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Herbst

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Kapitel 19

Ein Ende ... und ein Anfang

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„Ich kann da nicht rein." In Theos dunklen Augen lag etwas Flehendes. „Das ... ich kann das nicht."

„Wie Sie wollen, Mr Nott. Es steht Ihnen natürlich frei, ob Sie Ihren Vater vor der Exekution besuchen oder nicht."

„Theo", flüsterte Draco seinem Freund ins Ohr, „reiß dich zusammen! Dein Vater wartet auf dich. Wenn du nicht kommst ..."

Sie befanden sich am Anfang eines lang gestreckten, weiß getünchten Zellenganges. Der Wärter, der sie ins Innere Askabans geleitet hatte, stand abwartend vor der Gittertür, die den Durchtritt versperrte. Die Schlüssel klirrten in seiner unruhigen Hand.

Theo, bleich und nervös, drehte den kleinen Korb in den Händen, der die Dinge enthielt, die seinem Vater mitzubringen ihm gestattet worden war: Tabak, eine Pfeife, ein kleiner Kuchen und ein Fläschchen Kürbisschnaps.

„Okay", sagte er endlich, nachdem er hörbar tief durchgeatmet hatte. „Ich möchte zu ihm."

Der Wärter nickte und schloss schweigend das Tor zum Todestrakt auf. Draco hatte den Eindruck, dass der Mann durchaus Mitgefühl empfand – zumindest für Theo, vielleicht sogar für dessen Vater.

Auf dem kahlen Korridor hallten ihre Schritte unheimlich wider. Sie passierten zahlreiche mit schwarzen Nummern versehene Metalltüren.

Der Gang machte einen Knick. In diesem neuen Abschnitt befanden sich nur zwei Zellen – und am Ende des Ganges eine große, schwere Eisentür.

„Hier", sagte der Wärter und hielt vor der zweiten Zelle.

„Mr Nott?", rief er durch eine Luke in der Tür. „Besuch für Sie." Kreischend drehte sich der Schlüssel im Schloss. „Bitte", sagte der Mann nach einem kurzen Kontrollblick in die Zelle. „Ich denke, Sie werden schon erwartet."

Draco musste Theo fast über die Schwelle schieben, so zögernd bewegte sich sein Freund vorwärts.

Der Wärter folgte ihnen in den kleinen Raum und schloss sorgsam hinter sich ab.

Das Erste, was Draco an der Zelle auffiel, war, dass sie nicht so monochrom gestaltet war wie der Rest Askabans. Zwar waren Wände und Decke weiß getüncht, der Boden jedoch bestand aus beigefarbenen Fliesen, die Möbel aus dunklem Holz und das Bettzeug war blauweiß kariert.

Großmutters gute Stube, dachte Draco unwillkürlich, obwohl seine eigene Großmutter einen Salon mit batistbezogenen Rokokomöbeln ihr eigen genannt hatte.

Inmitten all dieser absurden Heimeligkeit stand Remigius Nott, gekleidet in eine saubere graue Gefängnisrobe. Sein ehemals dunkelblondes Haar hatte im Vierteljahr seiner Inhaftierung eine ähnliche Farbe angenommen wie der grobe Leinenstoff.

„Theo!" Ein breites Lächeln wanderte über Notts aschenfarbenes, abgehärmtes Gesicht. Seine Fröhlichkeit wirkte verkrampft.

Er eilte seinem Sohn entgegen, doch statt ihn zu umarmen, gab er ihm förmlich die Hand.

„Draco", sagte er dann und sah ihn aus ernsten Augen an.

Wieder musste Draco daran denken, dass sein Vater in den Augen der anderen Todesser einer der Verräter war, denen sie es zu verdanken hatten, dass sie jetzt hier saßen und auf ihren Tod warteten.

„Kein böser Gedanke mehr zwischen uns", sagte Nott leise und gab ihm ebenfalls die Hand. Draco spürte, dass sie feucht von kaltem Schweiß war.

Nott ließ sich auf dem ordentlich gemachten Bett nieder. Theo setzte sich nach kurzem Zögern neben ihn.

Draco fühlte sich wie ein Fremdkörper. Zwar bemühte er sich, die beiden nicht anzustarren, während sie leise miteinander sprachen, doch die Zelle war so klein, dass es nicht viele Alternativen gab. Schließlich wandte er sich widerstrebend dem Wärter zu, der sich auf einem Stuhl neben der Tür eingerichtet hatte und alles mit wachsamem Blick verfolgte.

„Arbeiten sie schon lange hier?", erkundigte Draco sich nach kurzem Zaudern.

Für einen Moment wandte der Mann ihm seine Aufmerksamkeit zu.

„Wollen Sie wissen, ob ich Ihren Vater kennen gelernt habe, hier in Askaban?", fragte er ruhig. „Ja, habe ich. Was allerdings die Details betrifft, unterliege ich einer gesetzlichen Schweigepflicht. Tut mir leid."

Damit konzentrierte er sich wieder völlig auf die Interaktion zwischen Theo und dessen Vater.

Merlin, dürfen die hier nicht mal ein winziges bisschen Privatsphäre haben?!

Von Minute zu Minute ärgerte Draco sich mehr über diesen, wie er fand, aufdringlichen Blick.

„Müssen Sie die beiden so anstarren?!", rutschte es ihm schließlich heraus.

„Ja, muss ich. Was meinen Sie, was hier alles schon passiert ist ... Wir wollen doch nicht, dass unseren Todeskandidaten ein Unglück zustößt, ehe sie an der Reihe sind ..."

Hätte Draco nur die Worte gehört, dann wäre er überzeugt gewesen, dass der Mann voll hinter seiner Aufgabe stand. Doch er sah den bitteren Zug um dessen Mund, das leicht ironische Lächeln.

Hatten sie hier einen unerwarteten Verbündeten gefunden – jemanden, der sie mit Verständnis an Stelle von Hass und Verachtung betrachtete?

Minutenlang versuchte Draco wieder, weder zu den Notts hinüberzublicken, noch ihr gedämpftes und stockendes Gespräch zu belauschen.

Plötzlich fiel ihm siedendheiß ein, dass er ja gar nicht wusste, was sie zu sehen bekommen würden in ... Sein Blick huschte zu der großen und aufdringlich laut tickenden Wanduhr über der Tür.

In einer Dreiviertelstunde schon!

Draco spürte, wie seine Kehle eng wurde. Ein drückendes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit.

„Wie ... wie passiert es?", würgte er endlich hervor.

Der Wärter schien mit dieser Frage gerechnet zu haben.

„Gift", erwiderte er gedämpft. „Ein rasch wirkendes und völlig schmerzloses Gift. Von der Einnahme bis zum Tod vergehen nicht mehr als drei Minuten."

„Und ... wenn jemand das Zeug nicht freiwillig schluckt?"

„Sind wir berechtigt, den Imperius anzuwenden."

„Wir ...? Heißt das, Sie ..."

Der Mann wich seinem schockierten Blick nicht aus.

„Ja, ich bin auch mit dabei, nachher", sagte er fest. „Sie schicken immer einen Vollzugsbeamten mit, der ein gewisses Vertrauensverhältnis zu dem ... Kandidaten hat. Dessen Gegenwart beruhigend auf ihn wirkt. Und das bin in diesem Fall ich."

Es wurde die längste Stunde in Dracos Leben.

Schon nach fünfzehn oder zwanzig Minuten schienen den beiden Notts die Gesprächsthemen auszugehen. Von da an saßen sie stumm nebeneinander, starrten an die Wand, auf die alten und abgewetzten Möbel. Ab und an stand einer von ihnen auf, ging ein paar Minuten hin und her, setzte sich wieder. Theos Vater stopfte die Pfeife, rauchte ein paar Züge, ließ sie ausgehen und legte sie auf den Tisch. Der Kuchen blieb unberührt im Korb liegen, ebenso der Kürbisschnaps.

Die Zeit schien so langsam zu fließen wie zäher Sirup, und gleichzeitig raste sie dahin wie ein Falke im Sturzflug.

Plötzlich, viel zu früh, erhob der Wärter sich von seinem Stuhl.

„Es wird Zeit", sagte er ruhig.

Draco fühlte sein Herz ins Bodenlose fallen.

Hastig sah er zu Theo hinüber, der sich schwankend am Tisch abstütze.

Remigius Nott erhob sich mechanisch vom Bett. Seine Züge hatten etwas Hölzernes angenommen.

Er sieht aus, als wäre er schon tot ..., dachte Draco schaudernd.

„Ihr habt mich nicht klein gekriegt!", verkündete Nott überraschend und viel zu laut in die Stille hinein. „Ihr nicht ... Wenn ich sterbe, dann wird der Name unseres Herrn auf meinen Lippen sein!"

„Vater!", brachte Theo entsetzt hervor. „Vater, bitte ..."

Draco ahnte, dass dies die Fortsetzung einer Diskussion war, die die beiden zu Beginn ihrer letzten gemeinsamen Stunde aufgenommen hatten.

Remigius Nott straffte seine magere Gestalt, bis sie fast so eindrucksvoll wirkte wie in früheren Zeiten.

„Du musst jetzt stark sein, Theodore", sagte er fest. „Zeig ihnen, dass wir stark sind."

Dann ergriff der Wärter ihn am Arm, ließ eine magische Fessel um sein Handgelenk zuschnappen.

„Kommen Sie, Nott", sagte der Gefängnisbeamte leise. „Verabschieden Sie sich von Ihrem Sohn. Wenn Sie ihn im Exekutionsraum wiedersehen, wird eine magische Barriere zwischen Ihnen sein."

„Vater ...", stieß Theo zittrig hervor.

„Mach's gut, mein Junge." Für eine Sekunde hatte sich fast so etwas wie Zärtlichkeit in Notts Stimme geschlichen. „Komm, gib mir die Hand."

Theo folgte der Aufforderung und umklammerte die Hand seines Vaters wie ein Ertrinkender.

Wenn ich du wäre, dachte Draco, dann würde ich nie wieder loslassen.

„Es wird Zeit", wiederholte der Wärter leise.

Theo ließ die Hand seines Vaters fahren, als hätte er sich an ihr verbrannt. Sein verzweifelter Griff hatte rote Striemen hinterlassen.

„Auf Wiedersehen, Draco", sagte Nott rau. „Danke, dass du meinen Sohn begleitet hast."

„Ein paar Minuten müssen Sie noch hier warten", wandte der Wärter sich an Theo und Draco. „Ein Kollege wird Sie abholen und in den Zuschauerraum bringen."

Dann verließen er und Theos Vater den Raum.

Die Tür fiel lautlos hinter ihnen ins Schloss.

Draco und Theo warteten.

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Der Zuschauerraum fasste nicht mehr als zwanzig Personen.

An diesem Tag war er voll besetzt. Draco spürte Übelkeit aufsteigen, als er Rita Kimmkorn in der vordersten Reihe sitzen sah, aufgetakelt wie zu einem Presseball, während ihre selbstschreibende Feder erwartungsvoll zuckend neben ihrer Hand schwebte.

Offensichtlich waren er und Theo die letzten. Sobald sie ihre Plätze eingenommen hatten, ganz vorne und nur drei Stühle von Kimmkorn entfernt, verschwand das, was Draco für einen schwarzen Vorhang gehalten hatte, und machte einer knisternden, glasklaren magischen Barriere Platz.

Dahinter lag der zweite Teil des Raums. Theos Vater saß in weniger als vier Metern Entfernung auf einem thronartigen Sessel, Hand- und Fußgelenke an die hölzernen Streben gefesselt. Auf seinem Gesicht lag ein angespannter, beinah arrogant wirkender Ausdruck. Er hatte sich gut im Griff, verriet seine Furcht kaum. Nur seine Lippen zitterten leicht.

Hinter Theos Vater standen zwei Gestalten in den dunkelblauen Uniformen der Askaban-Wärter. Beide trugen schwarze Halbmasken, die Draco an die Bilder mittelalterlicher Scharfrichter erinnerten, die er in seinem Geschichtsbuch gesehen hatte.

Einer der Beamten schenkte ihnen ein winziges Nicken. Es musste der Mann sein, der mit ihnen in Notts Zelle gewesen war.

Eine Hand tastete nach der seinen. Theos Finger waren eisig kalt.

„Scheiße!", flüsterte Theo panisch. „Scheiße, Draco, ich muss hier raus, ich kann das nicht ..."

In diesem Moment trat ein kleiner, rundlicher Mann zu Nott und den Wächtern, rollte ein Pergament aus und begann, das Urteil zu verlesen. Draco hörte zahlreiche Federn kratzen. Offensichtlich war Kimmkorn nicht die einzige Journalistin vor Ort.

Aasgeier, dachte er angewidert. Widerliche, stinkende –

Doch da schnitt die Stimme des Urteilsverkünders in seine Gedanken.

„Verurteilter, haben Sie noch etwas zu sagen?"

Entsetzt erkannte Draco, dass Remigius Nott bereits den Kelch mit dem tödlichen Gift in Händen hielt.

Theos Finger schlossen sich schmerzhaft fest um die seinen.

„Ja, das habe ich", verkündete Nott mit erstaunlich ruhiger Stimme. „Ich leere diesen Kelch ..." Er hob das Gefäß so weit an, wie es die nun nachgebende magische Fessel erlaubte.

Jetzt kommt es, dachte Draco bitter. Der Dunkle Lord. Immer und immer der Dunkle Lord ...

„... auf meinen Sohn Theodore. Mögest du glücklich werden in deinem Leben – und frei sein."

Notts ernster Blick richtete sich auf seinen Sohn.

Draco spürte, wie Theo zu zittern begann.

Dann leerte Nott den Kelch, schloss die Augen, und ließ sich gegen die Lehne des Sessels sinken. Seine Brust hob und senkte sich rasch, seine Hände waren fest um die Armlehnen verkrampft. Während der folgenden Minuten änderte sich nichts an diesem Bild. Nur Notts Atmung wurde langsamer, blieb aber regelmäßig. Dann hörte sie abrupt auf.

„Nein", hauchte Theo an Dracos Seite.

„Nein ..."

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Unmittelbar nach der Hinrichtung traten zwei Gefängnisbeamte an ihre Seite, wehrten ruhig aber bestimmt die Reporter ab, und brachten Draco und Theo in einen etwas abseits gelegenen Nebenraum.

„Möchten Sie vielleicht einen Beruhigungstrank?", fragte einer der Wärter.

Erst jetzt bemerkte Draco, dass es sich um eine Frau handelte. Sie musterte ihn aus kühlen, aber nicht unfreundlichen Augen.

Abwehrend schüttelte er den Kopf.

Theo dagegen reagierte nicht einmal auf die Frage.

„Mr Nott?", hakte die Beamtin behutsam nach.

Endlich schüttelte Theo den Kopf.

„Was ... was passiert jetzt mit ihm?", krächzte er mühsam.

„Sie sind darüber informiert worden, dass sie die Leiche noch heute mitnehmen können?"

Theo nickte schwach.

„Zunächst müssen einige Formalien erfüllt werden – Totenschein, Überführungspapiere ... Ich denke aber nicht, dass das mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen wird. Anschließend können Sie mit den übrigen Besuchern und mit der eingesargten Leiche die Überfahrt zum Festland machen."

„Kann ich ... kann ich ihn noch mal sehen, bevor er ... in den Sarg kommt?", fragte Theo mit bebender Stimme.

Ein Funken von Mitgefühl erschien in den Augen der Frau.

„Wenn Sie das möchten, ja. Ich muss nur rasch meinem Kollegen Bescheid geben."

Der Raum, in den sie kurze Zeit später von der Wärterin geführt wurden, war kahl und nur schummrig erleuchtet. Lediglich eine Pritsche stand darin, und daneben zwei alte und schnörkellose Stühle.

Auf der Pritsche lag Remigius Nott, sehr bleich und sehr still.

Zögernd zog Theo sich einen der Stühle heran. Seine Hände zitterten so heftig, dass er ihn dabei beinah umgestoßen hätte.

„Papa ..."

Theo streckte eine unsichere Hand nach der Leiche aus, zauderte. Endlich ließ er sie auf den bleichen Arm des Toten sinken.

„Papa ...", wiederholte er heiser.

Nach einigen Sekunden begann er, den Arm seines Vaters zu streicheln, unsicher erst, dann immer nachdrücklicher.

Draco saß schweigend auf der anderen Seite der Pritsche und versuchte, seinen Freund nicht zu stören.

Nach vielen, stumm verstrichenen Minuten fing Theo plötzlich zu weinen an. „Ich ... ich will ihn hier raus haben!", verlangte er zwischen heftigen Schluchzern. „Jetzt sofort!"

Oh oh, dachte Draco alarmiert. Bitte keinen Nervenzusammenbruch ...

„Theo", begann er in beschwichtigendem Ton, „ich weiß nicht, ob das so schnell ..."

„Sofort!"

Gegen so viel verzweifelte Entschlossenheit half kein Argument.

„Okay, okay", gab Draco hastig nach, „ich geh' mal und frag', wie weit die mit den Papieren sind."

Eigentlich hatte er erwartet, vor der Tür auf einen Gefängnisbeamten zu stoßen. Doch da war niemand.

Nervös versuchte Draco, sich an den Weg zu erinnern, den sie vorhin mit der Wärterin gegangen waren. Dabei hatten sie auch die zentrale Meldestelle Askabans passiert, und er vermutete, dass dort die Papiere ausgestellt wurden, die sie benötigten.

Es war ein beklemmendes Gefühl, alleine durch die kahlen weißen Korridore zu laufen, auch wenn er sich jetzt offensichtlich lediglich im Verwaltungstrakt aufhielt. Der Weg zur Meldestelle kam ihm unerwartet lang vor.

Als Draco den Raum endlich gefunden hatte, wagte er erst nicht, an die schwere, abweisend wirkende Tür zu klopfen. Als er sich endlich überwand, ließ das „Herein!" eine ganze Weile auf sich warten.

Auf der anderen Seite der Tür erwartete ihn ein dürrer, bebrillter Zauberer, der Draco missbilligend entgegenblickte.

„Draco Malfoy, nehme ich an", bemerkte der Mann kühl.

„Ich ... Ja."

Draco fühlte sich mit einem Mal sehr fehl am Platze.

„Sie wünschen?"

Weder in der barschen Stimme, noch in den kalten Augen des Mannes war das geringste Mitgefühl zu erkennen.

„Ich ... ich wollte nur fragen, ob wir ihn ... Mr Nott ... jetzt mitnehmen können", stotterte Draco verunsichert. „Theo ... er hält's nicht so gut aus hier drin."

„Sie werden sich schon gedulden müssen, bis ich die Akte vervollständigt habe."

Draco fühlte sich so hilflos wie selten zuvor. Er hatte nicht damit gerechnet, auf so viel Kälte und Ablehnung zu stoßen.

„Ich ... Ist gut ... Dann ... dann geh' ich jetzt wieder ..."

„Warten Sie." Die ihm bereits vertraute Wärterin trat aus dem Nebenzimmer. „Ich werde Sie zurückbringen. Sonst verlaufen Sie sich noch. Und eigentlich dürfen Sie sich hier ohnehin nicht ohne Begleitung bewegen."

Nachdem die Frau ihn zurück ins Totenzimmer geleitet hatte, verging eine weitere zähe Viertelstunde, die Draco mit dem stillen, toten Remigius Nott und dem nicht weniger schweigsamen und bleichen Theo verbringen musste, der unaufhörlich über den Arm seines Vaters strich. Ab und an hörte Draco ihn murmeln, und manchmal verstand er einzelne Sätze. Es waren eher mild vorgebrachte Beschwerden an die Adresse Remigius Notts, leise Vorwürfe in Bezug auf den Dunklen Lord, Theos Mutter und Theo selbst.

Endlich erschienen zwei Wärter mit einem schlichten Kiefernsarg. Ohne große Umstände betteten sie den Toten hinein, drückten Theo einen Stapel Dokumente in die Hand und führten sie aus dem Gefängnis hinaus, wobei der Sarg vorneweg schwebte.

Kurze Zeit später befanden Draco und Theo sich wieder an Bord der Cerberus, als einzige auf Deck, während der Rest der Fahrgäste eine Etage tiefer reiste. Ein Wächter an der Luke sorgte dafür, dass selbst Rita Kimmkorn die beiden Jungen in Ruhe ließ.

Auch der Sarg befand sich auf Deck, sorgfältig und sicher vertäut. Draco und Theo standen ein wenig verloren daneben, jeder auf einer Seite dieses fremden und irritierenden Dinges.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Wolken hingen so dicht, dass kein einziger Stern zu sehen war. Die Wellen klatschten gleichmäßig an den Bug. Das Schiff schaukelte.

„Schnee!", sagte Theo plötzlich überrascht. „Ich hab' grad eine Schneeflocke abgekriegt ..."

„Quatsch!", wiegelte Draco ab. „Wir haben gerade mal November ..."

Aber Theo hatte sich nicht getäuscht. Es begann tatsächlich, zu schneien. Nur vereinzelte Flocken, aber eindeutig Schnee.

„Der Herbst ist vorbei", sagte Draco leise.

„Ja", flüsterte Theo.

Das Schiff schlingerte unerwartet, brachte sie beide aus dem Gleichgewicht. Unwillkürlich hielt Draco sich am Sarg fest – und traf dort auf Theos Hand, die sich ebenfalls um den hölzernen Vorsprung klammerte.

„Winter", sagte Theo und sah ihm in die Augen.

Dann beugte er sich über den Sarg und küsste Draco.

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Severus stand am Tor der Hogwarts-Ländereien und blickte angestrengt in die Dunkelheit hinaus.

An seiner Seite schwebten Tom und Marcus. Der Schneeregen, der seit einigen Stunden unaufhörlich auf das schottischen Hochland niederging, fiel durch die Geister hindurch und ließ ihre ätherischen Gestalten fließend und verzerrt erscheinen.

„Wo bleiben die nur?", fragte Marcus beunruhigt. „Remus hat doch extra in Askaban nachgefragt, wann das Schiff abfährt ..."

Severus war mindestens genauso besorgt, wollte es aber nur ungern zugeben. „Vielleicht sind sie aufgehalten" –

„Da!", unterbrach Tom ihn aufgeregt.

Tatsächlich war ein Stück den Weg in Richtung Hogsmeade hinunter ein heller Fleck zu erkennen, verwischt durch den trüben Regenschleier. Der Fleck schien zu schwanken, als er sich ihnen stockend näherte.

„Das sind sie. Ganz sicher", verkündete Marcus. „Ich geh' und sag Remus Bescheid."

Severus nickte nur. Gerne wäre er Draco und Theodore entgegen gegangen, doch als Geister waren sie an Hogwarts gefesselt. Sie konnten keinen Schritt über seine Grenzen hinaus machen, nicht ohne eine lebenden Zauberer, der sie magisch an sich band und damit vor Auflösung schützte.

Kaum zwei Minuten später eilte der von Marcus gefolgte Lupin an ihre Seite, außer Atem nach einem raschen Lauf über das Schlossgelände.

„War bei Hagrid", keuchte er. „Sind sie das?", fragte er dann. „Wieso sind die so langsam?"

„Keine Ahnung." Tom zuckte die Achseln. „Ich glaube, die schleppen irgendwas mit."

„Ich gehe ihnen entgegen."

Lupin stieß die Torflügel auf und schritt rasch den Weg nach Hogsmeade hinunter. Es dauerte nur Sekunden, ehe er mit dem Regen zu verschmelzen schien und zu einem undeutlichen dunklen Fleck wurde.

Das, was Severus und die anderen für Draco, Theodore und irgendein seltsames Etwas hielten, war inzwischen zum Stillstand gekommen. Angespannt starrte Severus zu ihnen hinunter, verfluchte den Regen, der ihm die Sicht nahm.

Er sah, wie Lupin zu dem ersten Fleck trat. Erneut entstand Bewegung. Dann erhob sich etwas Großes und Helles über den Boden und begann, in Richtung Hogwarts zu schweben. Drei kleinere und dunklere Flecken folgten ihm, gewannen mehr und mehr an Konturen, bis schließlich ...

„Aber ... das ist ja ein Sarg!", entfuhr es Marcus schockiert, als der große Gegenstand nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war.

Sie haben Remigius mitgebracht, dachte Severus betäubt. Aber natürlich ... Die Notts sind vom Ministerium enteignet worden, genau wie die Malfoys. Das heißt, Theodore kann nicht einmal das Grab seiner Mutter besuchen, ohne dafür eine Erlaubnis zu beantragen ... Wo soll er unter diesen Umständen mit der Leiche seines Vaters hin?

Dann tauchten Lupin und die beiden Jungen endgültig aus dem Regen auf. Während der Werwolf offensichtlich einen Schutzzauber über sich gelegt hatte und vollkommen trocken geblieben war, sahen Draco und Theodore aus wie zwei halbtote Katzen, die eine mitleidige Seele im letzten Moment aus dem Wasser gezogen hatte. Vor ihnen schwebte der vom Regen goldgelb gefärbte Kiefernsarg wie ein absurdes Memento Mori.

Theodore wirkte ein bisschen erschrocken, als er sich so plötzlich einer regelrechten Geisterversammlung gegenüber sah. Doch dann erkannte er Severus und verzog seine vor Kälte blassen Lippen zu einem schiefen Lächeln.

„Hallo", sagte der Junge leise.

Seine Augen waren rot geweint. Geichzeitig strahlten sie jedoch auf eine Weise, die Severus unter den gegenwärtigen Umständen als irritierend empfand.

Draco blieb dicht neben Theodore, und als Severus seinen Blick an den nassen Jungen herabwandern ließ, erkannte er, dass sie sich an den Händen hielten.

„Siehst du!", raunte Tom ihm ins Ohr. „Hab' ich's nicht die ganze Zeit gesagt? Die beiden sind wie füreinander gemacht ..."

„Willkommen zurück", sagte Marcus leise.

„Danke", erwiderte Theodore und sein Lächeln wurde eine Winzigkeit überzeugter.

„Willkommen zuhause", meinte Tom an Draco gewandt.

Nur Tom schafft es, ein harmloses Wort wie zuhause so zu betonen, dass es zweideutig klingt, dachte Severus belustigt.

Auch Draco war der Unterton offenbar nicht entgangen. Als Tom ihm nun auch noch zublinzelte, sah es für einen Moment so aus, als ob Draco zu einer heftigen Erwiderung ansetzen wollte.

Doch dann klappte der Junge den Mund wieder zu. Ein etwas verschämtes Grinsen erschien auf seinem Gesicht, und Severus glaubte zu sehen, dass er Theodores Hand drückte. Dieser strich mit der freien Rechten fast verträumt über den Sargdeckel, während ihm der Regen übers Gesicht rann und in den Kragen tropfte.

Dann verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht wie weggespült.

„Ich ... ich wusst' einfach nicht, wohin mit ihm ...", flüsterte Theodore unglücklich. „An unsre Familiengruft komm' ich nicht ran ohne Sondergenehmigung, und bis ich die krieg', dauert's bestimmt Wochen. Und dann bräucht' ich jedes Mal wieder eine, wenn ich ihn besuchen will. Und ich ... ich weiß nicht mal, wo der nächste Zaubererfriedhof ist ..."

Rasch trat Lupin an die Seite des Jungen, zauderte kurz und legte ihm dann eine Hand auf die Schulter.

„Machen Sie sich keine Sorgen", sagte er beruhigend. „Fürs Erste werden wir den Sarg in die Kerker bringen. Anschließend werde ich zu Direktor McGonagall gehen und ... Ich kann natürlich noch nichts versprechen, aber eventuell könnten wir ... Ein schönes Plätzchen am Rand des Verbotenen Waldes vielleicht, Mr Nott? Denken Sie, das würde Ihrem Vater gefallen?"

Nach kurzem Zögern nickte Theodore. „Der Verbotene Wald, ja ... den mocht' er gern, glaub' ich. Es ... es wär schön, wenn er ... wenn er da liegen dürfte."

Lupin nickte ernst. „Ich werde tun, was ich kann."

„Nun kommt mal, Jungs", sagte Tom warm. „Ihr löst euch noch auf, wenn ihr weiter im Regen rumsteht. Soweit ich das mitgekriegt habe, wartet in den Kerkern ein gemütlicher Schlafsaal auf euch, mit einem prasselnden Feuer, Wärmflaschen, Kakao ..."

„Kakao?", fragte Theodore rasch.

„Magst du keinen Kakao?" Lupin sah den Jungen bedrückt an. Er wirkte er, als hätte er ohnehin nichts anderes als Ablehnung erwartet.

„Oh doch. Sehr gern sogar." Theodore schenkte seinem Lehrer ein kleines Lächeln, das Lupin, offenkundig erleichtert, sogleich erwiderte.

Doch dann verschwand Theodores Fröhlichkeit. „Nur ..." Er warf rasch einen bittenden Blick zu Draco hinüber.

„Vielleicht ... vielleicht könntet ihr ein Weilchen bei uns bleiben?", fragte Draco. Er wirkte beschämt. „Ich ... wir würden ungern allein bleiben."

„Aber sicher doch", antwortete Tom sofort für sie beide.

Was ist nur aus mir geworden?, dachte Severus, und fühlte sich dabei auf ganz und gar irrationale Weise glücklich und geliebt.

Marcus nickte bestätigend. „Gern."

Lupin seufzte leise. „Gut ... Dann werde ich jetzt den Sarg ins Trockene bringen. Bis morgen dann ..."

„Kommst du nicht mehr zu uns, anschließend?", fragte Draco verwundert.

Lupin wirkte verblüfft. „Ja soll ich denn?"

„Ja", sagte Draco schlicht. „Bitte."

Ein breites Lächeln wanderte über Lupins Gesicht. „Wenn das so ist ... dann komme ich natürlich gerne."

Als Severus an Toms Seite den Weg zum Schloss hinauf schwebte, nur wenige Schritte von den beiden Jungen entfernt, hörte er Draco flüstern: „Ich glaube, wir sind wirklich zuhause."

„Ja, zuhause", erwiderte Theodore ebenso leise.

„Ich glaube, ich liebe dich, Draco", sagte er dann.

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Ende.

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