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Herbst

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Kapitel 17

Stärker als der Tod

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„Snape?"

Überrascht zuckte Severus zusammen. Das war Blacks Stimme gewesen, eindeutig.

Was macht Blacks Stimme in meinem Wohnzimmer?!

„Darf ich reinkommen, Snape?"

„Was willst du, Black?", knurrte Severus abweisend.

„Mit dir reden. Es geht um Malfoy. Und um Nott."

Lucius?! Remigius?!

Für eine Sekunde war Severus völlig erstarrt. Feine Eisnadeln schienen sich in seine Haut zu bohren.

„Die Jungs, meine ich", ergänzte Black unbekümmert.

Du mieser kleiner Flohfänger! Das hast du mit Absicht gemacht!

Severus biss knirschend die Zähne zusammen. „Was haben Malfoy und Nott mit dir zu schaffen, Black? Oder du mit ihnen?", rief er unbeherrscht zurück.

„So wenig wie möglich, aber ... – Verdammt, Snape, darf ich jetzt endlich reinkommen oder was?"

Aber nur wegen Draco. Und für Lucius ...

„Von mir aus", erwiderte Severus und bemühte sich dabei, möglichst gelangweilt zu klingen. „Wenn es dich glücklich macht ..."

„Schön, dass du so um mein Wohlbehagen besorgt bist", erwiderte Black sarkastisch, indem er durch die Wand ins Wohnzimmer glitt.

Verärgert musste Severus wieder einmal feststellen, dass der Gryffindor selbst als Geist noch widerlich charmant und jungenhaft wirkte, trotz der tiefen Spuren, die zwölf Jahre Askaban und drei des Lebens auf der Flucht und im Verborgenen auf Gesicht und Körper – Und in seinem Geist, dachte Severus gehässig. – hinterlassen hatten.

„Du warst offensichtlich schon in meinem Flur", empfing er Black unfreundlich. „Ohne mich um Erlaubnis zu fragen."

Black verdrehte genervt die Augen.

„Verdammt, Snape, es ist wichtig! Da du dich seit Tagen in deinen Kerkern einigelst, ganz wie in der guten alten Zeit, wird es dir vermutlich entgangen sein, aber ich dachte, ich kläre dich vielleicht besser auf, da dir ja zumindest an Draco etwas zu liegen scheint. Also: Remigius Nott wird morgen hingerichtet."

Diese Nachricht kam unerwartet. Ein kalter Klumpen bildete sich in Severus' Magengegend.

„Neuerdings laden sie die nächsten Angehörigen dazu ein. Theo wird hingehen. Draco hat sich bereit erklärt, ihn zu begleiten."

Mit einer provozierend beiläufigen Geste strich Black sich die langen Locken zurück.

„So, das war eigentlich schon alles", sagte er, scheinbar desinteressiert. „Dann will ich dich mal nicht weiter in deiner selbst auferlegten Isolation stören ..."

Er wandte sich zum Gehen.

Theo geht zur Hinrichtung – und Draco wird ihn begleiten ...

„Black! Warte!", rief Severus dem Gryffindor hinterher, noch ehe er mit seinen Gedanken zu Ende war.

Black drehte sich um und sah ihn verblüfft an.

„Was?", fragte er irritiert. „Jetzt doch in Plauderstimmung?"

Mühsam würgte Severus eine bissige Erwiderung hinunter.

„Ich ... nein", knurrte er gereizt. „Ich wollte nur sagen ..." Er zögerte, aber dann rutschte es ihm doch heraus: „Danke, Black."

Black zog die Augenbrauen hoch. „Bitte, Snape. Nichts zu danken", erwiderte er spöttisch. „Ich mache mir nur Sorgen um zwei Schüler, das ist alles. Und da du deine Aufgaben als Hausgeist in letzter Zeit nicht allzu ernst zu nehmen scheinst ..."

Eigentlich hätte Severus jetzt wütend werden müssen. Stattdessen fühlte er das inzwischen vertraute Schuldgefühl in sich aufsteigen.

„Ich ... es tut mir leid", hörte er sich flüstern. „Ich ... ich werde mich mehr um die Kinder kümmern. Gleich morgen ... Ich werde ..."

„Geht's dir nicht gut, Snape?"

Black war näher geschwebt und musterte ihn jetzt aus zusammengekniffenen Augen.

„Ich meine, es ist schwer zu sagen, ob du irgendwie ungesund oder müde aussiehst oder so, aber rein von dem, was du sagst, machst du einen verdammt angeschlagenen Eindruck."

Severus versuchte ein herablassendes Grinsen, das, nach Blacks Gesichtsausdruck zu urteilen, kläglich misslang.

„Nicht dein Problem", wiegelte Severus brüsk ab.

„Die machen dir ganz schön zu schaffen, was?", bemerkte Black. In seinem barschen Ton schwang etwas wie Mitgefühl mit. „Diese Bagage aus Todesser-Bälgern?"

Woher ...?

„Nun guck nicht so verblüfft. Die Hogwarts-Geister kennen sich untereinander, und es bleibt kein Geheimnis, wenn ein Neuer auftaucht – erst recht nicht, wenn plötzlich mehrere dazu stoßen. Die Geschichte von dir und deinen Kletten – und die Geschichte von dir und deinem Lover – kennt inzwischen das ganze Schloss. Also alles, was, gewissermaßen, zum Inventar gehört: die Geister, die Portraits, die Hauselfen ... Und wenn du dich nicht so von der Welt absperren würdest, dann hättest du das auch mitgekriegt."

Severus schluckte schwer.

Das ganze Schloss ...

Und er hatte gedacht, als Geist würde es ihm leichter fallen, sein Privatleben vor neugierigen Augen zu verbergen.

„Reden ..." Severus räusperte sich gequält. „Reden sie über mich? Über ... über uns?"

Black feixte. „Natürlich reden sie! Hast du schon mal was Klatschsüchtigeres als ein Portrait erlebt? Ich meine, so aufregend ist ihr Leben im Allgemeinen nicht, auch wenn sie sich von Zeit zu Zeit gegenseitig besuchen gehen ..."

Black warf einen bedeutungsvollen Blick auf die Genreszene über dem Kamin, die eine Brauzeremonie auf einer Waldlichtung zeigte, mit dramatisch loderndem Feuer, schwarz dräuenden Wolken und ausgelassen tanzenden Hexen.

Unter Severus' gekränktem und anklagendem Blick huschten die drei Bewohnerinnen hastig aus dem Bild.

„Und was hast du noch mal in deinem Schlafzimmer hängen? Einen Pan oder Faun oder sowas? Egal, der Bursche war auf jeden Fall sehr detailliert in seinen Schilderungen ..."

Ein anzügliches Grinsen wanderte über Blacks hohlwangiges Gesicht.

Während Severus noch versuchte, seine verstörten Gedanken zu ordnen – Der Faun im Schlafzimmer? Das ganze Schloss?! Die Hauselfen!? –, wurde Black plötzlich ernst.

„Nun guck nicht so bedröppelt, Snape!", sagte er barsch. „Die Hauselfen tratschen über dein Sexleben – na und? Merlins Eier, es gibt wirklich Schlimmeres! Denk' zum Beispiel an die beiden siebzehnjährigen Jungen aus deinem Haus, die morgen in Askaban eine Hinrichtung mit ansehen werden – und, was Theodore betrifft, den Tod des eigenen Vaters. Die hätten Grund zu jammern. Nach dem, was ich von Marcus höre, der in den letzten Tagen ein Auge auf sie hatte, halten sie sich bis jetzt bemerkenswert gut. Aber es könnte nicht schaden, wenn sie noch ein bisschen Unterstützung von erwachsener Seite bekämen, meinst du nicht auch, Snape?"

„Ich ... ja sicher."

Meine Güte, wo hatte er in den letzten Tagen nur seinen Kopf gehabt? Er hatte zugelassen, dass seine ständigen Begleiter all ihren Kummer in Dracos Gegenwart auskippten, ihn mit Tod und Folter konfrontierten. Dabei war der Junge schon belastet genug!

Nicht einmal seine geistige Verbindung mit Harry und Black hatte er genutzt, um Draco im Auge zu behalten. Seine eigenen Sorgen, seine Schuldgefühle, seine Bitterkeit hatten ihn viel zu sehr in Anspruch genommen, als dass er groß an den Jungen gedacht hätte.

Oh Lucius, es tut mir leid ... Ich bin ein schlechter Ersatz für dich ...

„Scheiße, Snape, du siehst aus wie das heulende Elend! Wenn du so weitermachst, wirst du dich noch zu Tode grämen ..."

Severus schoss einen giftigen Blick auf seinen alten Feind ab.

Beschwichtigend hob Black die Hände.

„Okay, okay, das war ein mieser Witz, ich geb's zu ..."

Er glitt noch ein Stück näher an Severus heran, eine Hand nach wie vor auf halber Höhe.

Wenn er mich jetzt anfasst, dann ...

Doch Black schien die Gefahr rechtzeitig erkannt zu haben und ließ seine Hand sinken.

„He, Snape", sagte er eindringlich. „Nun hör mir mal zu. Du hast es nicht leicht, das ist mir schon klar. Aber ich glaube, du machst es dir vor allem selber schwer. Wenn du mal aus deinem Schneckenhaus rauskommen würdest ... Weißt du, dein Tom ist inzwischen richtig beliebt im Schloss. Netter Junge. Vielleicht ein bisschen zu jung in diesem Zusammenhang – aber, Merlin, es gibt wirklich Wichtigeres. Marcus hat sich auch gut eingepasst. Er treibt Filch in den Wahnsinn, schätze ich." Black kicherte amüsiert. „Lässt die alte Nebelkrähe nicht aus den Augen, ist ihm immer ein paar Schritte voraus ... Filch hat schon seit drei Wochen keinen einzigen Übeltäter mehr erwischt. Ist schon ganz depressiv, der Arme ... Marcus meint, er hat sogar aufgehört, seine Handschellen und Ketten zu polieren."

Wieder schien Black abrupt die Stimmung zu wechseln. Ein ungewohnt nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

„Und weißt du was, Severus?"

Severus?!

„Die mögen dich. Dein Tom, und Marcus ... und sogar dieses unmögliche Weib, diese Fiona ... die mögen dich wirklich. Dachte, ich sollte dir das vielleicht mal sagen. – So, ich muss los. Bis irgendwann dann, Snape."

Betäubt starrte Severus auf die kahle Steinwand, durch die Black verschwunden war.

‚Die mögen dich ... Die mögen dich wirklich ...'

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Eigentlich hatte Draco Theo diesen letzten Abend nicht alleine lassen wollen.

Doch sein Freund hatte ihn regelrecht aus dem Schlafsaal hinausgedrängt.

„Ich muss jetzt ein bisschen allein sein, Draco, okay?", hatte er bittend gesagt. „Irgendwie muss ich mich auf morgen vorbereiten."

Widerwillig hatte Draco nachgegeben, und jetzt saß er wieder bei Severus im Wohnzimmer, um die letzte der Geistergeschichten anzuhören. Nur, dass ihre Runde inzwischen kleiner geworden war. Lediglich Severus, Tom, Marcus, Fiona und Draco selbst gruppierten sich um den Tisch herum.

Anders als an den vorangegangenen Abenden wirkte Severus entspannt. Tom saß neben ihm auf dem Sofa und lächelte zufrieden in sich hinein.

Ob sie ...?, dachte Draco.

Er verwarf den Gedanken wieder, so schnell er konnte. Doch offensichtlich war er nicht schnell genug gewesen. Seine Wangen fühlten sich unangenehm warm an.

Toms Lächeln wandelte sich zu einem breiten, wissenden Grinsen.

Fiona angelte gut gelaunt nach einem der von Severus gezauberten, transparenten Kürbischips.

Ich habe nie gezweifelt", begann sie dann. „Und ich zweifle immer noch nicht."

Sie steckte sich den Chip in den Mund und zerkaute ihn hingebungsvoll.

„Schätze", fuhr sie grinsend fort, „deswegen werde ich noch ziemlich lange hierbleiben. Und das ist gut so. Tot sein ist sicher verdammt langweilig."

Draco starrte sie perplex an.

Fionas Grinsen wurde breiter.

„Du glaubst mir nicht?", fragte sie in provozierendem Tonfall. „Warum sollte ich lügen? Der Dunkle Lord hat mir viel gegeben. Er hat jedem von uns das gegeben, was er – oder sie – am meisten begehrt hat. Macht über andere, Gold ... oder einfach das Gefühl, endlich dazuzugehören. Nicht wahr, Severus?"

Sie sah den Genannten herausfordernd an.

Severus schwieg.

Achselzuckend fuhr Fiona fort: „Eine Aufgabe zu haben, ein Ziel, eine Mission ... Teil eines größeren Ganzen zu sein, einer Idee, die nicht sterben kann – das war es, was mich fasziniert hat. Sich selbst aufgeben, damit etwas anderes, Größeres aus einem wachsen kann. Nur ein Steinchen in einem Puzzle, nur ein Rädchen im Getriebe ... aber ohne dieses Steinchen oder Rädchen bricht alles zusammen. Du bist nur eine unter vielen, aber gleichzeitig bist du unentbehrlich. Das war es, was er dir vermittelt hat: das Gefühl, gleichzeitig unwichtig und unentbehrlich zu sein. Er hat dich groß gemacht, solange du ihn nicht enttäuscht hast. Hast du ihn zu sehr enttäuscht, dann hat er dich im Staub zertreten wie einen mickrigen Käfer."

Nach kurzer Pause fügte sie mit leichter Bitterkeit hinzu: „Oder so wie mich."

Wieder griff Fiona nach einigen Chips und ließ sich aufreizend viel Zeit mit dem Essen. Endlich sprach sie weiter.

„Ich habe die Regeln gekannt und akzeptiert." Sie schwieg sekundenlang. Dann sagte sie sehr leise: „Meistens, zumindest."

Erneutes Schweigen.

„Und ich wusste, was passieren würde, wenn ich sie breche." Für einen Moment wirkte Fiona unsicher. „Zumindest ... ungefähr."

Rasch, fast überstürzt fuhr sie fort: „Jeder hat die Regeln gekannt, und es gab nur sehr wenige, die wirklich zu etwas gezwungen wurden."

Mit jedem Wort schien sie sicherer zu werden.

„Die meisten, die das von sich behaupten, sind Heuchler. Lügner. Ich kenne nur ganz wenige, die es nicht genossen haben. Dazuzugehören. Sich groß und überlegen zu fühlen. Auf andere herabzusehen. Sie zu zertreten. Die Wahrheit ist, dass sie es genossen haben. – Nicht wahr, Severus? Du hast es genossen. Ich wusste es vom ersten Augenblick an, in dem ich dich unter den Todessern gesehen hatte. Du hast es genossen. Und alles andere ist eine Lüge. Menschen zu beherrschen, zu unterwerfen, zu brechen – das war pure Erotik für dich."

Fiona senkte ihre Stimme zu einem eindringlichen Flüstern.

„Tod und Orgasmus liegen nur einen Atemzug auseinander, Severus, und niemand weiß das besser als du. Man könnte sagen, dass du dich am Töten aufgegeilt hast. Das könnte man doch, oder? Und die Folter ... Na ja, du hast ihnen nicht gerne weh getan, du bist kein Sadist, nicht in diesem Sinne zumindest, nicht, wenn es dabei um Blut und Dreck geht. Aber du hast sie mit Begeisterung zerstört. Es war eine Kunst für dich. Du warst ein Künstler. Und wenn du getötet hast, dann sollte es ästhetisch sein wie ein dunkles, romantisches Ölgemälde."

Sie lachte wissend, und, wie Draco fand, furchtbar unpassend. Ihn schauderte.

Fiona legte den Kopf schief und musterte Severus auf geradezu hungrige Weise.

„Stimmt's oder hab' ich Recht?", fragte sie lauernd.

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Da war er, der Moment, vor dem Severus sich seit Tagen gefürchtet hatte – seit Fiona seinen Anspruch, getötet zu haben, um seine Opfer zu schützen, zurückgewiesen oder zumindest nur eingeschränkt akzeptiert hatte.

Natürlich hatte sie Recht. Es war mehr gewesen als das Bedürfnis, zu schützen, Angst und Schmerzen zu ersparen.

Ja, er hatte es genossen. Es war ein Rausch der Macht gewesen – und eine seiner seltenen Möglichkeiten, Zuneigung zu bezeugen und Dankbarkeit zu empfangen.

Severus hatte sich verantwortlich gefühlt, verantwortlich dafür, Fiona und den anderen einen raschen, möglichst schmerzfreien Tod zu gewähren. Aber dabei hatte er alle Alternativen ignoriert. Wenn er wirklich gewollt hätte, dann wäre es ihm möglich gewesen, wenigstens einige seiner Opfer zu retten.

Doch das hatte gar nicht in seinem Interesse gelegen.

„Wir haben den Tod verehrt, wir beide", sagte Fiona leise. „Den Tod geben und nehmen ... In jedem Augenblick bereit sein, zu sterben, und in jedem Augenblick bereit sein, zu töten – das war es, was er von uns allen verlangt hat. Ich weiß nicht, wie es bei den anderen war, aber wir haben dieses Gebot erfüllt. Oder, Severus?"

Er nickte langsam.

„Ja", sagte er schleppend, „wir haben es erfüllt. Wir haben für den Tod gelebt. Nicht für das Leben. Wir" –

Doch da griff Tom ein.

„Und warum, Severus?", fragte er bitter. „Doch nicht aus Begeisterung. Ersetz doch bitte nicht eine Lüge durch die nächste! Ich kenne dich. Manchmal glaube ich sogar, ich kenne dich besser als du selbst dich kennst. Und ich sage dir: Es war Angst! Angst vor dem Leben. Du, Severus, – und vielleicht auch du, Fiona, ich weiß es nicht – hattest so viel Angst vor dem Leben, dass du dich in die Todesbereitschaft geflüchtet hast, in das Töten und, zuletzt, in den Tod. Meinst du, ich bin blind? Ich habe dich beobachtet, als Miguel – oder Michael, wie auch immer – hier war, als er von seiner Familie erzählt hat. Ich habe deine Sehnsucht gesehen. Eine Familie ... Du hast das nie gehabt. Nicht als Kind, nicht als Erwachsener. Vielleicht hätte Aemilius Malfoy, hätten Miguel und Hraban dir eine Familie sein können ... Doch du hast Miguel zurückgestoßen, als Hraban starb. Und danach bist du erstarrt. Vielleicht hat es noch ein- oder zweimal etwas wie eine Liebe in deinem Leben gegeben, aber es war immer nur ein blasser Abglanz, ein schwaches Echo. Du warst tot. Und um den Tod in dir zu bekämpfen, hast du ihn nach außen getragen."

Severus wusste, dass Tom Recht hatte.

„Ja", hauchte er. Und noch einmal: „Ja."

Im selben Moment fühlte er, wie eine zentnerschwere Last von ihm abfiel.

„Ich war zu feige, um mich für das Leben zu entscheiden", flüsterte er, fast erstaunt über diese plötzliche Erkenntnis. „Ich habe immer nur für den Tod gelebt. Seit Hraban fort war ... Ja."

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Draco starrte gebannt zu Severus und Tom hinüber.

Jetzt wusste er, was aus ihm geworden wäre, wenn Harry, Severus und sein Vater nicht den Mut gefunden hätten, den Dunklen Lord zu stürzen.

Er wäre wie Severus geworden. Tod und Zerstörung hätten sein Leben bestimmt.

Bisher hatte Draco sich immer als Opfer gesehen, hatte geglaubt, dass ihm eine Entwicklung aufgezwungen worden war – erst durch seinen Vater, dann durch das Haus Slytherin, zuletzt durch den Dunklen Lord.

Doch jetzt wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit über eine Wahl gehabt hatte. Es wäre nicht einfach gewesen, einen anderen Weg zu gehen, und vielleicht hätte er mit seinem Leben dafür bezahlt. Aber die Möglichkeit, nach rechts oder links abzubiegen, war immer da gewesen.

Ich war feige, erkannte Draco in erschütternder Klarheit. Genau wie Severus. Ich war zu feige, um das Leben zu wählen!

„Es ist so viel einfacher, sich für den Tod zu entscheiden", hörte er Toms eindringliche Stimme. „Das Leben ist eine viel größere Herausforderung. Immer wieder neu entscheiden müssen, immer wieder versuchen, das Richtige zu tun, obwohl wir überall das Falsche sehen ... Das ist viel schwieriger, als sich einfach nur der Dunkelheit zu ergeben."

Draco hatte ein bisschen das Gefühl, Dumbledore zuzuhören.

Vielleicht muss man durch die Hölle gegangen sein, um weise zu werden, dachte er. Oder so sehr lieben, dass man bereit ist, dafür zu sterben ... Nein, das ist ja falsch! Man muss bereit sein, für seine Liebe zu leben – oder, wie Tom, für die Ewigkeit als Geist zu existieren ...

„Draco", sagte Severus plötzlich. Er sah gleichzeitig traurig und erleichtert aus. „Wenn du ... wenn du morgen wieder dem Tod begegnest, dann verliere dich nicht in ihm. Tom hat Recht, das Leben ist eine viel größere Herausforderung. Ich möchte, dass du weißt, dass ich immer für dich da sein werde, wenn du mich brauchst."

Ein warmes Gefühl breitete sich in Draco aus.

„Dann ... gehst du nicht?", fragte er hoffnungsvoll.

„Nein." Severus schüttelte den Kopf. Auf seinen Lippen lag ein halbes Lächeln. „Zumindest nicht so bald. Ich ... ich sollte wohl noch ein bisschen hier bleiben ... um leben zu lernen."

Tom legte ihm einen Arm um die Schultern, und diesmal ließ Severus es zu, ohne auch nur verlegen zu wirken.

„Ich würde dir gern etwas geben", sagte Severus leise. „Etwas, das dich immer an die Kraft der Liebe erinnert."

Severus deutete auf die transparente Chipsschüssel. Erst war Draco irritiert. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass hinter dem geisterhaften Behältnis etwas lag: das Foto von Severus, Miguel und Hraban – und das Armband aus schwarzen Haarsträhnen.

Draco sah unsicher zu Severus hinüber.

„Das Armband", sagte der Geist bestimmt. „Nimm es. Ich schenke es dir."

„Aber ...", begann Draco ungläubig, „aber das kann ich nicht annehmen ..."

„Nimm es", wiederholte Severus fest. „Ich kann es ohnehin nicht mehr tragen. Es ist aus Liebe entstanden. Liebe hat es erhalten. Nimm es. Ich bin sicher, sowohl Miguel als auch Hraban wären damit einverstanden."

Zögernd griff Draco nach dem fragilen Schmuckstück. Mit zitternden Fingern öffnete er den Verschluss und legte es an.

„Hübsch", kommentierte Tom grinsend. „Hat Theo nicht auch schwarzes Haar?"

Draco verzichtete auf einen Kommentar, obwohl er spürte, wie seine Wangen zu brennen begannen.

„Ich wünsche dir viel Kraft für morgen, dir und Theo", sagte Severus ernst. „Sag' ihm bitte, dass auch er jederzeit zu mir kommen kann – falls er das überhaupt möchte. Immerhin bin ich mitschuldig am Tod seines Vaters."

„Vermutlich", ließ Marcus sich zum ersten Mal an diesem Abend vernehmen, „werden wir uns morgen noch sehen, Draco. Daher wünsche ich dir fürs Erste nur, dass du heute Nacht Ruhe findest."

„Alles Gute, Draco", sagte Tom leise.

„He!", rief Fiona plötzlich. Panik schwang in ihrer Stimme. „He! Ich will doch gar nicht!"

Rasch blickte Draco zu ihr hinüber, und erkannte verblüfft, dass sie sich an den Rändern aufzulösen begann.

Warum geht sie? Ich dachte, man müsste dafür irgendwie Einsicht zeigen oder so?

Fiona schien der gleichen Ansicht zu sein.

„Hallo, he!", protestierte sie lautstark. „Ich hab' doch gar nichts Gutes gemacht! Ich hab' das nicht verdient und so ..."

Ihre Stimme wurde in dem Grade schwächer, in dem ihre Konturen mehr und mehr verschwammen.

Aber sicher hat sie was Gutes gemacht!, erkannte Draco plötzlich. Ohne sie hätte ich mich vielleicht nie wieder mit Harry und den anderen vertragen. Zumindest nicht so bald. Und Severus ... Er hat durch sie die Wahrheit über sich selbst erkannt. Klar hat sie was Gutes gemacht ...

Er sah den nahezu verzweifelten Ausdruck auf Fionas flackerndem Gesicht.

Aber vielleicht hat sie Angst? Obwohl sie eine so große Klappe hat? Eigentlich will sie gehen, aber sie traut sich nicht?

Von Augenblick zu Augenblick schien Fiona heller zu werden, so hell, dass Draco glaubte, die Augen abwenden zu müssen. Doch das Licht blendete nicht.

„Verdammt!", hörte er Fiona undeutlich schimpfen. „Nimmt hier niemand Rücksicht auf meine Meinung?! Ich hab' gesagt, ich will das nicht ... Ich hab' das nicht ..."

Plötzlich wurde ihre harsche Stimme weicher.

„Mama?", sagte sie unsicher. „Aber das ... Oh, na schön. Wie ihr wollt. Gut ... Ist ja gut, verdammt noch mal! Ich komm' ja mit ..."

Sekundenlang waberte die weiße Lichtsäule noch im Raum.

Dann verlosch sie.

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