war hinter die Theke getreten und hatte den Kopf durch das Fenster zum Nebenraum gesteckt. „Hi."
„Hi Jamie", ertönte eine freundliche, etwas raue Stimme aus dem Off.
Mike. Michael.
„Wie geht's?", fragte Mike aus der Küche, begleitet von einem merkwürdig schlurfenden Geräusch. „Brauchst du irgendwas? Präser? Schmiere? Spritzen? Nein? Magst du vielleicht was essen?"
„Was gibt's denn Gutes?"
„Äh ... na ja ..." Mike klang etwas verlegen. „Melinda ist heute ausgefallen ... also ... Nudeln mit Tomatensoße? Wir haben auch noch Schokoeis im Kühlschrank oder Joghurt ..."
„Nudeln ... und Eis." Jamie drehte sich zu ihnen. „Wollt ihr auch was?
Draco schüttelte automatisch den Kopf.
Alles an ihm brannte vor Neugier. Konnte dieser verfluchte Mike nicht mal seinen verdammten Kopf durch dieses dämliche Fenster stecken? Vermutlich, höchstwahrscheinlich war er wirklich ihr Michael, Severus' Michael – eigentlich war er es todsicher, ein Personenortungszauber irrte nie. Aber wie sah er aus, jetzt, nach zwanzig Jahren? Dick, dünn, alt, jung, attraktiv, abstoßend ...? Draco hatte das Gefühl, sich vor Ungeduld aufzulösen. So in etwa musste sich ein Forscher für magische Tierwesen fühlen, der eine neue Art zwar im Dschungel rufen gehört, sie aber noch nie gesehen hatte.
„Nudeln, bitte", sagte jemand hinter ihm.
Harry. Draco hätte ihn am liebsten geschlagen.
Wie kann der jetzt ans Essen denken?
Nun, Potter war schon immer erstaunlich verfressen gewesen.
Eigentlich müsste er längst fett sein wie ein Flubberwurm ...
„Aber logo."
Zwei dampfende Teller mit Nudeln und Tomatensoße klirrten auf die Durchreiche. Flüchtig erhaschte Draco einen Blick auf große, aber schmale Hände mit bräunlicher Haut.
Jetzt zeig dich endlich, verdammt noch mal!
„Ich bin heute alleine hier, wie gesagt. Sorry, dauert alles ein bisschen länger als sonst. Wie findet ihr die Soße?" Mikes Stimme schwoll an und ab, als er sich nebenan durch die Küche bewegte, Schranktüren öffnete und wieder zuschlug.
„Man kann's essen", kommentierte Jamie, der sich probeweise eine Gabel Nudeln in den Mund gestopft hatte. „Meine Alte kocht schlechter."
„Will noch jemand Eis? Ich glaube, ich mach auch mal 'ne Pause und setz mich zu euch. Ist ja nicht viel los gerade. Also: Eis?"
Jamie winkte Harry zur Theke und drückte ihm die Teller in die Hand. „Bring' mal rüber." Er nickte in Richtung der Tische.
„Ich hätte auch gern Eis", sagte Harry.
Diesmal verpasste Draco ihm wirklich einen Schlag auf den Unterarm. Harry warf ihm einen erst überraschten, dann verärgerten Blick zu, ehe er die Teller wortlos zu einem der Tische hinüber trug.
„Ich auch!", rief der Junge, der in so atemberaubender Geschwindigkeit seinen Teller geleert hatte.
Eine Minute später balancierte Jamie ein Tablett mit vier Eisschälchen durch den Raum. „Bist du da festgewachsen?", fragte er Draco im Vorbeigehen, ehe er dem hungrigen Jungen ein Eis vor die Nase stellte. Draco vermutete, dass es nicht mehr länger als eine Minute zu leben hatte.
Ungeduldig setzte Draco sich zu Harry und Jamie an den Tisch. „Hast du vergessen, warum wir hier sind?", zischte er Harry gereizt zu. „Wir wollen" –
Ein Mann trat aus der Tür neben der Theke.
Michael, kein Zweifel, auch wenn er sichtlich gealtert war. Scharfe Linien hatten sich in sein Gesicht gegraben, und sein Haar, das er jetzt etwas kürzer trug als auf dem Foto, war von grauen Strähnen durchzogen. Doch obwohl er aussah wie fünfzig, wirkte sein Lächeln jung. Es war das gleiche Lächeln wie vor zwanzig Jahren, und als er auf sie zukam, bewegte er sich mit der lässigen, jugendlichen Eleganz, die nur Menschen haben, die sich ihres Körpers bewusst und sicher sind.
„Na, Jamie, wen hast du denn da" –
Michael brach mitten im Satz ab. Er starrte Draco an, als ob diesem plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Sekundenlang starrte Draco zurück in die warmen braunen Augen, die nicht blinzelten und ihn so durchdringend musterten, wie es sonst nur die von Severus fertigbrachten.
Dann fand Michael seine Sprache wieder.
„Draco?", fragte er ungläubig.
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