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Herbst
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Kapitel 16
Warten
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Draco blinzelte sich den Schlaf aus den Augen und gähnte herzhaft.
Er fühlte sich so ausgeruht wie lange nicht mehr.
Sonntag. Ausschlafen, rumtrödeln, lesen ...
War Theo schon wach?
Leise schob Draco die Bettvorhänge zurück. Trübes Novemberlicht sickerte durch die künstlichen Fenster in ihren Schlafsaal.
Draco spähte zu Theos Bett hinüber. Die Vorhänge waren noch zugezogen. Alles ruhig.
Beklemmung schlich sich in sein Herz.
Heute war Sonntag. Ausschlafen, rumtrödeln, lesen.
Morgen war Montag – der Tag, an dem Theos Vater sterben würde.
Draco ließ sich zurück in die Kissen fallen.
Scheiße.
Morgen schon.
Über ihm wellte sich der samtene Betthimmel, eine Landschaft aus schwarzgrünen Tälern und glänzend grünen Hügeln. Draco strich sich geistesabwesend über den linken Unterarm. Plötzlich war ihm bitterkalt.
Er ist nicht tot, dachte er fröstelnd. Und wenn schon, es hat nichts geändert. Nicht wirklich.
Natürlich stimmte das nicht. Vieles hatte sich durch die Vernichtung des Dunklen Lords geändert.
Aber war es dadurch auch besser geworden? Für die anderen? Für ihn?
Sein Vater war tot, seine Mutter auf der Flucht. Seine Verwandten teilten ihr Schicksal oder verrotteten in Askaban.
Es geht immer weiter ... Es wird nie aufhören ...
Nach wie vor litt Draco unter wiederkehrenden Alpträumen und nächtlichen Angstzuständen – ein Grund unter vielen, aus denen er froh gewesen war, die letzten Nächte bei Severus und den anderen Geistern verbringen zu dürfen.
Aber er konnte nicht für immer vor seinen Erinnerungen fliehen.
Es war eine andere Welt, in die er abtauchte, wenn er bei Severus und Tom zu Gast war, eine grausame Welt, die ihn zugleich abstieß und faszinierte. Aber was immer er dort auch erfuhr, es half ihm nicht, seine Probleme in der Gegenwart zu lösen – zumindest nicht unmittelbar.
Draco war bewusst, dass er sich nicht ewig vor der Realität verstecken konnte. Spätestens morgen, mit der Hinrichtung von Theos Vater, würde das Ende dieser Ausweichstrategie gekommen sein.
Eine Geschichte noch, eine ... Nur noch die von Fiona.
Draco hatte die junge Frau in den letzten Tagen kaum zu Gesicht bekommen.
Im Gegensatz dazu gab Marcus sich ihm jetzt öfter zu erkennen. Erst gestern hatte der Geist ihn vor diesem miesen Schnüffler Filch gewarnt.
Jery und Danyel waren bereits fort. Draco wünschte ihnen von ganzem Herzen, dass sie ihren Frieden gefunden hatten. Besonders Jery, von dem er Dinge über seinen Vater erfahren hatte, die er sich nie hatte vorstellen wollen. Jetzt wusste Draco, was der falsche Moody gemeint hatte, als er ihm vor Jahren hinterhergebrüllt hatte, er könnte ihm Geschichten von seinem Vater erzählen, dass ihm die Haare zu Berge stehen würden.
Ob Marcus auch gehen wird? Und Fiona? Und was ist mit Tom, mit Severus?
Der Gedanke an Severus brachte ihn fast automatisch zu Michael.
Draco spürte ein warmes Kribbeln auf seinen Wangen, als er sich an die vergangene Nacht erinnerte. Merlin, er hatte einen Mann geküsst! Michael hatte ihn beeindruckt, auf seine gelassene, freundliche Art ... Und dann war es einfach passiert.
Auf dem Weg aus dem Schloss und vor die Tore von Hogwarts hatte Draco kaum gewagt, auch nur an Michael zu denken, der unsichtbar neben ihm einher schritt, so unsicher und beschämt war er gewesen. Doch als sie dann draußen auf dem Fahrweg gestanden hatten, Michael befreit von Harrys Tarnumhang, hatte der Mann ihm zugelächelt. „Bringst du mich nach Hause?", hatte er gefragt, und Draco seine richtige Adresse, nicht die seiner Arbeitsstelle, genannt.
Tatsächlich waren sie sauber vor Michaels Haustür appariert. Michael hatte sich sehr freundlich, ohne eine einzige anzügliche Bemerkung, ohne den flüchtigsten Anflug eines zweideutigen Lächelns, von Draco verabschiedet.
Mit ruhigen Bewegungen hatte er die Tür aufgeschlossen und war aus der spätnachmittaglichen Novemberdunkelheit ins Licht seines Hauses getreten. „Papi!", war es begeistert aus dem Flur erschollen, zweistimmig, und kurz darauf hatte Draco ein leicht tadelndes, aber durchaus freundliches: „Wo kommst du denn her, Schatz? Ich dachte, du hast heute schon um zwei Schluss gehabt." gehört.
Dann war die Tür ins Schloss gefallen und hatte den warmen Lichtstreif, der aus dem Haus in Dracos Richtung auf den Bürgersteig gesickert war, jäh abgeschnitten.
Einen Moment lang war Draco noch auf der Straße stehen geblieben, verwirrt und sich seltsam verloren fühlend. Dann war er zurück nach Hogwarts appariert.
Mit einem Seufzen kam Draco in die Gegenwart zurück. Michael war in jedem Fall außerhalb seiner Reichweite – ein verheirateter Mann, Severus Ex-Geliebter, und fast ein Vierteljahrhundert älter als Draco ...
Er schüttelte den Kopf, irritiert über sich selbst. Welchen Weg hatten seine Gedanken genommen? Er war doch nicht schwul! Es hatte sich einfach so ergeben. Meine Güte, es war doch nichts dabei gewesen ...
Nur ein ganz kleiner, kurzer Kuss ...
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Eine halbe Stunde später saß Draco in der Großen Halle am Frühstückstisch.
Er war zeitig aufgestanden. Die meisten Schüler lagen noch im Bett.
Der Slytherintisch war fast leer. Nur einige Zweit- und Drittklässler widmeten sich ihrem Porridge oder einem Toastbrot mit Kürbismarmelade.
Bei den Gryffindors sah es etwas lebhafter aus. Harry und die Wieselette hockten nebeneinander und turtelten. Lovegood war mit ihrer Tasse und einigen Pfannkuchen von den Rawenclaws desertiert und hatte sich neben Longbottom niedergelassen, der verschlafen in die Gegend blinzelte. Auf Lovegoods anderer Seite saß Hermine. Gerade wischte sie mit konzentrierter Miene einige Krümel von ihrem Buch.
Nach kurzem Zögern stand Draco auf und ging zu ihnen hinüber.
„Morgen", grüßte er wie beiläufig.
„Morgen", kam es mehrstimmig und zeitversetzt zurück.
Draco ließ sich neben Hermine nieder. „Pennt Loverboy noch?", fragte er sie, nur um überhaupt etwas zu sagen.
„Hmmm", machte Hermine und schlug eine Seite um.
„Was liest du denn?"
Sie hob das Buch hoch, so dass er den Titel erkennen konnte. Vielfalt der Form. Elf Wege zur erfolgreichen Verwandlung.
„Klingt interessant", kommentierte Draco höflich, während er nach einem Muffin angelte und zu essen begann.
Eine Weile saßen sie schweigend beieinander. Draco fühlte sich immer unwohler.
„Stimmt was nicht?", fragte er schließlich gereizt. „Hab' ich was falsch gemacht?"
Die anderen sahen betreten zur Seite. Nur Lovegood blickte Draco in die Augen.
„Sie haben den Tagespropheten gelesen, gestern", bemerkte sie schlicht. Ausnahmsweise klang ihre Stimme nicht im Geringsten verträumt.
Ach so, dachte Draco. Deshalb.
„Nott ist seit Tagen nicht mehr zum Essen in die Große Halle gekommen. Weißt du das?", fragte Longbottom leise.
Draco verspürte einen schmerzhaften Stich.
Verdammt ...
Er hätte sich viel intensiver um Theo kümmern müssen. Stattdessen hatte er sich in den letzten Tagen wie wild in die Arbeit für die Schule gestürzt, jeden Abend bei den Geistern verbracht und war gestern mit Harry in London gewesen, um Michael zu suchen.
Aber, he, es ist erst fünf Tage her, dass du vom Astronomieturm springen wolltest ... Da kann man nicht erwarten, dass du schon wieder voll funktionsfähig bist, oder?
„Nein", erwiderte Draco barsch. „Ich bin zwar mit Nott in einem Haus, aber das macht mich noch lange nicht zu seinem Babysitter."
Weasley sah ihn empört an. „Ich dachte eigentlich, du hättest dein geschwollenes Ego inzwischen" –
„Hab' ich aber nicht!", fauchte Draco sie über den Tisch hinweg an. „Es schwillt und schwillt, und eines Tage wird es platzen! Ich hoffe, du stehst daneben, wenn es explodiert, und ..."
Plötzlich konnte er nicht mehr weitersprechen. Entsetzt erkannte Draco, dass es ein heimtückisch aufsteigendes Schluchzen war, das ihm die Luft abzuschnüren drohte.
Hastig wollte er aufspringen – Weinen würde er nicht vor ihnen! –, doch Hermine packte ihn am Ärmel und hielt ihn fest. Draco versuchte sich loszureißen, mit dem Ergebnis, dass Hermines Buch auf Lovegoods Teller mit den sirupgetränkten Pfannkuchen landete. Jetzt ließ Hermine ihn allerdings los, so abrupt, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte, um das Buch vor einem klebrigen Tod und sich selbst vor einem Wutausbruch von Madame Pince zu retten.
Draco ließ sich zurück auf die Bank fallen, während Hermine das Opfer seines Fluchtversuchs hastig mit mehreren „Ratzeputz!" reinigte. Er fühlte sich so erschöpft, als hätte ihm etwas mit einem Schlag all seine Energie abgezogen.
„Ich schaffe das nicht", flüsterte er. „Ich schaffe das einfach nicht."
Harry lehnte sich über den Tisch. „Ist es wegen Nott?", fragte er leise. „Kanntest ... kennst du ihn? Den Vater, meine ich? Also, gut?"
Draco nickte. „Ich gehe mit morgen", sagte er kraftlos. „Theo ... Er hat mich darum gebeten. Die Angehörigen können sowieso ... Und er darf jemanden mitbringen. Da hat er eben mich gefragt. Die Auswahl war ja auch nicht besonders groß."
„Du gehst mit?", fragte Weasley entsetzt. „Nach Askaban? Zur ... zur Hinrichtung?"
Draco nickte erneut.
„Gott, Draco, warum hast du das denn nicht erzählt?" Harry sah ihn fassungslos an.
„Hätte das was geändert?", fragte Draco müde zurück.
Harry zögerte. „Nicht wirklich", erwiderte er schließlich. „Aber, he, wir können dich doch jetzt nicht alleine lassen ..."
„Ach nein? Ich dachte, ich bin nicht mehr erwünscht!", kommentierte Draco giftig.
Weasley begann unter seinem frostigen Blick unruhig hin und her zu rutschen.
„Wieso?", fragte Harry verblüfft. „Ich dachte, du wolltest ein bisschen Abstand haben in den letzten Tagen. Und wir waren doch gestern erst zusammen ... unterwegs. Du warst zwei Tage nicht im Turm, na, drei mit gestern, aber ich dachte wirklich, du willst einfach mal deine Ruhe haben. War ja auch ziemlich viel in letzter Zeit ..."
Er weiß es nicht!
Draco war sich nicht sicher, ob er erleichtert oder doch eher wütend sein sollte.
„Du hast das nicht mit ihm abgesprochen, was?!", fragte er Weasley heftig.
„Abgesprochen?" Harry sah verblüfft von Draco zu seiner Freundin und wieder zurück. „Was haben wir nicht abgesprochen?"
Doch ehe sie antworten konnte, zeichnete sich Begreifen auf seinem Gesicht ab. „Du hast ihm gesagt, dass er nicht mehr kommen soll!"
Weasley wand sich unter Harrys halb empörtem, halb verletzten Blick.
„Na ja, nicht direkt ...", versuchte sie sich zu verteidigen.
Aber Harry schien ihr nicht zu glauben.
„Du warst schon die ganze Zeit eifersüchtig, hast dauernd gesagt, dass wir mal was alleine unternehmen sollen ... Und dann hast du einfach" –
„Ja und?!", fiel Weasley ihm erregt ins Wort. „Du hast doch auch gesagt, dass du gern öfter mit mir allein wärst!" Ihre Augen blitzten. „Schließlich haben wir eine Beziehung. Oder hab ich da was falsch verstanden?!"
Sofort lenkte Harry ein. „Natürlich haben wir eine Beziehung, Gin", sagte er beschwichtigend. „Und klar will ich mit dir allein sein. Oft. Öfter. Dauernd." Er grinste schief. Draco fand, dass er dadurch ein bisschen dämlich aussah. „Aber du kannst doch nicht einfach meine Freunde wegschicken ..."
„Er wäre deinetwegen fast vom Astronomieturm gesprungen. Weißt du das?", ertönte eine kalte Stimme aus ihrer Mitte.
Alle fuhren erschrocken zurück, sogar Draco, der inzwischen den Umgang mit unheimlichen Erscheinungen gewöhnt war. Longbottom stieß vor Schreck seine Teetasse um.
Nur Lovegood blieb gelassen, beugte sich vor und ließ ihren Blick suchend über den Tisch wandern. „Ich glaube, sie sitzt in der Obstschale", bemerkte sie fachmännisch. „Vielleicht eine wollige Wahrfee ..." Sie hob den Deckel der Schale hoch. „Oh, schade ... Nur ein gewöhnlicher Geist."
Fiona – es war ihr Kopf, der zwischen dem Obst aufgetaucht war – hob beide Augenbrauen, verzichtete aber klugerweise auf einen Kommentar. Vermutlich hielt sie es für unter ihrer Würde, auf Lovegoods Bemerkung einzugehen.
„Du wolltest WAS?! Vom Astronomieturm SPRINGEN?!", rief Harry entsetzt.
„Brüll's noch lauter durch den Saal!", zischte Draco zurück. „Ich fänd's toll, wenn die ganze Schule Bescheid wüsste. Danke auch, Fiona, für dein überaus taktvolles Eingreifen!"
„Ich wollte nur helfen", erwiderte sie grinsend. Draco konnte das gleichgültige Achselzucken buchstäblich hören. „Na, dann will ich mal nicht weiter stören ..." Einen Lidschlag später war sie aus der Obstschale verschwunden.
„Draco." Hermine sah ihn aus ernsten Augen an. „Stimmt das?"
„Und wenn?", fragte er grob zurück. „Was dann?"
Sie zögerte kurz, ehe sie ihm eine Hand auf den Arm legte. Im ersten Moment wollte Draco sie wegstoßen. Doch dann merkte er, dass es sich gut anfühlte, berührt zu werden.
Er schluckte und blinzelte. Seine Augen wurden schon wieder feucht.
„Scheiße, Draco, was machst du nur für einen Mist?"
Harry war aufgestanden, um den Tisch herumgegangen und an seine Seite getreten. Jetzt schwang er ein Bein über die Bank und ließ sich rittlings auf ihr nieder.
„Draco", wiederholte er nachdrücklich. „He, Mann, was ist bloß los mit dir, hm? Warum hast du nicht mit mir geredet – oder mit jemand anderem?"
Draco sah stur auf seinen Teller hinunter. Auf seinem linken Arm lag immer noch Hermines Hand – genau über dem Dunklen Mal. Und nun spürte er auch noch, wie Harrys Hand sich unsicher auf seine rechte Schulter legte.
Er biss sich kräftig auf die Unterlippe. Wenn die ihn nicht gleich losließen, dann würde er tatsächlich zu heulen anfangen – hier, mitten in der Großen Halle.
„Wein' doch einfach", sagte Longbottom leise, als ob er Gedanken lesen könnte. „Mir hilft das immer ..."
Auf einmal konnte Draco nicht mehr. Seine Selbstbeherrschung brach. Er begann zu heulen, und es war ihm fast egal, dass er dabei von mehr als hundert Schülern und Lehrern gesehen wurde. Dann zog Hermine ihn resolut in ihre Arme, und er weinte in ihre braunen Locken und auf ihren blauen Wollpullover, während Harry ihm beruhigend über den Rücken strich.
Niemand lachte und niemand triumphierte. Alles blieb still, bis er sich endlich ausgeweint hatte.
„Besser?", fragte Harry schließlich.
Draco nickte und zog die Nase hoch. Schweigend reichte Hermine ihm ein frisches Taschentuch.
Aus brennenden Augen erkannte Draco, dass Longbottom ihm scheu zulächelte. Lovegood sah ausgesprochen mitfühlend aus.
„Es tut mir leid", flüsterte Weasley unglücklich. „Ich war ... so dämlich ..." Ihr Gesicht hatte die Farbe saurer Milch angenommen. „Mann, wenn du das wirklich ... Wenn du echt ... Ich hätte mir das nie verzeihen können."
„Okay", krächzte Draco. „Ist ja nichts passiert ... Alles okay ... Alles gut ..." Vage war ihm bewusst, dass er damit vor allem sich selbst beruhigen wollte.
„Sirius kommt", sagte Hermine plötzlich.
Hastig wischte Draco sich mit dem Handrücken über die Augen.
Sekunden später kam Black zu ihnen an den Tisch geglitten. „Remus möchte dich sprechen, Malfoy", begann er ohne Einleitung. „Dich und Nott."
Na wunderbar. Das hat mir gerade noch gefehlt. Lupin, ausgerechnet ...
„Theo ist noch im Bett", antwortete Draco abweisend.
„Remus kommt hoch. In einer Stunde, ist das in Ordnung?" Black klang ungewohnt höflich.
Bestimmt bereitet er bloß den nächsten Tiefschlag vor ...
„Geht's um morgen?", fragte Draco zurück.
„Ja." Black sah ihm nicht in die Augen. In seinem transparenten Gesicht zuckte es. „Dir bleibt auch nichts erspart, Malfoy, oder?", bemerkte er brüsk. „Eine Hinrichtung ist keine schöne Sache ..."
Wenn er jetzt was Dummes sagt ...
„Verdammt mutig von dir, dass du Nott begleiten willst. Respekt, Draco", schloss Black knapp, ehe er sich umdrehte und zurück zum Lehrertisch schwebte.
Draco zog in Erwägung, ihn wieder Sirius zu nennen.
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Theo war noch im Pyjama, als Lupin an die Tür zu ihrem Schlafsaal klopfte.
„Darf ich reinkommen?", fragte er von draußen, ehe er auf ihre Bestätigung hin eintrat und sich vor ihnen im Zimmer aufbaute.
Und was kommt jetzt?, dachte Draco angespannt.
Lupin knetete nervös seine Hände.
„Also", krächzte er und räusperte sich hastig. „Ich weiß, dass das sehr schwer für Sie beide ist ... vor allem für Sie, Mr Nott. Und Horace ... Professor Slughorn, meine ich ... Nun, ich habe mit Direktor McGonagall gesprochen, und sie hat Sie beide für die kommende Woche vom Unterricht freigestellt. Und wenn Sie ... also, wenn Sie jemanden zum Reden brauchten, und Slughorn ... Ich weiß, dass ich nicht Ihr Hauslehrer bin, aber wenn ich irgendetwas tun kann, dann lassen Sie es mich wissen, ja? Ich bin zu jeder Tages- und Nachtzeit für Sie erreichbar. – Alles ... alles Gute für morgen", setzte er fast unhörbar hinzu, ehe er überstürzt aus dem Zimmer floh.
Draco und Theo sahen sich verblüfft an.
„Der war ja richtig nett heute, was?", sagte Theo irritiert. „Ich mein', sonst ist er ja auch nett, eigentlich, aber heute war's irgendwie ... echter. Ehrlicher. Klang fast so, als würd' er sich wirklich Sorgen machen ..."
„Ja", bestätigte Draco zögernd.
Lupins abruptes Auftauchen und Verschwinden hatte ihn etwas verunsichert zurückgelassen.
Immerhin gibt er sich Mühe ... Vielleicht, mit der Zeit ...
„Ich hab' eine Scheißangst vor morgen", sagte Theo in Dracos Gedanken hinein.
Draco wurde es kalt.
Ich auch, dachte er, sprach es aber nicht aus.
Einer muss schließlich stark bleiben ...
Theo sah furchtbar verloren aus, wie er da im grünkarierten Schlafanzug auf der Bettkante hockte und angelegentlich seine Fingernägel betrachtete.
Mann, wenn ich ihm doch nur irgendwie helfen könnte ...
Mit einem Mal musste Draco daran denken, wie gut ihm Hermines Berührung, Harrys Umarmung getan hatten.
Er stand auf, ging langsam zu Theo hinüber und ließ sich neben ihm auf die Matratze sinken.
„Theo ...", begann er stockend. „Darf ich ...?"
Er legte seinem Klassenkameraden vorsichtig eine Hand auf den Unterarm. Als kein Protest kam, weder in Worten noch in Taten, rutschte er etwas näher an Theo heran. Nach einigen weiteren Sekunden schlang er einen Arm um den Rücken seines Zimmergenossen.
Theo warf ihm einen Blick zu, der Draco fast nachdenklich schien.
Still verstrichen die Minuten, während sie nebeneinander auf dem Bett saßen und nichts taten als zu atmen und, vielleicht, ihre Gedanken zu ordnen.
„Wie ist das, wenn ...", fing Theo endlich an, „wenn er nicht mehr da ist. Ich mein', meine Mutter ist ja auch schon weg, aber das ist irgendwie ein anderes Gefühl ... Immerhin hat sie's selbst entschieden, während er ... mein Vater ... Ich weiß auch nicht."
Für einige Sekunden wandte Theo seine Aufmerksamkeit wieder seinen Fingernägeln zu.
„Also", fuhr er schließlich fort, „er war ja nie der emotionale Typ oder so, aber er war immer mein ... na ja, mein Vorbild. Das klingt jetzt blöd, aber ich hab' echt zu ihm aufgesehen. Und wenn ich mal Rat gebraucht hab' ... Ihn konnt' ich immer fragen. Ich mein', er war manchmal grob, hat sich über mich lustig gemacht und so, aber trotzdem ..."
Er verstummte ratlos.
„Manchmal ..." Draco stockte schon nach dem ersten Wort. „Manchmal sind die Tage so grau, wenn ich an meinen Vater denke ... Einfach nur grau und leer, als ob da gar nichts mehr wäre. Und dann ist es wieder, als würde ich seine Stimme hören. Wie er mir sagt, das musst du so und so machen, oder auch einfach irgendein dämlicher Kommentar, über den ich mich früher wahnsinnig aufgeregt hätte ... Manchmal denke ich, das musst du ihm sofort schreiben. Und dann fällt mir ein, dass das ja nicht mehr geht ..."
Wieder legte sich Schweigen über den Schlafsaal.
„Du triffst dich mit Severus, oder?", meinte Theo nach einigen Minuten. „Ich mein', du gehst abends hin und ... ach, du weißt schon, was ich mein'. Nix Unanständiges halt."
Er grinste schwach.
„Hat er dir ... hat er dir irgendwas über ... über den Tod gesagt? Wie sich ... wie sich das anfühlt?"
Draco wusste nicht recht, wie er in Worte fassen sollte, was Severus und die anderen Geister ihm vermittelt hatten.
„Severus ... nicht direkt. Aber ... ich habe meinen Vater gesehen", sagte er schließlich. „Wir haben eine, na ja, nicht ganz legale Beschwörung gemacht und er ... er war glücklich. Und frei. Und Jery ... Jery kennst du nicht, aber er ist ... war auch ein Geist. Er hat mir seine Geschichte erzählt, die Geschichte von seinem Tod, und ... ein bisschen habe ich den Tod spüren können. Es war nicht schlimm. Es war ... wie im Wasser treiben."
Draco schwieg einen Moment lang, versuchte, sich möglichst genau an dieses fremde und überwältigende Gefühl zu erinnern.
„Oder vielleicht ... vielleicht ein bisschen wie Fliegen", setzte er nach einer Weile hinzu.
Theo rutschte ein Stück näher an ihn heran, so dicht, dass ihre Schultern sich fast berührten.
Draco hielt sekundenlang den Atem an.
„Fliegen ...", sagte Theo leise. „Er war total begeistert vom Fliegen. Wir sind oft zusammen geflogen, einfach nur so ... Früher, als er noch Zeit dafür hatte. Bevor ... bevor der Dunkle Lord zurückkam. Fliegen würde ihm gefallen, denk' ich."
Theos Hand wanderte über Dracos Rücken, legte sich schließlich auf seine linke Seite.
Er spürt bestimmt mein Herz schlagen, dachte Draco benommen.
„Fliegen, ja", wiederholte Theo flüsternd und legte den Kopf an Dracos Schulter.
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