Es war zwei Uhr morgens. House war der letzte in seiner Abteilung. Nachdem der Fall gelöst wurde und die Patientin die rettende Behandlung bekommen konnte, sind Chase, Cameron und Foreman nach Hause gegangen. Nur er war noch hier. Ruhelos ging er durch den Konferenzraum, durchquerte die Tür zu seinem Büro und ging dann wieder zurück zur Küchennische. Der Kaffee war kalt. Er drehte sich zur Fensterfront und sah durch den Spalt der Jalousien nach draußen in die Dunkelheit. Der Regen prasselte an das Fenster. Es war eines seiner Lieblingsgeräusche, so deprimierend und doch so beruhigend.
Er blieb eine Weile am Fenster stehen. In den Lichtern der Straßenbeleuchtung konnte er den Regen fallen sehen, der sich sonst nur durch die Geräusche bemerkbar machte. Sein Blick löste sich vom Fenster und wanderte durch den Raum. Das Licht war gedämmt, auf dem Tisch lagen einige Bücher, aber ansonsten wirkte alles friedlich. Auf dem Gang draußen liefen nur noch ab und zu Menschen vorbei. Um diese Zeit schlief nicht nur die Stadt, sondern auch fast das Krankenhaus.
Er wollte eigentlich nach Hause gehen. Der Fall war gelöst, er wurde nicht mehr gebraucht. Doch immer wenn ein Fall gelöst war, die Diagnose gestellt, dann dauerte es eine Weile bis sich die aufgestaute Unruhe in ihm wieder abbaute. Also blieb er oft trotzdem hier. Nicht dass zu Hause etwas auf ihn gewartet hätte. Er ging wieder durch den Raum, sah auf den Gang hinaus und atmete tief ein. Als er sich umdrehte stand es direkt vor ihm: das Whiteboard. Noch immer prangte darauf in großen Buchstaben 'Wegener-Granulomatose'. House hatte es unterstrichen und diverse Symptome rundherum weggewischt.
Als er näher kam, konnte er im schummrigen Licht noch das ein oder andere Symptom ausmachen. Doch nach ein paar Sekunden und einigen kreisenden Wischbewegungen war auch davon nichts mehr zu sehen. Er hängte seinen Stock an das Whiteboard und umfasste es rechts und links, während er langsam seinen Kopf dagegen lehnte. Sein Atem klang jetzt dreimal so laut in seinen Ohren. Er ging die Diagnose noch einmal durch. Das Puzzle war zwar gelöst, denn er wusste jetzt wie das Bild am Ende aussehen musste, doch noch immer fehlten ein paar Teile, die nur noch geordnet und eingesetzt werden mussten. So ging er all seine Fälle im Kopf durch. Sie beschäftigten ihn Tag und Nacht und manchmal wünschte er sich, er könnte einfach mal aufhören darüber nachzudenken. Doch diese Puzzles waren sein Leben. Schon immer. Und sein Kopf gab nie Ruhe, seine Gedanken standen nie still.
Er wüsste nicht, was er machen sollte wenn nicht das hier. Er war Arzt, doch es ging ihm nicht um die Menschen, nicht um Helfen, nicht um Akzeptanz. Er rettete Leben, aber nicht aus Idealismus. Er hatte kein goldenes Herz versteckt unter einer rauen Schale und einer kilometerdicken Wand aus Selbstschutz und Enttäuschung. Es ging darum Recht zu haben, das Puzzle zu lösen. Er tat es weil es richtig war, sich richtig anfühlte.
Der Sturm draußen wurde stärker. Das Geräusch des Regens, wie er gegen die Fensterschreiben traf und nach unten glitt, wurde lauter. Die Bäume ächzten unter dem Wind und das Licht flackerte geheimnisvoll. Solange bis es ganz aus ging. Im Gang draußen gingen ein paar Lampen mit Hilfe des Notstromaggregats wieder an und warfen ein wenig Licht auf House und das Whiteboard. Er erinnerte sich, wie er einmal gesagt hatte: "Wir geben dir so viel, du gibst uns so wenig."
Das stimmte nicht ganz, denn es gab ihm immer so viel mehr als nur Diagnosen.
