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Herbst

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Kapitel 15

Wenn es ein Abschied ist

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Miguels Schweigen dauerte lange. Sein Blick schien nach innen gerichtet.

Severus wartete eine Weile.

Schließlich fragte er leise: „Miguel? Willst du dich nicht setzen?"

Wie ein Taucher aus tiefem Wasser kam Miguel zu ihm zurück. Einen Augenblick sah er Severus halb irritiert, halb nachdenklich an.

Nach kurzem Zögern ließ er sich endlich auf dem Sofa nieder. Severus sank in den gegenüberstehenden Sessel.

Schweigend sahen sie sich an. Es war ganz still im Raum. Severus selbst verursachte kein Geräusch. Er hörte nichts als Miguels Atemzüge.

Zuletzt brach Miguel die drückende Stille. „Ich werde nie vergessen, wie Lucius ..."

Er verstummte wieder.

Doch Severus wusste sofort, auf was Miguel anspielte: den Abend, an dem sie von Hrabans Tod erfahren hatten.

„Ich auch nicht", erwiderte er leise. „Ich habe ihn nie so aufgelöst gesehen. Nie vorher, meine ich. Und es hat viele Jahre gedauert, ehe ich ihn wieder habe weinen sehen. Vielleicht hat er nie mehr geweint zwischen der Zeit, wo Hraban ... wo Hraban gegangen ist und dem Moment, in dem ich ihn, Lucius, ... zerbrochen habe."

„Zerbrochen? Wie meinst du das?", fragte Miguel scharf.

„Unsere ... Geschichte mit dem Dunklen Lord ging weiter, nachdem du in die Muggelwelt zurückgekehrt warst. Vor zwei Jahren ist er wiederauferstanden. Lucius und ich haben ihm erneut gedient, doch Lucius ... Er hat einen Fehler gemacht. Der Dunkle Lord war sehr zornig auf ihn, und ..." Severus wandte den Blick ab. „Lucius ist tot", schloss er leise.

„Hast du ...?" Miguel sah ihn forschend an.

„Nein. Aber ich habe Schlimmeres getan, als seine physische Existenz auszulöschen. In gewisser Weise habe ich Lucius getötet, ja."

Überrascht zog Miguel die Brauen zusammen. „Draco ... Er hat mir nichts gesagt. Aber dann ... Draco wusste nicht einmal, dass es mich gibt."

„Ja. Aemilius war in solchen Dingen immer ziemlich zugeknöpft. Das Verhältnis zwischen ihm und Lucius war bis zuletzt sehr gespannt."

„Wusstest du, wo ich lebe? Was ich jetzt mache?"

Severus schüttelte den Kopf. „Ich habe nie gefragt", gab er widerstrebend zu. „Aemilius hat mich darüber informiert, dass er dich freigegeben hat nach dem ersten Sturz des Dunklen Lords" –

„Dem ersten Sturz? Ich dachte, er ist wieder zurück? Habt ihr ihn schon wieder erledigt? Aemilius hat mich zwar halbwegs auf dem Laufenden gehalten, aber seit er vor einem Jahr gestorben ist, habe ich nichts mehr von den Gescehnissen in eurer Welt mitbekommen."

Severus musterte ihn forschend. „Er hat dich also auf dem Laufenden gehalten ... Gut. Aber du weißt noch nicht, dass der Dunkle Lord ein zweites Mal vernichtet wurde. Diesmal endgültig."

„Harry Potter?", fragte Miguel leichthin.

Severus spürte, wie ihm für eine Sekunde die Gesichtszüge entglitten.

„Ja", knurrte er widerwillig. „Aber nicht nur Harry Potter. Er hatte, wie so oft, ein wenig Unterstützung."

„Dich?"

„Mich", bestätigte Severus, ohne eine Spur von Stolz aus seiner Stimme verbannen zu können. „Und Lucius."

Miguels Blick wanderte irgendwo in Richtung der Bücherregale. „Ist er ... gefallen?", fragte er zögernd. „Lucius?"

Die Frage schmeckte bitter. „Er ... er starb von eigener Hand", brachte Severus schließlich nicht ohne Mühe hervor.

„Und du?" Miguels dunkle Augen sahen ihn prüfend und auch ein bisschen mitleidig an.

Mitleid war wirklich das letzte, was Severus ertragen konnte. „Ich habe für einen Mord bezahlt", entgegnete er barsch.

Miguel biss sich auf die Unterlippe und schlug sekundenlang die Augen nieder.

„Ich habe euch nie den Tod gewünscht", sagte er dann, indem er Severus fest in die Augen sah. „Lucius nicht ... und dir schon gar nicht."

Severus fühlte sich erleichtert. Dennoch erwiderte er in spöttischem Tonfall: „Es lässt sich nicht mehr ändern."

„Nein. Offensichtlich nicht."

Die nächste Frage kostete Severus viel Überwindung. „Ver ...", begann er und musste sich schon nach der ersten Silbe räuspern. „Vergibst du mir?", presste er endlich hervor.

Miguel sah ihn nachdenklich an. Seine Finger spielten dabei mit dem Saum seines Hemdes.

Nach einigem Zögern antwortete er: „Ich denke schon." Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Immerhin hast du mir ein paar Mal das Leben gerettet."

„Und es dir fast wieder genommen."

„Fast. Aber ohne dich ... Ich wäre tot. Seit über zwanzig Jahren. Und meine zwanzig guten Jahre hätte ich nie erlebt." Sein Lächeln wurde breiter.

Zwanzig gute Jahre? Welcher Mensch erlebt zwanzig gute Jahre?

Severus betrachtete Miguel eingehend. Sicher, er sah älter aus als er war. Vierzig musste er jetzt sein, und Severus hätte ihn dem Augenschein nach eher auf fünfundvierzig geschätzt. Da waren Falten und graue Strähnen im schwarzen Haar. Aber das jungenhafte Lächeln war immer noch da. Und es war fröhlicher geworden.

„Was hast du die ganzen Jahre über gemacht?", fragte Severus gespannt.

Miguel zuckte die Achseln. „Vieles. Erst eine Ausbildung zum Erzieher. Aemilius hat ein bisschen zaubern müssen, um mir die nötigen Schulzeugnisse zu verschaffen. Aber er hatte mich fast fünf Jahre lang unterrichtet – ich war durchaus in der Lage, die Anforderungen der Ausbildung zu erfüllen. Ich habe sogar den zweitbesten Abschluss gemacht." Er zwinkerte Severus herausfordernd zu. „Hättest du nicht gedacht, was? So dumm bin ich gar nicht."

„Ich habe dich auch nie für dumm gehalten. Nur für ungebildet."

Ein breites Grinsen wanderte über Miguels Gesicht. „Da hattest du wohl Recht."

Dann wurde er wieder ernst. „Meine Praktika hab ich unter anderem in einem Projekt für Stricher gemacht. Damals kam AIDS auf, und die Behörden entdeckten plötzlich, dass es sinnvoll sein könnte, sich um männliche Prostituierte zu kümmern – vor allem aus Angst, dass sie die Seuche in ‚bessere' Kreise tragen könnten. Mitte der Achtziger entstanden die ersten Stricher-Projekte, vor allem mit dem Ziel, die Jungs zu Safer Sex zu bewegen. Das Londoner Projekt wurde damals von einer jungen Sozialpädagogin geleitet – Joanne. Ich habe ihr ziemlich bald von meiner Vergangenheit auf der Straße erzählt. Sie fand, ich wäre genau der Mitarbeiter, den sie brauchten. Nachdem ich fertig war mit der Ausbildung, haben sie mich sofort eingestellt. Ich arbeite heute noch für dieses Projekt, auch wenn sich unsere Aufgaben etwas verändert haben. Und Joanne ..." Miguels Stimme wurde weich.

Lächelnd zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche, klappte es auf und nahm ein Foto heraus, das er vor Severus auf den Tisch legte. Es zeigte Miguel an der Seite einer kräftigen, dunkelblonden Frau mit intelligenten Gesichtszügen. Beide hielten ein Pferd beziehungsweise ein Pony am Zügel. Auf dem Pony neben Miguel saß ein kleines Mädchen, auf dem von der Frau gehaltenen fuchsroten Araber ein etwas älterer Junge mit wilden schwarzen Locken.

„Wir sind seit fast zehn Jahren verheiratet", fuhr Miguel fort. „Na ja, als das zweite Kind kam, dachten wir, es wird langsam Zeit ... Ich bin halt katholisch erzogen worden. Das links ist Amy. Da auf dem Bild ist sie acht, aber das ist auch schon wieder fast ein Jahr alt."

Verheiratet ..., dachte Severus betäubt. Kinder ...

Dann zog der grauweiß gescheckte, dicke Vierbeiner, auf dem das Mädchen saß, seinen Blick auf sich.

„Das Pony ... Ist das etwa ...?"

„Diego", bestätigte Miguel grinsend. „Aemilius hat mir erlaubt, ihn mitzunehmen. Erinnerst du dich noch an Alisha? Das erste Pferd, auf dem er mich hat reiten lassen? Die lebt inzwischen auch bei uns. Sie ist jetzt einunddreißig Jahre alt. Eigentlich reiten wir sie nicht mehr, aber fürs Foto haben wir eine Ausnahme gemacht. Der kleine Indianer, der da auf ihrem Rücken rumturnt, ist mein Sohn Che. Er ist jetzt zwölf."

„Che?"

„Che", bestätigte Miguel. „Wie El Commandante Ernesto Che Guevara. Den kennst du doch, oder?" Er lachte.

„Ihr habt euren Sohn Ernesto genannt?", fragte Severus beklommen. „Ernesto wie ...?"

„Ernesto wie Earnest." Miguels Augen funkelten. „Oder wie Severus."

Severus war schwindelig – obwohl das in seiner Existenzform eigentlich gar nicht möglich war.

„Und Amy ist die Kurzform von Aemilia", fuhr Miguel scheinbar unbekümmert fort. „Aemilius ist der Patenonkel meiner Kinder. Stell' dir das mal vor! Wir haben tatsächlich Fotos vom Ex-Todesser Aemilius Malfoy, der im Anzug an einer katholischen Taufe teilnimmt – und von Che im Taufkleidchen vollgepinkelt wird."

Miguel kicherte albern, während Severus immer noch mit dem Gefühl kämpfte, über einem ungeahnten Abgrund zu schweben.

„Das war einfach göttlich. Schade, dass ich die Fotos nicht dabei habe. Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Der von Che übrigens auch. – Ist dir nicht gut, Severus? Du flackerst so komisch."

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Draco hatte sich unterhalb der Garderobe im Flur niedergelassen, die Wange an einen von Severus' dicken Winterumhängen geschmiegt. Aus dem Kleidungsstück stieg ein Geruch nach Holzrauch, Kräutern und Wolle auf.

Gebannt beobachtete er die beiden Männer, belauschte ihr Gespräch. Am Anfang hatte er befürchtet, die Situation könnte kippen, doch inzwischen klang die Unterhaltung richtiggehend zivilisiert.

An einem Punkt allerdings hatte Draco gestutzt: als Severus behauptet hatte, Michael niemals geliebt zu haben. Zwar konnte Draco nicht von sich behaupten, ein Experte in Liebesdingen zu sein, aber so, wie Severus auf Michael reagierte ... Wenn das nur Zuneigung gewesen war, was Severus für den anderen empfunden hatte, dann musste es eine Form von Zuneigung gewesen sein – oder noch sein –, die Liebe sehr nahe kam.

„Na, was denkst du?"

Draco fuhr heftig zusammen. Fast hätte er geschrieen, doch ein Reflex ließ ihn im letzten Moment die Hand vor den Mund schlagen.

„Tom!", zischte er, sobald er sich halbwegs von seinem Schrecken erholt hatte. „Spinnst du?!"

Tom legte einen Finger auf die Lippen. „Pssst!", mahnte er.

Dann glitt er zu zwei Dritteln in den Schuhschrank, so dass nur noch seine Schultern und sein Kopf neben Draco in die Luft ragten.

„Warum bist du vorhin einfach verschwunden?", raunte Draco ihm zu.

„Spontanentscheidung. Ich dachte, ich erfahre mehr über die Geschichte zwischen den beiden, wenn dieser Michael oder Miguel mich erst mal nicht zu sehen kriegt."

„Du spionierst ..."

„Und was machst du?", flüsterte Tom herausfordernd.

Draco fühlte, wie seine Wangen zu brennen begannen.

„Siehst du. Und ich habe sicher mehr Grund zum Spionieren als du. Immerhin waren die zwei mal ein Paar."

Tom wirkte angespannt, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen im Wohnzimmer richtete.

Im Moment sah alles friedlich aus. Michael erzählte und zeigte kleine, verknickte Fotos, die er aus seinem Portemonnaie herausschälte. Severus hörte ihm aufmerksam und vielleicht ein kleines bisschen unruhig zu.

„Dann glaubst du auch nicht an den Ich-hab-dich-nie-geliebt-Kram?", fragte Draco leise.

Tom schüttelte spöttisch schnaubend den Kopf.

„Quark. Das Problem mit Severus ist, dass er einfach nicht weiß, wie Liebe sich anfühlt. Er glaubt nicht, dass er lieben kann, und deshalb erlaubt er es sich nicht, wahrzunehmen, wenn er jemanden liebt. Noch schlimmer wird es, wenn man ihn davon zu überzeugen versucht, dass man ihn liebt. Das ist eine verdammt anstrengende Kiste ..."

Aus dem Wohnzimmer war leises Lachen zu hören.

Draco sah rasch zu den beiden Männern hinüber.

„Und Michael? Glaubst du dem?"

Tom wiegte den Kopf. „Na ja ... Ich denke schon. Eher als Severus. Immerhin ist der Mann inzwischen verheiratet ... Ich habe keine Ahnung, wie die beiden sich kennengelernt haben, aber Severus und ein Muggel ... Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf normalem Wege gelaufen ist. Vermutlich irgendeine hässliche Todesser-Geschichte – so wie bei Severus und mir."

„Wie habt ihr euch eigentlich" –

„Pssst! Ich will hören, was sie reden!"

Ein paar Sekunden lauschten sie beide wieder in Richtung Wohnzimmer.

„Alles im grünen Bereich", flüsterte Tom schließlich. „Severus erzählt bloß von Hogwarts ... – Wie wir uns kennengelernt haben?"

Draco nickte eifrig. Das war eine Geschichte, auf die er schon seit Tagen gespannt war.

„Dramatisch." Tom grinste, aber er sah nicht besonders glücklich aus. „Ich gebe dir mal die Kurzversion. Mein Vater hat den Dunklen Lord beschummelt. Der hat sich darüber wohl ziemlich aufgeregt ... Tja. Eines Abends standen auf jeden Fall zwei unerfreuliche Typen vor Mahonies Magischer Gärtnerei – da habe ich meine Ausbildung gemacht. Die Typen waren Todesser, und ..." Tom stockte.

„Okay", presste er dann hervor. „Das kann man leider nicht nett umschreiben. Sie haben mich gefoltert, vergewaltigt und nackt in ein dunkles Loch gesperrt. Als ich halb tot war, kam Severus, hat mich geheilt, mich in Decken gewickelt und ausschlafen lassen, mich mit Suppe gepäppelt ... und zum Schluss ist er mit mir in einen Wald appariert und hat mich dort vergiftet. – Romantisch, was?", setzte er ironisch hinzu. „Besonders der letzte Teil."

Schockiert starrte Draco ihn an.

Er hat ihn geheilt, nur um ihn anschließend umzubringen?

„Und du ...?", krächzte er fassungslos.

„Und ich ... liebe ihn, ja", antwortete Tom ernst. „Sehr sogar."

Ein gellender Schrei ertönte.

Draco sprang auf und stürzte in Richtung Wohnzimmer, während Tom wie ein Komet aus dem Schuhschrank schoss und an ihm vorbei zu Severus jagte.

„Was ist das denn?", kreischte eine klirrende weibliche Stimme.

„Draco?", fragte Severus verblüfft. „Tom?"

„Was ist das?", wiederholte Fiona nachdrücklich, indem sie anklagend auf Michael zeigte, der aus schreckgeweiteten Augen zu ihr aufsah.

„Sie ... Das ... Sie ist einfach ... aus dem Sessel ... durch mich durch ...", stotterte Michael. Sein Gesicht war kalkweiß.

Severus zog eine genervte Grimasse. „Fiona", grollte er. „Wie oft habe ich Danyel und dich schon gebeten, nicht durch den Fußboden oder die Möbel zu kommen?"

Tom lachte so sehr, dass er zu flackern begann.

„Danyel. Genau deswegen bin ich hier", erwiderte Fiona, ohne auf Severus' Tadel einzugehen. „Hat irgendjemand von euch Danyel gesehen? Ich such' ihn schon seit Stunden. Na ja, seit einer Stunde. – Und was macht dieser Typ da in meinem Sessel?"

Draco kam ein Verdacht.

Schweigend zog er das Foto von Severus, Michael und Hraban aus der Tasche und legte es auf den Couchtisch. Anschließend platzierte er das Armband daneben.

Hoffentlich reißt er mir nicht den Kopf ab ...

„Wo hast du das her?", hauchte Severus.

In all der Aufregung über Michaels unerwarteten Besuch war es ihm offensichtlich nicht in den Sinn gekommen, nachzufragen, wie Draco ihn überhaupt hatte finden können.

Draco machte eine verlegene Geste in Richtung Büro.

„Aus deinem Schreibtisch", murmelte er beschämt. „Tut mir leid ... Aber ich wusste nicht, wie ich ihn sonst hätte finden sollen. Danyel hat mir nur seinen Namen sagen können, nichts sonst ..."

„Danyel", wiederholte Fiona leise. Sie wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Tom.

„Das war seine Idee?", fragte Severus ungläubig. „Miguel hierher zu holen?"

Draco nickte. „Ja. Und ich glaube, es war ihm wichtiger, als er mir gegenüber zugegeben hat."

„Spürst du ihn noch, Severus?", flüsterte Fiona aufgeregt.

Severus schloss die Augen. Sein Gesicht wurde zu einer Maske der Konzentration. Nach langem, gespannten Schweigen schüttelte er den Kopf. „Nein. Er ist weg", sagte er leise.

„Wer ist Danyel?", fragte Michael neugierig.

„Er ist ... war ein Schatten meiner Schuld", erwiderte Severus. Sein anschließendes Seufzen klang erleichtert. „Und dass er weg ist, beweist wohl, dass er ... Nun ja. Nicht mehr wütend ist auf mich. Und seine Angst überwinden konnte vor ... vor der anderen Seite. Das war es, was ihn hier festgehalten hat: nicht Schuld, sondern Angst und Wut."

„Jetzt ist er frei." Fiona lächelte.

Sie sah dabei ein bisschen traurig aus.

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Michael betrachtete die vielen fremden Gesichter, die plötzlich den Raum füllten.

Nun, nicht alle waren fremd. Da war Severus, und auch Draco war ihm vage vertraut. Aber diese merkwürdige junge Frau, die so unangenehm überraschend durch seinen eigenen Körper hindurch ins Zimmer getaucht war, und dann dieser schlaksige junge Mann mit den ernsten Augen ...

Offenbar war Severus nicht der einzige Geist in Hogwarts.

„Wir werden auch bald frei sein", sagte der junge Mann leise.

Jung? Kann man das bei einem Geist überhaupt so sagen?, fragte Michael sich zweifelnd.

Obwohl er auf den Satz der Frau antwortete, sah der Mann dabei Severus an. Dann beugte er sich zu Severus und küsste ihn auf die Stirn.

„Tom ...", protestierte Severus halbherzig.

Ein Lächeln breitete sich auf Michaels Gesicht aus.

„So", sagte er. „Tom also."

Rasch sah Tom auf. In seinen dunklen Augen schimmerte eine merkwürdige Mischung von Emotionen, die Michael nicht deuten konnte.

„Tom Mayfair", sagte der junge Geist kühl. „Und Sie sind ...?"

Michael schluckte.

Ich bin Severus' Vergangenheit ...

„Michael Starkey."

Er warf einen Hilfe suchenden Blick zu Severus hinüber.

„Tom", schaltete Severus sich ruhig, aber mit mahnendem Unterton ein. „Du weißt doch, wer er ist."

„Sind wir in Gefahr?", fragte Tom ebenso ruhig zurück.

Severus sah Michael in die Augen.

Seid ihr nicht, dachte Michael.

„Nein." Severus klang sehr nachdrücklich. „Sind wir nicht."

„Ich bin froh, dass Severus dich gefunden hat", sagte Michael leise, indem er Tom in die Augen sah.

Der Geist legte fragend den Kopf schief. Sein Blick bekam etwas Nachdenkliches.

Es wird wohl Zeit für mich ...

„Ich denke, ich sollte jetzt gehen", sagte Michael freundlich. „Es war schön, dich wiederzusehen, Severus."

Dann traf sich sein Blick wieder mit Toms. In diesem Augenblick wusste Michael, dass sie einander verstanden hatten. Keine Konkurrenz. Was vergangen war, war vergangen, und würde niemals wiederkommen.

„Weißt du, ich würde dir gern einen Abschiedskuss geben ...", sagte Michael leise.

Wortlos glitt Tom an Severus' Seite.

Severus sah irritiert vom einen zum anderen.

Würdest du das für mich tun?

Ja, sagten Toms Augen. Wenn es ein Abschiedskuss ist.

Das ist es.

Tom lehnte sich zu Severus hinüber und nahm sanft sein Gesicht in die Hände. Dann beugte er sich vor und küsste ihn auf den Mund.

Ich hätte dich gern selber geküsst, weißt du, dachte Michael melancholisch. Ein letztes Mal. Von wegen der alten Zeiten und so ...

Als Tom ihn losließ, sah Severus halb schockiert, halb verständnislos erst ihn, dann Michael an. Doch dann schien er zu begreifen.

„Ich würde dir auch gern einen Kuss geben, Miguel", hauchte er. „Aber ..."

Michael zuckte die Achseln. „Was nicht geht ..."

Da stand plötzlich Draco vor ihm. Seine grauen Augen waren groß und fragend. Verblüfft nickte Michael, und Sekunden später wurde ein scheuer Kuss auf seine Lippen gedrückt. Danach wich Draco hastig zurück, so hastig, dass er sich am Couchtisch stieß und mit einem unterdrückten Fluchen jede Atmosphäre zerstörte.

Tom, der neben Severus über dem Sofa schwebte, kicherte unterdrückt.

„Ja dann", meinte Michael zögernd. „Ich sollte jetzt wohl gehen ..."

Tom ergriff Severus' Hand und lächelte Michael zu. Er erwiderte das Lächeln, halb traurig, halb versöhnt.

Severus hob die freie Hand zum Abschiedsgruß.

„Auf Wiedersehen", sagte Michael. Er fühlte sich wehmütig dabei.

„Auf Wiedersehen, Miguel."

Severus' quecksilbriger Blick senkte sich in seine Seele hinein.

„Weißt du, Michele", flüsterte er kaum hörbar, „vielleicht habe ich dich doch geliebt."

Michael sagte nichts, schenkte Severus aber sein wärmstes Lächeln.

Dann drehte er sich um und ging zur Tür. Draco stand bereits auf dem Flur.

Wahrscheinlich versteckt er sich im Dunkeln, damit niemand sieht, wie rot er ist, dachte Michael amüsiert.

Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um.

„Weißt du, Severus", sagte er nachdenklich, „eigentlich könntest du glücklich sein. Du musst es nur zulassen ..."

Dann trat auch er auf den Korridor hinaus.

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