Dienstag: Vicodindose

Er öffnete die Augen. Er schlief nie wirklich tief, weil sein Bein es ihm nicht erlaubte. Und so wachte er häufig auf, wenn es noch dunkel war und keinen Grund gab aufzustehen. Eine Minute lang blieb er reglos liegen und gewöhnte seine Augen an die Dunkelheit im Schlafzimmer. Dann suchte er den Nachttisch nach der Vicodindose ab, die er jeden Abend aufs Neue dort deponierte. Er fand sie, umschloss sie sicher mit der Hand und schüttelte sie kurz. Er wusste auch nicht warum er das immer tat, aber er vermutete, dass ihm das Geräusch der rasselnden Pillen Sicherheit gab. Es bedeutete, dass noch welche da waren. Sicherheit war wichtiger für ihn als er es zugeben wollte.

Er hasste sie. Und er liebte sie. Seine große Liebe: eine Pillendose. Wie erbärmlich. Wilson hatte vielleicht recht, als er ihm letzte Woche sagte, dass er nach einem Motorradunfall als erstes wahrscheinlich nachsehen würde, ob die Dose noch heil ist und nicht alle Vicodin quer über den Highway verstreut sind. Das Bild spielte sich jetzt vor seinem inneren Auge ab und verfolgte seine Gedanken.

Das Vicodin war da, um seinen Schmerz zu kontrollieren, doch die Realität sah anders aus. Der Schmerz kontrollierte ihn. Wenn es etwas gäbe, das er dagegen tun könnte, dann hätte er es schon getan. Alles was er bereit war zu tun, hatte er ausprobiert. Nichts hat geholfen. In seinem Kopf erklang ein Echo von Wilson und Cuddy, die ihm sagten, dass es noch Möglichkeiten gibt. Wer das Problem nicht hat, sieht immer Möglichkeiten.

Die Dose, die immer noch in seiner Hand lag, war nicht nur eine Dose. Sie war ein Symbol. Sie stand für das Gefängnis in dem er nun saß. Eines mit Wänden, die man sich selbst mit gebaut hat. Doch sie stand auch für Hoffnung. Hoffung in den Momenten der Entspannung, zu denen sie ihm verhalf, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Dann musste er es nicht zulassen sich vom Schmerz kontrollieren zu lassen. Zeit für Diagnosen, Freundschaften, Musik.

Der Schmerz war heute erträglich. So erträglich wie es eben ging, aber das war gut genug. Er öffnete die Dose mit dem Daumen und schüttete sich zwei Pillen in die linke Handfläche. Als er die Hand schloss, versuchte er in der Stille des Schlafzimmers auf den Schmerz in seinem Bein zu hören. Eine Pille ließ er wieder in die Dose fallen, die andere fand den Weg in seinen Mund. Er verschloss die Dose und stellte sie wieder auf den Nachttisch, zwischen Fachzeitschriften zum Thema Schmerzbehandlung, seine Lesebrille und eine halbvolle Kaffeetasse. Er schloss die Augen und seine Gedanken sanken in einen sanften Halbschlaf, so wie sein Kopf ins Kissen sank.

House hatte nie jemandem gesagt, was der wirkliche Grund dafür war, dass er immer zu spät im Krankenhaus auftauchte. Alle hielten ihn für einen Langschläfer und Rebellen. Doch das war nicht der Kern der Sache. An den meisten Tagen schaffte er es einfach nicht eher aus dem Bett zu kommen. Der kurze erholsame Schlaf nachdem er frühmorgens ein Vicodin genommen hatte, war ihm der Liebste. Es war einer der wenigen Momente des Glücks und des totalen Fallenlassens. Tag für Tag. Genauso wie im Moment. Die aufgehende Sonne warf einen Lichtstrahl durch die Dose, der sich auf dem Nachttisch in ein warmes Orange verwandelte.

So fühlte er sich jetzt.