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Herbst

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Kapitel 14

Wiedersehen

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Hogwarts war eine Offenbarung.

Michael tanzte förmlich durch die weiten Hallen und die endlosen Korridore, so oft drehte und wendete er sich, damit ihm ja nichts entging. Immer wieder zischten Draco oder Harry ihm warnend zu, dass er sich nicht so lebhaft bewegen sollte – schließlich steckte er unter Harrys Tarnumhang, und jedesmal, wenn er besonders schwungvoll um die eigene Achse kreiste, wurden seine Füße sichtbar.

Das Schloss war unbeschreiblich wundervoll. Jetzt endlich wusste Michael, dass er Severus all die Jahre zu Recht beneidet hatte. Hier zur Schule gehen, hier arbeiten zu dürfen ...

„Michael! Pssst, Michael! Hier geht's lang!"

Draco stand oberhalb einer breiten, in schummrige Tiefen führenden Steintreppe. Als Michael ihm und Harry die Stufen hinab folgte, spürte er, wie die Temperatur mit jedem Schritt abwärts sank. Zusätzlich zu der unangenehmen Kühle sah es hier auch noch merklich ungemütlicher aus als in den oberen Regionen des Schlosses.

„Die Kerker", erklärte Harry beiläufig.

Was für ein trauriger Ort für einen Geist ...

„Dürfen die Geister nicht nach oben?", fragte Michael beklommen.

„Wieso?" Draco sah ihn verständnislos an. „Severus hat hier gelebt und gelehrt, fast sechzehn Jahre lang. Die Direktorin hat ihm erlaubt, seine alten Räume weiter zu ... bewohnen. Slughorn, unser neuer Tränkemeister und Hauslehrer, hat nicht viel für die Kerker übrig. Er unterrichtet und wohnt oben."

Er hat hier gewohnt?!

„Ähem", machte Harry, als sie wenige Minuten später vor einer massiv wirkenden Tür aus Eichenbohlen hielten. „Ich glaube, ich würde lieber nicht mit reinkommen. Irgendwie scheint das doch eine ziemlich private Geschichte zu sein ..."

Dann grinste er und setzte hinzu: „Außerdem bin ich lieber nicht in Severus' Reichweite, wenn er dahinterkommt, dass du in seinen Sachen rumgeschnüffelt hast, Draco."

„Und das nennt sich jetzt gryffindor'scher Heldenmut oder was?" Draco verzog das Gesicht. „Au Mann ... Ich hoffe nur, er reißt mir nicht gleich den Kopf ab ..."

„Wird schon schiefgehen", versuchte Harry, ihn aufzumuntern. „Immerhin bringst du das Original zum Foto mit. – Viel Erfolg!", flüsterte Harry ihnen zu.

Dann wandte er sich ab und ging rasch in Richtung Treppe davon.

„Haben Sie schon mal einen Geist gesehen?", fragte Draco leise.

Stumm schüttelte Michael den Kopf. Aemilius hatte zwar gelegentlich erwähnt, dass manche Zauberer nach ihrem Tod zu Geistern wurden, aber in all seinen Jahren auf Malfoy Manor war Michael nie einem dieser Schatten begegnet.

„Also, er ist jetzt ziemlich durchsichtig und ... seine Stimme klingt auch etwas komisch. Erschrecken Sie sich nicht. Manchmal können die Geister ziemlich ... beeindruckend sein. Aber ich glaube nicht, dass sie Ihnen was tun werden."

Plötzlich fühlte Michael sich beklommen. „Könnten sie?", fragte er unsicher. „Könnte er mir etwas tun?"

Draco zögerte.

„Sie sind sehr kalt", sagte er schließlich. „Ich glaube, es ist nicht gut, wenn man sie zu oft berührt ... oder sich von ihnen berühren lässt. Und wenn sie zu erzählen anfangen ... Sie können ziemlich viel mit ihrer Stimme machen."

Michaels Unbehagen wuchs.

„Was soll das heißen, ziemlich viel?", fragte er misstrauisch.

Er sah, wie Dracos Adamsapfel nach oben wanderte, als der Junge nervös schluckte.

„Töten", flüsterte Draco. „Sie können mit ihrer Stimme töten."

Großartig! Er hat mich vor zwanzig Jahren nicht gekriegt, jetzt ist er tot, und wenn ihm gerade danach ist, dann nimmt er mich gleich mit rüber...

„Das klingt nicht so, als ob ich da reingehen möchte", sagte Michael gedämpft.

Draco strich sich das Haar zurück – eine deutliche Verlegenheitsgeste.

„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist ... das mit dem Töten, meine ich", brachte er stockend hervor, ohne Michael anzusehen. „Sie ... Sie müssen mitmachen. Sie müssen es wollen. Sonst funktioniert es nicht."

Und du hast es gewollt?, dachte Michael, indem er Draco mit einem nachdenklichen Blick bedachte.

Nun, dies war Lucius' Sohn. Man konnte nicht erwarten, dass sein Leben einfach verlaufen war.

Unentschlossen wippte Michael auf den Fußballen hin und her.

Etwas in ihm schrie ihn an, dass er sich umdrehen und gehen sollte, jetzt sofort.

Vor seinem inneren Augen flackerten Bilder von Joanne, von Amy und Ché vorbei. Er sah sie im Garten ihres Hauses: Amy im Gras, während ihr der alt und grau gewordene Diego übers lachende Gesicht schnoberte. Ché in ihrem Baumhaus, der wartete, bis Michael exakt unter ihm stand, um dann eine Wasserbombe vor seinen Füßen explodieren zu lassen. Joanne im Schatten auf der Bank, die sie gemeinsam gezimmert hatten, neben sich einen Stapel Aktenordner, vollkommen vertieft in ihre Arbeit.

Doch dann schob sich ein anderes Bild vor das seiner Familie.

Aus dem verwilderten Garten wurde ein gepflegter Park. Der Sommer wechselte zum Winter. Das Gras unter seinen Füßen war harsch gefroren, die Zweige der Bäume mit glitzerndem Rauhreif überzogen. An seiner Seite zockelte Diego einher. Seine geblähten Nüstern entließen kleine Drachendampfwölkchen in die eisige Luft. Auf dem Rücken des Ponies hockte Severus, die Hände in die dichte Mähne gekrallt. Seine Füße baumelten irgendwo auf der Höhe von Diegos Sprunggelenken.

„Merlin, Severus, entspann dich endlich!", kicherte Hraban, der auf der anderen Seite des Ponies ging. „Wenn er bockt, dann streckst du einfach die Beine aus und landest auf deinen Füßen."

„Haha", knurrte Severus und verkrampfte sich noch mehr.

Vielleicht hatte er dabei die Beine in Diegos Flanken gedrückt. Auf jeden Fall machte das Pony einen Satz nach vorne. Severus ruderte wild mit den Armen, verzweifelt um sein Gleichgewicht bemüht, verlor den Halt und landete mit einem vernehmlichen Plumps auf seinem Hinterteil.

„Aua!", protestierte er anklagend, indem er sich die schmerzende Kehrseite rieb.

Doch lange dauerte es nicht, ehe er dem schallenden Gelächter von Hraban und Miguel erlag und ein schiefes Grinsen sein Gesicht erhellte ...

„Michael? Alles klar?"

„Nein."

Michael starrte auf die dunkle Tür, hinter der seine Vergangenheit auf ihn lauerte.

„Nein", wiederholte er flüsternd. „Nichts ist klar. – Aber lass uns endlich reingehen."

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Severus und Tom schwebten zwanzig Zentimeter über dem Sofa und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen.

In den letzten Tagen hatte Severus seine Räume kaum mehr verlassen. Die Konfrontation mit den Geschichten seiner Opfer war ihm sehr nahegegangen. Zum ersten Mal hatte er aus ihrer Perspektive erlebt, was er ihnen angetan hatte.

Jery hatte ihm vergeben – eine Gnade, die Severus nur schwer annehmen konnte – und war ins Licht gegangen. Danyel dagegen schien weit davon entfernt, ihm zu verzeihen, klebte immer noch an ihm, quälte ihn mit sarkastischen Bemerkungen und Sticheleien. Ein paar Mal hatte Tom dazwischen gehen wollen, doch Severus hatte ihn jedes Mal zurückgehalten. Es war ihm wichtig, dass Danyel seinen Zorn ausagieren konnte. Außerdem passte dessen Verhalten zu Severus' momentaner Stimmung von Selbstekel und -verachtung. Zwar hatte Jery ihn das Licht erleben lassen, doch Severus fühlte sich zu schmutzig, um sich ohne Führung auch nur in dessen Nähe zu wagen. Es war da, würde immer da sein, und eines Tages würde er es auch erreichen können – aber nicht jetzt.

Noch lange nicht.

„Warum glaubst du mir nicht einfach mal?", zischte Tom verärgert. „Ich sage dir, es reicht! Du kannst nicht jedem von ihnen helfen. Sie müssen ihren Weg selbst finden. Du bist doch nur ein Vorwand für sie, damit sie sich nicht mit ihrer eigenen Schuld auseinandersetzen müssen!"

„Wenn du ‚sie' sagst, dann meinst du damit Danyel, ja?", fragte Severus flüsternd – immer in der Befürchtung, er könnte den Genannten herbeirufen, wenn er dessen Namen zu laut aussprach.

„Natürlich meine ich Danyel! Was Marcus angeht, weißt du so gut wie ich, dass er nicht deinetwegen hier ist, sondern wegen seiner eigenen Schuldgefühle. Und Fiona ... die ist sowieso ein Fall für sich."

Müde schüttelte Severus den Kopf. „Aber sie sind nicht die einzigen. Die meisten sind ja nicht einmal hier ..."

Tom schnaubte ärgerlich.

„Verdammt, Severus! Wenn sogar Lucius dir vergeben konnte ... Meinst du wirklich, die Menschen haben nach ihrem Tod nichts Besseres zu tun, als ihren Groll auf ihre alten Feinde auszuagieren? Also, ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich kann mir wirklich schönere Dinge denken, denen ich mich nach meinem Tod widmen möchte – falls ich dann noch in der Lage sein sollte, mich irgendetwas zu widmen. Hat denn irgendeins von deinen anderen Opfern sich bis jetzt bemerkbar gemacht? Außer uns fünfen? Und Lucius, natürlich?"

„Anfangs ... Es ... Drei."

Severus' Blick wanderte in Richtung seiner Stiefelspitzen. Es fiel ihm schwer, über diese Dinge zu sprechen.

„Es waren nicht wirklich Geister. Eher ... Schatten. Eine war sogar eine Muggel, glaube ich."

„Und was haben sie getan? Haben sie dich anzugreifen versucht?"

Severus erinnerte sich an verschwommene, dunkle Schatten, aus denen ab und an etwas wie ein Gesicht, eine Hand, ein Kleidersaum aufzublitzen schien. Dumpfes, schleppendes Gemurmel. Stille. Sich klärende Umrisse. Dann bleiche, alterslose Gesichter, die über schwarzen Schatten schwebten, ihn aus ernsten Augen musterten ...

„Nein ...", antwortete er mit belegter Stimme. „Sie waren einfach nur da und haben mich angesehen. Und ... gelächelt. Sie sahen traurig aus, aber sie haben gelächelt. Der ... der Schatten der Muggelfrau hat sogar versucht, mich zu berühren ..."

Eine bleiche, substanzlose Hand, die aus den Schatten hervorwuchs, tastete, lockte ...

„Und was hast du gemacht?"

„Ich ... bin ihr ausgewichen ..."

Schweigen.

Nach einer Weile hob Severus den Blick und sah Tom nachdenklich an.

„Es ist kaum jemand zu mir gekommen, nicht von meinen Opfern zumindest, da hast du Recht."

Flüchtig dachte er an die fahlen, mit silbrigem Blut bespritzten Gestalten von Bellatrix und Rodolphus Lestrange, die er eines Nachts in seinem Schlafzimmer vorgefunden hatte, stumm und reglos. Lediglich ihre toten Augen hatten ihn verfolgt, als er zurück ins Wohnzimmer geflohen war. Als er den Raum später zusammen mit Tom aufgesucht hatte, waren die beiden verschwunden gewesen.

„Aber auch, wenn ich sie nicht sehen kann: Ich spüre sie alle, jeden einzelnen von ihnen – in mir. Es ist, als ob ... als ob jedes Mal, wenn ich getötet habe, etwas von meinem Opfer in mir zurückgeblieben ist – wie ein Sandkorn in einer Auster."

Schweigen.

„Sandkörner werden zu Perlen, wenn sie in eine Auster geraten, Severus", erwiderte Tom schließlich leise.

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Als Draco nach einem zaghaften Klopfen auf Severus' Aufforderung hin dessen Räume betrat, Michael dicht auf den Fersen, fühlte er sich sehr unsicher.

„Warte!", raunte er seinem Begleiter zu und trat alleine ins Wohnzimmer.

„Hallo", grüßte er Severus und Tom. Seine Stimme kiekste.

Verdammt, ich klinge wie in Erstklässler, der zur Strafarbeit angetreten ist ...

Severus, der auf oder vielmehr über dem Sofa saß und ihm erwartungsvoll entgegensah, hob beide Augenbrauen. „Guten Tag, Draco." In seiner Stimme mischten sich Besorgnis und milder Spott. „Darf ich fragen, aus welchem triftigen Grund du uns zu dieser unüblichen Stunde mit deiner Anwesenheit beehrst?"

Tom, der hinter dem Sofa Stellung bezogen hatte, kicherte.

„Ich ... ich habe jemanden mitgebracht", brachte Draco mühsam hervor.

Er war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, Michael nach Hogwarts zu bringen.

Am Ende gibt es einen Riesenkrach zwischen Severus und Tom, und ich kriege die Schuld in die Schuhe geschoben ... Nur, weil ich mal nett sein wollte...

Mit katzenhafter Eleganz beugte Tom sich über Severus und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Severus' Mundwinkel begannen zu zucken. „Möchtest du uns vielleicht jemanden vorstellen?", fragte er.

Draco wurde es abwechselnd heiß und kalt.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Michael hatte Severus nicht sehen wollen. Severus würde Michael nicht sehen wollen. Und hinter Severus stand Tom, ein freches, lauerndes Glitzern in den transparenten Augen...

„Ich glaube, wir kennen uns bereits", bemerkte eine Stimme hinter Draco.

Überrascht drehte er sich um. Michael grinste ihn schief an, ehe er an Draco vorbei ins Zimmer trat. Aus den Augenwinkeln sah Draco, wie Tom sich buchstäblich in Luft auflöste.

Ist der jetzt sauer oder was? Oder bloß höflich? Scheiße ...

Rasch wich Draco in die Schatten des Flurs zurück.

Von dort aus würde er alles sehen und hören, und im Notfall schnell flüchten können.

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„Severus?! Mein Gott ..."

Michael starrte ungläubig auf die silbrig durchscheinende Gestalt, die vor ihm im Raum schwebte.

Es war ein ... ein Abbild von Severus, kein Zweifel. Zwar wirkte er viel älter als Michael ihn in Erinnerung hatte, gezeichnet von einem Leben, das er wohl eher ertragen als genossen hatte. Tiefe Linien hatten sich in sein Gesicht gegraben. Seine Augen wirkten kalt und leer, doch das konnte vielleicht auch an Severus ... ungewöhnlicher Existenzform liegen.

Am Gesamtausdruck zumindest hatte sich wenig geändert: Arroganz, Spott und Bitterkeit auf den Zügen, eine straffe, aufrechte Haltung, dunkle, schwere Kleider.

Die Konsistenz der Geistererscheinung erinnerte Michael an eine Mischung aus Seifenblase und Nebelstreifen.

Ob er zerplatzt, wenn ich ihn berühre?

Tatsächlich schien Severus' Gestalt sehr unbestimmt. Es gab keine klare Grenze zwischen ihr und der Außenwelt. Severus flackerte und floss, schien sich abwechselnd zu verdichten und wieder zu verflüchtigen.

Wie verzaubert machte Michael einen Schritt auf den Geist zu.

Augenblicklich wurde das Flackern heftiger.

Wie eine Sendestörung im Fernsehen ... Gott, das ist so verrückt!

Michael verharrte sekundenlang unschlüssig. Was würde geschehen, wenn er sich Severus weiter näherte? Draco hatte ihn ausdrücklich vor Berührungen gewarnt.

Während er still dastand und überlegte, schien Severus wieder festere Konturen zu gewinnen. Das ermutigte Michael zu einem weiteren Schritt in seine Richtung. Sofort verstärkte sich das Flackern wieder.

Er hat Angst, begriff Michael. Severus hat Angst – vor mir!

Die zornige Trauer, die Enttäuschung, die zwanzig Jahre lang seine beherrschenden Gefühle in Bezug auf diesen Menschen gewesen waren, traten mit einem Mal in den Hintergrund. Stattdessen gewannen die weichen, fürsorglichen Empfindungen, die er für den sechzehn-, siebzehnjährigen Jungen gehegt hatte, an Boden.

„Severus", sagte Michael sanft. „Bitte ... du musst ... du musst doch keine Angst vor mir haben. Ich will dir doch nichts tun ..."

Er machte einen weiteren Schritt auf den Geist zu. Er stand jetzt so dicht vor ihm, dass er nur den Arm hätte ausstrecken müssen, um Severus zu berühren.

Ein heftiges Zittern lief durch den ätherischen Leib, doch seine Umrisse blieben klar.

Er sieht so alt aus ... Dabei ist er drei Jahre jünger als ich. Er ist siebenunddreißig, aber er sieht aus wie fünfzig.

Michael streckte seine Hand aus, verharrte wenige Zentimeter vor dem Geist. Die Kälte, die von Severus ausging, prickelte auf seiner Haut.

Severus rührte sich nicht.

Langsam tastete Michael sich weiter vor. Um seine Finger wurde es immer frostiger. Aus der Nähe war nicht genau festzustellen, wo der Körper des Geistes anfing und wo sich nur sehr kalte Luft befand. Dann wurde die Kälte plötzlich schneidend.

Wieder lief ein unruhiger Schauer über die transparente Gestalt.

„Miguel", hauchte Severus. Seine Stimme klang wie Wind in einem Flaschenhals. „Michele."

Michael erstarrte. Niemals hatte Severus ihn mit irgendeinem Kosenamen bedacht. Nur Hraban hatte ihn Michele genannt.

Nach einigen Sekunden gewann Michael seine Fassung halbwegs zurück. Mit zitternden Fingern fuhr er die Umrisse des Geistes nach. Da, wo es am kältesten war, begann Severus. Michael bemühte sich, diese Grenze zu erforschen, ohne in den durchscheinenden Körper einzudringen.

„Spürst du das?", flüsterte er gepresst.

„Ja. Du bist warm."

Michael hob den Blick. Bisher war er ganz auf das Tun seiner Hände fokussiert gewesen, doch jetzt sah er Severus in die Augen. Es waren kalte, quecksilbrige Flecken ohne Leben.

Nur mit großer Willensanstrengung konnte Michael ihren Blick ertragen.

„Nimm die Hände weg. Du wirst dir schaden", mahnte Severus mit klirrender Stimme.

Eis und zersplitterndes Glas ...

„Nein", erwiderte Michael ruhig, ließ seine Hände von Severus' Hüften aufwärts wandern und hielt sie dort still, wo früher ein Herz geschlagen hatte.

„Warum bist du gegangen?", fragte er dann, seinen Blick fest auf die stumpfen Quecksilber-Tümpel gerichtet.

Severus wich seinem Blick nicht aus. „Es war zu Ende", erwiderte er ruhig. „Ohne Hraban."

Jetzt kam die Frage, vor der Michael sich all die Jahre gefürchtet hatte – obwohl er die Antwort im Grunde seines Herzens bereits kannte und immer gekannt hatte.

„Hast du mich jemals geliebt?"

„Miguel ...", hauchte Severus bittend.

Michael glaubte, eine Spur von Trauer in den toten Augen zu erkennen.

„Hast du mich jemals geliebt?", wiederholte er mit Nachdruck.

Severus hob die Hände in einer halb kapitulierenden, halb entschuldigenden Geste.

„Ich ... ich habe dich sehr gern gehabt", erwiderte er leise. Seine Stimme schien Michael nicht mehr ganz so frostig. „Hast du mich denn geliebt?"

Diese Frage verblüffte Michael.

Liebe aus Schmerz, aus Angst, aus Zwang? Wie stellst du dir das vor? Dankbarkeit, vielleicht auch Zuneigung, und wieder Angst, ja. Aber Liebe?

„Nein", entgegnete er fest. „Ich habe dich nie geliebt. Aber du warst alles, was ich hatte."

Severus schien weder überrascht noch verletzt.

„Bis Hraban kam", sagte er schlicht.

„Bis Hraban kam", bestätigte Michael. „Aber dann seid ihr beide gegangen ... und habt mich allein gelassen."

„Aemilius hat dir geholfen." Severus' Einwurf klang wie der Versuch einer Verteidigung.

Ja, er hat mir geholfen. Sonst wäre ich heute nicht hier.

„Ja, das hat er. Obwohl ich erst dachte, dass er mich töten würde. Vielleicht war er sich anfangs selbst nicht ganz sicher."

„Der Eid ...", protestierte Severus halbherzig.

„Kann auf verschiedene Weise interpretiert werden", wehrte Michael kühl ab. „Es gibt viele Wege, einen magischen Bund auszutricksen. Das solltest du besser wissen als ich. Wenn er gewollt hätte, hätte er mich töten können."

„Ja", gab Severus zu.

Michael hörte das Eingeständnis nur mit halbem Ohr. Er dachte zurück an den Tag, an dem die Hauselfe Riggy plötzlich in den Stallungen erschienen war, die großen Augen glühend vor Sorge und Aufregung, und ihn zu Master Malfoy in den Salon im Erdgeschoss bestellt hatte.

Michael hatte sofort gewusst, dass etwas Schlimmes passiert war. Wie schlimm es tatsächlich war, hatte er sich nicht vorstellen können. Keuchend war er in den Salon gestolpert, außer Atem nach einem raschen Lauf durch den verschneiten Park.

„Miguel", empfing Aemilius ihn mit ernstem Gesicht. Seine Stimme klang bemüht ruhig. „Setz dich."

Mit unsicheren Schritten ging Miguel zur Sitzgruppe hinüber. In einem der Sessel hockte Lucius, eine zusammengekrümmte Gestalt, das Gesicht in den Händen vergraben und hinter einem Vorhang weißblonden Haars verborgen. Gegenüber auf dem Sofa saß Severus, hoch aufgerichtet. Seine Züge waren eine steinerne Maske.

Miguel schlüpfte rasch neben ihn und tastete nach seiner Hand. Severus überließ sie ihm, ohne zu protestieren, reagierte aber mit keiner Bewegung, keinem noch so leisen Druck seiner Finger auf Miguels Berührung.

Aemilius trat hinter seinen Sohn, legte die Hände auf die Rückenlehne von Lucius' Sessel.

„Hraban ist tot", sagte er dann.

Lucius machte ein merkwürdiges Geräusch. Nach kurzem Zögern legte sein Vater ihm eine Hand auf die Schulter.

„Lucius' Einheit ist angegriffen worden. Es kam zu einem Gefecht, in dessen Verlauf zwei von unseren Leuten gefallen sind. Einer davon war Hraban. Er wurde von einem Avada Kedavra getroffen. Er war sofort tot."

Das eigentümliche Geräusch aus Lucius' Richtung wiederholte sich. Miguel begriff, dass Lucius weinte.

Er wurde von einem Avada Kedavra getroffen. Er war sofort tot.'

... von einem Avada Kedavra getroffen ... war sofort tot.'

... Avada Kedavra ... sofort tot.'

... tot ...'

Hraban ist tot, dachte Miguel, ohne es zu begreifen.

„Lucius' Leute konnten die Leiche nicht bergen. Sie waren drei zu eins unterlegen und mussten disapparieren. Ich habe mit Avery gesprochen. Wir wollen heute Nacht versuchen, Hrabans Körper zu finden, und ihn hierher bringen."

„Ich komme mit", sagte Severus. Seine Stimme war frei von jeder Emotion.

Aemilius nickte. „Wie du willst."

Ohne ein Wort der Entschuldigung stand Severus auf und verließ den Raum. Nach einigen Sekunden, die er wie gelähmt sitzen geblieben war, sprang Miguel abrupt vom Sofa hoch, um ihm zu folgen.

Doch Aemilius legte ihm eine Hand auf den Arm und hielt ihn zurück. „Lass ihn", sagte er leise. „Er muss jetzt allein sein."

Miguel schluckte und nickte. Plötzlich gaben seine Beine unter ihm nach und er sackte zu Boden, direkt vor Aemilius' Füße und neben Lucius' Sessel.

Seine Tränen flossen unaufhaltsam. Er hörte sich schluchzen, tastete nach etwas, an dem er sich festhalten konnte, und fand ein mit weichem Seidenstoff bedecktes Bein. Nach kurzem Zögern legte sich eine Hand auf seinen Kopf und strich ihm mit ungeschickten, unkoordinierten Bewegungen durchs Haar.

Miguel hörte Schritte. Lucius musste aufgestanden sein und den Raum verlassen haben. Weinend umklammerte er das fremde Bein, drückte sein Gesicht in den dunklen, kühlen Stoff und ließ sich von der ungeschickten Hand streicheln und trösten.

Eine Viertelstunde oder mehr mochte vergangen sein, als Miguel endlich den Blick hob – und in das wachsbleiche, verheulte Gesicht Lucius Malfoys blickte, der vor ihm im Sessel saß und ihn kaum wahrzunehmen schien, obwohl er Miguel immer noch mechanisch durchs Haar strich.

Es war nicht Lucius, sondern Aemilius gewesen, dessen Schritte Miguel gehört hatte.

Halb angstvoll, halb gebannt starrte er zu Lucius auf. Endlich bemerkte dieser seinen Blick. Langsam schüttelte Lucius den Kopf, wie um sich aus einer Trance zu befreien.

Dann sah er Miguel an. Die grauen Augen, rot geweint und verschwollen, wirkten so verletzlich, wie Miguel sie noch nie gesehen hatte.

Für einen Moment verstanden sie sich, wusste der eine, was im anderen vorging, teilten sie ihren Schmerz.

Dann war der Augenblick vorüber. Lucius zog seine Hand zurück, die immer noch auf Miguels Kopf gelegen hatte. Miguel ließ sein Bein los.

Lucius stand auf und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen.

Spät in der Nacht brachten sie Hraban nach Hause, um ihn im ersten Stock aufzubahren, in dem Zimmer, das er stets bewohnt hatte, wenn er auf Malfoy Manor zu Gast gewesen war. Die Hauselfen hatten das Bett mit schlichtem weißem Leinen bezogen.

Miguel half dem Heiler Avery, Hraban zu waschen und umzukleiden. Hrabans Leib war steif und musste magisch behandelt werden, damit sie ihn aus- und wieder anziehen konnten.

Miguel kannte jeden Zentimeter dieses Körpers, verlor sich in Erinnerungen, während seine Finger über die bleiche Haut, das vom tauenden Schnee feuchte Haar strichen. Avery hielt ihn nicht zurück, als er sich vorbeugte, um die blau gefrorenen Lippen zu küssen.

Schließlich legten sie Hraban auf das Bett, angetan mit einer weißen Festrobe.

Sein Gesicht sah fast friedlich aus. Nur die Stirn hatte er ein wenig gerunzelt, als ob er angestrengt nachdenken würde. Die Mundwinkel waren ein bisschen nach oben gezogen. Fast wirkte es wie der Ansatz zu einem seiner herausfordernden, triumphierenden Lächeln.

Nach einer Weile betrat Severus den Raum und nahm stumm neben Hraban auf dem Bett Platz. Kurz darauf folgte Lucius, der sich einen Stuhl heranzog, um sich ans Kopfende zu setzen. Im Hintergrund lehnte Avery in Hrabans blauem Lieblingssessel. Miguel hatte sich am Fußende des großen Bettes zusammengerollt. An seinen Knien spürte er den Druck von Hrabans steifen Zehen. Als Letzter betrat Aemilius den Raum. Er schloss leise die Tür hinter sich, die bisher immer einen Spalt weit offen gestanden hatte, zog sich ebenfalls einen Stuhl heran, schlug ein altes, in fleckiges Leder gebundenes Buch auf und begann vorzulesen.

Miguel kannte die Sprache nicht. Vielleicht war es Latein, vielleicht auch etwas anderes, Älteres. Aemilius' melodische, gedämpfte Stimme erfüllte den Raum, wusch über Miguel wie sanft an den Strand rollende Meereswellen.

Bilder stiegen in ihm auf.

Hraban, wie er ihn zum ersten Mal gesehen hatte, verwischt durch den Schmerz und die Halluzinationen des Heroinentzugs, in schwarzroter Robe wie ein Prinz, der vielleicht aus dem Himmel, vielleicht aus der Hölle kam ...

Hraban in seinem blauen Sessel, ein Buch in der Hand, die nackten Füße in Richtung Kaminfeuer ausgestreckt, auf den Knien ein Schreibbrett, hinter dem Ohr seinen Rabenfederkiel ...

Hraban, den Kopf in den Nacken geworfen, das Gesicht von Lust verzerrt, der in Ekstase Miguels Namen schrie ...

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Anmerkungen: Michele, die italienische Form von Michael, wird „Mikéle" ausgesprochen, mit Betonung auf der zweiten Silbe.

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