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Herbst
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Kapitel 13
Anders als gedacht
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Michael starrte den bleichen blonden Jungen an, der so unerwartet in sein geordnetes Leben eingebrochen war.
Was wollte Draco von ihm?
Es konnte keinen Zweifel geben, dass es sich um Aemilius' Enkel handelte. Michael hatte genug Fotos von ihm gesehen.
Tatsächlich besaß er ein ganzes Album mit Zauberfotos, gut versteckt unter dem untersten Brett eine Wandschrankes. Die ersten Bilder darin datierten vom Herbst 1976 und zeigten ihn selbst mit dem gescheckten Pony, das er von Aemilius Malfoy bekommen hatte. Miguel und Diego stand darunter, in Weiß auf schwarzem Grund. Es war die zierliche, geschwungene Handschrift Hrabans, der auch das Foto aufgenommen und Miguel das Album zu dessen zwanzigstem Geburtstag geschenkt hatte.
Neben einem halben Dutzend Fotos von Miguel und Diego, Diego ohne Miguel und Miguel ohne Diego hatte damals noch ein Bild darin geklebt: er auf dem Pony, neben ihm Severus und Hraban. Das Bild war in den Herbstferien aufgenommen worden, an einem warmen, sonnigen Septembertag.
Damals, in jenen zwei Ferienwochen, hatte sie angefangen, die Sache zwischen Severus und Hraban. Miguel hatte es gespürt, daneben gestanden und nichts dagegen tun können. Anfangs war es nur Flirten und Schäkern gewesen. Die beiden hatten sich intellektuelle Duelle geliefert, von denen Miguel zwangsläufig ausgeschlossen gewesen war – er hatte ja noch nicht einmal die Volksschule zu Ende gebracht –, geschweige denn, dass er ihren Diskussionen über Magie hätte folgen können. Dann flüchtige Berührungen, ein Lächeln, das vom einen zum anderen ging ...
Am Ende der Ferien hatte Miguel gewusst, dass er Severus verloren hatte, selbst wenn dieser mit Hraban nie mehr als einen Händedruck getauscht hatte. Severus' Briefe aus Hogwarts, die von Anfang an förmlich und knapp gewesen waren, waren immer spärlicher gekommen und schließlich ganz ausgeblieben.
Es hatte weh getan. Es tat immer noch weh. Nach dem Herbst war der Winter gekommen, Julferien. Severus und Hraban waren beide auf Malfoy Manor zu Gast gewesen, umeinander geglitten wie lauernde Raubtiere, und schließlich war es passiert: Ein Kuss, direkt vor Miguels Augen.
Damit hatte das Spiel begonnen. Das „Ich will nur, dass du glücklich bist"-Spiel, während dessen Miguel sich um Severus und Hraban bemüht hatte wie zuvor um Severus selbst. Er hatte gelächelt und gelacht, ihnen andächtig gelauscht und sie mit Diego durch den Wald kutschiert. All das, damit sie ihn nicht von sich stießen. Severus war alles, was Miguel hatte.
Damals.
Du bist nicht mehr Miguel. Du bist Michael. Mike. Micky. – Ja, das ist gut. Denk daran, dass du jetzt Micky bist. Denk an Amy, an Ché, an Joanne ...
„Was willst du hier?", fragte Michael. Es klang schroffer, als er beabsichtigt hatte.
Draco blinzelte irritiert. „Woher ... woher kennen Sie mich?"
Diese Frage verwirrte nun wiederum Michael.
Dann war der Junge gar nicht von seinem Vater geschickt worden?
Nun, eigentlich wäre das auch verwunderlich gewesen. Dracos Großvater Aemilius war seit über einem Jahr tot und begraben, und damit war Michaels Kontakt zur Zaubererwelt völlig abgerissen. Dass Aemilius' Sohn Lucius ihn nie gemocht, ihn sogar verachtet hatte, war ihm klar. Es hatte gerade dazu gereicht, dass er Michael einen Brief mit der Todesanzeige geschickt hatte, sauber aus dem Tagespropheten ausgeschnitten, ohne eine einzige persönliche Zeile. Nur den Brief hatte Lucius eigenhändig adressiert.
„Wenn ... wenn du das nicht weißt", begann Michael zögernd, „dann ... Wieso bist du dann hier?"
In den grauen Augen blitzte es.
So ähnlich ... die Augen, der Mund ...
„Wenn Sie meine Frage beantworten, dann beantworte ich Ihre!"
Heilige Mutter Gottes, ja!
Michael konnte nicht anders, er musste lachen. „Du bist ihm so verdammt ähnlich!"
„Wem?!" Der Junge hatte die Hände auf den Tisch gestützt, als ob er Michael anspringen wollte.
Neben ihm machte Jamie eine nervöse Bewegung. Michael legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.
„Deinem Vater ... oder deinem Großvater. Wie du willst."
„Sie kannten meinen Vater?" Die Aggression war aus den kalten Augen verschwunden. Jetzt spiegelten sie nur noch Überraschung wider. „Und ... und meinen Großvater auch?"
„Aber sicher. Ich habe fünf Jahre auf Malfoy Manor gelebt. Und danach ... Aemilius hat meine Ausbildung zum Erzieher finanziert."
Michael sah ihn vor sich, einen großen, elegant gekleideten Mann im schwarzen Anzug, das lange weiße Haar zu einem Zopf gebunden. Aemilius Malfoy war mühelos zwischen den beiden Welten hin und her gewandert. Das Haus, in dem das Drop-in-Projekt untergebracht war, war größtenteils durch seine Spenden finanziert worden. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Eröffnungsfeier beizuwohnen: ein würdevoller älterer Mann im Hintergrund, aufrecht und still wie eine Statue, seine eventuell vorhandenen Gefühle hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen.
„Aemilius?"
„Dein Großvater, ja."
Draco schüttelte energisch den Kopf. „Mein Großvater hieß Abraxas. Abraxas Malfoy."
„Er ist nicht der Einzige, der 1981 einen alten Namen abgelegt hat. Viele haben damals einen Neuanfang versucht."
Der schwarzhaarige Junge, der offenbar mit Draco gekommen war, und sich bis jetzt mit seinem Essen beschäftigt hatte, blickte interessiert auf.
„Und du bist ...?", fragte Michael, als der intensive Blick der grünen Augen nicht von ihm ablassen wollte.
„Ich ... Harry."
Ein ganzes Räderwerk begann in Michaels Kopf zu arbeiten. Er erinnerte sich plötzlich an den Tagespropheten, den Aemilius ihm damals, vor mittlerweile sechzehn Jahren, unter die Nase gehalten hatte, an die schreiende Überschrift: Der Junge, der überlebt hat.
„Harry Potter?", fragte Michael ungläubig.
Der Junge stöhnte gequält.
„Die Frage hat er ein paar Mal zu oft gehört", kommentierte Draco grinsend.
„Tatsächlich ..." Fasziniert betrachtete Michael den mageren, so unspektakulär wirkenden Jungen, der jetzt missmutig in den Resten seines Schokoladeneises herumrührte.
Er könnte genauso gut einer von meinen Strichern sein ... Aber ohne Harry Potter würde ich jetzt nicht hier sitzen ...
„Scheint ja 'ne spannende Geschichte zu sein, wa'?"
Jamie.
Gott, der ist ja auch noch da. Und die anderen Jungs ...
Michael warf einen raschen Blick über die Schulter und stellte fest, dass die beiden Stricher am Nebentisch ihnen aufmerksam zuhörten.
„Spannend ... und ziemlich privat", verkündete er nachdrücklich. „Sorry, Jamie, aber ich werde Draco und Harry wohl besser in mein Büro rüberbitten. Könntest du so lange ein Auge auf den Betrieb hier haben?"
„Aber klar, Mike."
Erleichtert stellte Michael fest, dass Jamie keineswegs gekränkt wirkte, sondern sich offenbar sogar geschmeichelt fühlte, dass er für einige Zeit die Aufsicht übernehmen durfte.
Michael führte seine beiden Gäste in sein Büro, einen kleinen, von hohen, mit Aktenordnern vollgestopften Regalen dominierten Raum. Er schlüpfte hinter seinen unordentlichen Schreibtisch und bot den Jungen die beiden Besucherstühle an. Es entging ihm nicht, mit welcher Aufmerksamkeit Draco die Kinderzeichnungen an den Wänden musterte.
„Die sind von meiner Tochter", erklärte er mit einer Geste in Richtung zahlreicher Pferdedarstellungen in Buntstift und Wasserfarben. „Mein Sohn hat's nicht so mit Malen."
Michael drehte eine Fotographie herum, so dass Draco und Harry sie betrachten konnten.
„Meine Familie. Meine Frau Joanna, meine Tochter Amy, mein Sohn Ché. Amy ist neun, Ché zwölf."
„Sie ... Aber ich dachte ..." Draco starrte ihn aus großen Augen an.
„Was denn?", fragte Michael verwundert zurück.
Dann ging ihm ein Licht auf.
„Du dachtest, ich bin schwul? Weil ich mit Strichern arbeite?" Er lachte. „Bin ich nicht. Höchstens bi. Im Übrigen sehen die meisten Stricher sich nicht als schwul. Die Mehrheit von denen hält sich für hundert Prozent hetero. Arbeit und Privatleben sind zwei sehr verschiedene Dinge – besonders im horizontalen Gewerbe."
„Aber ... aber dann ..."
Ein sprachloser Malfoy. Auch ein seltenes Ereignis ...
Grinsend stütze Michael das Kinn auf die Hände und sah Draco forschend an. „Du bist doch hoffentlich nicht nur deshalb hergekommen, weil du mich zu meiner sexuellen Orientierung befragen wolltest, oder?"
Draco schüttelte den Kopf. Dann griff er in seine Jackentasche, zog ein Foto heraus und schob es über den Tisch.
Michael erstarrte. Es war exakt das Bild, das auf Seite eins seines Zauberfotoalbums klebte.
„Wo hast du das her?", hauchte er.
„Von Severus", erwiderte Draco leise.
„Severus ..." Plötzlich wurde ihm kalt. „Ist ihm was passiert? Er ist doch nicht ... gestorben?"
„Wie man's nimmt", ließ Harry sich vernehmen.
„Wie man's nimmt?!"
„Er ... er ist nicht direkt tot ...", sagte Draco zögernd.
Heilige Jungfrau Maria!
„Nicht direkt?!" Michael war aufgesprungen. „Jungs, raus mit der Sprache! Was ist mit ihm passiert?"
„Er ist ein Geist."
„Madre dios!", hauchte Michael, sank zurück auf seinen Stuhl und vergaß für eine Sekunde, dass er nicht mehr Miguel war.
Draco zog einen zweiten Gegenstand aus der Tasche und legte ihn vor Michael auf den Tisch.
Es war eines ihrer Armbänder.
„Oh Gott ..."
Er ergriff es mit zitternden Fingern. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er selbst diese Haarsträhnen ineinander verwoben. Damals, nachdem sie zu ihrem Arrangement gefunden hatten. Er war so froh gewesen, nicht mehr ausgeschlossen zu sein, teilhaben zu dürfen an dem, was zwischen Severus und Hraban war ...
Hraban ... Bran.
Hraban hatte sich solche Mühe gegeben, Michael ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Wärme zu vermitteln.
Wärme ...
Das war es, was er vor allem mit Hraban verband: Wärme. Erst war es vor allem gutmütiger Spott gewesen, mit dem dieser Miguel bedacht hatte. Doch mit der Zeit war echte Zuneigung zwischen ihnen entstanden.
Es war Hraban gewesen, der Miguel im Wald gefunden hatte, nackt im Schnee, blau gefroren in dem Versuch, sich aus der Welt hinauszufrieren, in der stillen Kälte der Winternacht zu Eis zu werden, jedes Gefühl und alles Leben erstarren zu lassen. Hraban hatte ihn zurückgeholt. Miguel erinnerte sich an das flackernde Kaminfeuer, vor dem sie gesessen hatten, das weiche Fell unter seinen nackten Füßen, die Wolldecke auf seiner Haut. Schmerzen, als das Leben in seinen erfrorenen Körper zurückkehrte. Tränen, als auch seine Gefühle wieder auftauten. Und Hraban, der ihn in den Armen hielt, ihn wiegte und tröstete, ihm versprach, dass sie sich von nun an um ihn kümmern würden.
Sie hatten ihr – oder vielmehr Hrabans – Versprechen gehalten. Der Winter war wie ein Traum gewesen. Das erste Mal in seinem Leben hatte Miguel sich geliebt und akzeptiert gefühlt. Er war anders als die beiden. Seine Fähigkeiten reichten nicht an ihre heran. Er konnte nicht zaubern, war weder schlagfertig noch besonders intelligent. Manchmal musste er ihren Spott ertragen, aber es war ein liebevoller Spott, den er gerne annahm. Und es gab ein Feld, in dem er unangefochten führte: Sex. Im Bett war er es, der die beiden beeindruckte, der sie etwas zu lehren hatte, und das wurde neidlos anerkannt.
Wäre es nach Miguel gegangen, dann hätte dieser Winter ewig dauern können.
Doch Hraban war gestorben, viel zu früh, sinnlos, gefallen im Krieg. Mit ihm war alle Liebe begraben worden, die in Severus existiert hatte. Zwei Tage später war der junge Zauberer abgereist und hatte Miguel ohne ein Wort des Abschieds auf Malfoy Manor zurückgelassen.
Wenn sie sich in den folgenden Jahren gelegentlich begegnet waren, dann war immer eine Kälte von Severus ausgegangen, die Miguel Angst gemacht hatte. Eine Kälte, die von Jahr zu Jahr zugenommen hatte, bis er sicher gewesen war, dass alles Gefühl in Severus diesem Frost zum Opfer gefallen war.
Michael drehte das Armband in seinen Händen. Es hatte drei davon gegeben. Hraban war mit seinem beerdigt worden. Das von Miguel steckte zwischen den ersten Seiten seines Zauberfotoalbums. Und Severus hatte seines tatsächlich ebenfalls aufbewahrt ...
„Was will er von mir?", fragte Michael leise. „Was will er in meinem Leben?"
Draco schluckte sichtbar.
„Er ... er hat mich nicht geschickt, falls Sie das glauben. Es ist wohl so, dass er Sie gerne wiedersehen würde, aber sich nicht traut ... Ich weiß auch nicht genau. Auf jeden Fall hat er keine Ahnung, dass ich hier bin."
„Und was erwartest du von mir?" Michael schmeckte die Bitterkeit seiner Worte. „Dass ich dich begleite, um ihm Absolution zu erteilen? Er hatte so viele Jahre Zeit ... Er hätte nur Aemilius fragen müssen, wo er mich finden kann."
„Bitte", flüsterte Draco. „Ich glaube, es ist sehr wichtig für ihn."
Michael starrte ihn überrascht an. Es geschah sehr selten, dass man einen Malfoy um etwas bitten hörte.
Und dennoch ...
Ich will ihn nicht sehen. Er hat schon so viel kaputt gemacht in mir. – Aber es ist doch nur dieses eine Mal. Und jetzt hast du ein Leben, in das du zurückkehren kannst. Du besuchst ihn, ein, zwei Stunden lang, und dann gehst du zurück in dein Leben, zu deiner Arbeit, deiner Familie ... – Es ist nicht so einfach, wie es scheint. Wenn ich jetzt gehe, um ihn wiederzusehen ... Danach wird alles anders sein.
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Gespannt beobachtete Draco den inneren Kampf, der sich auf Michaels Gesicht widerspiegelte.
Würde er mitkommen?
Eigentlich hatte Draco Danyels Auftrag eher widerwillig angenommen. Doch mittlerweile war es ihm wichtig geworden, diesen Mann mit sich nach Hogwarts zu nehmen. Vielleicht würde das auch ein entscheidender Schritt zu seiner eigenen Versöhnung mit Severus sein.
„Ich kann hier nicht weg", sagte Michael endlich.
Dracos Herz sank.
„Ich habe bis vierzehn Uhr Dienst. Das ist – oh. In einer halben Stunde schon ..."
Es war nicht zu überhören, dass Michael sich unwohl fühlte.
„Er hat sich sehr verändert", sagte Draco leise. „Wirklich sehr."
Zähe Sekunden verstrichen.
„Na gut", sagte Michael schließlich unsicher. „Gut, ich komme mit." Seine Stimme gewann an Festigkeit.
„Aber das eins klar ist: Wenn er mir dumm kommt, drehe ich mich um und gehe. Und anschließend will ich nie wieder von euch hören. Ich habe hart gearbeitet, um mir dieses Leben aufzubauen. Ihr werdet mir das nicht kaputt machen."
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